Missbrauchsfälle: Debatte über Verjährungsfristen und Runden Tisch Nach dem Bekanntwerden immer neuer Missbrauchsfälle an Schulen und in kirchlichen Einrichtungen ist eine heftige Debatte über Verjährungsfristen und einen Runden Tisch entbrannt. Der vom Bundesfamilienministerium geplante Runde Tisch zu Kindesmissbrauch wurde am Dienstag vom Vatikan begrüßt, stieß aber zugleich bei Kirchenkritikern auf Ablehnung.
Das Bonner Jesuitengymnasium Aloisiuskolleg kündigte in einem Zwischenbericht an, alle Fälle sexuellen Missbrauchs möglichst lückenlos aufarbeiten. Bislang geht die Schule für die Zeit von 1946 bis 2005 von sechs Jesuitenpatres als Tätern und 30 Opfern aus. Die Beauftragte des Jesuitenordens für Missbrauchsfälle, Ursula Raue, lobte ausdrücklich, wie intensiv der derzeitige Leitungsstab der Bonner Jesuitenschule den Vorwürfen nachgehe. Mehr als 80 Prozent der Betroffenen, die sich bei ihr meldeten, wollten jedoch kein Geld, sondern Aufklärung der Taten, "damit so etwas nie wieder passiert", berichtete Raue.
Die katholische Deutsche Bischofskonferenz betonte unterdessen, dass die Kirche die staatlichen Strafverfolgungsbehörden bei der Verfolgung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche vorbehaltlos unterstütze. Unabhängig von dem staatlichen Verfahren gebe es ein eigenes kirchliches Strafverfahren, das vom Kirchenrecht geregelt werde, erklärte der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp.
Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) forderte eine Erhöhung der Mindeststrafe bei Kindesmissbrauch. Die Mindeststrafe müsse von sechs Monaten auf ein Jahr angehoben werden, sagte Merk der Zeitung "Die Welt" (Dienstagsausgabe). Politiker der Regierungskoalition sprachen sich zudem dafür aus, die Möglichkeiten der Entschädigung für Missbrauchsopfer zu verbessern. Die Verjährungsfrist von drei Jahren sei deutlich zu kurz, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesjustizministerium, Max Stadler (FDP), der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Günter Krings (CDU) sprach sich für eine Verzehnfachung der Verjährungsfrist aus.
Als Reaktion auf die Missbrauchsfälle an deutschen Schulen wollen das Bundesfamilien- und das Bundesbildungsministerium einen Runden Tisch einberufen. Er soll erstmals am 23. April zusammentreten. Das FDP-geführte Bundesjustizministerium will dagegen einen eigenen Runden Tisch mit Vertretern der katholischen Kirche einrichten.
Der Vatikan begrüßte die Einberufung eines Runden Tisches gegen Kindsmissbrauch durch Familienministerin Kristina Schröder (CDU): "Die Kirche ist selbstverständlich bereit, daran teilzunehmen und sich dafür einzusetzen, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi in Rom. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) reagierte positiv auf die Ankündigung Schröders. Der Runde Tisch sei "absolut notwendig und richtig«, sagte ZdK-Präsident Alois Glück dem MDR.
Die SPD-Kinderbeauftragte Marlene Rupprecht warnte unterdessen vor einem Schnellschuss bei der Einrichtung eines Runden Tisches gegen Kindesmissbrauch. Bislang fehlten sowohl Einigkeit in der Bundesregierung über das geplante Gremium als auch eine »klare Marschrichtung«, kritisierte Rupprecht, die beim Runden Tisch Heimkinder den Bundestag vertritt, in einem epd-Gespräch. Es müsse jedoch ein Ziel vereinbart werden, um an einem Runden Tisch zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen.
Das Ökumenische Netzwerk Initiative Kirchen von unten (IKvu) nannte den geplanten Runden Tisch ein »Hilfsprogramm zur Aufklärungsvermeidung". Wenn zugleich die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen und generell in Schulen behandelt werden sollten, sei dies ein "unverschämtes Ablenkungsmanöver zugunsten der Bischöfe«, sagte IKvu-Geschäftsführer Bernd Göhrig. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kündigte hingegen ihre Mitarbeit an dem Runden Tisch an.
Unterdessen nahm die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Mitarbeiter einer diakonischen Jugendhilfeeinrichtung auf. 17 früheren Mitarbeitern einer ehemaligen Wohngruppe der Düsseldorfer Einrichtung »Educon« werde körperliche Misshandlung von Schutzbefohlenen, Freiheitsberaubung und Nötigung vorgeworfen, sagte Staatsanwalt Johannes Mocken dem epd in Düsseldorf. Die Educon ist eine gemeinnützige Tochter-Gesellschaft der evangelischen Graf-Recke-Stiftung. Sie erstattete im August des vergangenen Jahres selbst Anzeige.
Auch in den Niederlanden wurden neue Fälle von sexuellem Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche bekannt. Erstmals seien auch Nonnen beschuldigt worden, berichtete die Tageszeitung »De Telegraaf" (Dienstagsausgabe). Rund 200 Meldungen über mutmaßlichen Missbrauch sind innerhalb einer Woche von der kirchlichen Anlaufstelle "Hilfe und Recht in Utrecht registriert worden. Die meisten davon betreffen Vorgänge in den 50er bis 70er Jahren.
Frankfurt a.M. (epd).
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