Bibelenergie

 

Kurzbibel

 

 

in Form gebracht und bedacht von Traugott Giesen

 -1940 geboren, 39 Jahre ev. Pastor, erst in Berlin, dann in Keitum auf Sylt, dort auch wohnhaft- tgiesen@gmx.de  .

 

Die wichtigsten Bibeltexte - von damals, aber so gar nicht von gestern - dazu geistvolle Gedanken zum Starkbleiben, dargeboten als Bibelrolle zum Scrollen

 

Zuvor

Die Bibel kann niemand auslesen; sie gleicht einer Quelle, die immer frisches Wasser gibt. Sie beschreibt die Anfänge der Menschheitssehnsucht vom großen Gott und seiner Liebesgeschichte, die immer noch im Gange ist. Die Bibel ist zu Recht das “Buch der Bücher“ genannt, es ist das notwendige Buch überhaupt.

Doch es gibt in ihm vermauerte Türen - abgelaufene Geschichts- und Gesetzestexte etwa. Und es gibt einladende Zugänge: Erleuchtete Gebete oder hinreißende Erzählungen.

Die Bibel ist ja erst spät zu einem Buch zusammengewachsen. Eigentlich ist sie eine  vierzehnhundert Jahre umfassende Bibliothek aus  (mehr oder weniger) 66 Büchern und einem Anhang von 15 Schriften. Ein Wegkundiger ist da hilfreich, um die dringendsten Texte und schönsten Bibelstellen zu finden.    

 

Aus dem „Kontinent Heilige Schrift“ ist Bibelenergie für den Tag zu schürfen:

Ein Stück Text, dazu ein paar Ideen von TG,  erwachsen aus 39 Jahren Pastordasein und einem langen Leben; Viel Angelesenes und Erfahrenes ist beigemischt.

Es ist doch so: Gott schafft noch und schreibt seine Bibel weiter mit uns; Schreiben wir sie mit. Der Luthertext (revidierte Fassung 1984) der Deutschen Bibelgesellschaft  in Auswahl und sehr gerafft und persönlich bearbeitet, liegt dieser Rolle, dieser Mappe zu Grunde. Die Reihenfolge der  Evangelientexte lehnt sich an „Die Synopse der vier Evangelien“ an, ebenfalls aus dem Verlag Deutsche Bibelgesellschaft.

B. Brecht lässt einen Weisen sagen: „Ich lehre es, weil es alt ist, d.h. weil es vergessen werden und als nur für vergangene Zeiten gültig betrachtet werden kann. Gibt es nicht ungeheuer viele, für die es ganz neu ist?“

Die meisten  Zeitgenossen wissen nicht mehr, wer Kain und Abel waren und  sie feiern an Weihnachten  christliche Folklore, aber finden die Geburtsgeschichte nicht, auch wenn man ihnen die Bibel gäbe.  Dabei ist die Bibel doch voll Bilder, die uns Zusammenhalt  einprägen, Bilder als Baken, die uns die uns den Weg weisen.

Ja, „bei der Lektüre der Bibel wieder in eine Art Goldgräberstimmung verfallen“ (Kardinal Lehmann), das wäre was.  Jeder nehme vom großer Schatz, ob als Offenbarung gelesen oder „nur“  als Weltliteratur.  Diese Auswahl hier hat ihren Sinn erfüllt, wenn man selbst zur „richtigen“ Bibel greift. 

 

Die Texte des Alten Testamentes erscheinen fortlaufend.

Die Texte des Neuen Testamentes sind gruppiert um

A  Jesus Christus-

1 Jesu Geburt, 2 Jesu Worte und Taten, 3 Jesu Passion- Kreuzigung- Auferstehung.

B Apostelgeschichte, Briefe, Offenbarung

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                               

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Altes Testament

 

 

 

 

Die Schöpfung

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

1.Mose 1,1

Vorher war nur Er. Von Gott her ist alles geworden. Alles erwächst aus ihm, dem Ursprung; alles ist Erweiterung, Entwicklung, Erfüllung und Vollendung des Angefangenen.  So sind wir auch nicht „Früchte des Zorns“, nicht Treibgut auf dem Fluss Nirgends. Sondern wir sind  von Gott Gewollte, erschaffen durch seinen Willen. Das hebräische Wort, das da für „schaffen“ steht, ist Gott vorbehalten, und meint „aus dem Nichts ins Sein gerufen“.

Gott schuf, schafft, schuf, weil er Gegenüber will, Abdruck und Erfindung und Ausgeburt seiner Selbst.

 

 

Tohuwabohu

Und die Erde war wüst und leer.

1.Mose 1,2

Schuf Gott auch das Wüste, die Leere? Alles Sein ist Seins. Auch was wenig Wesen hat, schreit nach mehr, will Fülle werden; Wüste will blühen, Leere will gefüllt sein. Das kommt davon, daß nichts ohne Erwartung, nichts ohne Gott ist.

Im hebräischen Urtext steht: „tohuwabohu“: wüst und leer.  Ich nehme es als Versprechen, alles Verquere ist auf Heilwerden ausgestreckt. Es ist eine Heilkraft in der Welt. Ich will ihr nicht entgegen sein, will einigermaßen in Schrittrichtung mit ihr im Gang sein. Ich glaube, dass auch mein Chaos heil wird.

 

                                                   

Und es war finster auf der Tiefe

und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

1.Mose 1,2b  

 

Das Schweben des Geistes kann man eigentlich nur musikalisch ausdrücken.- Am Anfang ist geballte Energie, die schon schwanger geht mit Licht und Wandel.

Immer  wieder, immer noch ist es uns finster. Und wir werden wieder in Dunkles tauchen. Eingesogen werden wir von Muttermundhaftem- dann ist Ruhe; alles Grelle, Schreiende, Fordernde wird abgetan sein. Und  die Schöpfung geht weiter mit uns.

 

                                                 

Und Gott sprach:

1.Mose 1,3

 

Das ist die Erlösung. Wenn wir verkracht sind und einer bricht das Schweigen, ist das befreiend. Um Welten größer das Glück, dass Gott sich endlich äußert, sich kenntlich macht als sprechender Gott. Er hätte anonym und  unpersönlich bleiben können, nur gewaltig eben, Naturkraft pur, Schöpfer eines Universums ohne Menschen, ohne Gegenüber  und ohne Zwiesprache.  Aber endlich- nachdem Gott schon einige Milliarden Jahre Entwicklung hat laufen lassen, spricht er. Und fängt an, sich zu offenbaren. Er ist dabei, ein Sein zu schaffen, das vernehmbar ist; Klang ist; ja, das Antwort ist. Alles Sein ist Sein-Nehmen.,  sein Wesen ist Gewolltsein. Er aber ist Sein gebend. Er gebietet dem Sein zu sein.

 

 

„Es werde Licht!“  

Und es ward Licht.

 

1.Mose 1,3b  

 

Gottes erstes Wort  ruft eine Schöpfung herauf, die Erleuchtung bringt. Die Idee „Licht“  ist das erste aller Werke. Erst die Idee, später dann das physikalische Material. Die Lichtkörper sind einer späteren Entwicklungsstufe vorbehalten; sie treten erst nach und nach in Erscheinung. Sicher schwingt in der Hochschätzung des Lichtes als erste Schöpfung die Dankbarkeit für die Sonne mit. Ihr Auggehen lässt die Nacht weichen und richtet uns Menschen zum Tagwerk auf.

Aber vor dem Inswerksetzen  muss Gott auf die Idee kommen.

Hier werden die Weichen gestellt: Erst der Geist, dann die Materie. Erst auch  die Idee zu diesem und jenem bestimmten Menschen, dann  das Mischen der Chromosomen. So geht dem Leuchtstoff voraus die Idee und der Wille: Licht soll werden.

Von diesem Willen lebt das Universum. Wir werden nicht verglühen sondern werden in einem „Licht von unerschöpftem Lichte“ stehen.

 

 

Der erste Tag

Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

1.Mose 1,4.5

 

 

Auf das Qualitätssiegel Gottes kommt es wohl an. Dass er Vorhandenes gut findet, gibt Dauer und rechte Zuordnung. Finsternis und Helle tun uns gut, sie stehen uns bei, sie geben uns den Rhythmus des Gedeihens.

Die Nacht soll für den Schlaf sein- eine der menschenfreundlichsten Erfindungen ist doch dies kleine alltägliche Sterben, dann die Auferweckung zum neuen Tag.  Ich darf wieder ich sein, hier sein auf eigenen Beinen und mit tätigen Händen. Jeder Tag - eine neue Berufung; auch das ist gut.

 

 

Das Himmelsgewölbe, die Erde, das Grün

Und Gott schuf im zweiten Schritt das Himmelsgewölbe, darunter das Wasser für die Erde. Im dritten Schritt trennte er auf der Erde das Meer und das Land. Und sprach die Erde an, sie solle Gras und Kraut, das Samen bringe, aufgehen lassen und fruchttragende  Bäume  Und Gott sah, dass es gut war.

1.Mose 1,6-13

 

Die Früheren dachten, es gäbe einen Himmels-Ozean, der von der irdischen Atmosphäre wie durch eine gläserne Glocke getrennt sei. Trennen war und ist überhaupt ein besonders wichtiger Akt: Dem  Meer ist eine Grenze gesetzt. Das schafft der Erde Raum für Anwachs. Herrlich, wie die Erde mit schöpferischer Kraft ausgestattet ist: Gott macht, dass sich die Dinge selber machen (Martin Luther). Jeder neue Baum und jede neue Sorte  ist aus Gottes Schatz und Willen ohne dass es eine  gezielte Entscheidung Gottes braucht. Sein Ansehen, sein Gutfinden lässt die Schöpfung gelingen.

 

                                                     

Die Lichter

Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und bilden Zeiten, Tage, Monate und Jahre- das war am vierten Schöpfungstag. Und Gott sah, dass es gut war.

1.Mose 1,14-19

 

Gelehrte des Gottesglaubens  brachten  vor wohl 2500 Jahren das Schöpfungswerk  in diese Worte und diese Abfolge. Ihnen war es dramatisch wichtig, die Gestirn-Götter der Nachbarvölker, Sonne und Mond, klein zu machen. Sie erniedrigten  Sonne und Mond zu „Lampen“.  Leuchtkörper haben zu dienen, haben keinen eigenen Willen und sind keine Verehrung wert.

So sollen wir auch nicht der Sonne danken sondern für die Sonne. Und die Sterne sind Leuchten aber keine Schicksalsmächte.

 

 

Die Tiere

Und Gott sprach am fünften Welttag: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und im sechsten Abschnitt sprach Gott: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes. Und Gott sah, dass es gut war; und er segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser, die Luft, die Erde.

1.Mose 1,20-25 

 

Es muss uns begeistern, dass schon vor zweieinhalbtausend Jahren die Frommen das Schöpfungswerk als ein „work in progress“, als in Arbeit, ansahen, in Entwicklung (eben wollen Forscher entdeckt haben, daß die Phönix-Galaxie täglich zwei neue Sonnen ausspuckt).  Eins fußt auf dem anderen, geht aus dem andern hervor: Das Wasser als Wiege; nach den Fischen, aus den Fischen die Vögel, dann die Landtiere. „Die Erde bringe hervor!“- heißt auch: Die Erde nutze das Vorhandene für neue Arten.

Nicht „Schöpfung oder Entwicklung“, sondern Schöpfung als Entwicklung, mittels Entwicklung; nicht die Entwicklung ist das Schöpferische, „die Entwicklung ist kein denkendes Wesen“ (I. Kant) wie auch das Kochen nicht das Essen macht. Was setzt das Werden in Gang, hält es in Gang? Wer setzt die Naturgesetze? Der Koch der Schöpfung entwickelt das Werden in Schritten und Gängen. Und zielt auf  das Ihm Ähnliche.

 

                                                

 

Zum Bilde Gottes

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Tiere. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

1. Mose 1,26.27

 

Das alte Israel dachte sich Gott als die Summe vieler Gottheiten und als Person.  Damit  war ein gewaltiger Schritt in der Entwicklung des menschlichen Denkens getan- die uralten Gottheiten des Krieges und der Liebe, des Regens und der Ernte, der Künste  und des Todes, des Meeres und der verschiedenen Stämme waren zusammengefasst. In dem Einen klingen die vielen noch nach-„lasset uns Menschen machen“ –spricht Gott, der Viele, ja, der Alles ist.

Die dunklen Kräfte wurden früher einem Teufel, einem Gegengott zugeschrieben. Aber Israels Glaube ist auch darum groß, weil er an einen Großen, an Einen, den Einen, den Ganzen glaubt. Der umfasst auch das Schattenhafte, Dunkle, Böse.

Gott ist mehr als nur der Gute, er ist der Ganze. Der schafft sich ein Wesen, das er mit der Sehnsucht ausstattet, vollständig zu werden und Vollkommenes zu bauen, und einmal im Ganzen aufzugehen. Alle Lust strebt darum über das hier notgedrungen Bruchstückhafte hinaus und  will Ewigkeit (Friedrich Nietzsche). Der  Menschensinn strebt in Kunst und Wissenschaft und noch im Schrebergärtlein Abbild von Ganzheit an.

Das Wesen Mensch ist nicht wie das Tier eins und einig mit der Natur. Der Mensch sucht sein Gegenüber, mit dem er ein Ganzes bilden kann. Die Ellipse mit den zwei Brennpunkten, die mal weit auseinander treiben, mal zusammenfallen in einem Punkt und eine Kugel bilden, sind das Traum- Bild für das Menschenpaar.

Doch der Mensch ist so plastisch veranlagt, daß er nicht auf eine  einzige Ergänzung festgeschweißt ist. Er kann sich weitläufig befreunden und kann einen Reigen mit den Menschengeschwistern bilden. Weil Gott in keiner Weise monoman ist, hat er uns so spannend in uns selbst gemacht. Gott ist nicht autark, nicht glücklich in sich selbst. Darum will er Wesen, mit denen er sprechen und schaffen kann; Wesen, denen Selbsterkenntnis möglich ist, weil sie ein  Gegenüber haben, in dem dieses Selbst sich erkennen kann.

 

 

Segen für Tier und Mensch

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan.

1.Mose 1,28

 

Tiere und Menschen bekommen den Segen, der beauftragt und Geleit zusagt. Allem Menschenrecht und Tierschutz geht  als Begründung voraus: Mensch und Tier unterstehen Gottes Segen und dem Befehl, sich zu mehren.

Dass der Zeugungsauftrag des Menschen höchste Pflicht sei, ist nicht gesagt. Die jetzige Überfülle der Erde bewirkt Leid aus Mangel und Krankheit und Enge, was nicht von Gott gewollt ist.  Nicht Zeugen und Gebären ist höchstes Gebot sondern mütterlich, väterlich alle Kinder an den Gütern des Lebens zu beteiligen.

Dem auf Gott hörenden Menschen ist geboten, die  Natur sich untertan zu machen. Dieser Auftrag hat zu Wissenschaft und Technik angeleitet mit all den Wohltaten und Schattenseiten der Moderne  Der Mensch hat sich Mittel zur Umwälzung der Natur zugelegt. Verliert er sich als Mitarbeiter Gottes aus den Augen und  weiß  nicht mehr die höchste Instanz, der er verantwortlich ist, dann wird der Mensch sich und der Natur und der Mutter allen Seins zum Feind. Weil der Mensch geneigt ist, selbstherrlich  die Natur auszubeuten, muss der Segen Gottes uns immer wieder neu anleiten zu geistvollem Handinhand mit der Natur.

Von der Natur könnten wir Modernen die Strategie lernen, „zu wachsen und dabei immer komplexer und reicher zu werden, ohne pleite zu gehen“ (Michael Succow).  Aber blind gegen unsere Natureinbettung und ertaubt gegen Gottes Auftrag zur pfleglichen Mitgestaltung lebt der  Mensch sein „Untertanmachen“ als  „Prinzip Ausnutzen“ bis zur Zerstörung. Ob Gott diesen möglichen Niedergang mit bedacht hat, als er den Menschen so hoch begabte? Gott hat in der Entwicklung der Arten nicht Halt gemacht beim Menschenaffen sondern  er schritt  weiter zum Affenmenschen und darüber hinaus zum Homo sapiens. Diese Schöpfung ist noch im Gang und zielt auf eine heile Welt mit uns und gegen uns aber immer für uns katastrophenhafte, wunderbare Menschen. Auch in einer Pfütze kann sich der Himmel spiegeln. Wir sind noch zu retten  mit Heiligem Geist.

 

 

Sehr gut

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

1.Mose 1,31

 

Uns beginnt der Tag am Morgen und geht abends zur Neige. Wir gehen vom Hellen ins Dunkle. Für Israel hebt der neue Tag am Abend an. Israel geht vom Dunkel ins Helle. Das ist ein starkes Bild für die Werdewelt, die erst noch licht wird.

Dass Gott alles Gemachte für sehr gut hält, meint nicht, dass die Welt schon perfekt sei. Sondern sie ist sehr gut für Weiteres; ihr Rahmen, ihre „Naturkonstanten“ sind sehr gut.

Der alte Bibel-Text hat noch das Weltbild seiner Zeit: Was gut wird, ist am Anfang gut gewesen, darum hat es eine Chance. Der Baum muss aus guten Samen stammen. Das Goldene Zeitalter ist der Ursprung, dann kommt der Abfall, dann das Gericht und neuer Anfang auf höherer Ebene.  Wir denken heute anders: Sicher muss der Anfang gut sein, aber wir sind auf dem Weg, wir sind in einer guten Geschichte, die auf den Frieden Gottes mit aller Kreatur zugeht. Wir dürfen sagen: Gott segnet die Anfänge und den Weg und treibt das Werden zum Ziel.

 

 

Gott wird feiern

Und am siebenten Tage ruhte er von allen seinen Werken. Und segnete diesen Tag besonders.

1.Mose 2,1-3

 

 

Die sieben Tage meinen nicht 168 Stunden sondern Weltzeiten, Epochen. Die Woche gehört zu den ganz wenigen Zeitabschnitten, die im Bewusstsein der  Menschen schon früh verankert waren. Die sieben Schöpfungstagen meinen  sieben Phasen.

Es ist hier auch das Wissen von damals mitgeteilt, aber es ist dargeboten als Lobgesang, als große Liturgie der Anbetung. Es geht den Verfassern um den unbedingten Willen, den es zu preisen gilt. Goethe sagt es spielerisch: „In wenigen Stunden hat Gott das Rechte gefunden“. 

Natürlich ist diese Poesie dem naturwissenschaftlichen Denken zu ungenau. Es lässt nur Objektives –also in Wiederholung Zählbares, Messbares- gelten. Dieses Weltbild  ist nicht falsch aber eng, es kann auch von der Liebe nur ihre chemischen und physikalischen  Ausläufer erfassen. Das  Wiegbare, Messbare ist nur eine von mehreren Sprachen Gottes, wie auch Sternkunde  und Mathematik neben der Bibel  den Willen Gottes ausdrücken. 

Der siebte Tag wird keinen Abend haben. Es ist die Feierzeit Gottes mit aller Kreatur, „da Fried und Freude lacht“. Noch sind wir auf dem steinigen Weg zur Vollendung, sind noch am sechsten Tag, sind noch in Arbeit, auch Gott ist noch in Aktion. Doch der Anfang ist gemacht.

„Der siebte Tag siebt das Schaffen der sechs durch das Sieb der Ruhe“ (Ludwig Strauss). Als Anbruch von ewigem Glück, als messianische Insel im Meer der unerlösten Zeit  hat Gott den Sabbat bzw. den Sonntag  gestiftet. Da soll der Mensch ruhen, und die Nutztiere auch.

Der Ruhetag nach sechs Arbeitstagen ist eine der frühesten sozialen Errungenschaften der Menschheit. Israel zählte ihn unter die drei Gaben, die der Mensch aus dem Paradies mitnehmen durfte: Die Sonne, den Sabbat und die Liebesumarmung.

 

                                                      *

 

 

Die Schöpfung anders erzählt

Als Gott der Herr Erde und Himmel machte, waren alle die Sträucher noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.

1.Mose 2,4-6

 

Das ist eine andere, ältere Darstellung  vom Anfang. Sie unterscheidet sich stark  von der schon wissenschaftlich zu nennende Reihung im ersten Kapitel. Dieser Bericht ist  wohl geschrieben 950 Jahre vor Christi Geburt. Die Bilder reichen in graue Vorzeit zurück. Da konnte man sich dem Nichts gedanklich nur nähern, indem man aufzählte, was alles noch nicht da war. Vor allem war anfangs der Mensch noch nicht da, durch dessen Feldarbeit recht eigentlich die Schöpfung anfängt, jedenfalls für ein Bauernvolk.  

Gott verehren und das Land bebauen sind die zwei Seiten der einen Medaille, und haben im Lateinischen nur ein Wort: colere- wovon Kultur kommt. Der Mensch ist Gottes einziger Zeuge.    

Der Boden ist schon da, aber der ist so gut wie Nichts, ist Wüste, die eigentliche Schöpfung  beginnt mit der Feuchtung. Für die Menschen im Norden ist der Anfang gleichbedeutend mit dem (Wieder)kommen der Sonne. Die Menschen am Rande der Wüste finden  das immer wieder sich erneuernde Schöpfungswunder im Aufblühen des Landes  nach dem großen Frühjahrsregen. 

Für uns fängt die Schöpfung damit an, dass eine absichtsvolle Intelligenz  die Welt irgendwann ins Sein ruft und die Startbedingungen unfassbar genau einstellt, die Naturkonstanten, die Schwerkraft etwa und dann die koordinierte Mutation. Die Welt mit ihrer Geschichte von Zufall und Notwendigkeit ist selbst etwas uns Zufallendes, uns Zugeworfenes, ein Einfall, ein freies Geschenk Gottes, nicht der Natur, die ja selbst Geschenk ist.

 

                                                      

 

Von Erde genommen

Da machte Gott den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Atem des Lebens in seine Nase. Und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.

1.Mose 2,7 

 

Töpfe und Schmuck waren die ersten Herstellungen des Menschen. Darum lag es für die Früheren nahe, sich Gott als Töpfermeister und Künstler vorzustellen, der  liebevoll die Körper des ersten Menschenpaares formt. Als Material (Mater = Mutter) bot sich Erde an- schon aus der Erfahrung, dass der Leib ja wieder zu Erde zerfällt.  Aber zum Körper muss hinzukommen der Atem, der auch für uns noch viel mit Seele zu tun hat.- Hier wieder ein liebevolle Zeichen: Gott gibt von seinem Atem dem Menschen ab.

Wir wissen heute, dass der Schöpfer statt Erdmaterial eine schon entwickelte Sorte Natur genutzt hat. Ob Erde oder Menschenaffe- ob aus Erde geformt oder aus einer Affenherde liebevoll hochgezüchtet, das kann Christen gleich recht sein. Der  Sprung vom Menschenaffen zum Affenmenschen ist ein Quantensprung an Qualität: Etwas von Gottes Inwendigem muss dem Menschen implantiert sein, dass er gedeihen kann.

Man kann naturwissenschaftlich wohl keinen Sinn beweisen, kein Ziel, um dessen Willen die Welt entstand. Das spricht nicht gegen die Existenz von Gott und Sinn. Die meisten Menschen sprechen ihrem Dasein einen Sinn zu. Wer sich aber beschränkt auf das zwar nicht falsche aber enge Weltbild  aus rein physikalischen, chemischen, biologischen Erkenntnissen, der kann wenigstens erwägen: “Möglicherweise wurde der Mensch so selektiert, dass er seinem Leben einen Sinn geben muss“ (S. Hibbeler). Das nackte „Selektieren“ –also „heraussuchen“ oder auch „züchten“ schreit für weiterdenkende Menschen geradezu nach einem „Treiber des Werdens“. Martin Luther sagt „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.“ Nimm  dies als Spitzensatz auch deines Glaubens. Man kann das so denken: Beweis für die Existenz Gottes sei dir dein Existieren.

 

 

 Garten Eden

Und Gott pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, dass er den Garten bebaue und bewahre.

1.Mose 2,8.15 

 

Der Mensch inmitten gartenhafter Schöpfung, Gott selbst als Der Große Gärtner!- Noch der Stolz  von Hobbygärtnern über die schönste Rose, den dicksten Kürbis erinnert von Ferne an die Leidenschaft Gottes, dass das Lebendige ihm gut gedeihe.

Wieder ist die Wüstenerfahrung Hintergrund für das alte Weltbild, in dem die Oase Wunder und Glück ist. Ähnlich wir Modernen: Die Astronauten berichten von ihrem Dank, ihrer  Bewunderung für den  blauen Planeten inmitten von Schwärze und funkelnder Kälte.

Die Erde zu bebauen und zu bewahren ist schon vor 3000 Jahren dem Menschen aufgegeben. Diese Weisung muss mitklingen, wenn wir den Auftrag, die Erde uns untertan zu machen, hören: Nicht zerstörerisches Ausbeuten sondern das bewahrende Nutzen ist Menschheitsberuf.

 

                                                        

 

 Aufs Du angelegt

Und Gott sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm einen Gefährten machen, der mit ihn lebt. Und Gott schuf aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nenne; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollten sie heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen.

Aber der erste Mensch war zunächst allein.

1.Mose 2, 18-20

 

Das ist ein Urwissen von uns allen und  auch Gott erklärt es ausdrücklich für ein Defizit und nicht als eine Leistung, allein klar kommen zu wollen. „Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner ist, der ihm was tut“ (W. Busch), ist eine wehmütige Erkenntnis. Sie wird behoben dadurch, dass wir wieder und wieder uns als beziehungsfähig erweisen. Wir sind für andere brauchbar und nötig und liebenswert geschaffen. Weil es nicht gut ist, allein zu sein, sollen wir auch nicht allein lassen.

Damals dachte man, Gott habe erst einen geschaffen- dann den anderen. In Israel war der erste Mensch als Mann gedacht, in andern Kulturkreisen ist die Frau zuerst da. Jedenfalls begründet die  Geschichte von Adam und Eva keinen Vorrang für den Mann.   

Schon die Vorfahren wussten, dass Mensch und Tier aus gleichem Stoff sind. Der Mensch aber hat den Auftrag, die Tiere zu benennen, also sie sich zuzuordnen. Früher war der Abstand zu den Tieren noch klein, es war ein langer Kampf, bis sich die Vorherrschaft des Menschen erwiesen hat und die  Gefahr gebannt war, von den wilden Tieren ausgerottet zu werden. Die Vorstellung, dass der Mensch seine Ergänzung im Tier finden könne, ist in den Märchen noch bewahrt. Aber der Mensch braucht den Menschen.

 

 

Ein Fleisch

Da ließ Gott einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Manne nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mann: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Und  darum wird wieder und wieder der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Gefährten anhangen, und sie werden ein Gutesganzes (ein Fleisch) werden.

Und sie waren beide nackt, der Mann und seine Frau, und sie schämten sich nicht.

1.Mose 2,21-24

 

Die Ur- Schöpfung wiederholt sich in jeder Biographie. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden ziehen wir  mehrfach uns in uns selbst zurück.  Die Mädchen wollen zu den Pferden, die Jungen zieht es zu Kampfspielen untereinander. Bevor wir offen werden fürs andere Geschlecht, müssen wir im Tiefschlaf aus dem Unbewussten schöpfen. Da tut sich die Erkenntnis auf, wir müssen von uns abgeben, um doppelt zurückzubekommen.

Das Bild von der verloren gegangenen Rippe kann von einer der uralten Geschichte herrühren: Die Männer  am Feuer erzählen sich von den Kämpfen der Vorfahren mit den wilden Tieren, und wie dem Urvater die Wahl gelassen war zwischen Unverwundbarkeit und Frau. So  gab er die Hälfte seines Körperpanzers, der ehemals auch den Bauch geschützt hat, für die Erschaffung seiner Eva. –Dieses Märchen bebildert ideal die Erfahrung der Liebe: Das plötzliche Erwachen aus dem Schlaf des Alleinseins, es  fällt einem wie Schuppen von den Augen: „Das ist ja Fleisch von meinem Fleisch“, das bin ich selber noch einmal anders: Du, meine bessere Hälfte!

Diese Geschichte erzählt nicht, wie, sondern dass Gott den Menschen gemacht hat, ergänzungsbedürftig und beziehungsfähig.  Irgendwann wird aus dem  Kind der Eltern die Frau oder der Mann zu dem Menschen, dem er dann zugehört und anvertraut und zugemutet ist, oder den er auch verfehlt.

Obwohl zu jeder Trauung ganz zu Recht dieser Bibeltext gelesen wird, ist dieser nicht die Gründungsakte unseres mitteleuropäischen Eheverständnisses, geschweige denn das Einsetzungswort für ein „Ehesakrament“. Es gibt nicht die Ehe, es gibt viele Formen, einander Gehilfe und liebender Mensch zu sein.

 

                                                       

 

Erkenntnis

Und Gott ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.

1. Mose 2,8.16-18

 

Mindestens zwei Geheimnisse treiben den Menschen um: Warum können wir nicht ewig leben? Und: Kann ich das Gute tun und das Böse lassen? Auf beide Fragen antwortete je eine Erzählung aus uralten Zeiten.  Der Mensch  aß verbotenerweise vom Baum des ewigen Lebens; Und er aß vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, beides konnte er nicht lassen.  Die ganz früher getrennten Erzählungen handelten von  zwei  Bäumen im Paradies. Aber die Probleme, die mit den  Bäumen (Baum = Leben) kamen, gehören zusammen und die  Strafe ist eine. So konnte man gut die beiden Bäume als Lebensbaum ineins sehen.  Der Mensch ist sterblich, weil er erkennt, dass er sterblich ist. Er gewinnt Erkenntnis; damit verliert er das den Tieren ähnliche ewige Kindsein. Er wird „Hirnhund“(G. Benn), er muss denken, sich mühen, sich größer machen, er muss das Paradies des Nichtdenkenmüssens verlassen.  Und er will versuchen, will alles ausprobieren. Erst war er veranlagt, eben wie ein Tier nur zu müssen. Jetzt ist ihm Spielraum gewährt, zu wollen, zu entscheiden.

 

 

Sollte Gott gesagt haben

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott gemacht hatte, und die sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?

1.Mose 3,1-3

 

Der wohl abgründigste Dialog der Menschheitsgeschichte steht in diesen knappen Zeilen. Die Schlange ist uraltes Symbol für Kommen aus dem Urgrund, für Erstickenmachen  durch (Jagd)List, aber auch für Häutung und Wandlung, Heilung. Und für ein Denken, das nicht weiter  kommt: Die Schlange beißt sich in den Schwanz. – So ist die Schlange auch Symbol der ewigen Wiederkehr des Gleichen- ohne Fortschritt und Erweiterung.

Die Schlange spricht, was der Mensch auch in sich selbst sprechen hört:  Ja, sollte Gott das wirklich gesagt haben? Sollte mein geliebter Vater seiner geliebten Tochter schönste Früchte vorenthalten- das kann doch nicht wahr sein: genießt alleine, ohne mit seiner Tochter zu teilen?

Die Schlange ist Bild für das menschliche Argwöhnen gegen Gottes Güte. Dies Argwöhnen haben die Alten durch das Auftreten der Schlange als von außen kommend beschrieben. Und tatsächlich ist der Argwohn gegen Gott, dass  er uns quälen könnte, indem er uns Glück willentlich vorenthielte und Unglück uns zufügte, himmelschreiend. Ist der Mensch zu diesem Argwohn fähig, ist er dazu fähig gemacht. Keiner hat sich selbst geschaffen. Diese Erkenntnis oder Ausrede schiebt die Schuld für unser Schuldigwerden in Richtung Gott. Durch  Auftritt der Schlange, die ja Gottes Geschöpf auch ist, zeigen die Alten: Gott befähigt und verurteilt uns  zum schuldig werden können und -müssen.

Wer handelt, muss auch Versäumnisse und Fehler und Schuld auf sich laden. Damit, daß Gott uns das Wissen um Gut und Böse einräumt, räumt er uns auch das Recht auf Schuld ein. Wir dürfen, was wir nicht dürfen: gegen das Wissen des Guten gegen an handeln.

 

                                                  

Das verquere Gespräch

Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“

Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

1.Mose 3,4-5

 

Wissen, was gut und böse ist, ist eine Gottesqualität. Diese Begabung hat uns Gott von immer her zugedacht. Tatsächlich kommen wir irgendwann im Kindesalter dazu, unsere Eltern zu belügen und zu bestehlen. Und fühlen in dem Augenblick uns stärker als sie. Jedenfalls fühlen wir unser Gewissen- wir wissen: Das darfst du nicht. Und doch schmeckt es gut. Unsere Augen werden uns aufgetan für die Ahnung, wie schwer das Leben ist, wir lieben die Eltern und verletzen sie doch. 

Diese Erfahrung von uns allen, haben unsere biblischen Vorfahren übertragen auf  Gott und in einer Szene vom Garten und den verbotenen Früchten nachgestellt. Immer wünschen wir, es gut zu haben und doch nicht schuldig zu sein.- Aber im Angesicht der Hungernden dieser Welt  ist keine schuldlose Nische zu haben:  Mein Vergeuden macht die Welt mit krank. Und mein Erfolg ist oft mit dem Scheitern Anderer erkauft. Wir wissen um uns, wissen daß wir verantwortlich sind- letztlich Gott, dem wir Rede und Antwort stehen müssen, schon jetzt. Denn unser Gewissen ist im Dialog mit ihm.

 

 

Sehen, was klug macht

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.

1. Mose 3,6

 

Da ist ein Verbot von dem aufgestellt, dem alles gehört. Aber Frau Mensch sah. Ihre Lebensbereitschaft neigt  dazu, die Verhältnisse zu ihren Gunsten zu nutzen.  Sie lässt sich die Dinge zum Besten dienen. Sie geht davon aus, dass Gott gut ist. Der wird  nicht einen Baum in die Mitte des Gartens stellen, dessen Früchte Glück verheißen aber vergiftet sind.  Auch wird mein geliebter Vater –so Eva- keine Versuchsanordnung aufbauen, nur um mich zu testen. Er weiß doch. Also will er mich klug machen. Darum macht er, daß Lust mir in die Augen springt.

Als die Menschheit noch in den Kinderschuhen steckte, gab es eine Entwicklungsstufe ohne Gebote, ohne Gut und Böse, ohne Wahl. Die Schöpferkraft musste entscheiden, ob es beim Menschenaffen sein Bewenden haben sollte. Oder ob Gott sich ein Partnerwesen heranerziehe. Dann muss dies vor allem Spielraum haben, selbst zu wählen, was es für Gut und Böse hält. Gott kann ihm zwar seine Sicht der Dinge sagen. Aber erst wenn der Mensch aus freiem Willen das göttliche Maß für sich gelten lässt- und nicht etwa aus Angst vor Strafe- lebt er ebenbildlich mit Gott. 

Die Menschen vor uns legten für sich fest: Gott ließ den Erdling mitentscheiden, ob er mit Gewissen gekrönt und beladen sein will. So viel Schmerz und Hass und Gewalt kommt dadurch in die Welt, dass der Erdling Mensch wird- also nicht nur „das Findigste aller Tiere“ bleibt, sondern „Invalide höherer Kräfte“ (Helmuth Plessner) ist.

Auch wollte Gott die Entscheidung, welche auch Bitternis mitbringt,  nicht alleine treffen. Natürlich leidet die Mutter des Lebens, wenn ihre Kinder ihr ins Angesicht widerstehen und sich gegenseitig Böses antun. Hätte Gott uns schonen wollen, hätte er uns unwissend, hätte unsere Vorfahren Menschenaffen bleiben lassen. Aber der Blitz des Heiligen Geistes  half  ersten Affenmenschen zur Welt.  Sie lernten, aufrecht zu gehen und Gebote des Herrn zu vernehmen.                                

 

 

Und er aß

Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß.

1.Mose 3,6b 

 

Das sollen wir uns so vorstellen: Lange steht Eva da, allein, wortlos, es arbeitet in ihr. Was die Schlange sagte, ist ja eine Stimme in ihr. Ob sie vielleicht Gott näher kommt, wenn sie das Gebot überspringt? Ob sie nicht vertraut werden soll mit dem Wissen von Allem? Ob sie vielleicht Gott besser versteht, wenn sie ihn nicht wörtlich nimmt? Soll ich meine Fähigkeiten auszuweiten?

Aber dann liegt Schuld und Unschuld glasklar offen, frei scheint sie wählen zu können, ob sie den Apfel greift oder es sein lässt.

Eva vor dem verlockenden Baum- wir spüren das Gefälle hin  zum selbstverständlichen Tun des Verbotenen: Köstlich ist die Augenweide, und dazu noch das Versprechen, dadurch klug zu werden. Da darf man doch nicht ablehnen. Sie nimmt. Und die Verführte wird zur Verführenden. Sie nimmt, isst, gibt. Und er isst.-

Dass die Frau den ersten Griff tut, ist kein Zeichen von Mehrschuldsein und Zweitrangigkeit, die der Frau so lange aufgedrückt wurde. Im Gegenteil scheint sie mehr Partner Gottes zu sein, schöpferischer und intelligenter, aktiver als der vor sich hinarbeitende Mann. Für ihn ist ja typisch, nichts verlieren zu wollen, während die Frau auf Gewinnen setzt. Die Frau scheint immer über das Geheimnis des Lebens zu walten. „Durch Männer lernt man höchstens, wie die Welt ist, durch Frauen jedoch, was sie ist“ (Cees Nooteboom). Die lange Geschichte männlicher Herrschaft geht Hand in Hand mit der  Dummheit des Adam.

 

 

Gewahr werden, was mit einem ist

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

1.Mose 3,7

 

Ihnen wurden wahrlich die Augen geöffnet. Aber sie fanden kein selbstbewusst erblühtes Ich. Die Unschuld war entzaubert, die Kindheit verloren. Es kommen auf sie die Mühen des Wissens: Sie lernen sich als Mängelwesen kennen, die geschlechtliche Stelle  legt die Ergänzungsbedürftigkeit bloß. Durch Verdecken schaffen sie die Angewiesenheit  nicht aus der Welt, es bleibt bei ihnen die Scham- eine innere Entherrlichung, ein Erschrecken, nicht leuchtend wie Gott für einander zu sein sondern zerrissen, argwöhnisch, selbstsüchtig, hungrig nach Liebe. In der Umarmung werden sie für Augenblicke von ihrer Eigensucht  zu einem Ganzsein erlöst.

 

 

Mensch, wer bist Du

Adam und Eva hörten Gott, der sich im Garten erging, als der Tag kühl geworden war. Und sie versteckten sich vor dem Angesicht Gottes unter den Bäumen im Garten. Und Gott rief: Adam, wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

Und Gott sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Du hast  gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen. Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

Da sprach Gott zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Da sprach Gott zu der Schlange: Weil du das getan hast, sollst du auf deinem Bauche kriechen dein Leben lang; Feindschaft soll sein zwischen deiner Brut und den Menschenkindern. Und zur Frau sprach er: Unter Mühen sollst du Kinder gebären und Verlangen sollst haben  nach dem Mann. Und zum Mann sprach er: Unter Mühen sollst du den Acker bestellen, im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde zurückkehrst, davon du genommen bist.

Und Adam nannte seine Frau Eva, Mutter des Lebendigen.

1.Mose 3, 8-20

 

„Adam, Mensch, wo bist du, wer bist du“?- ist der Ruf nach mir selbst. Was ist mit mir los; ist es ein Glück, dass ich bin? So müssen wir fragen. Es ist damit ein Horchen auf Antwort in uns eingegeben, ein Streben hin, bestätigt zu werden. Es ist der, die Andere, das Gegenüber, das mich zum Ich macht.

Durch Mitmenschen hindurch ruft Gott nach mir: Ich muss aus mir herauskommen, aus dem Dickicht des Unbewussten, ich muss mich outen, mich kenntlich machen durch das, wofür ich einstehe.

Mich verkriechen geht nicht, Scham vor der eigenen Dürftigkeit gilt nicht. Ich muss mich zeigen, anbieten, meine Begabung ausgeben, muss mich zu erkennen geben, ich muss Ich werden in dauernder Fühlung  mit Gut und Böse.

Das Ableiten von Schuld ist menschlich; Adam belastet die Frau, die Du, Gott, mir gegeben hast. Er beschuldigt also letztlich Gott. Das macht auch die Frau: Die Schlange hast  Du doch auf mich angesetzt!

Die schweren Menschenlasten sahen die Vorfahren im Schuldigwerden begründet: die Angst vor giftigem Getier; die Mühe mit dem Nachwuchs und der Geschlechtlichkeit, die Mühe ums tägliche Brot, der dauernde Blick in Richtung Vergeblichkeit und Tod.

Beides gilt: Die Menschen sehen letztlich Gott haftbar für die schwierigen Umstände. Diese aber besetzt Gott auch mit Hoffnung. Und Gott nimmt den Menschen in die Verantwortung: In den schwierigen Umständen wächst der Mensch, kommt zu sich selbst. Der Mann, der erst seine Frau von sich stößt, nennt sie dann Mutter alles Lebendigen- darin steckt Liebe und Trotz und Stolz: Der Mann sieht sich als Gefährten der Mitschöpferin, der Partnerin Gottes.

 

                                                      

 

 Das Wissen um Gut und böse ist unser Adel

Und Gott sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Das ist die Vertreibung aus dem Garten Eden, unter Schmerzen soll er Leben weitergeben, unter Mühen die Erde bebauen. Und Gott machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Cheruben versperren  mit flammenden Schwertern den Weg zurück zum Paradies.

1.Mose 3, 21 -24 

 

Das Wissen um Gut und Böse macht den Menschen anders als alle andere Kreatur. Es geht nicht mehr, das Leben aus dem Bauch; und wie es kommt, ist es gut- das ist vorbei. Von den vielen Möglichkeiten müssen wir die am wenigsten Schädliche ermitteln und tun. Einigermaßen nur wollen, was man darf und einigermaßen können, was man muss, das ist die alltägliche Gnade. Und Gelingen ist tägliches Wunder.

Uns sind Felle mitgegeben; wir können uns schützen vor dem Erfrieren, auch seelisch. Gut, dass Gott uns selbst umkleidet vor der Scham- von der es viele Sorten gibt; und immer hat Scham was von Schuld- oder Mängelwissen. Vor

Allem, was uns Schuldverlorensein in die Seele drückt- da sei Gott vor, bitte.  

Der Weg zurück ins Paradies ist uns verschlossen- wir müssen durch die Geschichte durch. Leben ist eine Dienstreise, wir können sterben, wenn wir das Menschsein durchlaufen haben. Spätestens dann werden wir erkennen: Das Paradies liegt vor uns.

„Der Cherub steht nicht mehr davor“- das wissen wir von Christus. Auf der Rückseite der Zeit hat Gott noch viel mit uns vor.

 Anders erzählt John Milton (geb.1609): Als Adam gewahr wird, daß Eva von der verbotenen Frucht gekostet hat, wendet er sich zunächst entsetzt ab. Doch dann wird ihm klar: Auch er muss nun den Apfel nehmen, weil er andernfalls allein zurückbliebe. Adam ist kein Opfer des Bösen, sondern er entscheidet sich bewusst für den Sündenfall. Sein Vergehen ist, daß er die Liebe zu Eva höher stellt als das Gesetz. Der Dichter lässt Adam und Eva aus dem Paradies treten; und „die Welt liegt ihnen zu Füßen“. –Es wäre dies ein Lobgesang auf die (von Gott uns eingeräumte) Willensfreiheit, auf die Liebe und die Lust, etwas aufzubauen. Letztlich hat ja Gott sich einen Partner erschaffen, indem er uns abkoppelt vom kindlichen Unwissen hin zum Gewissen des erwachten Menschen.

 

                                                      *

 

Kain und Abel

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger und gebar den Kain. Danach gebar sie Abel. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

1.Mose 4, 1-2

 

Die deutsche Sprache hat für die Liebesumarmung eigentlich  nur das behutsame “Miteinander- Schlafen.“ Das  hebräische „Erkennen“ dagegen feiert das geistige Ereignis, das mit dem Lieben einhergeht: ausgeliefert aneinander nehmen wir uns wahr, von Angesicht zu Angesicht.

Der Mensch ist geliebter Sünder- dafür steht das erste Menschenpaar. Das erste Brüderpaar ist einander feind- auch das kennzeichnet die von Anfang an bedrohte Schöpfung; sie muss erst noch heil werden.

Schäfer und Bauer sind ehemals Konkurrenten- sie stehen für Rivalität aller Art. Der wirtschaftliche Kampf ums Überleben macht auch vor Geschwistern nicht Halt.

 

 

Zum Erntedank 

brachte  Kain dem Herrgott Opfer von den Früchten des Feldes, Abel brachte Jungtiere von  seiner Herde. Und Gott  sah Abel und sein Opfer gnädig an, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

1.Mose 4, 3-5

 

Beide Brüder wissen, dass sie ihre guten Ernten Gott verdanken. Auch ihre Gesundheit, ihre Familien, die Zeit, die Freude, ja, sich selbst verdanken sie Gott. Aber wie ein Blitz aus eben noch heiterem Himmel fährt ein Hass in die Welt, fällt in des Menschen Herz.  Kain  sieht seine Sympathie bei Gott und dem Schicksal verloren. Vielleicht war es ein nichtiger Anlass nur- sein Opferfeuer qualmte, während Abels Feuer herrlich prasselte. Er sieht sich zurückgesetzt, sieht Abel bevorzugt. Und schon lodert Argwohn in Kain auf, Grimm überzieht seine Seele, Neid und Gewalt brechen hervor.

Die Geschichte lässt Gott den Urheber auch des Grimms sein, er verteilt seine Gunst ungerecht („Die Wege des Herrn sind unerforschlich“-sagte man früher.) Wir sind heute mit solcher Schuldzuweisung vorsichtig. Jesu lehrte uns, Gott nicht als Autor von Bösem zu sehen, sondern als Miterleider und Erlöser.

 

  

Grimm

Da sprach Gott zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Es ist doch so: Wenn du ohne Arg bist, kannst du frei den Blick erheben. Sinnst du aber Böses, so lauert die Sünde als Dämon an der Tür. Auf dich hat er es abgesehen. Du aber werde Herr über ihn.

1.Mose 4,6.7

 

Kain ist nicht automatisch seiner Aggression ausgeliefert. Im Gewissen hört er sich infrage gestellt. Warum denn der Hass? Ist in dir ein Verlangen zu zerstören? Willst du gewinnen durch Kleinmachen und Vernichten? Sünde kann monströs Macht über uns gewinnen; wir sehen uns als Opfer eines Dämons, der auf uns zufliegt, von uns Besitz ergreift Aber du Mensch, beherrsche deine Lust, zu unterwerfen. Benutz kein Böses, auch nicht als Mittel für angeblich gute Zwecke - so lockt Gott und würdigt uns eines ziemlich freien Willens.

Es gibt böse Mächte, Dämonen, Hexen- aber sie können nicht in dein Haus, es sei denn, du lässt sie ein. Schlimm ist, sie noch einzuladen. Wir haben Entscheidungsspielräume, haben immer wieder Möglichkeiten, zu wählen. „Wer A sagt, muss nicht B sagen, er kann auch erkennen, dass A falsch war“ (Bert Brecht).

 

 

 

Bruders Hüter

Doch Kain sprach zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und als sie auf dem Felde waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und schlug ihn tot.

Da sprach Gott zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Was weiß ich? Soll ich meines Bruders Hüter sein?

1.Mose 4,8.9

 

Abgründig, dass Menschen Ihresgleichen umbringen können. Dann sind alle Sperren niedergerissen von der einen Gier, diesen aus dem Weg zu räumen. Um  sich seine Lebenskraft oder seinen Besitz, seine Würde, seine Macht anzueignen. Tief in uns wissen wir, dass wir einander zu Hütern bestellt sind. Mord ist fast Selbstmord. Lebenslänglich wird man das Töten bei sich haben, Sein Schrei, sein Niedersinken schiebt sich in jeden künftigen Gedanken. Die Räume des Schreckens wird man nie mehr los.

„Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man herabsieht“(Georg Büchner). Kain ist tief gekränkt. Er sieht sich als Opfer, zum Versager gemacht, er tötet den Zeugen seiner Schmach. In einer Eruption aus Wut auf sich selbst-dass er so danebenlag in seiner Einschätzung- und Zorn : warum ich und nicht er- und Angst,wie kleingemacht soll es jetzt weitergehn neben dem triumphierenden Bruder- schlägt er zu, gegen seinen Willen, seine Vorsätze, seine Vernunft.

 

                                                     

 

Fluch

Gott  sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Verflucht sollst  du sein. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Ruhelos und flüchtig sollst du sein auf Erden.

1.Mose 4,10-12

 

Das ist der Fluch der bösen Tat: Man kann sich seines Lebens nicht mehr freuen. Nähe mit dem Mörder wird gemieden, seine  Mitarbeit wird nicht gewollt. Die einzige Chance ist die garstige Fremde. Wo man ihn erkennt wird man Steine nach ihm werfen. Und er muss weiter. Es gilt das Wort aus Weisheit 11,16: „Womit einer sündigt, damit wird er auch bestraft.“

 

                                                   

Todesstrafe abgelehnt

Gott sprach: Aber totschlagen soll ihn keiner. Und Gott gab Kain ein Zeichen, dass ihn niemand erschlüge. Und  Kain ging weit weg, jenseits von Eden, wo er meinte, er sei dem Herrn aus dem Blick.

1.Mose 4,13-16

 

Die Sensation ist, dass schon ganz früh die Menschen wussten: Todesstrafe geht nicht. Das Leben, auch des Mörders, ist des Herrn. Fürchterlich, dass sich doch immer wieder Menschen anbieten zu Henkern, um anmaßend „im Namen des Herrn“ Leben auszulöschen.

Aber auch Gott ist gezeichnet mit dem Kainsmal. Das ist ein Versprechen: Auch jenseits von Eden bleiben Gottes Augen über Bruder Kain. Und dem Abel ist ein unverbrüchliches Gedenken gewidmet in all den Mühen um Geschwisterlichkeit.

Geschichten wie die von Kain und Abel erzählen, das kann man eigentlich nur, wenn man starken Mutes ist. Denn es braucht Kraft, die Räume des Schreckens zu vermessen und den Hang zur Gewalt in uns zu merken; Geben wir nicht auf, mitten im Winter die Keime des Frühlings zu glauben. Entzünden wir kleine Feuer der Liebe, helfen wir dem Pflänzchen Humanität zum Überleben. Retten wir Menschen aus ihrer Sprachlosigkeit. Hilde Domin sehnt sich, das Vertrauen zwischen den Brüdern noch einmal herzustellen, damit es eine zweite Chance gibt: „Abel steh auf/ damit Kain sagt/damit er sagen kann/Ich bin dein Hüter/ Bruder/wie sollte ich nicht dein Hüter sein.“  

Und hat nicht der alte Indianer recht der seinem Enkel von dem Bösen und dem Guten in der Welt erzählt und davon, dass in einem jeden von uns ein guter und ein böser Wolf steckt? Und der Enkel fragt: „Welcher Wolf siegt denn“? Und der Indianer antwortet:  „Der, den du fütterst“.

 

 

Doch Zukunft

Und Kain und seine Frau bekamen den Henoch, der baute eine Stadt. Nachkommen wurden Viehzüchter, andere Zither –und Flötenspieler, andere Eisenschmiede.

1.Mose 4,17.20f

 

Der schuldbeladene Kain geht an die Arbeit, vielleicht will er wiedergutmachen und der Schuld entkommen. Christian Morgenstern sagte: „Wer sich groß verfehlt, hat auch große Quellen der Reinigung in sich.“  Kinder ins Leben rufen und sie erziehen, das baut Zukunft, Kains Kindern schreibt man die Erfindung der Stadt zu, der sozialen Einrichtung überhaupt. Und sie machten Musik und Waffen und Geschmeide.

Wir stammen von Mördern ab,wir sind Sieger, stammen ab von Siegern.  Unzählbar die, die starben, ehe sie Eltern wurden.

 

 

                                                

Aus der Tiefe zu den Sternen

Ein Tiefpunkt  der menschlichen, der männlichen Großmannssucht klingt auf in dem grölenden Triumphlied des Kain-Nachkommen Lamech: Ada, Zilla, meine Frauen! Merkt auf, was Lamech zu sagen hat: Ich erschlage  einen Mann für meine Wunde, einen Jungen für meine Beule. Na und? Ich sage: Kain sollte siebenmal gerächt werden aber der große Lamech soll siebenmal siebzigfach gerächt werden.

1.Mose 4,23.24

 

Wir kommen aus Zeiten, da galt das Recht des Stärkeren. Der nahm, was er wollte und stillte seine Mordlust, bis er erschöpft war.  Hunderttausend Jahre wohl brauchte Gott, um dem Menschen Gewissen einzutrichtern: ein Um- sich- selbst- wissen: Mensch, du bist für dein Tun verantwortlich. Du bist gewürdigt und verpflichtet, einer höheren Instanz Antwort und Rechenschaft zu geben.        ( So kann man eigentlich nicht sagen: „Vor meinem Gewissen hab ich mir nichts vorzuwerfen“. Ich stehe ja mit meinem Gewissen vor einer Instanz, der ich verantwortlich bin.)

Ein Meilenstein in der Erziehung des Menschengeschlechtes ist die Begrenzung der Rache auf ein strenges: „Wie du mir, so ich dir.“ „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben“ (2.Mose 21,23f). Nicht mehr, nicht weniger, kein Pogrom aber auch keine Gnade. Die Zeitenwende brachte Jesus: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, biete ihm auch die linke. Will einer deinen Mantel, gib ihm auch dein Hemd.“ (Matthäus 5,39). Der Mensch wird zur Feindesliebe fähig, wenn er an Jesu Hand  den Racheherrn und den Gesetzesrichter  hinter sich lassen darf und hinfindet zum „Gott der Geduld und des Trostes“ (Römerbrief 15,5).

 

                                                         *

 

Sintflut - die größte anzunehmende Traurigkeit

Als aber Gott sah, dass die Bosheit der Menschen groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immer und immer, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. Aber...

1.Mose 6,5-7

 

Es ist vielleicht der gewalttätigste Satz über die Menschheit. Niederschmetternder haben wir nicht von uns gesprochen und von Gott: Wir, unsere Spezies, ein Missgriff eines scheiternden, gebrochenen Gottes.  Der Satz, ist wie eine gewaltige Flut, mit der der Herr seinen Stall ausmistet, seine Welt hinwegspült.

Immer wieder kamen und kommen Fluten, Feuersbrünste, Hungerkatastrophen, Vulkanausbrüche über die Menschheit. Und Menschen fragen: Warum?  Und sagen, um Gott zu schützen: Wir sind selbst schuld. Wären wir Gott, hätten wir mit Unsereins auch Schluss gemacht.

Doch an den Vernichtungssatz schließt sich ein Aber, das leuchtendste Aber. Vielleicht, am Ende des Tunnels, Licht; nicht vom entgegenkommenden Zug sondern von  Noah, der Arche, dem Regenbogen, dem Bund.

 

                                                         

Aber Noah

war ein frommer Mensch und ohne Tadel zu seinen Zeiten; er lebte mit Gott. Zu ihm sprach Gott:  Das Ende allen Lebens ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel;  ich will sie alle verderben mit der Erde.

Du aber mache dir einen Kasten von dreihundert Ellen, dreißig Ellen Höhe, mit Stockwerken, Ställen, Kammern, Fenstern. Ich will eine Sintflut kommen lassen. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen.

Aber mit dir will ich meinen Bund aufrichten, und du sollst in die Arche gehen mit deinen Söhnen, mit deiner Frau und mit den Frauen deiner Söhne.

In die Arche sollt ihr bringen von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie leben bleiben mit dir. Genug Verpflegung und Futter  nimm mit!

Und Noah tat, was Gott gebot. Und die Tiere gingen zu Noah in die Arche, paarweise. Dann  kamen die Wasser der Sintflut. Alle Brunnen der großen Tiefe brachen auf und es taten sich die Fenster des Himmels auf.  Es regnete vierzig Tage und vierzig Nächte.

1.Mose 6,8-22; 7,1-12

 

Die Rettung liegt bei einem, der mit Gott lebt. Einer bleibt übrig, einer kehrt um, einer baut die Arche. Die Vielen können irren. Einer aber sieht Gott kommen. Einer weiß, was zu tun ist: Retten, Bergen, in Sicherheit bringen, alles verlassen um des einen Auftrags willen. So einen fand Gott; Und so einen findet Gott immer wieder in den großen und kleinen Katastrophen. Lasst uns nicht sagen: „Nach uns die Sintflut“. Bauen wir Archen, Freundschaften, Inseln zum Überleben.

 

 

Solange die Erde steht

Nach dem lange nicht enden wollenden Regen gedachte Gott an Noah und an alles Getier, das mit in der Arche war, und ließ die Winde los auf Erden und die Wasser fielen.

Noah wurde ungeduldig- er ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her und kam zurück. Auch eine Taube fand nichts Trockenes und kam zurück. Später ließ er erneut eine Taube fliegen, die kam um die Abendzeit zurück, und trug einen Ölzweig in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten und Land in Sicht war.

Dann redete Gott mit Noah und sprach: Geh aus der Arche, du und die Deinen und alles Getier, auf dass sie sich mehren auf Erden.

So ging Noah heraus mit allem, was bei ihm war. Und er baute Gott  einen Altar und dankte und feierte ihn.  Gott aber sprach: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen. Auch wenn das Machen und Tun  des menschlichen Herzens böse ist, will ich hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Und Gott segnete Noah und die Seinen und schloss einen Bund mit Noah und seinen Nachkommen und mit allem lebendigen Getier und sprach: Es soll keine Sintflut mehr kommen, welche  die Erde verderbe. Ich setze meinen  Bogen in die Wolken. Den will  ich ansehen und gedenken und den sollt ihr ansehen und gedenken: Es ist ein Zeichen des Bundes zwischen Gott und Schöpfung.

1. Mose 8 -9,17

 

Böse von Jugend auf, der Mensch.- Das kann nicht wahr sein, denn wir stammen doch aus Gottes Willen.  Aber wir können böse werden, furchtbar hassvoll. Und Gott konnte seine Freude an uns Menschen verlieren. Aber dann bekehrt sich Gott wieder zu seiner Kreatur. Gott will mit uns auskommen, auch wenn er an uns leidet. Das ist eine Art Wandel in Gott, ist aber eher  doch ein Quantensprung in der Gotteserkenntnis des Menschen.

Und verzichtet Gott hiermit nicht auf jegliche gewaltsame Einmischung? Jedenfalls werden wir gänzlich in Verantwortung genommen. Verhängt Gott keine Strafaktionen mehr, müssen wir die Folgen unseres Tuns um  so mehr prüfen – und ausbaden.

Tief zurück liegen  Zeiten schauerlicher Göttervorstellungen. In vielen Schöpfungssagen der Menschheit steht eine Urflut am Anfang. Alle Völker am Meer haben Sintfluten im Volksschatz, immer war Sünde schuld, um nicht ganz irre zu werden am Verhängnis. Immer war es göttliches Erbarmen, das neuen Anfang machte.

Wunderbar: Der Regenbogen, den auch Gott ansehen will als seinen Eid, als seine Unterschrift: Ich will mit euch Menschen durchhalten, auch wenn ihr schwierig seid. Und auch die Natur soll euch aushalten. In aller Gefährdung ein rettendes Wort!

 

 

Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erstes einen Weinberg.

Und da er von dem Wein trank, wurde er betrunken und lag im Zelt aufgedeckt.

Als nun Ham die Blöße seines Vaters sah, sagte er's seinen beiden Brüdern draußen. Da nahmen Sem und Jafet ein Kleid und legten es auf ihrer beider Schultern und gingen rückwärts hinzu und deckten ihres Vaters Blöße zu; und ihr Angesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Blöße nicht sähen.

1.Mose 9, 21-23

 

 In den ersten Kapiteln der Bibel klingen die Grundthemen des Menschlichen an; dazu gehört auch das Schmerzliche am Altwerden: die Hilfsbedürftigkeit. Noah zecht mit seinen Söhnen, er fällt um, kommt von Sinnen, liegt entblößt da. Ein Sohn tut das Nötige: Ohne des Vaters in seiner Schwäche ansichtig zu werden, tritt er zu ihm und verhüllt ihn gnädig mit einer  Decke. -Vater und Mutter im Alter die Ehre zu bewahren ist dringend. Denn die jetzt schwach werden, waren vorher stark und nährten und lehrten die nächste Generation sicher an die zwanzig Jahre. Auch sind die Alten alle Achtung wert, weil sie in ihren Mühen das Leben durchgehalten haben- was bei den Jungen ja noch offen ist. An den Alten kann man üben, die notwendige Fürsorge sicherzustellen und ihnen ihre Freiheit zu bewahren –kann also üben, so zu handeln, wie man selbst mal „behandelt“ sein will. 

 

 

                                                          *  

 

Der Turmbau

Von den Nachkommen Noahs kommen die Völker her. Und  alle Welt hatte einerlei Zunge und Sprache. Die nach Osten zogen, fanden eine Ebene im Lande Schinar und ließen sich dort nieder. Sie sprachen untereinander: Lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und taten sich zusammen: lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; sonst verlieren wir uns in alle Länder.

Da fuhr Gott hernieder, Stadt und Turm der  Menschen zu besehen. Und erschrak: Das ist erst der Anfang- wenn die so weitermachen, werden sie entgrenzt. Verwirren wir ihre Sprache, dass sie sich nicht verabreden können!

Daher heißt ihr Name Babel, weil Gott da verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

1.Mose 10,32; 11,1-9

 

Die lange vor uns lebten, dachten den Ursprung der Welt als Einheit: Ein erster Mensch, ein erstes Menschenpaar, eine Urflut nach der Noah der erste Mensch war, von ihm zweigen alle Völker ab, am Anfang auch eine Ursprache; Die verwirrende Vielsprachigkeit galt als Strafe für den Größenwahn der Ahnen, ebenso die schrumpfende Lebenszeit erklärte man sich als Ermattung und Strafe.

Am Anfang dachten die Alten war Fülle und Goldenes Zeitalter. In unvordenklicher Zeit war eine Zeit der Ursprünge. Dann kamen die Abstiege bis zum ausstehenden Weltuntergang. Aber dann ist mit neuem Aufstieg zu rechnen bis in die Fülle des Himmels. Und dessen Ewigkeit ist dann die gesammelte und geheilte Zeit (Augustin).

Der Turm zu Babel  galt wie andere Weltwunder des Altertums  als Zeichen für die hohe Leistungsfähigkeit der Vorfahren. Dass nur Reste  vom Turm zu Babel blieben, nahmen spätere Generationen als Zeichen: Die wollten zu hoch hinaus. Ihr Scheitern blieb Mahnung, selber nicht in Hybris zu fallen.

Die „Babylonische Sprachverwirrung“ bleibt Warnung, die Sprache nicht zum Herrschaftsmittel verkommen zu lassen. Auch fängt der Friede mit der Wahrheit der Worte an. Wenn Menschen einander nur kommandieren und verhören, können sie sich nicht verstehen.

Die stärkste Gegengeschichte ist die von Pfingsten (Apostelgeschichte 2). Der Heilige Geist der Kommunikation brennt in den ersten Christen.

 

                                              *

 

Abraham, Vater des Glaubens

Gott erwählte sich einen Menschen, namens Abram (später Abraham) aus Haran. Den sprach er an:  Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deiner Eltern Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde. Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein; ja, in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit an. 

1.Mose 12, 1-3; 15,6

 

 

Im grandiosen Zeitraffer schildern die Schriftgelehrten vom Tempel Salomos (um 950 v. Chr.) die Vorzeit. Nach Schöpfung und Zeit der Riesen (1.Mose 6) und Sintflut schließt Gott mit Noah den Bund fürs Leben: Leben soll weitergehen. Und in Abraham schließt er den Bund des Glaubens. Abraham soll Vater Israels werden, des Volkes, dem die Gottessorge und die Erwartung des  Messias aufgetragen wird. Der Segen über Abraham ist  aller Menschheit gewidmet: Bewusste Gotteskenntnis ergießt sich von Abraham an in die Welt: Der Schöpfer hat mich geschaffen, und in ein besonderes, nahes Verhältnis zu sich gefügt. So kann ich Gott vertrauen, ich gehöre ihm. Im Innersten bin ich „Kind Gottes“. Nicht weil ich so gehorsam bin sondern weil ich dazu bestimmt bin und geliebt bin. Diese Gewissheit ist der Glaube, den Gott uns schenkt und bei uns sucht.

Abraham wird rausgerufen aus seinem Zuhause, seinem Mondgottglauben, seinem Eingebettetsein in ein kreisendes  Hier und Jetzt. Dann  wird er losgeschickt „in ein Land, das ich dir zeigen werde“. Und er packt mit Frau Sara sein Hab und Gut zusammen. An der Gartenpforte  weiss er noch nicht, ob es nach rechts oder links geht.  Einen Schritt weiter ist er auf einen Weg geleitet, der Jahrhunderte später Israel ins Gelobte Land führt. Abraham  lässt sich auf die Verheißung Gottes ein und kann darum alles verlassen. Vor ihm: Zukunft, Weg, Ziel statt ewige Wiederkehr des Gleichen. Abraham entdeckt den Gott der Geschichte, der auch Schöpfer ist, aber eben auch der mitgehende Behüter.

 

                                                  *

 

Wir sind doch Brüder

Da zog Abraham aus mit seiner Frau Sara und aller Habe, und Schwager Lot und dessen Familie zog mit. Abraham war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog, um im Land Kanaan zu wohnen. Er baute bei Sichem einen Altar und östlich der Stadt Bethel, danach zog Abraham weiter ins Südland. In den langen Jahren der Wanderzeit (als Nomade) wurde er  reich an Vieh, Silber und Gold.                       

Lot hatte auch viele Schafe, Rinder und Zelte. Aber  das Land konnte beide  nicht ertragen, immer war Zank zwischen den Hirten von Abrahams Vieh und den Hirten von Lots Vieh.

Da sprach Abraham zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten. Wir sind doch Brüder! Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.

Da erwählte sich Lot die ganze wasserreiche Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich einer vom andern.

Abraham wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten am unteren Jordan, bis nach Sodom zog er mit seinen Zelten. Die Leute von Sodom aber waren böse.

1.Mose 12,4 -13,13

 

Streit zwischen Brüdern, Familien, Mitarbeitern geschieht. Das Kunstwerk ist nur, wie damit hinreichend friedlich zu leben? Abraham macht das vorbildlich. Er schlägt Trennung vor, lässt aber Lot die erste Wahl. Das Geheimnis seiner  und aller Großzügigkeit ist das Wissen, gesegnet zu sein. Und darum gönnen können.                  

 

                                                    *

 

 

Sara und  Hagar- eine  Geschichte mit Folgen bis heute

Sara, Abrahams Frau, bekam keine Kinder. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar. Und Sara sprach zu Abraham: Siehe, Gott hat es verfügt, dass ich nicht schwanger werde. Geh zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abraham hörte auf Sara.

Er schlief mit Hagar, die ward schwanger. Da fing sie an, ihre Herrin zu verachten. Da sprach Sara zu Abraham: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich  in ihren Augen verachtet. Gott sei Richter zwischen mir und dir. Und Sara demütigte sie, da floh sie von ihnen weg in die Wüste.

Aber der Engel Gottes fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste und  sprach zu ihr: Den Sohn, den du gebären wirst, sollst du  Ismael nennen.- was heißt: „Der Herr hat dein Elend erhört“. Und Hagar nannte fortan den Herrn:  “Du bist ein Gott, der mich sieht.“      

Später wurde Sara doch noch schwanger. Und als sie ihr  Kind geboren hatte, sprach sie zu Abraham: Treibe Hagar von uns mit ihrem Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak. Das Wort missfiel Abraham sehr um seines Sohnes Ismael willen.

Aber Gott sprach zu ihm: Lass es dir so gefallen. (17,19) Ich will Sara segnen und nach Isaak soll dein Geschlecht benannt werden. Er soll zu einem großen Volk werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, er ist auch dein Sohn.

Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf die Schulter, dazu den Knaben, und schickte sie fort. Da zog sie hin und irrte in der Wüste umher bei Beerscheba.

Als nun das Wasser in dem Schlauch ausgegangen war, setzte sie den Knaben unter einen Strauch ab und wartete gegenüber, einen Bogenschuss weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie erhob ihre Stimme und weinte.

Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Und sie gab dem Knaben zu trinken.

1.Mose16 u. 21.1-19 

 

Groß, die Geschichte der zwei alttestamentlichen Frauen. Sara ist kinderlos. Sie gibt ihre Sklavin Hagar dem Abraham in die Arme: Er soll mit ihr als Leihmutter für Sara ein Kind zeugen. Die stolze Ägypterin Hagar triumphiert wohl, Sara staucht sie zurecht. Das Kind wird geboren. Später wird Sara auch schwanger, sie gebiert den Isaak. Jetzt will sie Hagar und deren Söhnchen aus den Augen haben. Sie veranlasst den Abraham, beide vom Hof zu treiben. Nah am Verdursten, rettet sie ein Engel, eine Quelle lag offen vor ihren Füßen. 

Gott gibt dem erst Kinderlosen zwei Söhne. Auch Ismael soll ein großes Volk werden. Aber aus Isaak soll das besondere Volk Gottes werden, ein Segen für alle Geschlechter auf Erden. Und doch sind auch die von Ismael stammenden Völker doch Völker Gottes. Abraham wird der Vater der Ökumene: Vater des Glaubens von Juden und Christen und Moslems zugunsten der ganzen Menschheit. -  

Der islamischen Tradition gilt Ismael als Ahnherr der Araber. Schon das alte Testament kennt den palästinensischen Stämmeverbund der Ismaeliten als Feinde Israels. Der Islam beruft sich auf den Segen, den Gott auch für Ismael hat. Beide - Israel und Araber haben in Abraham den einen gemeinsamen Stammvater des Glaubens, sie sind Brudervölker.

Der Koran führt die Geschichte von Hagar in der Wüste so weiter: Als die Quelle Semsem vor Hagar aufsprang, wusste sie, daß Gott diesen Ort heiligte und ließ sich dort im Tal Kaaba nieder. Später baute Abraham und Ismael dort ein Heiligtum. Ismael empfing vom Erzengel Gabriel den bis heute in Mekka aufbewahrten Stein, der aus Trauer über den Götzendienst in der Welt zum „Schwarzen Stein“ geworden ist.

Die Rivalität der Weltanschauungen heute hat tiefe Wurzeln. Auch die Christenheit hat aufzuholen im Verständnis des Islams. Lange galt der Islam den christlichen Kirchen als Häresie oder böswillige Verdrehung christlicher Wahrheiten. Dabei gewann der Prophet Muhammed (+632) durch Visionen die Gewissheit, er müsse die Basis des jüdischen und des christlichen, ja des ganzen Menschheitsglaubens wieder zur Geltung bringen: die völlige Hingabe (das arabische Wort dafür: Islam) an den allmächtigen und barmherzigen Gott.  Eine weltliche Sphäre jenseits von Gottes Heiligkeit und Ruf in den Gehorsam gibt es nicht: Der Mensch hat ungeteilt Gott zu dienen, alles Tun ist Gottesdienst und untersteht einer Geistlichen Aufsicht. 

Eine Sensation gelang der Türkei unter Atatürk. In einem islamischen Land setzte er die Trennung von Moschee und Staat durch. Bis heute kämpfen ungezählte Schattierrungen von Islam um die Wahrheit. Die der Moderne zugewandte Seite hält Demokratie und Gleichberechtigung der Frau für durchaus vereinbar mit dem Islam, der Sufismus verehrt Gott als  die reine Liebe, im Iran gewinnt gerade eine Richtung die Oberhand, der Toleranz und Freizügigkeit als gotteslästerlich gilt.

Wir Europäer, durch die Nietzsche-Marx- und Feuerbäche Gegangenen, die wir nichts Heiliges mehr zu wissen scheinen außer unserer Ruhe, lächeln beim Thema „Gotteslästerung“ meist nur müde.  Das Thema Gottesverachtung ist durch  Auschwitz und die Atombombe und die Millionen Hungertoten jährlich ziemlich aufgebraucht. Darum fiel  uns die Karikatur vom Propheten mit Bombe im Turban erst auf, als viele Moslems diese Zeichnungen als Schändung Ihres Glaubens lasen. Wir hier müssen verstehen lernen.

                                                  

                                                        *

 

Gott dreifach

Und Gott erschien Abraham, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Drei Männer standen vor ihm. Vor denen neigte er sich zur Erde und sprach: Ich will euch bewirten, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Und er trug Kuchen, Butter und Milch auf, schlachtete ein Kalb und bereitete es zu. Dann setzte er es ihnen vor und wartete ihnen auf. Er blieb dabei stehen vor ihnen unter dem Baum und sie aßen.

Da sprach Gott: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr. Dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter der Tür des Zeltes. Sie lachte bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen, und mein Abraham ist doch auch alt! Der Herr sprach: Ihr werdet sehen, übers Jahr soll Sara einen Sohn haben.

1. Mose 18, 1-15

 

(Diese Geschichte steht zwischen Ismaels und Isaaks Geburt) Eigentümlich diese Begebenheit: In drei Gestalten der eine Gott- ein starkes Inkognito. Abraham fremdelt nicht, er ist sofort gastfrei, sicher hat er die gottvolle Aura  gespürt. Ein Kind wird ihnen verheißen, Sara lacht; sie, wissend, hält es für unmöglich. Sara lacht- das ist auch ein Lockruf, auch im Alter Neues zu erwarten.

Die Dreifach-Erscheinung hier hat später die  Kirche aufgenommen als Vorbild für die trinitarische (drei in eins) Idee von Gott. Die wundersame Mutterschaft der Sara wiederholt sich  bei Maria.

 

                                                    *

 

Abrahams Handel mit Gott

Und Gott sprach zu Abraham: Es ist großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Ich will hinabfahren und sehen und strafen.

Abraham aber sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; kannst du die umbringen und dem Ort nicht vergeben trotz fünfzig Gerechter?

Gott sprach: Finde ich fünfzig Gerechte in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mir herausgenommen, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich von Erde genommen bin.

Es könnten vielleicht fünf weniger als fünfzig Gerechte darin sein; und dann? Würdest  du die ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben.

Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man könnte vielleicht nur vierzig darin finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen.

Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte vielleicht nur dreißig darin finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun.

Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich getraut, mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. Und er sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte vielleicht nur zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen.

1.Mose 18, 20-32

 

Gott hält viel von Abraham, er zieht ihn ins Vertrauen über Sodoms Schuld. Uralt ist die Vorstellung, Gott müsse erst mal an den Tatort, um zu wissen. Modern dagegen ist fast schon, dass Abraham wagt, wie ein Teppichhändler auf dem Bazar mit Gott zu feilschen. Es ist, als würde Gott vom Menschen lernen, dass  Kollektivhaftung nicht gottgewollt sein kann; klar, dass Gott nicht die Gerechten mit den Ungerechten umkommen lassen darf. Bei Gott gibt es wohl eine umgekehrte Kollektivhaftung: Die wenigen erlösen die vielen.

Ergreifend auch: Gott lässt mit sich reden- er braucht das Gespräch mit seinen Auserwählten.

 

                                                  *

 

Eine wüste Geschichte

Zwei Engel kamen nach Sodom am Abend; Lot aber sah sie, er stand auf, ging ihnen entgegen und neigte sich bis zur Erde und sprach: Ihr lieben Herren, kehrt doch ein im Hause eures Knechts und bleibt über Nacht.

Aber als sie einkehrten, kamen Leute der Stadt Sodom und umgaben das Haus,

und riefen Lot und sprachen zu ihm: Wo sind die Männer, die zu dir gekommen sind? Führe sie heraus zu uns, dass wir uns über sie hermachen. Lot ging heraus zu ihnen vor die Tür und sprach: Ach, liebe Brüder, tut nichts Böses den Fremden!

Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch und tut mit ihnen, was euch gefällt; aber diesen Männern tut nichts, denn sie sind unter den Schatten meines Daches gekommen.

Die Engel-Männer griffen aber hinaus und zogen Lot herein ins Haus und schlossen die Tür zu. Und sie schlugen die Leute vor der Tür des Hauses mit Blindheit, sodass sie es aufgaben, die Tür zu finden.

Und die Männer sprachen zu Lot: Hast du hier noch Verwandte? Die führe mit weg aus dieser Stadt. Denn wir werden diese Stätte verderben.

Als nun die Morgenröte aufging, drängten die Engel Lot zur Eile und sprachen: Rettet euer Leben und seht nicht hinter euch. Da ließ Gott Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra Und Lots Frau sah hinter sich und wurde zur Salzsäule.

1.Mose 19

 

Es kann ein Vulkanausbruch gewesen sein, mittels dessen die Städte Sodom und Gomorra in Schutt und Asche fielen. Man verstand die Katastrophe als Strafe Gottes für die sprichwörtlich gewordene sodomitische Unzucht.                                

Wir tun recht daran, Unglück mit unserem Tun in Verbindung zu bringen. Leben ist ja Konflikte lösen und Unglück ist auch immer ein Lehrstück für Versagen und  Bessermachen. Katastrophen sind ja immer auch menschgemacht, jedenfalls wurden immer Warnungen überhört aus Sorglosigkeit und Selbstsucht.  Man braucht nicht ein direkte Eingriffe Gottes in die Geschichte anzunehmen, die Menschheitsgeschichte ist auch so Gottes Geschichte mit den Menschen.

Boten mit Vollmacht werden gesandt, um Lot und die Seinen zu retten. Die Boten werden von Leuten aus Sodom angegriffen. Lot bietet seine Töchter als „Freiwild“ an, die Gastfreundschaft war ihm den Verrat an den Töchtern wert.  Frauenhandel und Kindesmissbrauch waren noch üblich. Die patriarchalische Mannesehre galt viel. Mag sein, daß die Frau des Lot an den ungeweinten Tränen ihrer Mitwisserschaft erstickte. Ihr Zurückschauen, ihr Gebanntbleiben in Vergangenheit wurde ihr zum Verhängnis.

 

                                                            *

 

 Kein Menschenopfer mehr

Gott stellte Abraham auf eine fürchterliche Probe. Er sprach: Abraham! Und der antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir zeigen werde.

Da stand Abraham früh am Morgen auf, spaltete Holz zum Brandopfer, bepackte den Esel und nahm seinen Sohn Isaak und sie  machten sich auf.

Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne.  Er legte das Holz zum Brandopfer dem Sohn auf. Er nahm das Feuer und das Messer; und gingen die beiden miteinander.

Da sprach Isaak zu seinem Vater: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?

Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachte.

Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Ehrfurcht zu Gott hegst und  hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. Und Abraham nannte die Stätte »Der Herr sieht«. Daher sagt man bis heute: Morija- der Berg, da der Herr sieht.

1.Mose 22

 

Daß Gott uns auf die Probe stellt, um unser Gottvertrauen auszuloten, das soll uns unvorstellbar sein- Und doch  sehen sich Menschen in Versuchung geführt, sehen sich vor Entscheidungen gestellt, die nicht unschuldig lassen. Auch  dann haben wir mit Gott zu tun. Entscheidungen klären uns, sie zeigen unser wahres Gesicht, zunächst uns selbst, dann auch den Mitmenschen und natürlich Gott, der um uns aber immer schon weiss.

Sicher hat Gott nicht dem Abraham den Sohn abverlangt, um seinen Glauben zu testen. Aber Menschen haben sich lange ausgeliefert gesehen wilden, herrischen Göttern; Menschenopfer waren gang und gäbe- an Götter oder fürs Vaterland oder den Familienclan.

Jedenfalls ist dies die Geschichte von der Ablösung des Menschenopfer durch das Tieropfer, wenn auch verpackt in einen schauerlichen Befehl.

Israel und viele andere Menschen in Verzweiflung nahmen „Vater Abraham“ zum Vorbild: Wenn Gott auch das Pfand seines Glücks-Versprechens uns aus der Hand windet, hat er doch Wege, seine Verheißung zu erfüllen. Müssen wir auch durch Finsternisse, sind diese nicht Endstation. In diesem Sinne  darf die Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“ so verstanden werden: „Vater, führe uns durch die Versuchungen“.

  

                                                            *

 

 Eine Frau für Isaak

Abraham war alt geworden, seine Sara war gestorben, er hat sie in der Höhle Machpela, dem Erbbegräbnis östlich von Hebron, begraben. Überreich hatte Gott sie gesegnet.     

Abraham sprach zu seinem Großknecht Elieser: Zieh zu meiner Verwandtschaft und nimm meinem Sohn Isaak dort eine Frau. Gott wird seinen Engel vor dir her senden, dass du die Richtige findest. Wenn aber die Frau dir nicht folgen will, so bist du vom Auftrag befreit.

Elieser nahm zehn Kamele und noch allerlei Güter seines Herrn und machte sich auf und zog nach Mesopotamien, zu der Stadt Nahor.

1.Mose 24, 1-10

 

Abraham lässt bei seiner Verwandtschaft in seiner alten Heimat nach einer Frau für Isaak suchen. Er scheint sich des Findens sicher zu sein: Gott wird einen Engel vor dir hersenden, sagt er dem Brautwerber. Traumhaft, diese sonnige Gewissheit, daß die Richtige schon da ist. Herrlich auch der Respekt vor der Selbstbestimmtheit der Frau: Wenn die Richtige aber nicht in die Fremde mit will, dann kann man nichts machen.

 

                                                      *

 

 

Wie sich die Richtige fand

Nach langer Reise ließ Elieser die Kamele sich lagern draußen vor der Stadt Nahor bei dem Wasserbrunnen des Abends um die Zeit, da die Frauen kamen um Wasser zu schöpfen.

Und er sprach: Du Gott Abrahams, lass es mir heute gelingen. Das erste Mädchen das zum Wasserschöpfen kommt, und bereitwillig mir zu trinken gibt und meinen Tieren, die soll mir als von Dir bestimmt gelten.

Und ehe er ausgeredet hatte, kam ein  Mädchen heraus, schön von Angesicht, und trug einen Krug auf ihrer Schulter. Die stieg hinab zum Brunnen, füllte den Krug und stieg wieder herauf. Da bat sie Elieser um Wasser.

Und sie sprach: Trinke, mein Herr! Und eilends ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken. Dann sprach sie: Ich will deinen Kamelen auch schöpfen, bis auch sie getrunken haben.

Elieser aber betrachtete sie und schwieg still, abwartend, ob Gott zu seiner Reise Gnade geben werde. Dann  nahm er einen goldenen Stirnreif und zwei goldene Armreifen und sprach: Wessen Tochter bist du? Sie sprach zu ihm: Ich bin Rebekka, die Tochter Betuëls, des Sohnes der Milka, den sie dem Nahor, dem Bruders Abrahams geboren hat.  Und Raum zur Herberge haben wir auch genug. Da neigte sich Elieser und betete zu Gott. 

Das Mädchen aber lief und sagte alles in ihrer Mutter Hause. Und Rebekka hatte einen Bruder, der hieß Laban; und Laban lief zu dem Mann draußen bei dem Brunnen. Und sprach: Komm herein, du Gesegneter des Herrn!

Und man lud ihn ein zum Essen. Er sprach aber: Ich will nicht essen, bis ich zuvor meine Sache vorgebracht habe. Sie antworteten: Sage an! Und Elieser sagte von Abraham, von seines Herrn Auftrag, dass er für den Sohn aus der Verwandtschaft um eine Frau werben solle und es habe sich gefügt, daß diese junge Frau vom Herrn erwählt scheint, denn sie kam als erste zum Brunnen und stillte meinen Durst.

Da antworteten Laban und Betuël und sprachen: Das kommt von Gott, darum können wir nichts weiter dazu sagen. Wir sind einverstanden, dass sie die Frau werde des Sohnes deines Herrn.

Am Morgen aber sprach er: Lasst mich ziehen zu meinem Herrn, haltet mich nicht auf, denn Gott  hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Da sprachen sie: Wir wollen das Mädchen rufen und fragen, was sie dazu sagt.

Und sie riefen Rebekka und sprachen zu ihr: Willst du mit diesem Manne ziehen? Sie antwortete: Ja, ich will es.

Da ließen sie Rebekka ziehen mit Abrahams Knecht und ihre Amme ging auch mit. Und sie segneten Rebekka und sprachen zu ihr: Du, unsere Tochter, unsere Schwester wachse vieltausendmal tausend, und dein Geschlecht nehme die Tore von Gottes Feinden ein.

So machte sich Rebekka auf und zog mit Abrahams Knecht davon. 

1.Mose 24,11 – 61

 

Diese freundliche Erzählung  hat noch die Anmut der orientalischen Märchenerzähler. Die wollen unterhalten und  belehren. Erst später wurde die ursprünglich selbstständige Geschichte in die Sammlung  der heiligen Schriften eingearbeitet.

Spannend bleibt, wie Elieser herausfindet, dass Gott Gnade zu seiner Reise gegeben hat. Erstens geht er davon aus, dass er im Dienste des Herrn unterwegs ist. Und zweitens schlägt er Gott ein Erkennungs-Schema vor. Er wagt, Gott festzulegen, um sich Kenntnis zu beschaffen. Aber es bleibt die Freiheit Gottes gewahrt. Und auch die Frau muss zustimmen. Ihr sofortiges Mitgehen zeigt, dass auch die Frau, von Gott sich auserwählt weiss und damit Geschichte nicht als  Leere sieht oder als klumpigen Haufen von Komplikationen. Geschichte leuchtet hier auf  als von Gottes Willen  und menschlichem Zutun gemeinsam Geschichtetes.

 

                                                 *

 

Zwillinge, so verschieden

Und Abraham starb in einem schönen Alter, alt und lebenssatt, und wurde zu seinen Vätern und Müttern  versammelt. Isaak nahm die Rebekka zur  Frau und sie gewannen sich lieb. Und Gott segnete sie. Und  Rebekka wurde schwanger, es waren Zwillinge, die stießen sich schon im Mutterleib.

Der erste, der herauskam, war rötlich, ganz rau wie mit Fell, und sie nannten ihn Esau. Danach kam sein Bruder heraus; der hielt mit seiner Hand die Ferse des Esau, und sie nannten ihn Jakob (d.h. Fersenhalter). Esau wurde ein tüchtiger Jäger, ein Mann der Natur.  Jakob aber wurde ein Mensch des Nachdenkens und der Häuslichkeit.

Und Isaak hatte Esau lieb, er aß gern von seinem Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieb.

1.Mose 24,67; 25,1- 28

 

Von  Abraham und Isaak zu Jakob führt der Segen Gottes: Jakob gilt als Stammvater der zwölf  Söhne, von denen die zwölf Stämme Israels abstammen. Wie verquer, wie am seidenen Faden, wie wunderbar  die Geschichte Israels von Anfang an lief, das erzählte sich Israel in all seinen bedrohten Zeiten:

Es begann schon mit der langen Kinderlosigkeit des Abraham und der Sara. Verheißen war, dass aus ihnen ein Volk wird, aber ein Volk fängt mit zumindest einem Nachkommen an. Als der dann endlich da war, waren Gefahren die Fülle  zu bestehen, in denen Gott den Verheißenen zurück zu fordern schien.

Dann wurde Isaak erwachsen, Der Segen sollte weitergehen, aber schien schon bei den Zwillingen zu stocken. Schon im Mutterleib befehden sie sich, liefern sich ein Wettrennen um die Rangfolge. Und die Eltern befehden sich wegen ihrer jeweiligen Lieblinge. Der Segen der Väter steht dem Ältesten zu, hätte Gott den nicht gewollt, hätte er ihn ja als Zweiten zur Welt kommen lassen können.

Beglückend:1.Mose 25,7:Abraham starb in schönem Alter, lebenssatt. Das ist der Traum vom friedlichen Sterben, dankbar zur Ruhe kommen nach Mühe und Arbeit  und heimkehren zu den Vorangegangenen.

 

                                                       *

 

Für ein Linsengericht

Und Jakob kochte ein Gericht. Da kam Esau vom Feld und war müde

und sprach zu Jakob: Lass mich essen das rote Gericht; denn ich bin müde. Und Jakob sprach: Verkaufe mir deine Erstgeburt, sofort jetzt.

Esau antwortete: Ich muss sowieso sterben; was soll mir da die Erstgeburt?

Jakob sprach: So schwöre mir, du trittst sie mir ab. Und Esau  schwor ihm und verkaufte Jakob seine Erstgeburt. Da gab ihm Jakob das Linsengericht, und er aß und trank und stand auf und ging davon.

1.Mose 25, 29-34

 

Bis heute ist Esaus verächtlicher Umgang mit einem hohen Gut sprichwörtlich. Da stürmt dieser Raubauz ins Haus. Der Duft seiner Lieblingsspeise erregt seinen Heißhunger. Jakob macht sich diese Gier zu Nutze, nimmt ihm den Eid ab, daß er als Ältester auf sein Erstgeburtsrecht verzichte. Vielleicht war ihm die Verheißung Gottes vom großen Volk eine Nummer zu groß und er fühlte sich für die großen Pläne Gottes zu klein, wollte nicht ins Rampenlicht, wollte gern sein eigener Herr bleiben. Gott schien ihn verstanden zu haben und ließ ihn später auf andere Weise Karriere machen.

 

                                                         *

 

Mutter und Sohn täuschen Isaak

Als Isaak alt geworden war und seine Augen schwach, rief er Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn! Geh aufs Feld und jage mir ein Wildbret und mach mir ein Essen, wie ich’s gern habe, und bring mir’s herein, dass ich esse, auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe.

Rebekka aber hörte diese Worte, ging zu Jakob, ihrem Sohn, und sprach: Tu, was ich dir sage. Geh hin zu der Herde und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er’s gerne hat. Das sollst du ihm auftischen, dass er esse und dich segne vor seinem Tod.

Jakob aber sprach zu seiner Mutter Rebekka: Siehe, mein Bruder Esau ist rau, doch ich bin glatt; mein Vater könnte mich betasten, und ich würde vor ihm dastehen, als ob ich ihn betrügen wollte, und brächte über mich einen Fluch und nicht einen Segen.

Da sprach seine Mutter zu ihm: Der Fluch komme über mich, mein Sohn; verlasse dich auf  mich. Da ging er hin und holte die Zicklein und brachte sie seiner Mutter. Die machte  ein Essen, wie es sein Vater gerne hatte.

Und sie nahm Esaus Feierkleider und zog sie Jakob an. Und  Felle von den Zicklein tat sie ihm um seine Hände und wo er glatt war am Halse. Dann  gab sie das Mahl in seine Hand. Er ging hinein zu seinem Vater und sprach: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein Erstgeborener; komm nun, setze dich und iss von meinem Wildbret, auf dass mich deine Seele segne.

Isaak aber sprach zu seinem Sohn: Wie hast du es so schnell gefunden, mein Sohn? Er antwortete: Der Herr, dein Gott, bescherte mir’s. Da sprach Isaak zu Jakob: Tritt herzu, mein Sohn, dass ich dich betaste, ob du mein Sohn Esau bist oder nicht. So trat Jakob zu seinem Vater Isaak. Und als er ihn betastet hatte, sprach er: Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände. Und sprach: Bist du mein Sohn Esau? Er antwortete: Ja, ich bin’s.

Da sprach er: So bringe mir her, mein Sohn, zu essen von deinem Wildbret, dass dich meine Seele segne. Da brachte er’s ihm und er aß; und er trug ihm auch Wein hinein und er trank.

Und Isaak, sein Vater, sprach zu ihm: Komm her und küsse mich, mein Sohn! Er trat hinzu und küsste ihn. Da roch er den Geruch seiner Kleider und segnete ihn und sprach: Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der Herr gesegnet hat. Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fruchtbarkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei Herr über deine Brüder. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet!

Als nun Isaak den Segen über Jakob vollendet hatte und Jakob kaum hinausgegangen war von seinem Vater Isaak, da kam Esau, von der Jagd und machte auch ein Essen und trug’s hinein zu seinem Vater und sprach zu ihm: Richte dich auf, mein Vater, und iss von dem Wildbret deines Sohnes, dass mich deine Seele segne.

Da antwortete ihm Isaak, sein Vater: Wer bist du? Er sprach: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn. Da entsetzte sich Isaak über die Maßen sehr und sprach: Wer? Wo ist denn der Jäger, der mir zuvor aufgetischt hat, und ich habe von allem gegessen, ehe du kamst, und habe ihn gesegnet? Und er wird auch gesegnet bleiben.

Als Esau diese Worte seines Vaters hörte, schrie er laut und wurde über die Maßen traurig und sprach zu seinem Vater: Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? Segne mich auch, mein Vater! Und er weinte sehr. Da antwortete sein Vater: Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder sollst du dienen. Aber einst wirst du sein Joch von deinem Halse reißen. Und Esau war voll Hass und sprach bei sich:  ich will meinen Bruder Jakob umbringen.

Das wurden Rebekka hinterbracht. Und sie ließ Jakob warnen: Dein Bruder Esau droht, dich umzubringen. Mach dich auf und flieh, flieh zu meinem Bruder Laban nach Haran.

1.Mose 27

 

Wie Menschen falsch spielen können- dafür ist Rebekka ein Beispiel. Sie weiß, daß sie Unrecht einfädelt und will den Fluch, wenn er denn komme, auf sich ziehen. Doch Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Er nutzt unsere Taten und Untaten. Besessene Mutterliebe fädelt das Schurkenstück ein, das nötig ist, um den Vatersegen auf den Gottgewollten zu lenken. Wird Rebekka von Gott verführt zum Unrecht? Wir müssen davon ausgehen, dass Rebekka tat, was sie wollte. Und Gott damit machte, was Er wollte. 

Wir sehen nicht, was wird. Uns bleibt nur die Hoffnung, dass vom Ende her das Geschehen seine Rechtfertigung findet und  das Ende in ein Ziel mündet, welches die Auflösung aller Verwicklungen bringt.

Schon Esau wird im Laufe der Zeit seinen Frieden mit dem Dieb machen, auch weil er lernt, dass Jakob nur tat, was er tun musste. Letztlich ist es doch Gott, der zusammenfügt das Finden des innersten Wesens und das Eintreffen der äußeren Zufälle. Doch werden zu als der man gedacht ist, ist harte Arbeit.

 

                                                    *

 

Jakob schaut die Himmelsleiter

Jakob machte sich auf nach Haran und kam an eine Stätte, die zum Nachtlager einlud- die Sonne war untergegangen. Und es träumte ihm, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und Engel stiegen daran auf und nieder.

Und oben stand Gott und sprach: Jakob, ich bin der Gott Abrahams und Isaaks und will auch dein Gott sein. Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben, die sollen zahlreich  werden wie der Staub auf Erden, und durch dich und deine Nachkommen soll die ganze Menschheit gesegnet werden. Ich bin mit dir und will dich behüten und will dich nicht verlassen, bis alles eingetroffen ist, was ich dir zugesagt habe.

Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, schauderte ihn. In Ehrfurcht eingehüllt sprach er: Hier ist ein Ort Gottes, hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob nahm den Stein, auf dem sein Haupt geruht hatte, und richtete ihn auf  und baute einen Altar. Er  nannte die Stätte Bethel - Haus Gottes.

1. Mose 28, 10-21

 

Im Traum eine Leiter sehen, an der die Engel auf und nieder steigen: Jakob sieht sich in einer  nicht enden wollenden Verbindung zu Gott. Engel bilden eine Art Räuberleiter (Peter Handke). Ihm geschieht Verknüpfung. Er beschafft sie nicht durch gute Taten oder Geheimwissen. Gott setzt sich mit ihm in Verbindung, erwählt ihn, überschüttet ihn mit Glücksverheißung. Und keiner geht dabei leer aus; alle Welt  soll davon profitieren.

Auch uns kann der Weg zum Himmel offen stehen. Bedenk deine Bilder, in denen Gott sich dir nahte. Wo du leer vor Glück warst, da warst du gottvoll. Wir können uns einander Himmelsleiter sein, uns heil machen, ein Stück weit.

Am Leben sein, heißt, auf dem Weg sein. Obwohl Jakob einen Ort findet voll Heiligkeit, geht er weiter. Er baut einen Altar zum bleibenden Gedächtnis aber geht weiter, gewiss, dass sein Gott mit ihm unterwegs ist.

 

                                                       *

 

Jakob findet Rahel

Jakob ging weiter nach Osten. Nach langen Tagen kam er an einen Brunnen. Herden waren versammelt und Hirten. Jakob sprach zu ihnen: Liebe Brüder, wo seid ihr her? Sie antworteten: Wir sind von Haran. Er sprach zu ihnen: Kennt ihr auch Laban, den Sohn Nahors? Sie antworteten: Ja, wir kennen ihn. Er sprach: Geht es ihm auch gut? Sie antworteten: Es geht ihm gut; und da kommt seine Tochter Rahel mit den Schafen.

Als Jakob aber Rahel sah, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter, trat er hinzu und tränkte ihr die Schafe. Und er küsste Rahel und weinte laut.

Dann sagte er, dass er ihres Vaters Verwandter wäre und Rebekkas Sohn. Da lief sie und sagte es ihrem Vater. Als aber Laban hörte von Jakob, seiner Schwester Sohn, lief er ihm entgegen und herzte und küsste ihn und führte ihn in sein Haus. Da erzählte er Laban alles, was sich begeben hatte.

1. Mose 29,1-12

 

Der Kranz der Jakobserzählungen ist hinreißend schön. Sie sind wahr. Sie sind Menschheitswissen. Beglückend- wie aus der Flucht eine Brautschau wird. Der Gottesliebling findet die richtige Frau, aber es sind zwei. 

Erst mal tut Jakob instinktiv das für den guten Weg Nötige- an der Meute der staunenden Hirten vorbei verschafft er der Richtigen Vortritt zum Wasser, dann tränkt er das Vieh, was gemeinhin als Frauenarbeit galt. Dann küsst er sie und jetzt erst stellt er sich als Verwandten vor. Er geht mit großem Selbstbewusstsein zu Werke, er weiß sich mit Gott im Bunde und nutzt diese Beziehung zielstrebig.

 

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Jakob dient um Lea und Rahel

Jakob war schon einen Monat im Haus und hatte sich nützlich gemacht. Dann sprach  Laban zu Jakob: Bleib hier, du machst gute Arbeit. Sage, was willst du an  Lohn haben?

Laban hatte zwei Töchter; die ältere hieß Lea, die jüngere Rahel. Aber Leas Augen waren ohne Glanz, Rahel dagegen war schön von Gestalt und von Angesicht. –

Jakob hatte Rahel schon liebgewonnen und sagte zu Laban:  Ich will dir sieben Jahre um Rahel dienen. Laban antwortete: Abgemacht. So diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und es kam ihm vor, als wären’s einzelne Tage, so lieb hatte er sie.

Und nach sieben Jahren sprach er zu Laban: Gib mir nun meine Braut; denn die Zeit ist da. Da lud Laban alle Leute des Ortes ein und machte ein Hochzeitsmahl. Am Abend aber nahm er seine Tochter Lea und brachte sie zu Jakob; und sie  feierten eine herrliche Hochzeitsnacht. Am Morgen aber, siehe, da wars Lea.

Da sprach Jakob zu Laban: Warum hast du mir das angetan? Habe ich dir nicht um Rahel gedient? Laban antwortete: Es ist nicht Sitte in unserm Lande, dass man die Jüngere weggebe vor der Älteren. Halte mit dieser die Hochzeitswoche, so will ich dir die andere auch geben für den Dienst, den du bei mir noch weitere sieben Jahre leisten sollst. Und so geschah es. Und er hatte Rahel lieber als Lea.

1.Mose 29, 13-30

 

Unvorstellbar für uns Heutige, wie  Vater Laban beide Töchtern an den Mann brachte. Aber die Mehrehe war (und ist) auch eine soziale Institution, sie geschah sicher im Einverständnis der Frauen. Und Jakob musste wohl zwei Frauen lieben, um eben diese Kinder zu erden, die Gott genau durch Jakob und seine Frauen zur Welt gebracht haben wollte.

Verzaubernd die orientalischen Hochzeitsbräuche, welche die Braut verhüllt sein lassen, bis es zu spät ist für Rücktritt und Rückgabe.

Hier steht auch eine der wohl schönsten Liebeserklärungen überhaupt: Die sieben Jahre Warten auf Rahel kamen ihm vor wie nur sieben einzelne Tage, so lieb hatte er sie.

 

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Jakobs Kinder

Und Lea wurde schwanger und schwanger. Sie gebar Ruben und Simeon, Levi und Juda, Issachar und Sebulon; und Töchter, darunter die Tochter Dina. Die von ihrer Magd Silpa geborenen Gad und Asser zählten auch als Leas Eigene.

Rahel war lange kinderlos. Die von ihrer Magd Bilha geborenen Dan und Naftali zählten als Rahels Eigene, waren ihr aber nur ein schwacher Trost.

Dann erhörte Gott die Rahel und sie wurde schwanger und gebar einen Sohn und sprach: Gott hat meine Schmach von mir genommen; sie nannte ihn Josef.  Und sprach: Gott, gib mir noch einen Sohn dazu! Und sie gebar noch Benjamin.

1.Mose 29,31-30,24;35,16

 

Dramatisch hing früher Wohl und Wehe der Frauenwürde von der Mutterschaft ab. Kinder galten als höchstes Gut des Mannes. Darum wurde auch Jakobs Liebe zu Rahel auf eine harte Probe gestellt. Er musste auch Lea lieben lernen, denn „Kinder sind eine Gabe Gottes“ (Psalm 127,3) - die Mutter vieler Kinder galt als vom Herrn gesegnet. Später gebar auch Rahel noch; Jakob und Benjamin  wurden die Lieblingssöhne auch des Jakob- und damit nimmt der Streit zwischen den Brüdern der einen und der anderen seinen Lauf. 

Uns will nicht in den Kopf, und braucht es auch nicht, daß Gott so willkürlich mit der Zeugungs- und Gebärfähigkeit hantieren sollte. Unsere Vorfahren im Glauben hatten eine andere Tendenz: Nicht sind wir Spielball göttlicher Neigungen, sondern: Gottes Wege sind wunderbar: Die Geliebte, die Schöne hat keinen Nachwuchs, die weniger Schöne strahlt durch Kinder. So sind die Gaben verschieden, aber es ist ein Geber. Und der hat in allem die Hand im Spiel.

                                               

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Jakob kommt durch List zu Reichtum

Als Rahel den Josef geboren hatte, sprach Jakob zu Laban: Lass mich zurück  in mein Land gehen. Laban aber sprach zu ihm: Bitte, bleib. Ich spüre, dass mich Gott segnet um deinetwillen. Bestimme den Lohn, den ich dir geben soll.

Jakob sagte: Du weißt, wie ich dir gedient habe und was aus deinem Vieh geworden ist unter mir. Nun wird es Zeit, daß ich für mein Eigenes sorge.

Laban sagte: Ich gebe dir viel. Jakob antwortete: Du sollst mir gar nichts geben; Lass mich machen, wie ich’s meine, so will ich deine Schafe weiter hüten. Alle Schafe und Ziegen sind Deine, nur das Gefleckte oder  Schwarze soll mein sein.  Und Laban: Es sei, wie du gesagt hast.

Und Jakob nahm frische Stäbe von Pappeln, Mandelbäumen und Platanen und schälte weiße Streifen daran aus, sodass an den Stäben das Weiße bloß wurde, und legte die Stäbe, die er geschält hatte, in die Tränkrinnen, wo die Herden hinkommen mussten zu trinken, dass sie da empfangen sollten, wenn sie zu trinken kämen. So wurden die Herden über den Stäben trächtig und brachten viel mehr Gesprenkelte, Gefleckte und Bunte zur Welt. Daher wurde Jakob  über die Maßen reich, sodass er viele Schafe und auch Mägde und Knechte, Kamele und Esel hatte.

Da machte sich Jakob auf und lud seine Kinder und Frauen auf die Kamele und führte weg all sein Vieh und alle seine Habe; alles, was er in Mesopotamien erworben hatte, dass er käme zu Isaak, seinem Vater, ins Land Kanaan.

Jakob aber täuschte Laban damit, dass er ihm nicht ansagte, dass er ziehen wollte. So glich  sein Weggang eher einer Flucht. Auch hatte Rahel den Hausgott ihres Elternhauses- eine kleine Statue- heimlich mitgehen lassen.

Laban jagte mit einer Mannschaft  Jakob nach- und stellte sie am Gebirge Gilead.

Aber Gott war zu Laban im Traum gekommen und sprach zu ihm: Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich. Laban sprach zu Jakob: Warum bist du heimlich geflohen und hast mich hintergangen und hast mirs nicht angesagt, dass ich dich geleitet hätte mit Freuden, mit Liedern, mit Pauken und Harfen? Und hast mich nicht einmal lassen meine Enkel und meine Töchter küssen? Nun, du hast töricht getan. Und wenn du schon weggezogen bist und sehnst dich so sehr nach deines Vaters Hause, warum hast du mir dann meine  Gottesstatue gestohlen?

Jakob antwortete und sprach zu Laban: Ich fürchtete mich und dachte, du würdest deine Töchter von mir reißen. Bei wem du aber deine Gottesfigur findest, der soll sterben. Jakob wusste aber nicht, dass Rahel sie gestohlen hatte.

Da ging Laban in die Zelte Jakobs und Leas und Rahels und fand nichts. Rahel aber hatte den Hausgott genommen und unter den Kamelsattel gelegt und sich darauf gesetzt. Da sprach sie zu ihrem Vater: Ich  kann nicht aufstehen vor dir, denn es geht mir nach der Frauen Weise. Daher fand er den Hausgott nicht, wie sehr er auch suchte.

Nach langem Hin und Her  kamen sie überein, einen Bund zu schließen mit Gott als Zeugen: Und Laban sprach: Gott wache als Späher über mir und dir, dass wir nicht in böser Absicht uns aufsuchen. Und dass du meine Töchter nicht bedrückst oder andere Frauen dazunimmst zu meinen Töchtern. Und sie aßen und gingen auseinander.

1.Mose 30,25-31,34

 

Warum bedient sich  Gott eines solchen Gauners? Und schützt ihn auch noch vor dem gerechten Zorn? Wird damit Gott nicht auch Handlanger von Hinterlist? Es ist wohl so: Gott ist nicht nur der Gute. Er ist der Ganze. Unter dem resoluten Singular „Gott“ bricht sich im Menschenbewußtsein Bahn die eine, umfassende Energie. Die ist für alles zuständig, aus ihr kommt auch das Vergewaltigten und Missbrauchen. Der durchtriebene Jakob mästet sich an fremdem Gut, damit er dann Vater vieler werden kann und selbst viele ernährt. 

Gott ist ja ins Werden der Welt eingefleischt und ins Werden dieser Familensaga hineingebunden, er ist auch auf leidvolle Weise an die Hybris von Menschen gefesselt, eben weil er die Menschen liebt, auch die Gauner.

 

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Wie Jakob dem Esau die Wut abkauft

Am Morgen stand Laban früh auf, küsste seine Enkel und Töchter und segnete sie und zog hin in seine Heimat. Auch  Jakob zog seinen Weg. Und es begegneten ihm die Engel Gottes.  Er betete: Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Isaak, Du hast gesagt: Ich will dir wohltun und deine Nachkommen zahlreich machen wie den Sand am Meer. Nun aber kommt mein Bruder Esau mir entgegen, mich und die meinen umzubringen; rette mich, Herr. 

Und er blieb die Nacht da und bereitete von dem, was er erworben hatte, Geschenke vor  für seinen Bruder Esau: zweihundert Ziegen und dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen, vierzig Kühe und zehn junge Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn Esel. Und beauftragte seine Knechte:

Geht vor mir her und lasst Raum zwischen den  Herden.

Und sagte dem ersten Knecht:  Wenn dir mein Bruder Esau begegnet und dich fragt: Wessen Eigentum ist das, was du vor dir hertreibst? sollst du sagen: Es gehört deinem Knechte Jakob, der sendet es als Geschenk seinem Herrn Esau und zieht hinter uns her. Ebenso gebot er auch dem zweiten und dem dritten und allen, die den Herden nachgingen, und sprach: Wie ich euch gesagt habe, so sagt zu Esau, wenn ihr ihm begegnet, und sagt ja auch: Siehe, dein Knecht Jakob kommt hinter uns.

Denn er dachte: Ich will ihn gnädig stimmen mit den Geschenken, die ich vor mir herschicke. Danach will ich ihn sehen; vielleicht wird er mich annehmen. So ging das riesige Geschenk vor ihm her; er aber blieb diese Nacht im Lager.

1.Mose 32,1-22

 

Nach wohl zwanzig Jahren wagt Jakob die Rückkehr. Und er rechnet damit, dass Esaus Wut über die Segenprellerei noch frisch ist, wie am ersten Tag. Jakob fleht zu Gott, der möge ihm beistehen gegen seinen Bruder. Und gleichzeitig ist er höchst geschickt, seinen Bruder gnädig zu stimmen. Er schickt, raffiniert gestaffelt, Berge von Geschenken- in der Hoffnung, dass Esau, erschöpft vom Staunen, für  die Rache schlicht zu müde sei. Diese doppelte Vorsorge: Gott bitten und sich selbst mühen, schlägt sich auch in einem Bildwort aus unserer Zeit nieder: Bete zu Gott aber fahre fort, ans andere Ufer zu rudern.

 

                                                           *

 

 

Gesegnete hinken

Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und die Töchter und zog an die Furt des Jabbok und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte. Er aber ging noch mal allein zurück.

Da rang ein männliches Wesen mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht niederringen konnte, schlug er ihn auf seine Hüfte. Und er sprach noch dringlicher: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gesiegt. Und er segnete ihn. Und Jakob nannte die Stätte Pniël: Der Ort, da ihm die Sonne aufging. 

1.Mose 32, 23-33

 

Jakob brachte seine Familie und seine Habe ans andere Ufer, ging aber noch mal zurück, wollte wohl an der Schwelle zur Zukunft noch mal im Gebet stille sein und nächtigte allein.

Ein Flussgott soll mit ihm gerungen haben, Jakob weiß selbst nicht, wer genau; nur spürt er, dass es Segenskräfte sind, die Hand an ihn legen. Es ist eine heilende Energie, die er nicht fahren lassen darf- er muss kämpfen um sein Glück. Er bekommt Schläge, aber er will von Gott nicht lassen. Er verkrallt sich  richtig in das Gegenüber, presst ihm den Segen ab.  Dann, als ihm die Sonne aufging, ist er getauft auf seinen neuen Namen: Gotteskämpfer.

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ -kann auch stehen für einen lebenslangen Kampf um das Gute oder um Gewissheit oder um Gottes- und Selbsterkenntnis. Lebenslang wird Jakob hinken- Gesegnete haben immer einen Schaden. Und  die mit Schaden haben auch ihre Portion Segen.

 

                                                             *

 

Jakobs Versöhnung mit Esau

Dann war es soweit- Jakob sah in der Ferne seinen Bruder Esau kommen mit vielen Männern. Da stellte er seine Frauen und Kinder auf und sich davor und sie gingen Esau entgegen, immer wieder sich bis zur Erde beugend. Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn und sie weinten.

Und Esau sprach: Du hast mir Herden entgegen geschickt, was soll das? Er antwortete: Ich möchte so gern Gnade finden vor meinem Herrn - ich sah dein Angesicht, als Spiegel für Gottes Angesicht- freundlich hast du mich angesehen. So nimm doch diese Segensgabe.

Er nötigte ihn, dass er sie nahm und sie gingen versöhnt voneinander. Esau zog an jenem Tage wiederum seines Weges nach Seïr. Jakob aber siedelt sich bei Sichem an. Er kaufte das Land für hundert Goldstücke und errichtete dort einen Altar  und betete an.

1. Mose 33

 

Hinreißend, wie Jakob seine Familie als Schlachtreihe aufbaut. Er will dem Esau die noch vorhandene Wut abhandeln, will ihm auch sein Gesegnetsein vorführen. Er will Esau vor Augen führen, daß dieser es mit einem Schützling Gottes zu tun hat. Gleichzeitig hofiert er Esau ebenfalls als  einen Günstling des Herrn, macht ihm geradezu ein atemberaubendes Kompliment: Nicht nur nähert er und seine Familie sich mit Kniefall, sondern er nimmt dessen Antlitz als Spiegel Gottes. Er nimmt Esau in die Haftung für Gottes Freundlichkeit. So kann Esau gar nicht anders als seinem Bruder vergeben.

Die vorauseilende Unterwürfigkeit Jakobs hat sicher dazu beigetragen,  Esau freundlich zu stimmen. Aber Esau weiß seinen eigenen Weg. Und kann darum vergeben.

 

                                                               *

 

Jakob hatte Josef lieber

Jakob aber wohnte im Lande, in dem sein Vater ein Fremdling gewesen war, im Lande Kanaan. Er wohnte dort mit seinen Söhnen und deren Familien und sie hüteten große Herden.  Jakob hatte Josef lieber als alle seine andern Söhne, weil er der Sohn seines Alters war. Er schenkte ihm ein edles Kleid.

Die Brüder aber hatten  kein freundliches Wort für ihn übrig. Denn er überbrachte ihrem Vater Schlechtes von ihnen. Einmal hatte Josef einen Traum und erzählte ihn seinen Brüdern; da wurden sie ihm noch mehr Feind.

1.Mose 37,1-5

 

Der große Bogen der Geschichten von Josef und seinen Brüdern ist ein Meisterstück antiker Erzählung. Die  Kapitel 37-50 des 1.Buch Mose  nahm Thomas Mann zur Basis für seinen dreibändigen grandiosen Roman „Joseph und seine Brüder“.

Josef wird der Retter des „den  Gott der Väter“ verehrenden kleinen Stammes.- Aber menschliche Schwächen gefährden und begleiten die den Weg zur Größe. Unheilvoll bevorzugt der alte Jakob den (zunächst) einzigen Sohn seiner über alles geliebten Rahel. Josef geht gekleidet in „einem bunten Rock“. (Vielleicht geschneidert aus Rahels Hochzeitskleid - dies eine dichterische Phantasie des Thomas Mann). Jedenfalls nutzt der Vater ihn als Informant über Ungehörigkeiten der Brüder. Josef  bekommt früh beigebracht, sich für was Besseres zu halten, dem dann auch mehr Ehrerbietung und größere Bildung zustehen.

 

                                                              *

 

Traumtänzer

Josef sprach zu seinen Brüdern: Hört doch, was mir geträumt hat.

Wir banden Korn zu Garben auf dem Felde, und meine Garbe richtete sich auf und stand; eure Garben aber stellten sich zum Kreis und neigten sich vor meiner Garbe. Da sprachen seine Brüder zu ihm: Willst du unser König werden und über uns herrschen?

Und er erzählte ihnen noch einen zweiten Traum; Die Sonne und der Mond und elf Sterne neigten sich vor mir.

    Seine Brüder hassten ihn der Träume wegen. Auch sein  Vater nahm ihn sich vor: Was ist das für ein Traum, den du geträumt hast? Sollen wir alle vor dir niederfallen?

1.Mose 37,6-10

 

Dem Josef drängte sich in Träumen seine hervorragende Stellung auf. Gott werde viel vorhaben mit ihm- so musste er die Träume verstehen. Ja, Josef bekommt schon das Ergebnis der kommenden Erkenntnisabenteuer zu Gesicht- geradezu überrealistisch sinnlich wird sein kleines Ego aufgebaut: Einst wird man ihm zu Füßen liegen.

Der Leser bangt mit, ob Josef die Hervorhebung ohne Hochmut bestehen wird. Aber dass er seine Träume rausposaunt, statt sie in sich reifen zu lassen, ist bedrohlich.

 

                                                           *

 

Die Brüder hassen ihn

Wieder einmal sprach Jakob zu Josef: Geh hin nach Sichem zu deinen Brüdern und sieh, ob’s gut steht um sie  und das Vieh, und sage mir dann, wie sich’s verhält.

Als sie ihn von ferne kommen sahen, sprachen sie untereinander: Seht, da kommt der Träumer! Wir werden ihn uns vom Halse schaffen; wir sagen, ein böses Tier habe ihn gefressen; so wird sich zeigen, was seine Träume wert sind.

Ruben aber sprach zu ihnen: Vergießt nicht Blut, sondern werft ihn in die nächste Zisterne! Er wollte ihn aus ihrer Hand erretten und ihn seinem Vater wiederbringen.

Als nun Josef zu seinen Brüdern kam, griffen sie ihn, zogen ihm seinen Rock aus  und ließen ihn herab in einen Brunnen, der gerade kein  Wasser hatte. Und sie setzten sich nieder, um zu essen.

1.Mose 37,12-24

 

Josef wird  von den Brüdern zum Abstieg in den Brunnen gezwungen- und dann setzen die sich wie nach getaner Arbeit zum Essen nieder. Ihr Grölen wird dem Josef noch lange in den Ohren liegen; es dürstet ihn, er ist hungrig, er friert, er weint- aus den Träumen wird nichts werden, er wird seine Träume verfluchen. Oder aber die halten ihn aufrecht, stärken ihn wie ein Pfand. Er hatte ja schon viel von der Verheißung gehört, die von Abraham über Isaak zu Jakob gekommen war und jetzt doch bitte Gestalt gewinnen soll in ihm.

Josef ist gewiss, dass er in Gottes Plänen eine wichtige Rolle zu spielen hat. Und so kann es nicht schon mit ihm aus sein, sein Leben fängt doch gerade an zu sprießen. Vielleicht legt ihn Gott in ein Grab, wie eine Raupe in eine Puppe, ehe sie zum Schmetterling wird. Nachts sieht Josef den gestirnten Himmel über sich, sieht sich gekrönt und redet sich in Gott hinein und in den Schlaf, bis er Stimmen hört.

 

                                                                  *

 

Verkauf nach Ägypten

Eine Karawane von Ismaelitern war auf dem Weg mit ihren Kamelen; die trugen kostbare Ware und zogen hinab nach Ägypten. Da sprach Juda zu seinen Brüdern: Was hilft’s uns, dass wir unsern Bruder töten? Lasst uns ihn den Händlern verkaufen, dann vergreifen sich unsere Hände nicht an ihm - er ist doch unser Bruder, unser Fleisch und Blut. Und sie gehorchten ihm und verkauften Josef für zwanzig Silberstücke nach Ägypten.

Dann nahmen sie Josefs Rock und schlachteten einen Ziegenbock und tauchten den Rock ins Blut und ließen seine Kleider  ihrem Vater bringen und sagen: Dies haben wir gefunden; sieh, ob’s deines Sohnes Sachen  sind oder nicht. Jakob erkannte das Kleid und schrie: Es ist meines Sohnes Rock; ein böses Tier hat ihn gefressen, ein reißendes Tier hat Josef geschlagen! Und Jakob zerriss seine Kleider und trug Leid um seinen Sohn lange Zeit.

Aber die Midianiter verkauften ihn in Ägypten an Potifar, des Pharao Kämmerer und Obersten der Leibwache.

1.Mose 37,25- 36

 

Wie sich Schicksal fügt. Aber wir sind Ruderer, wir fahren mit dem Rücken zur Zukunft (Sören Kierkegaard). Erst im Nachhinein weist sich, wie notwendig genau diese Wege waren. Josef wusste in der Brunnentiefe nicht, was wird. Er konnte sich nur nicht denken, daß das alles gewesen sein soll. Auch Vater Jakob konnte es nicht glauben, daß Josef tot, aus und vorbei sei. Im tiefsten Winkel seines Herzens gab es eine Ahnung. Aber unter tiefer Trauer über Jahre war diese Hoffnung nur ein Flämmchen und keine Aussicht.

Die Brüder handeln verbrecherisch an ihrem Bruder. Wer, wenn nicht Geschwister, sind einander zur Hilfe gedacht? Doch „Scham macht Männer zu Gaunern“ (Robert Musil). Die Brüder sehen sich gedemütigt durch den Hochmut des Einen. Das erklärt nichts, aber macht es verstehbar.

 

                                                           *

 

Eine traurige Geschichte

Und Juda gab seinem ersten Sohn eine Frau, die hieß Tamar. Der Mann starb, ohne Kinder zu hinterlassen. Tamar tat, was damals üblich war: Sie bat ihren Schwager Onan, seinem toten Bruder Nachkommen zu zeugen. Er schlief auch mit ihr, zog sich aber zurück, sodaß sie nicht schwanger werden konnte. Das missfiel Gott und er ließ ihn auch sterben. 

1.Mose 38, 6-10

 

In jener alten Zeit war Kinderzeugen ein Dienst an der Großfamilie. Darum gehörte es sich nicht, daß die Witwe kinderlos blieb. Sie hatte geradezu ein Recht auf Nachwuchs aus der Sippe des verstorbenen Mannes. Diese und andere Sitten und Ordnungen galten als gottgegeben. Damit ist nicht gesagt, daß Gott diese Anordnug getroffen und den Vollzug  verlangt hätte. Damit ist nur gesagt, daß die Menschen damals ihre Gesetze als vom Himmel diktiert hielten.  In unserer Zeit die Selbstbefriedigung als von Gott verboten zu erachten, ist absurd.

 

                                                          *

 

Männer

Viele Tage waren vergangen im Leben der Witwe Tamar. Da starb Judas Frau. Und nachdem Juda ausgetrauert hatte, ging er hinauf, seine Schafe zu scheren nach Timna. Da wurde der Tamar gesagt: Siehe, dein Schwiegervater geht hinauf nach Timna.

Da legte sie die Witwenkleider ab, verhüllte sich mit einem Schleier und setzte sich vor das Tor an dem Wege nach Timna. Als Juda sie nun sah, meinte er, es sei eine Hure- sie hatte auch ihr Angesicht verdeckt.

Und er ließ sich mit ihr ein, nicht wissend, dass es seine Schwiegertochter war. Sie antwortete: Was willst du mir geben, dafür, daß du mit mir schlafen darfst?

Er sprach: Ich werde dir einen Ziegenbock senden. Sie antwortete: So gib mir dein Siegel zum  Pfand, bis ich ihn habe. Da gab er’s ihr und kam zu ihr; und sie ward von ihm schwanger.

Später sandte Juda den Ziegenbock durch seinen Freund, damit er das Pfand zurückhole von der Frau. Doch der Freund kam zurück zu Juda und sprach: Ich habe sie nicht gefunden; dazu sagen die Leute des Ortes, es sei keine Hure da gewesen. Juda sprach: Sie mag’s behalten, damit wir nur nicht in Verruf geraten! Siehe, ich habe den Bock gesandt, und du hast sie nicht gefunden.

Nach drei Monaten wurde Juda angesagt: Deine Schwiegertochter Tamar hat Hurerei getrieben; und siehe, sie ist davon schwanger geworden. Juda sprach: Führt sie heraus, dass sie verbrannt werde. Und als man sie hinausführte, schickte sie zu ihrem Schwiegervater und sprach: Von dem Mann bin ich schwanger, dem dies gehört. Juda erkannte sein Siegel und sprach: Sie ist gerechter als ich. Und bekannte sich zu seiner Vaterschaft.

1. Mose 38, 11-26

 

Eine der Geschichten, um deretwillen das Alte Testament im üblen Ruf steht- völlig zu Unrecht. Das Alte Testament  ist grandios ehrlich- ist also auch ein Abbild unserer menschlichen Schwächen.  Und betont, daß Gott sich einlässt auf genau diese verruchten und geschickten Menschen.

Die Witwe weiß sich ihrem verstorbenen Gatten zum Erhalt der Familienehre durch Nachwuchs verpflichtet. Und erwirkt sich die Schwangerschaft durch List. Der Mann, der die Hure besuchte, spricht sie des Todes schuldig. Dann weist sie aber das Siegel vor, das der Freier als Pfand zurückließ. Beschämt bekennt Juda seine Verfehlung. Und setzt Tamar in ihre Rechte ein.

Es ist eine der Geschichten, die den Männern beibringen, daß sie die Frau zur Hure machen. Die Frau zu bestrafen, als wäre der Mann das Opfer  ist mit dieser Geschichte als sündhaft gebrandmarkt. Es ist ein hohes Gut des Gottesglaubens, dass diese Ehrung der Tamar aufgeschrieben blieb, obwohl es den Stammvater des großen jüdischen (Nord) Reiches in schlechtem Licht zeigt. Und Tamars Sohn Perez gehört in den Stammbaum Jesse, der dann auf Jesus zuführt (Lukas 3,33).

 

                                                            *

 

Einer, dem alles glückte

Mit den Kaufleuten  kam Josef nach Ägypten. Dort verkauften sie ihn an den Haushalter des Pharao mit Namen Potifar. Und Gott war mit Josef, sodass er ein Mensch wurde, dem alles glückte.

Sein Herr sah, dass Gott mit ihm war; da gab er ihm Vollmacht über sein Haus; und alles, was er hatte, vertraute er ihm an. Aber Josef war schön an Gestalt und hübsch von Angesicht.

So fügte es sich, daß, dass die Gemahlin des Potifar ihr Auge auf Josef warf und sprach: Lieb mich!

Er weigerte sich aber und sprach zu ihr: Wie könnte ich das Vertrauen meines Herrn so missbrauchen und gegen ihn und Gott sündigen? Sie aber bedrängte Josef tagtäglich mit heißen Worten. Aber er blieb stark und war ihr nicht zu Willen. 

Eines Tages war kein Mensch sonst im Haus. Und sie verstellte ihm den Weg und sagte: Komm jetzt! Aber er riss sich los, und ließ sein Obergewand in ihrer Hand und floh zum Hause hinaus. Da war sie so sehr gekränkt, daß sie auf Rache sann.

Sie rief die Leute zusammen und sprach zu ihnen: Der hebräische Kerl wollte mich vergewaltigen. Als ich schrie, da floh er – sein Gewand hielt ich fest. Da ist es. Und sie legte sein Kleid neben sich, bis ihr Gemahl heimkam.

Als sein Herr nach Hause kam und die Anklage  seiner Frau hörte, wurde er sehr zornig. Er ließ ihn ins Gefängnis werfen.

1. Mose 39,1-20

 

Daher also das Wort vom „keuschen Josef“. Er wollte einfach das Vertrauen seines Herrn nicht mißbrauchen. Eigentlich reicht in heiklen Situationen das einfache Wort „nein“ und jeder vernünftige Mensch stellt bei handfester Klarheit das Werben ein. Allerdings ist Faszination ein explosiver Stoff. Sieht sich ein Mensch zurückgestoßen, so kann er rasend werden.

Josef als Glückskind wird sich noch oft bewähren müssen. Und „wem viel anvertraut ist, dem wird viel abverlangt“ (Lukas 12,48). Auch die Gnade ist zwar umsonst aber ist nicht billig.

 

                                                          *

 

Josef  hat auch im Gefängnis Glück

Gott neigte die Herzen der Menschen dem Josef zu. Auch das Vertrauen  des Gefängnis-Vorstehers gewann er schnell, bald waren ihm alle Gefangenen unterstellt und ohne sein Wort passierte nichts. Es geschah aber, dass sich der Mundschenk des Königs von Ägypten und der Oberste Bäcker versündigt hatten an ihrem Herrn. Und der Pharao ließ sie ins Gefängnis werfen, wo Josef auch war. Und es träumte ihnen beiden Träume voller Bedeutung. Und sie erzählten Josef ihre Träume. Bald darauf kamen sie frei- was Josef ihnen in Aussicht gestellt hatte.

1.Mose 39,21-22; 40, 1-5 

 

Die Verfasser dieses wunderbaren Erzählreigens sehen den Verlauf der Geschichte normal laufen. Keine Gottheit greift mit Blitz und Donner von außen ein, wie man sich in grauer Vorzeit etwa des Geschickes Mächte so gewalttätig vorstellte. Hier in der vergleichsweise modernen Novelle ist Josef von guten Mächten wunderbar geborgen. Hinter den Kulissen ahnt man einen „guten Vater“, der langfristig die guten Energien stärkt und die bösen Kräfte schwächt.

Gott neigte dem Josef die Herzen zu. Das ist doch das Geheimnis aller Sympathie und  allen Charmes- das sie nicht erklärlich sind, sondern Zuneigung wird von höheren Ortes verfügt, sie zählen zu den Rohstoffen des Herzens und sind eigentlich Gemeineigentum. Warum auch niemand sich etwas einbilden sollte auf die Zuneigung, die er findet.
Josef deutet den Mitmenschen ihre Träume. Wir sollten damit sehr behutsam sein. Am besten kann man ja seine Träume selber deuten, wenn man nur hinfühlt und achtet auf die im Traum vorweggenommene Entschlossenheit.

 

                                                             *

 

Josef fällt nach oben

Nach zwei Jahren hatte der Pharao einen Traum, der ihn furchtbar berührte. Er ließ alle Wahrsager in Ägypten rufen und alle Weisen. Aber da war keiner, der dem Pharao seine Träume verstehbar machen konnte.

Da redete der oberste Mundschenk zum Pharao und sprach: Ich muss heute an meine Sünden denken: Als der Pharao mich mit dem obersten Bäcker ins Gefängnis brachte, da träumte uns beiden in einer Nacht einem jeden sein Traum. Es war bei uns damals ein hebräischer Jüngling, des Amtmanns Knecht, dem erzählten wir’s. Und er deutete uns unsere Träume. Und wie er uns deutete, so ist’s gekommen.

Da sandte der Pharao hin und ließ Josef rufen, und sie holten ihn eilends aus dem Gefängnis. Er ließ sich frisieren und zog andere Kleider an und kam hinein zum Pharao.

Da sprach der Pharao zu ihm: Ich habe einen Traum gehabt und es ist niemand, der ihn deuten kann. Ich habe aber von dir sagen hören, wenn du einen Traum hörst, so kannst du ihn deuten.

Josef antwortete dem Pharao und sprach: Das steht nicht bei mir; doch lege sie dar.

1.Mose 41,1-16

 

Die Erzählung von Josef, der  die Träume des Pharao deutet, nimmt einen langen Anlauf. Weit ist der Umweg übers Gefängnis, doch „es gibt keine Zufälle“. Josef musste dorthin, weil Jahre vorher dort ein Probelauf in Traumdeutung ihm abverlangt wurde. Daraufhin konnte später der Mundschenk sich an den Kundigen erinnern.

Gott gestaltet Geschichte mit großer Übersicht und meist inkognito. Von langer Hand wird Rettung in die Wege geleitet. Dabei muss nicht jeder Schritt einzeln von Gott konstruiert sein, die Allmacht ist auch wirksam, indem sich die Dinge selber machen. Einer hat seinen Traum gut gedeutet bekommen, vergisst dieses Wunder, aber zur rechten Zeit erinnert er sich und kann die Fügung weiter anschieben.

 

                                                      *     

 

Die fetten und die mageren Kühe

Der Pharao sprach zu Josef: Mir träumte, ich stand am Ufer des Nils und sah aus dem Wasser steigen sieben schöne, fette Kühe; die gingen auf der Weide im Grase. Nach ihnen stiegen sieben dürre, sehr hässliche und magere Kühe heraus und fraßen die sieben fetten Kühe.

Und ich sah noch einen andern Traum: Ich sah sieben Ähren auf einem Halm wachsen, voll und dick. Danach gingen sieben dürre Ähren auf, dünn und versengt. Und die sieben dünnen Ähren verschlangen die sieben dicken Ähren. Und die Wahrsager können es mir nicht deuten.

Josef antwortete dem Pharao: Die sieben schönen Kühe und die sieben guten Ähren sind sieben gute Jahre fetter Ernten. Die sieben mageren Kühe und die sieben versengten Ähren stehen für sieben Jahre des Hungers. In beiden Träumen verkündet Gott dem Pharao, was bevorsteht: Nach sieben Jahre Fülle  werden sieben Jahre Hunger über Ägypten kommen.

Nun suchte  der Pharao einen verständigen und weisen Menschen, den er über Ägyptenland setze. Der sollte die richtigen Beamten einsetzen. Die sollen den fünften Teil in Ägyptenland in den sieben reichen Jahren von allem einsammeln. Sie sollen vom Ertrag der guten Jahre, die kommen werden, Getreide aufschütten in des Pharao Kornhäusern zum Vorrat in den Städten und es verwahren. Damit für Nahrung gesorgt sei für das Land für die schlechten Zeiten.  

Und der Pharao sprach zu Josef: Weil dir Gott dies alles kundgetan hat, ist keiner so verständig und weise wie du, in keinem wohnt der Geist Gottes wie in dir. Dich setze ich  über mein Haus. Und er tat seinen Ring ab von seiner Hand und gab ihn Josef an seine Hand und kleidete ihn mit kostbarer Leinwand und legte ihm eine goldene Kette um seinen Hals und ließ ihn auf seinem zweiten Wagen fahren und ließ vor ihm her ausrufen: Der ist des Landes Vater! Und setzte ihn über ganz Ägyptenland. Und Josef war dreißig Jahre alt.

1.Mose 41,17-46

 

Prophezeiende Wahrträume geschehen. Verstehende Menschen nehmen sie als Wink des Schicksals, Vorkehrungen zu treffen. Träumend schärft sich in uns auch der Sinn für Nötiges. Zu Gesicht gebracht wird mir möglicherweise Kommendes, und Zurückliegendes klärt sich, entwirrt sich.

Wir sind zuständig im Rahmen unserer Kräfte. In des Regierenden Pflicht steht es, vorausschauend vorzusorgen. Klar umrissene, hellsichtige  Prognosen sind  Gnade; auch Wissende zu finden für verantwortliches Handeln ist Gnade. Die richtigen Dinge zu tun, lehrt Josef. Die Dinge richtig zu tun, wurde Josef aufgegeben.

Alles zieht unablässig und miteinander verkettet weiter, die einen Dinge reißen die anderen mit, und alle wissen sie nichts voneinander. Doch letztlich geschieht es, damit Sein Wille geschehe.

 

                                                     *

Josefs der Ernährer

Und das Land trug in sieben reichen Jahren die Fülle, brachte Getreide wie Sand am Meer. Und Josef ließ sammeln die ganzen Ernten der sieben Jahre des Überflusses und verwahrte sie in neu errichteten Kornhäusern.

Und Josef und seiner Frau Asenat wurden zwei Söhne geboren: Manasse- das heißt: Gott hat mich vergessen lassen all mein Unglück, und Ephraim- das heißt: Gott hat mich wachsen lassen in dem Lande meines Elends.

Als nun die sieben reichen Jahre um waren im Lande Ägypten, da fingen die Hungerjahre an, auch in den Ländern ringsum.  Als nun ganz Ägyptenland Hunger litt, schrie das Volk zum Pharao um Brot. Da tat Josef die Kornhäuser auf und verkaufte den Ägyptern; und der Hunger wurde je länger je größer im Lande. Und alle Welt litt Hunger und sie kamen nach Ägypten, um bei Josef zu kaufen.

1.Mose 41, 47-57

 

Josefs Blick in die Geschichte beschaffte dem Pharao unermessliche Macht, die Bevölkerung aber überlebte und- verarmte. Ganz Ägypten geriet in die Leibeigenschaft. Dank Josefs Strategie des Hortens in den Zeiten des Überschusses, konnte er bei Anziehen der Nachfrage nach Belieben den Preis anheben, auch die Ware verknappen. Und immer mehr mussten die Menschen geben, um immer weniger, aber doch wenigstens das Nötigste bekommen zu können.

Hier wird zum ersten mal  Kapitalismus im großen Stil betrieben. Einer hat die bessere Information und das Startkapital und den festeren Willen, die Zukunft mit zu gestalten. Einer häuft Reichtum –also Gestaltungsmöglichkeit- an, andere verarmen. Sicher eine fragwürdige Art des Umgangs mit Menschen, den Gott da fördert. Immerhin entstehen so Völkerzusammenschlüsse, Austausch, Handel, Wandel. In Ägypten geschah eine Blüte der Menschheit an Geist, Religion und Kunst. Und das Volk und vor allem  auch Israels Ursprungsfamilie  überlebte.

 

                                                         *

 

Erste Reise der Brüder

Auch in Kanaan und in Sichem bei Jakobs Familie  wurde Essbares knapp. Es hatte sich aber rumgesprochen, daß in Ägypten Getreide noch zu haben sei. Da sprach Jakob zu seinen Söhnen: Kauft uns Getreide, dass wir leben und nicht sterben. Was sitzt ihr hier und macht lange Gesichter; zieht hinab und kauft  das zum Überleben Notwendige.

Da zogen die Brüder Josefs los, um in Ägypten Getreide zu kaufen. Aber den Benjamin, Josefs kleinen Bruder, ließ Jakob nicht mit seinen Brüdern ziehen.

So kamen die zehn Söhne Jakobs aus ihrer Heimat nach Ägypten. Josef gewahrte seine Brüder schon von ferne. Sie fielen vor ihm nieder zur Erde.- Er erkannte sie, aber sie erkannten ihn nicht.

Er stellte sich fremd gegen sie und redete hart mit ihnen: Woher kommt ihr? Sie sprachen: Aus dem Lande Kanaan um Getreide zu kaufen. Er verdächtigte sie: Spione seid ihr und wollt das Land ausforschen.

Sie antworteten ihm: Nein, Herr! Deine Knechte sind gekommen, Getreide zu kaufen. Wir sind alle eines Mannes Söhne; redlich und keine Spione. Wir, deine Knechte, sind zwölf Brüder, und der jüngste ist noch bei unserm Vater, und einer ist nicht mehr vorhanden.

Josef sprach zu ihnen: Und doch seid ihr Spione. Ich  will euch prüfen: Ihr sollt nicht von hier wegkommen, es komme denn her euer jüngster Bruder! Sendet einen von euch hin, der euren Bruder hole, ihr aber sollt gefangen sein. Und sie mussten sich damit abfinden.

Sie sprachen aber untereinander: Das ist die Strafe für unser Unrecht! Wir sahen die Angst der  Seele unseres Bruders, als er uns anflehte, und wir wollten ihn nicht erhören; darum kommt nun diese Trübsal über uns. Nun wird sein Blut von uns gefordert.

Sie wussten aber nicht, dass es Josef verstand; denn er redete mit ihnen durch einen Dolmetscher. Und er wandte sich von ihnen und weinte.

Als er sich dann wieder zu ihnen wandte und mit ihnen redete, nahm er aus ihrer Mitte Simeon und ließ ihn binden vor ihren Augen. Und gab Befehl, ihre Säcke mit Getreide zu füllen und ihnen ihr Geld wiederzugeben, einem jeden in seinen Sack, dazu auch Zehrung auf den Weg; und so tat man ihnen.

Sie aber erschraken, als sie unterwegs das Geld fanden. Und sprachen: Warum hat Gott uns das angetan?

1.Mose 42, 1-28

 

Dies Kapitel will sagen, dass Böses seine Strafe findet. Man sieht sich immer zweimal. Und dann sind die Verhältnisse umgekehrt, dann hat das Leben, hat Gott die herrischen Brüder zu demütig Bittenden umgekehrt. Und der einst flehte, wird Herr über Leben und Tod. Gespannt soll der Leser auch sein, ob der Freund Gottes mit seiner Machtfülle großmütig umgehen wird. Josef wird hoffentlich Gott am Werk sehen, auch im unrechten Tun der Brüder- und darum nicht anders können, als vergeben. Und ja- Schritt für Schritt wird die Versöhnung vorbereitet, die Brüder werden geängstigt wie sie ängsteten und hoffentlich werden sie sich geläutert zeigen.

 

                                                                *

 

Zögerlich schickt sich Jakob in die Realität

Als sie nun heimkamen zu ihrem Vater Jakob ins Land Kanaan, sagten sie ihm alles, was ihnen begegnet war, und sprachen: Der Mann, der im Lande Herr ist, ist hart. Er will Benjamin auch sehen- und behielt Simeon als Pfand.

Da sprach Jakob: Ihr beraubt mich meiner Kinder! Josef ist nicht mehr da, Simeon ist nicht mehr da, Benjamin wollt ihr auch wegnehmen- das geht alles über meine Kräfte.

Irgendwann aber drückte die Hungersnot zu sehr und der Vater schickte sie los: Kauft ein wenig Getreide. Nur mit Benamin, sprach da Juda; Zu sehr hat uns der fremde Herr eingeschärft:  Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, es sei denn, ihr bringt den Bruder mit.

Da fing Jakob noch einmal an zu jammern: Warum habt ihr überhaupt gesagt, dass ihr noch einen Bruder habt? Sie antworteten: Der Mann forschte so genau nach uns und unserer Verwandtschaft und sprach: Lebt euer Vater noch? Habt ihr auch noch einen Bruder? Da antworteten wir ihm. Wie konnten wir wissen, dass er sagen würde: Bringt euren Bruder mit herab?

Da sprach Juda zu Vater Jakob: Lass den Knaben mit mir ziehen, dass wir nicht sterben, wir und du und unsere Kinder. Ich will Bürge für ihn sein; von meinen Händen sollst du ihn fordern. Aber jetzt lass uns endlich gehen. Hätten wir nicht gezögert, wären wir wohl schon zweimal wiedergekommen.

Da sprach Jakob: Wenn es denn so ist, so tut’s und nehmt von des Landes besten Früchten in eure Säcke und bringt dem Manne Geschenke hinab, Balsam und Honig, Harz und Myrrhe, Nüsse und Mandeln. Dazu nehmt euren Bruder. Der allmächtige Gott gebe euch Barmherzigkeit vor dem Manne, dass er mit euch ziehen lasse Simeon und Benjamin. Ich aber muss sein wie einer, der seiner Kinder völlig beraubt ist. Da nahmen sie die Geschenke und doppeltes Geld mit sich, dazu Benjamin, machten sich auf, zogen nach Ägypten und traten vor Josef.

1.Mose 42,25-38; 43,1-16

 

Ein Kampf tobt zwischen Vater und den Söhnen. Nur der schiere Hunger ließ Jakobs Hartnäckigkeit erlahmen. Irgendwann blieb ihm nichts übrig, als sie ziehen zu lassen und sie Gott und der Barmherzigkeit des Herrn der Brote anzubefehlen. Der Vater weiß noch nicht, daß seine Söhne ihn des Josefs beraubt haben. Aber er setzt sich und die Brüder und ihre Familien  lange dem Hunger aus und lässt lieber den Simeon im Gefängnis in der Fremde schmoren- nur, um  den geliebten Benjamin bei sich halten zu können,  der ja von der selben Mutter ist wie Josef, von der geliebten, früh gestorbenen Rebekka. Jakobs blinde Leidenschaft zu seiner ersten Liebe und den zwei Kindern aus dieser Ehe verursachen zunächst den Neid der älteren Ehefrau Lea, dann den ihrer Söhne. Jetzt wird viel gebüßt. Auch Jakob versteht sein Loslassenmüssen als Strafe: „Ich muss sein, wie einer, der seiner Kinder ganz und gar beraubt ist.“ Strafe annehmen ist wohl eine heilige Arbeit.

 

                                                         *

 

Josef nähert sich den Brüdern

Als Josef sie kommen sah mit Benjamin, sprach er zu seinem Haushalter: Führe die Männer ins Haus und schlachte und richte zu, denn sie sollen mit mir essen.

Sie fürchteten sich aber um des Geldes willen, das in den  Säcken das vorige Mal obenauf lag. Der Hauhalter aber sprach: Seid guten Mutes, fürchtet euch nicht! Euer Gott und eures Vaters Gott hat euch einen Schatz gegeben in eure Säcke. Und er führte Simeon zu ihnen heraus.

Dann gab er ihnen Wasser, dass sie ihre Füße wuschen, und gab ihren Eseln Futter. Sie aber richteten die Geschenke zu-  sie hatten gehört, dass sie mit ihm essen sollten.

Als nun Josef ins Haus trat, fielen sie vor ihm nieder zur Erde. Er aber grüßte sie freundlich und sprach: Geht es eurem alten Vater gut, lebt er noch? Sie antworteten: Es geht deinem Knechte, unserm Vater, gut und er lebt noch.

Und er hob seine Augen auf und sah seinen Bruder Benjamin. Da stürzte Josef hinaus; denn sein Herz entbrannte ihm gegen seinen Bruder, und er suchte zu verbergen, daß er weinte. Als er dann sein Angesicht gewaschen hatte, ging er wieder zu ihnen und ließ auftischen.

Und man setzte sie ihm gegenüber der Reihe nach, vom Erstgeborenen bis zum Jüngsten. Sie aber  wunderten sich, wie genau er die Altersfolge kannte. Und man trug das Essen auf und sie tranken und wurden fröhlich mit ihm.

1.Mose 43,16-34

 

Der Haushalter Josefs verkündet ihnen ein Zeichen dafür, daß letztlich die Geschichte gut ausgehen wird: Gott selbst habe ihnen den Kaufpreis erstattet. Dann kann ja keine Strafe warten: die Scheu weicht. Josef ist so gerührt vom Wiederfinden seines jüngsten Bruders- er muß sich erst mal zurückziehen. Und dann werden die Brüder genau nach Alter an der Tafel platziert, das legt doch das Mitwissen des Josef und Göttliche Fügung nahe.

Sie werden fröhlich miteinander, Josef gibt ein Stück seiner Unnahbarkeit auf. das Drama strebt noch erst seinem Höhepunkt zu. Das Wechselbad aus Fremdheit und neuer Vertrautheit hält an.

 

                                                            *  

 

Entsetzen und Offenbarung

Und Josef befahl seinem Haushalter und sprach: Fülle den Männern ihre Säcke mit Getreide, soviel sie fortbringen, und lege jedem sein Geld wieder oben in seinen Sack.

Und meinen silbernen Becher legt oben in des Jüngsten Sack mit dem Gelde für das Getreide. Der tat, wie ihm Josef gesagt hatte.

Am Morgen ließen sie die Männer ziehen mit ihren Eseln. Als sie aber zur Stadt hinaus waren und noch nicht weit gekommen, sprach Josef zu seinem Haushalter: Auf, jage den Männern nach und wenn du sie erreichst, so sprich zu ihnen: Warum habt ihr Gutes mit Bösem vergolten? Warum habt ihr den silbernen Becher gestohlen, den,  aus dem mein Herr trinkt und aus dem er wahrsagt? Ihr habt übel getan.

Sie fanden den Becher in Benjamins Sack und führten die Brüder zurück in die Stadt. Und sie fielen vor Josef nieder auf die Erde. Josef aber sprach zu ihnen: Wie habt ihr das tun können? Juda sprach: Gott hat die Missetat deiner Knechte gefunden. Siehe, wir und der, bei dem der Becher gefunden ist, sind von nun an deine Sklaven .

Er aber sprach: Der, bei dem der Becher gefunden ist, soll mein Sklave sein; ihr aber zieht hinauf mit Frieden zu eurem Vater.

Da trat Juda zu ihm und sprach: Mein Herr, lass deinen Knecht ein Wort reden vor den Ohren meines Herrn, und dein Zorn entbrenne nicht über deinen Knecht, denn du bist groß wie der Pharao. Lass mich hier bleiben an des Knaben statt als Sklave meines Herrn und den Knaben lasst gehen mit seinen Brüdern. Ich könnte den Jammer nicht sehen, der über meinen Vater kommen würde, käme ich ohne Benjamin heim.

1. Mose 44, 1-33

 

Josef lässt die Brüder nachleben, was sie ihm einst angetan haben. Doch sie haben gelernt. Einst opferten sie den Einen zur Genugtuung für ihr Zurückgestelltsein beim Vater. Nun stehen sie gemeinsam für den Jüngsten, den Schwächsten ein. Noch einmal werden sie in Versuchung geführt, fein davon zu kommen. Doch sie schlagen das Angebot, den (vermeintlich) schuldigen Benjamin seiner gerechten Strafe zu überlassen, aus. Juda bietet sich als Opfer an. Damals hatte es ihnen nichts ausgemacht, dem Vater die furchtbare Nachricht vom zerrissenen Sohn Josef zu überbringen. Jetzt will Juda lieber lebenslänglich Sklave sein, als das Leid des zu Tode erschrockenen Vaters über den Verbleib des Jüngsten in Ägyptens Gewahrsam mitzuerleben.

 

                                                         *

 

Josef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen

Da konnte Josef nicht länger an sich halten und rief: Lasst mich mit den Männern allein. Und kein Fremder war Zeuge, als sich Josef seinen Brüdern zu erkennen gab. Laut weinte er, sodass es die Ägypter und das Haus des Pharao hörten, und sprach zu seinen Brüdern: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Lebt mein Vater noch? Und seine Brüder konnten ihm nicht antworten, so erschraken sie vor seinem Angesicht.

Er aber sprach zu seinen Brüdern: Nun bekümmert euch nicht mehr und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt. Es sind noch viele Hungerjahre vor uns. Gott hat mich durch euch hierher geschickt, dass er euch übrig lasse auf Erden und euer Leben erhalte zu einer großen Errettung.

Nun eilt und zieht hinauf zu meinem Vater und sagt ihm: Das lässt dir Josef, dein Sohn, sagen: Gott hat mich zum Herrn über ganz Ägypten gesetzt; komm herab zu mir, säume nicht!

Du sollst im Lande Gosen wohnen und nahe bei mir sein, du und deine Kinder und deine Kindeskinder; komm mit allem, was du hast. Ich will dich dort versorgen. Und er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und küsste alle seine Brüder und weinte an ihrer Brust. Danach redeten seine Brüder mit ihm.

Und als das Gerücht kam in des Pharao Haus, dass Josefs Brüder gekommen wären, gefiel es dem Pharao gut und allen seinen Großen.

Und Josef gab ihnen Wagen nach dem Befehl des Pharao und Zehrung auf den Weg und gab ihnen allen, einem jeden ein Feierkleid, aber Benjamin gab er dreihundert Silberstücke und fünf Feierkleider. Und seinem Vater sandte er zehn Esel, mit dem Besten aus Ägypten beladen. Damit entließ er seine Brüder und sie zogen hin. Und er sprach zu ihnen: Zankt nicht auf dem Wege!

1.Mose 45,1-24

 

 

Jetzt war Josefs Strafaktion auch genug. Sie hatten ihr Lehrgeld bezahlt. Und Josef konnte seiner Liebe freien Bahn lassen. Da standen sie, die Brüder, “wie Klötze“ (Th. Mann). Josef musste erst mal den Schauder von ihnen nehmen. Was er für sich längst erkannt hatte, offenbarte er seinen Brüdern: Euern Neid, eure Wut auf mich Bevorzugten hat Gott genutzt: Um euer Leben zu retten, hat Gott mich vor euch her gesendet.- Großmütig entschuldet Josef die Brüder, er behaftet Gott, daß letztlich er diesen Deal eingefädelt habe. Und dann ist große Versöhnung und überirdische Freude. Väterchen soll nachgeholt werden. Zuletzt wird Josef wieder der Mahner: Haltet Frieden auf dem Weg.

 

                                                              *

 

Jakobs Reise nach Ägypten.

So kehrten die Brüder heim zu ihrem Vater Jakob und verkündeten ihm: Josef lebt noch und ist Herr über ganz Ägyptenland! Aber sein Herz blieb kalt, er glaubte ihnen nicht.

Da sagten sie ihm alle Worte Josefs, und als er die Wagen sah, die ihm Josef gesandt hatte, um ihn zu holen, wurde der Geist Jakobs lebendig. Und er sprach: Ich will hin zu Josef und ihn sehen, ehe ich sterbe.

Und er brachte Opfer dar dem Gott seines Vaters Isaak. Da geschah ihm des Nachts eine Offenbarung: Ich bin Gott, der Gott deines Vaters; fürchte dich nicht, nach Ägypten hinabzuziehen; denn daselbst will ich dich zum großen Volk machen. Ich will mit dir hinab nach Ägypten ziehen und will dich auch wieder heraufführen, und Josef soll dir mit seinen Händen die Augen schließen.

 Da machte sich Jakob auf von Beerscheba mit allem Eigentum; und alle      Seelen des Hauses Jakobs, die mit nach Ägypten kamen, waren sechsundsechzig..

1.Mose 45,25-28; 46,1-4.26

 

 

Die Nachricht, Josef sei am Leben, kann den versteinerten Jakob nicht gewinnen. Erst  die Geschenke aus Ägypten  erwecken die Lebensgeister wieder. Sie zeigten ihm: Die Zumutung, als alter Mensch das gesegnete Stück Erde zu verlassen, muss von Gott selbst gewollt sein. Die direkte Willenskundgabe von oben her war so verpflichtend, daß sich der alte Herr langsam zur Reise anschickte. Er will Josef sehen, wenn er gewiss sein darf, jedenfalls in Heimaterde begraben zu werden. Der tiefere Grund der Reise aber ist die Heilsgeschichte: An Jakob, Sohn von Isaak und Rebekka und Enkel von Abraham und Sara soll sich doch erfüllen, was „der Gott der Väter und Mütter“ verheißen hat: Sie sollen zu einem großen Volk werden. Diese Großfamilie Jakobs mit Lea (und im Gedächtnis die verstorbene Rahel) bilden die Urzelle des Volkes Israel.

Die Patriarchen sind mythische Wesen. Die Historie der Stammväter Abraham, Isaak und Jakob liegt im Dunkel der Geschichte. Die Glaubens –und Lebenserfahrungen von Jahrhunderten sind literarisch verdichtet in diesen idealen Gründerfiguren. Kern des Glaubens von Jakob und Josef ist: Gott geht mit ihnen, auch ins fremdgläubige Ägypten.  Das ist der Anfang des Jesus-Vertrauens, dass Gott auch mit in den Tod geht. „Vater des Glaubens“ aber ist Abraham, der aus dem Nichts heraus- also ohne Vorerfahrung mit Gott, diesem gehorchte und losging.

 

                                                        *

 

Jakob segnet seine Söhne

Und  Josef ließ seinen Wagen anspannen und zog seinem Vater entgegen. Und als er ihn sah, weinte er lange an seinem Halse. Da sprach Jakob zu Josef: Ich will nun gerne sterben. Ich habe dein Angesicht gesehen.

Josef ging zu  Pharao und sagte ihm an: Mein Vater und meine Brüder, ihr Kleinvieh und Großvieh und alles, was sie haben, sind gekommen aus dem Lande Kanaan. Der Pharao sprach zu Josef: Es ist dein Vater und es sind deine Brüder, die zu dir gekommen sind. Das Land Ägypten steht dir offen, lass sie am besten Ort des Landes wohnen, lass sie im Lande Gosen wohnen, und wenn du weißt, dass Leute unter ihnen sind, die tüchtig sind, so setze sie über mein Vieh.

Josef brachte auch seinen Vater Jakob hin vor den Pharao. Der Pharao aber fragte Jakob: Wie alt bist du? Jakob sprach zum Pharao: Die Zeit meiner Wanderschaft ist hundertunddreißig Jahre; wenig und böse ist die Zeit meines Lebens und reicht nicht heran an die Zeit meiner Väter in ihrer Wanderschaft. Und Jakob segnete den Pharao und ging hinaus von ihm.

Josef ließ seinen Vater und seine Brüder in Ägyptenland wohnen und gab ihnen Besitz am besten Ort des Landes, im Lande Ramses, wie der Pharao geboten hatte. Und er versorgte seinen Vater und seine Brüder und das ganze Haus seines Vaters mit Brot, einen jeden nach der Zahl seiner Kinder. Und sie wuchsen und mehrten sich sehr. Und Jakob lebte noch siebzehn Jahre in Ägyptenland, sodass sein ganzes Alter wurde hundertundsiebenundvierzig Jahre.

Und Josef brachte seine in Ägypten geborenen Kinder zu ihrem Großvater. Und Jakob segnete Ephraim und Manasse. Und er segnete Josef und sprach: Der Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak gelebt haben, der Gott, der mein Hirte gewesen ist mein Leben lang bis auf diesen Tag, der Engel, der mich erlöst hat von allem Übel, segne dich und die Knaben. Siehe, ich sterbe; aber Gott wird mit euch sein und wird euch zurückbringen in das Land eurer Väter.  Und Jakob segnete auch all seine anderen Söhne mit einem besonderen Segen und verkündigte ihnen ihre Zukunft.

1.Mose 46,28-30; 47,1-49,28

 

 

Majestätisch fast schreitet Jakob beim Pharao ein. Der mag mehr Macht haben, aber Jakob verfügt über eine hellsichtige Gottesbeziehung. Der Viehbesitzer  segnet ungebeten den, der sich als Gottkönig weiss. Dieser aber scheint über eine abgeklärte Größe zu verfügen- er lässt sich den Segen des ihm fremden Gottes geschehen.

Als es zum Sterben ging, segnete Jakob Söhne und Enkel. Sicher blieb der weibliche Teil der Familie auch nicht ungesegnet. Jakob verbürgt sich für die große Zukunft der zwölf Stämme Israels. Er bezeugt mit seiner Erfahrung Gott als Hirten, als Engel, als Erlöser. Das hohe Alter gilt als Qualitätssiegel eines gottgemäßen Lebens.

 

                                                         * 

 

Jakobs und Josefs Tod

Als Jakob starb und zu seinen Vätern und Müttern versammelt wurde, da bestattete man ihn mit großem Geleit im Grab der Vorfahren, der Höhle Machpela, östlich von Mamre im Lande Kanaan. Als sie ihn nun begraben hatten, zog Josef mit seinen Brüdern wieder nach Ägypten.

Die Brüder Josefs aber fürchteten, jetzt könne Josef zur Vergeltung schreiten. Darum sagten sie ihm, es sei des Vaters letzter Wunsch gewesen, dass er Vergebung walten lasse. Sie baten ihn: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat, dass wir so übel an dir getan haben. Und Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.

Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

Und Josef sprach zu seinen Brüdern: Bald werde ich sterben; aber Gott wird sich euer annehmen. Und er wird euch aus diesem Lande führen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob zu geben geschworen hat. Und Josef starb, hundertundzehn Jahre alt.

1.Mose 50

 

„Zu den Vätern (und Müttern) versammelt werden“ ist frühes Zeugnis für eine Jenseitserwartung, wie auch immer. Jedenfalls hatten die Gottgläubigen schon früh eine Hoffnung, die über das Familiengrab hinausreicht; auch wenn es ihnen wichtig war, in jener Höhle Makpela begraben zu werden. Die hatte Abraham als einzigen Grundbesitz im künftigen Gelobten Land erworben- ein Grab als Pfand für ein großes Reich.                                                                                     Josef vergibt den Brüdern endgültig. Festgehalten bleibt, dass Schuld benannt werden muss und  sie sich nicht einfach auflöst.  Und Versöhnung will gelebt werden. Dazu leitet Josef sich und die Brüder an durch Verweis auf Gott. Der lässt mittels des Bösen Gutes werden. Was  nicht heißt: Der Zweck heiligt die Mittel. Höchstens heiligt Gott das Mittel, den Verkauf in die Fremde, zum edlen Zweck der Bewahrung vor Hunger. Wir würden uns an Gottes Statt stellen, wenn wir Böses säen zum Zwecke einer  Ernte des Guten. Dafür sind wir zu klein, und haben zu wenig Überblick.

Josef stirbt schon in weniger hohem Alter als Jakob und die davor. Damit deuten die theologischen Schreiber dieses Buches an, daß sie die goldene Zeit der Gottesvertrautheit der Patriarchen zu Ende gehen sehen.

 

                                                  *        *

 

2.Buch Mose

Israels Bedrückung in Ägypten und Auszug                                                                                                        Josef und seine Brüder waren schon lange gestorben.- Die Nachkommen Jakobs zeugten Kinder und mehrten sich und wurden überaus stark, sodass von ihnen das Land voll wurde. Da kam ein neuer König auf in Ägypten, der wusste nichts von Josef und sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk Israel ist mehr und stärker als wir. Wir müssen sie kurzhalten, dass sie nicht noch mehr werden. Denn wenn ein Krieg ausbräche, könnten sie sich zu unsern Feinden schlagen und gegen uns kämpfen. Und man bedrückte sie mit Zwangsarbeit. Sie bauten dem Pharao die Städte Pitom und Ramses.                                                               2.Mose 1                                                                                                                                 

Wie im Zeitraffer werden Jahrhunderte der Volkwerdung Israels in Ägypten gerafft in wenige Zeilen: Ein neuer König, ein neuer Pharao weiß nichts von Josef. Schnell vergilben Verdienste. Vergünstigungen hängen an Personen: Wechseln die Herrschaften, wechseln auch die Bevorzugungen.                                                                                                                    Auch die Eingewanderten der nächsten Generationen sind anders dran: Sie müssen sich in der Gegenwart ihre Stellung neu erkämpfen. Die Kinder Israels bleiben in Ägypten Fremde, sie machen wegen ihres vielen Nachwuchses den behäbigen Eingesessenen Angst. Man zwingt sie zu niedriger Arbeit, dann zum Frondienst an den Pyramiden.                                                   

Auch das zweite Buch Mose ist hochwichtig. Das erste Buch Mose (Genesis- Werdung) legt den Grundstein unseres Denkens: Der Mensch von  Gott geschaffen und zum Mitgestalten berufen.- Das zweite Buch Mose (Exodus- Auszug) zeigt die Richtung: Wir, Israel und damit die Menschheit ist mit Gott auf dem Weg aus der Gefangenschaft, aus der Sklaverei von Sünde und Tod und Vergeblichkeit hin ins „Gelobte Land“.

Entdeckt wird für die Menschheit, daß wir nicht zum Zeitvertreib hier sind, sondern schwanger gehen mit Leid und Segen; unsere Seelen sind ausgespannt  auf Fülle. Ausdehnung des Glücks ist der Sinn der Schöpfung, Bau von Gerechtigkeit der Weg. Der Auszug aus der Gefangenschaft in die Freiheit der Kinder Gottes  ist ein Projekt jeder Generation und jedes Einzelnen. Wir sind zu einem Lebensgefühl erhoben, das aus der Idylle in das Drama gerufen ist und aus der Behaglichkeit in das Gestalten von Freiheit. Die politische und persönliche Freiheit leuchtet als großer Wurf Gottes an die Menschen auf. Es wird denkbar, daß wir nicht als Biomasse, nicht als gesichtslose Verbrauchende gedacht sind, sondern Gedankenfreiheit, Schönheit und Liebe leben dürfen.- Denn kein anderer ist Gott, als der, der aus der Knechtschaft herausführt. Immer noch. Der Auszug Israels ist Modellfall für die Menschheit. Die ist unterwegs mit dem vorausgehenden Gott. Mit ihm Schritt zu halten ist immer neuer Auftrag.

Liebevoll erzählt Israel fünf bis acht  Jahrhunderte nach dem dunklen Aufbruch ihrer Pilgerväter und -mütter die Rettung aus Ägypten. Wie bedrohlich auch die jeweilige Gegenwart scheint, sie ist ein Stück Weg, den Gott mitgeht.

                                                             *

Moses wunderbare Errettung                                                                                                  Und der König von Ägypten befahl den hebräischen Hebammen- eine hieß Schifra, die andere Pua: Wenn ihr den hebräischen Frauen helft und bei der Geburt seht, dass es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist’s aber eine Tochter, so lasst sie leben.                                                           

Ein Mann vom Hause Levi aber  nahm ein Mädchen aus dem Hause Levi zur Frau. Und sie ward schwanger und gebar einen Sohn. Und sie  verbarg ihn drei Monate. Als sie ihn aber nicht länger verbergen konnte, machte sie ein Kästchen von Rohr und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästchen in das Schilf am Ufer des Nils, wo die Tochter des Pharaos zu baden pflegte. Und  seine Schwester hielt Wache, um zu erfahren, wie es weitergehe.

Und die Tochter des Pharao stieg hinab und wollte baden, und ihre Freundinnen gingen am Ufer auf und ab. Und sie sahen das Kästlein im Schilf und holten es. Als sie es öffneten, sahen sie das Kind- es weinte. Da jammerte es sie und sie sprach: Es ist eins von den hebräischen Kindlein. Und doch soll es leben.                                                    Da trat die  Schwester aus dem Schilf zu der Tochter des Pharao und sprach: Soll ich eine hebräische Frau rufen, die gerade stillt, dass sie dir das Kindlein versorge?                                                                   

Die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Tu das. Das Mädchen ging hin und rief die Mutter des Kindes. Da sprach die Tochter des Pharao zu ihr: Nimm das Kindlein mit und stille es mir und zieh es groß; ich will es dir lohnen. Die Frau zog das Kind groß. Und als das Kind groß war, brachte sie es der Tochter des Pharao, und es ward ihr Sohn und sie nannte ihn Mose; was heißt: „aus dem Wasser gezogen“.                                             

 2.Mose 1,15; 2, 1-10                                                                                                                          Dem großen Mose gebührt eine wunderbare Geburt. Die Rettung im Schilfkorb ist starkes Zeichen der Bewahrung und der Erwählung. Und ist auch ein Lobgesang auf die Mütter dieser Erde, die oft genug ihre Kinder unter widrigsten Umständen gebären und durchbringen. Mose ist natürlich von Herkunft aus jüdischer Familie. Gleichzeitig ist er am ägyptischen Hof erzogen. Die Findelkindgeschichte flicht beide Wahrheiten zusammen.

                                                        

                                                          * 

Moses Flucht nach Midian                                                                                                              Als Mose herangewachsen war, ging er öfter hinaus zu seinen hebräischen Brüdern und litt mit an ihrem Frondienst.  Einmal schlug ein ägyptischer Aufseher einen Hebräer. Das brachte Mose so auf, daß er- kurz nach allen Seiten prüfend, ob es Zeugen gäbe- den Ägypter erschlug.  Er verscharrte ihn im Sande und ging davon. Am nächsten Tag ging er wieder hin und sah zwei hebräische Männer miteinander streiten und sprach zu dem, der im Unrecht war: Warum schlägst du deinen Nächsten?                                                                                Er aber sprach: Wer hat dich zum Aufseher oder Richter über uns gesetzt? Willst du mich auch umbringen, wie du den Ägypter umgebracht hast? Da fürchtete sich Mose und floh ins Land Midian. Dort setzte er sich nieder bei einem Brunnen.

                                                              *

2. Mose 2, 11-15

Dass dieser einzigartige Religionsheld so unbeherrscht war und dies auch noch spätere Generationen  nicht schönten, spricht für die große Menschlichkeit der Bibel und ihres Glaubens. Wieder macht Gott eben keinen Heiligen zu seinem großen Sprecher, sondern ruft einen mit dunkler Herkunft: ungeduldig, jähzornig, zerrissen in sich selbst- als Hebräer auf Seiten der Geschundenen, als Adoptivenkel des Pharaos gewöhnt, kurzen Prozess zu machen. Mose hatte gemeint, der Sympathien der Hebräer sicher sein zu können. Aber Mordblut an den Händen ist nicht abzuwaschen; man geht auf Distanz zu dem, der zurecht bringen will mittels Unrecht. Der Zweck heiligt die Mittel nicht. 

Kain wird der große Städtebauer;  Mose ist das Modell für Ausbruch aus Knechtschaft; Gott reduziert Menschen nicht auf ihre böse Tat. Er schafft Vergebung und neuen Anfang.

                                                           *

 

Fremdling sein steht am Anfang

Ein Priester namens Reguel in Midian hatte sieben Töchter; die kamen, Wasser zu schöpfen, und füllten die Rinnen, um die Schafe ihres Vaters zu tränken. Da kamen Hirten und stießen sie weg. Mose aber stand auf und half ihnen und tränkte ihre Schafe. Und als sie zu ihrem Vater kamen, sprach er: Warum seid ihr heute so bald gekommen? Sie sprachen: Ein ägyptischer Mann stand uns bei gegen die Hirten und schöpfte für uns und tränkte die Schafe.

Er sprach zu seinen Töchtern: Wo ist er? Warum habt ihr den Mann nicht eingeladen? Lauft, bittet ihn zu uns. Und Mose willigte ein, im Haus des Priesters von Midian zu bleiben. Und er gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau. Die gebar einen Sohn und er nannte ihn Gerschom; was soviel heißt wie:  „ich bin ein Fremdling geworden im fremden Land“.

2. Mose 2,16-22

 

Der große Mose muß wie Jakob und Josef erst in die Fremde, muß dort seine Frau finden und um sie dienen.  Zweierlei ist prägend: Mose drängt auf Gerechtigkeit, er hilft den Frauen; und seine Frömmigkeit gedeiht in der Fremde, er hat keine Berührungsangst vor der Interpretation des Göttlichen  in ägyptischer und midianitischer Vielfalt. Das Fremdlingsein ist mühsame aber kostbare Chance, das Eigene zu finden.

 

                                                      *  

 

Moses Berufung

Mose hütete die Schafe seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian. Einmal trieb er die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Gottesberg Horeb.

Da erschien ihm der Engel Gottes in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er bei sich: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung ansehen; ich will wissen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber Gott sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch an  und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

2. Mose 3,1-4

Eine der tiefgründigsten Gotteserscheinungen bahnt sich an. In der Wüste Sinai an einem „Unort“, weglos, wasserlos- nur Felsen und bizarre Luftspiegelungen- sieht Mose eine Glut, die sprüht und leuchtet- aus der Ferne vielleicht ein Dornbusch in Blütenpracht. Mose will wissen, was mit dem wunderlichen Busch los ist. Da geht ihn eine Stimme an, ein Ruf stülpt sich über ihn, er hört sich bei seinem Namen gerufen. Er weiß sich aufgerufen, er ist gemeint, ist erkannt. Er sieht sich gestellt vom Geheimnis der Welt.

 

                                                    

 

Wenn einem was die Schuhe auszieht

Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott zu schauen.

2.Mose 3,5.6

 

 

Nicht, dass Moses den Herrn gesehen hätte. Der brennende, sich nicht verzehrende Dornbusch ist ein Bild für die Anwesenheit Gottes. Doch Er ist  nicht besehbar, wohl aber ist seine Aura, seine Energie, sein Indienstnehmen erfahrbar. Es mag in etwa so sein, wie mit der Sonne: wir können nicht in die Sonne sehen, können nur ihre Wirkung spüren; ja, wir leben mittels ihrer.

Orte der Gottesbegegnung sind energetisch aufgeladen, sind heilige Bezirke- Das Ausziehen der Schuhe ist ein Zeichen von Demut, von Entwaffnung und Verehrung.

 

 

Verheißung eines Landes voll Milch und Honig

Und Gott sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Ich will sie erretten aus der Hand der Ägypter und sie herausführen aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt. Dich aber will ich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.                                                                                                    2. Mose 3, 7-10

 

Hier legt Gott dem Mose seinen Rettungsplan dar und spannt ihn ein. Es sieht aus, als nähme sich Gott Zeit, um die Tiefe der Leiden gewahr zu werden. Als müsse das Gewissen der Welt erst mühsam sich ein Bild machen! Wir sollten immer wissen, daß unser Meinen über Gott  nur ein Ahnen ist auf den Schultern derer, die vor uns Erfahrung mit ihm machten. Die uns den Bericht vom Auszug Israels geben, sind ja die Anfänger unseres Glaubens. Und wir, die wir so viel Rückblick auf passierte, gedeutete Geschichte haben, tasten auch noch, wie denn das Geleit Gottes uns geschieht.

Von der Wüste aus gesehen ist das fruchtbare Land das Paradies auf Erden, das Land, wo Milch und Honig fließt. Aber jedes irdische Ziel, wenn es erst mal mühsam erreicht ist, stellt sich heraus als Vorhof, als Skizze für das „Gelobte Land, „da Fried und Freude lacht“. Wir sind hier Gäste, bleiben auf dem Weg voll Heimweh; „Wir haben hier keine bleibende Stadt sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14).

 

                                                          

Das erste Zeichen

Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Gott sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.

2.Mose 3,11.12

 

 

Das blieb über die Jahrhunderte der nur mündlichen Weitergabe deutlich: Moses drängte sich nicht, Gottes Vormann zu werden. Er scheute sich, hielt sich für unfähig, sicher auch für unwürdig. Aber Gott übergeht dessen Einspruch und sagt ihm zu: „Mit mir kannst du alles, bist du alles.“  Gott malt ihm den Erfolg  glühend vor Augen: Du wirst nach gelungener Mission hier opfern. So bürgt die Zukunft für die Gegenwart. Weil jetzt die erste Stufe Richtung  Heile Welt ist, ist das Jetzt die Ouvertüre des Heilwerdenden. Uns ist aufgegeben, im Gegenwärtigen Heilendes anzubahnen. Sind wir damit voll beschäftigt, fallen viele Sorgen hinter uns zurück.

 

 

Moses drängt auf den Namen

Doch, spricht Moses weiter zum Herrn, wenn ich zu den Israeliten komme und sage  zu ihnen: Der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs hat mich zu euch gesandt!, dann werden sie mir sagen: Wie ist sein Name? Und was soll ich ihnen dann sagen?

2. Mose 3,13

 

Mose gibt sich nicht zufrieden mit dem Erinnerungsgott, dem Gott der Vorfahren. Heute soll er sich erweisen, als eben ihr Gott und nicht sich zitieren als „Der von Damals“. Es rettet uns auch nicht, Gott als Starter am Anfang der Welt zu wissen. Sein Schaffen heute muss uns leuchten. Und unser Mittun jetzt braucht einen Namen, der jetzt Energie ausstrahlt. Darum Dank an Moses, dass er drängt auf Gottes persönliches Sichbekanntmachen.

 

                                                  

Der „Gott bei uns“

Gott sprach zu Mose: „Ich werde für euch da sein, als der ich für euch da sein werde“ so ist mein Name. Sag den Israeliten: Der »Ich werde für euch da sein« hat mich zu euch gesandt.

2.Mose 3,14

 

Gottes Selbstoffenbarung ergeht in der Sprache Israels und heißt: „Jahve“. Das übersetzt die griechische (alttestamentliche) Septuaginta (etwa um 300 v. Chr): „Ego eimi ho Oon“-  „Ich bin der Seiende.“ Dynamischer und liebevoller aber ist die Übersetzung „Ich bin für euch da“. – „Ich bin der für euch Existierende, wie auch immer ich mich euch zeigen werde, wie immer ich euch auch geschehe“. 

Sicher ist Gott auch Der, Die, Das Seiende, aber vor allem ist er Liebe. Er ist für uns da. Wie verschlungen unsere Wege auch sind, er geht sie mit. Zuneigung ist sein Wesen. Schade, daß sich als Eigenname bei uns das „Jahve“- (in falscher Vokalisierung:“Jehova“)- „Der Gott mit uns“ nicht durchgesetzt hat. Aber “Vaterunser“ meint dasselbe.

 

                                                    

Zweifel bleiben

Und Gott sprach zu Mose: Geh mit den Ältesten Israels hin zum König von Ägypten und fordere die Freigabe der Kinder Israels. Und Moses sagte: ´Die Kinder Israels werden nicht auf mich hören, sie werden sagen: Gott ist dir nicht erschienen.

2.Mose 3,18; 4,1

 

Moses erweist sich als ebenbürtiger Gesprächspartner Gottes. Der legt sich mächtig ins Zeug, um Moses zu begeistern: Er soll Botschafter dessen werden, der den Geknechteten eigenes Land verheißt. Gott weiht seinen Helden in die künftigen Mühen ein, und Moses den Herrn auch.

Wird Moses ein Spiegelbild Gottes- vor Jesus schon eine Art Abbild?  Was muss sich Gott mühen, Israel frei zu bekommen; was muss sich Mose mühen, das störrische Israel auf dem Weg zu halten. Man wird den Eindruck nicht los, daß die beiden sich nicht um ihren  Job reißen- Gott stöhnt oft bei Moses und Moses beim Herrn- Es wird spannend, zu sehen, wie  sie sich gegenseitig aufrecht halten.

 

                                                     

Berufene drängeln sich nicht

Erst mal widersteht Moses noch: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seit du mit deinem Knecht redest; ich hab eine grobe Sprache und eine schwere Zunge.

Gott sprach zu ihm: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen, wenn nicht ich? So geh jetzt: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst. Mose aber sprach: Sende, wen du senden willst, aber nicht mich. Da wurde der Herr zornig.

­2.Mose 3,10 –14

 

Das Widerständige des Moses ist eine Kraftquelle. Wir dürfen mit Gott streiten, unsere Bedenken haben vor ihm Platz. Wenn uns aber Gott in die Pflicht nimmt, dann sind nicht unsere Begabungen der Grund sondern Gottes Wille. Weil Gott den Moses will, taugt der für sein Amt. Das aber kann Moses nicht begreifen, der sich noch sieht unter den abschätzigen Blicken der Andern. Und wird halsstarrig.

 

                                                         

 Fürsprecher einander

Gott sprach: Dein beredter Bruder Aaron wird mitgehen. Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt. Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein und du sollst für ihn „Gott“ sein. Und diesen Stab nimm in deine Hand, mit dem du die Zeichen tun sollst.

2.Mose 3,15-17

 

Zürnt Gott? Es schmerzt ihn unsere geistlose Schwerfälligkeit. Er weiß doch, dass wir „Staub„ sind, nur durch seinen Willen eine Handbreit über dem Chaos gehalten. So stellt Gott dem zaudernden Mose dessen Bruder zur Seite; eine berühmte Partnerschaft wird begründet: Mose ist Gottes Knecht; Aaron sein Gehilfe. Das Gefälle zwischen Menschen kommt auch daher, daß Menschen mehr oder weniger Nähe zu Gott haben. Wir sollen mit unsern verschiedenen Gaben gemeinsame Sache machen. Spannungen sind programmiert. Aber kein von Gott Beauftragter geht ungerüstet. Moses  erhält einen Stab; ob Hirtenstab, Marschallstab, Hoheitszeichen- wunderträchtig, machtvoll; er geht nicht mit leeren Händen.

 

                                                         * 

 

Moses Rückkehr nach Ägypten

Und  Gott sprach zu Mose: Zieh wieder nach Ägypten, tritt vor Pharao und sprich zu ihm: So spricht der Herr: Israel ist mein erstgeborener Sohn; ich gebiete dir: Lass du meinen Sohn ziehen, dass er mir diene. Wirst du dich weigern, so will ich deinen erstgeborenen Sohn töten.

Mose aber hörte Gott auch sagen: Ich will des Pharaos  Herz verstocken, dass er das Volk nicht ziehen lassen wird.

Aus 2.Mose 4

 

Hochdramatisch ist Moses Auftrag: Er weiß, daß der Pharao Israel nicht ziehen lassen will. Und wird es dann doch tun müssen. Zunächst „verstockt“ ihn Gott. Kann das angehen, daß  Gott Menschenherzen versteint?  Ja- müssen wir nicht  hoffen, daß letztlich auch die Mörder nicht freien Willens ihre Untaten tun, sondern auch Hitler „nur“ verstockt war, nur Gottes „Geschirr“ war? Die Menschheit hat immer gewusst, dass die Leiden der Zeit „verhängt“ sind. Nicht nur die Schuld Einzelner bildet das Gewicht der Welt sondern wir häufen und tragen alle am überpersönlichen Schuldberg mit; wenn einer auch unschuldig sein sollte, schuldlos ist er nicht. Das kommt „ans Licht der Sonnen“ im größenwahnsinnigen Nationalstolz (1.und 2. Weltkrieg), jetzt in  Klimakatastrophe und Hungerelend.

Wir sind Verstockte, das merken wir an unserm „Weiter so“, obwohl wir es bejammern. So hinfällig wir auch sind, Gott würdigt, schuldig werden zu können. Doch im allertiefsten Grund sind wir nicht die Verursacher sondern die, „die nicht wissen , was sie tun“, wie rotzige, imponiersüchtige Jugendliche. Letztlich haftet Gott- das will wohl die Idee von der Verstocktheit sagen. Und unsere Schlechtigkeiten haben nicht das letzte Wort – letztlich  kommt Rettung, wenn auch über Tod und Ruinen hin.

 

 

Noch härtere Bedrückung Israels

Dann gingen Mose und Aaron hin und sprachen zum Pharao: So spricht der Herr, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, dass es mich feiere in der Wüste.

Der Pharao antwortete: Wer ist der Herr, dass ich ihm gehorchen müsse und Israel ziehen lasse? Ich weiß nichts von deinem  Herrn, will auch Israel nicht ziehen lassen. Geht hin an eure Pflichten!

Und  der Pharao befahl am selben Tage den Aufsehern: Ihr sollt dem Volk nicht- mehr Häcksel geben, dass sie Ziegel machen, wie bisher; lasst sie selbst das Stroh dafür zusammensuchen. Man drücke die Leute mit Arbeit, dass sie zu schaffen haben und sich nicht um falsche Reden kümmern.

Mose aber kam wieder zu Gott und sprach: Herr, warum tust du so übel an diesem Volk? Denn seitdem ich hingegangen bin zum Pharao, um mit ihm zu reden in deinem Namen, hat er das Volk noch härter geplagt, und du hast dein Volk nicht errettet.

2.Mose 5

 

Mit großem Mut ausgerüstet, geht Moses zum Pharao und sagt ihm an: „Lass mein Volk ziehen“. Es ist wohl der stärkste Rettungssruf der Menschheit: „Let my people go!“  Viele Befreiungsbewegungen berufen sich auf diese Szene des Mose vor Pharao. Noch meint  der ahnungslose Herrscher, den Ruf nach Freiheit  wegwischen zu können. Pharao ist Modell für die Taubheit der Mächtigen: Wie einst Lenin schnippisch fragte: “Wieviel Divisionen hat der Papst?“- so hielt Pharao das Freiheitsbegehren nur für Einflüsterung, für „falsches Reden“.  Und das Rezept der Tyrannen heißt: Satteln wir Bedrückung drauf, das wird die Murrenden zur Vernunft bringen.     

Aber Pharao wird den Herrn Israels kennenlernen. Das muss auch Moses glauben- er muss in das zukünftige Wirken Gottes sich hineinhoffen.

Erst mal beschwert er sich, er will die Rettung sofort.

 

                                                           

Schlangen als Zeugen

Da sprach Gott zu Mose und Aaron: Die Ägypter sollen innewerden, dass ich der Herr bin- ich werde meine Hand über Ägypten ausstrecken und die Israeliten aus ihrer Mitte wegführen. Geht hin, mit  dem Pharao zu reden. Der Pharao wird dann verlangen: Weist euch aus durch ein Wunder! Dann sag zu Aaron: Nimm deinen Stab und wirf ihn hin vor dem Pharao, dass er zur Schlange werde!

Da gingen Mose und Aaron hinein zum Pharao und sie taten, wie ihnen Gott geboten hatte. Und Aaron warf seinen Stab hin vor dem Pharao und vor seinen Großen und der wurde zu einer Schlange. Da ließ der Pharao die Weisen und Zauberer rufen und die ägyptischen warfen auch jeder  seinen Stab hin, da wurden Schlangen daraus; aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe. Doch das Herz des Pharao blieb verstockt.

2.Mose 7,5- 13

 

Es blieb im Gemeinschafts- Gedächtnis Israels haften, dass der Pharao nur mit enormem Kraftaufwand zu überwinden war. Gott musste sich mit aller Macht ins Zeug legen, um sein Israel in die Freiheit zu führen. Und weil er solche Mühe mit Pharao hatte, ist die Rettung dann ja auch eine Zweite Schöpfung: Gott erschafft  Israels durch Erhebung aus dem Sklavenstand hinauf zur Gotteskindschaft. Darum ist auch im Nachhinein die Mühe um die Rettung so detailliert erzählt;  erst  ziehen die ägyptischen Zauberer mit Aarons Stabwunder  gleich- dann siegt Gottes Bote doch noch durch eine gesteigerte Machtdemonstration.  Ausgesuchte Qualen mussten auf Pharao gehäuft werden, ja Gott musste alle Fiesheit aufbieten, um letztlich zu triumphieren.  

Erst Jesus Christus hat uns Gott nahegebracht- anders gesagt: er hat uns offenbart, daß der Zweck die Mittel nicht heiligt, Gott nicht durch Strafen bekehrt. Andrerseits ist Verstocktheit oft nicht durch Zureden sondern nur durch Gewalt zu brechen- wie etwa Deutschlands Besessenheit von Hitler nur ausgetrieben werden konnte durch völlige Entmachtung. Auch Gott hatte hier kein anderes Mittel parat, als mit Gewalt zuzuschlagen. 

 

                                                           *

 

Die ägyptischen  Plagen

Um die Verstockung zu brechen, kamen große Plagen.

Mose schlug mit seinem Gottesstab aufs Wasser, da verwandelte der Nil sich in stinkendes Blut, sieben Tage lang. Dann wimmelte der Nil von Fröschen, die bis in die Backtröge und die Betten krochen. Dann kamen Mücken, setzten sich an die Menschen und an das Vieh; aller Staub der Erde wurde zu Mücken in ganz Ägyptenland. Als  vierte Plage kamen die Stechfliegen, dann die Viehpest. Dann kamen die Blattern, dann Hagel, dann führte der Ostwind die Heuschrecken herbei. Sie fraßen alles, was im Lande wuchs und ließen nichts Grünes übrig an den Bäumen und auf dem Felde in ganz Ägyptenland. Dann fiel eine so dicke Finsternis auf  das ganze Land drei Tage lang, dass niemand den andern sah noch weggehen konnte von dem Ort, wo er gerade war. Aber bei allen Israeliten war es licht in ihren Wohnungen. Da rief der Pharao nach Mose und sprach: Zieht hin und dient dem Herrn.

Und noch mal mehr verstockte der Herr das Herz des Pharao, dass er sie doch nicht ziehen lassen wollte. Und  Gott  sprach zu Mose: Eine zehnte Plage will ich noch über den Pharao und Ägypten kommen lassen. Dann wird er euch ziehen lassen, und nicht nur das, sondern er wird euch von hier sogar vertreiben.

Und Mose sagte Pharao an: Um Mitternacht will Gott durch Ägyptenland gehen, und alle Erstgeburt in Ägyptenland soll sterben, vom ersten Sohn des Pharao an, der auf seinem Thron sitzt, bis zum ersten Sohn der Magd, die hinter ihrer Mühle hockt, und alle Erstgeburt unter dem Vieh. Und es wird ein großes Geschrei sein in ganz Ägyptenland, wie es nie zuvor gewesen ist noch werden wird; aber gegen ganz Israel soll nicht ein Hund mucken, auf dass ihr erkennt, dass Gott einen Unterschied macht zwischen Ägypten und Israel.

2.Mose 8-11

 

Die ägyptischen Plagen sind sprichwörtlich geworden für Naturkatastrophen zuhauf. Es ist diese Häufung sicherlich erzählerisches Mittel und nicht historische Abfolge. Auch das Auf und Ab zwischen der himmlischen und der weltlichen Macht ist dramatische Gestaltung. Pharao ist jedermann. Mitten im Schrecken gibt Pharao klein bei; sobald das Leid etwas gelockert ist,  zieht er sein Wort zurück, bis eine weitere Plage ihn zum Nachgeben bringt. Doch  sobald der Druck nachlässt, fühlt sich Pharao wieder machtvoll. Braucht es da viel Verstockung? Ist es nicht unsere banale Sünde, von der Macht, vom Gewohnten nicht lassen zu wollen. Wieviel Plagen rufen wir hervor? Und lasten wir uns auf, ehe wir uns ändern? Wann gestehen wir Scheitern? Erst wenn das Unbehagen ganz und gar gesättigt ist, sind wir wohl zur Umkehr bereit.

Wenn man liest, wieviel Leid  über Ägypten kommen soll, damit die Welt erkenne, wieviel geliebter Israel sei- dann kann einem schon der Atem stocken angesichts der fortgesetzten Friedlosigkeit in Nahost. Jedenfalls hat die angebliche Bevorzugung Israels so viel Leid auf Israels Haupt gebracht. Wenn Israel „Gottes erste Liebe“ ist, so ist es eine unglückliche Liebe- die auf Heilung wartet wie die ganze Menschheit Heilung braucht.

 

                                                  *

 

 Einsetzung des Bundesfestes

Gott aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm und schlachte es gegen Abend. Und von seinem Blut sollen sie beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen.  So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die Hinwegeilenden  mit ungesäuertem Brot.

Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag halten und sollt ihn feiern als ein Fest für mich, den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, in ewiger Ordnung.

Und Mose berief alle Ältesten Israels und sprach zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das euch der Herr geben wird, wie er gesagt hat, so haltet diese Tradition. Und wenn eure Kinder zu euch sagen werden: Was habt ihr da für eine Überlieferung?, sollt ihr sagen: Es ist das Passah-Opfer des Herrn, der an den Israeliten vorüberging in Ägypten, als er die Ägypter schlug und unsere Häuser errettete. Da neigte sich das Volk und betete an.

Und zur Mitternacht schlug der Herr alle Erstgeburt in Ägyptenland vom ersten Sohn des Pharao an, bis zum ersten Sohn des Gefangenen im Gefängnis und alle Erstgeburt des Viehs.

Da stand der Pharao auf in derselben Nacht und alle seine Großen und alle Ägypter, und es ward ein großes Geschrei in Ägypten; denn es war kein Haus, in dem nicht ein Toter war.

Und er ließ Mose und Aaron rufen in der Nacht und sprach: Macht euch auf und zieht weg aus meinem Volk, ihr Israeliten. Nehmt auch mit euch Schafe und Rinder und Schmuck, nehmt was ihr braucht. Und geht hin und bittet auch um Segen für mich.

Und die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande; denn sie sprachen: Sonst sind wir alle des Todes. Also zogen die Israeliten aus von Ramses nach Sukkot, sechshunderttausend Mann und die Frauen und Kinder.

2.Mose 12

 

Das wichtigste Fest Israels – das Passa- ist gestiftet in der Rettung Israels aus Ägypten. Das Blut des geschlachteten Lammes an den Balken ließ den Todesengel die jüdischen Häuser verschonen. Das ungesäuerte Brot erinnert an die in Eile Aufgebrochenen, die keine Zeit mehr hatten für ordentlich mit Sauerteig angesetztes Brot.

Das jährliche Passafest versammelt die jüdische Familie und nächste Freunde zu gebratenem Lamm und grünen Kräutern und weißem Brot. Kompott wird dazu gereicht aus Feigen und Trauben, die Symbol sind für die Backsteine, die die Hebräer in der ägyptischen Gefangenschaft herstellen mussten. Das Mahl beginnt mit einem Becher Wein, über den der Hausvater zwei Segenssprüche spricht, anschließend wird der Becher weitergereicht. Ein Wasserbecken geht vorher von Hand zu Hand für die vorgeschriebene Reinigung, Der Älteste der Familie erklärt dem jüngsten Tischgenossen die verschiedenen Riten, dann bricht er das Brot, das Mahl beginnt- es wird gerahmt von Lobgesängen aus den Psalmen.

Auch Jesus hat mit seinen Jüngern das Passamahl gehalten. Die Christen haben dann das letzte Mahl Jesu zum Abendmahl- (kath: Eucharistie)  umgeformt: Paulus setzt Jesus mit dem Lamm gleich. Brot und Wein geben sich die Menschen weiter in Vorfreude auf das  gemeinsame Fest im Reich Gottes.

 

                                                      *

 

Die Wolken- und Feuersäule

Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war; denn Gott dachte, es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägypten umkehren wollen.

Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum Schilfmeer. Und Gott zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

2.Mose 13, 17,18,20-22

 

 

Warum bewahren die Erzähler den Umstand, daß Gott das Volk auf Umwegen ans rote Meer führte?- Sollte Gott mehr Interesse an der Befreiung Israels gehabt haben, als diese selber. Es ist so menschlich, dass wir das gewohnte Unglück vorziehen dem Kampf um die ungewohnte Freiheit. Es ist anrührend, wie Gott sein Völkchen an der Strippe hat, sie keinen Augenblick mit ihren Ängsten alleine lässt. 

Wir dürfen uns auch der Gegenwart Gottes sicher sein in den Alltäglichkeiten und den dramatischen Zeiten. Wie sich uns Wolken- und Feuersäule gestalten, dafür bekommen wir keine Schnittmuster im Voraus. Aber im Nachhinein haben wir die Treue Gottes erfahren, doch sicher.

 

                                                              *

 

Israels Weg zum Schilfmeer

Als dem Pharao angesagt wurde, dass das Volk geflohen sei, wurde er wieder verstockt und es reute ihn: Warum haben wir Israel ziehen lassen, sodass sie uns nicht mehr dienen? Und er spannte seinen Wagen an und nahm sein Kriegsvolk mit und sechshundert auserlesene Kampfwagen.

Die Israeliten waren unter der Macht einer starken Hand ausgezogen. Doch  Pharao war ihnen auf den Fersen. Da schrien sie zu dem Herrn und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber genug in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Haben wirs dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, es ist  besser, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben?

Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wieder sehen. Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.

Und Gott sprach zu Mose: Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen. Und der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.

2.Mose 14, 5-20

 

 

Wieder dies Murren und Schwanken- jetzt fürchten sie, ihnen ständen Gräber in der Wüste bevor; Da wären sie lieber in Unfreiheit altgeworden. Aber Mose steht ihnen ein für den rettenden Gott. Der wird für sie streiten.

Wir brauchen auch solche Bürgen, Prediger, Seelsorgende- die uns den Engel des Herrn geben: Der beleuchtet die Szene, daß uns das Böse nicht fressen kann und wir uns im Erleuchteten wahrnehmen.

 

                                                     *   

 

Die wunderbare Rettung

Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der Herr zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und die Wasser teilten sich, dazwischen war Trockenes Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Männer, mitten ins Meer.

Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der Herr auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer und hemmte die Räder ihrer Wagen und machte, dass sie nur schwer vorwärts kamen. Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der Herr streitet für sie gegen Ägypten.

Aber der Herr sprach zu Mose: Recke deine Hand aus über das Meer, dass das Wasser wiederkomme und herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und Männer. Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der Herr sie mitten ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.

So errettete der Herr an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.

2.Mose 14, 21-30

 

 

Die Nachkommen Jakobs und Leas, Rahels waren in fünf bis zehn Generationen zu einem Völklein herangewachsen. Sie wurden mehr und mehr versklavt und beim Pyramidenbau geschunden. Dann riefen sie zu Gott und der führte sie aus dem „Knechthaus“ Ägypten. Unter Moses Führung  gelang ihnen die Flucht durchs Rote Meer.

Ob das Meer wie in Mauern rechts und links Spalier stand, ist nicht sicher. Vielleicht ist der historische Kern ein Seenebel, der  den Ägyptern die Sicht versperrte auf eine Furt durchs Wattenmeer. Und als sich der Nebel verzog, war Israel schon am anderen Ufer, während die Streitwagen Ägyptens in der nahenden Flut untergingen.

Jedenfalls bricht für Israel mit diesem Auszug der Aufbruch ins Gelobte Land der Verheißung an. Tatsache und Bedeutung- das eine ist das Geschehen, das andere: Was es mir bedeutet. Der Glaube stützt sich auf Fakten, die dem Menschen Rettendes bedeuten. Ohne Glauben des Mich-Rettenden sind die Fakten nur nackte physikalische Sachverhalte.

Der Anfang von Rettung wird immer um so leuchtender dargestellt, je düsterer die Gegenwart scheint. Und der Anfang, voller Zauber, bürgt dafür, dass das  Gelobte Land auch erreichbar ist- selbst wenn der Weg weit ist.

Der Durchzug durchs Rote Meer ist ähnlich bedeutungsschwanger wie Jesu Auferweckung von den Toten: Wenn das Rote Meer Grüne Welle hat – so ein Kirchentagsschlager der siebziger Jahre- und der Tod uns vor Gott hinträgt, ist der Weg gesegnet, wie mühevoll er auch eben ist.

 

                                                     * 

 

Triumphlied des Moses und der Mirjam

Ich will Gott singen, denn er hat eine herrliche Tat getan;

Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.

Der Herr ist meine Stärke und mein Heil. Der Herr ist der rechte Kriegsmann,

Des Pharao Wagen und seine Macht warf er ins Meer,

seine auserwählten Streiter versanken im Schilfmeer.

Die Tiefe hat sie bedeckt, sie sanken auf den Grund wie die Steine.

Herr, deine rechte Hand tut große Wunder; Durch dein Schnauben türmten die Wasser sich auf, die Fluten standen wie ein Wall; die Tiefen erstarrten mitten im Meer. Herr, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig ist?

Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand und die Frauen folgten ihr mit Pauken im Reigen. Und sie sangen: Lasst uns dem Herrn jubeln, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.

2.Mose 15,1-20

Gott ist mehr als der Gute, Gott ist der Ganze. „Mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig“ -  meint ganz und gar Umfassendes. Aber Gott als „Kriegsmann“?  Wenn wir gerettet werden aus Krankheit, feiern wir Gott als Arzt, wenn wir gesättigt werden, ist er unser aller Mutter. Wenn er uns vor unsern Feinden in Sicherheit bringt, ist er unser Schirm und Schild. Israel fand seinen Gott unter Wogen und zertrümmerten Streitwagen.. Fortan feiern sie ihn als den Kriegshelden vom Roten Meer.

Und die Ägyptischen Soldaten liegen geschlagen zuhauf. Eine jüdische Legende geht so: Gott, voll des Jammers, klagt: Ihr feiert so ausgelassen den  Sieg. Und ich weine über meine erschlagenen ägyptischen Kinder. Das sei uns Warnung: Wir dürfen Gott nicht auf unsere Fahnen schreiben, er ist kein Vereinsgott. Unsere Feinde sind auch seine geliebten Menschen.

 

                                                          *

 

Die Wüste fängt an

Mose ließ Israel ziehen vom Schilfmeer hinaus zu der Wüste Schur. Und sie wanderten Tage lang in der Wüste und fanden kein Wasser.

Dann kamen sie nach Mara; aber sie konnten das Wasser von Mara nicht trinken, denn es war s bitter. Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken?

Er schrie zu dem Herrn und der Herr zeigte ihm ein Holz; das warf er ins Wasser, da wurde es süß. Und Israel vernahm: Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und halten alle seine Gebote, so will ich dir keine der Krankheiten auferlegen, die ich den Ägyptern auferlegt habe; denn ich bin der Herr, dein Arzt.

2.Mose 15,  22-26

 

 

Schon nach wenigen Tagen geht den wunderbar Geretteten das Wasser aus. Da murren sie zu Gott wie verwöhnte Kinder. Sie werden noch lernen, daß es nicht bequem ist, Gottes Lieblingskinder zu sein.

All die Rettungen müssen nicht auf die zauberähnlichen Weisen passiert sein, wie die Jahrhunderte später entstandenen Texte es sagen. Diese Texte sind geschrieben, nicht um zu sagen, wie es gewesen ist, sondern um der gegenwärtigen  Gemeinde Vertrauen zu geben in seiner von Gott geführten alltäglichen Gegenwart: Israel soll wissen: Was damals so groß anfing, das versickert jetzt nicht im banalen Scheitern. In der Herausführung aus Ägypten, eingeschlossen die zahlreichen Bewahrungen des Wüstenweges, hat Israel für alle Zeit die Garantie, dass Gott zu ihm steht.

Besonders für Zeiten der Anfechtung ist diese entfaltete Rettungserzählung geschrieben- Ursprünglich fand Israel endlich Wasser- begeistertes Erzählen schmückt dann die Rettung aus zur Stärkung der gegenwärtige Gemeinde

 

 

Die ausführliche Darstellung der Rettung aus Ägypten wird wohl erarbeitet als Israel ein Königtum und einen Tempel hatte mit  Priesterschaft und Theologen und gebildeten Schreibern –lange nach 950 vChr. Da, als der Staat gegründet war, suchte man nach seinen Ursprüngen und  fand etwa das Miriamlied und die Gebote als älteste Schrift-Texte vor. Aber zu einem großen Gesamtwerk fand man erst die Kraft, als ein zweiter Auszug bevorstand- nämlich die Rückkehr Israels aus dem Exil von Babylon und dann die Neuaufrichtung des Tempels. Also vielleicht tausend Jahre liegen zwischen Auszug aus Ägypten und der Buchwerdung dieser Geschichte. Die Tendenz ist klar: Der Gott , der soviel Rettung schon an Israel vollbracht hat, der hat ein neues vor, neue Rettung, neue Größe.

Auch uns  Heutigen können die Rettungsgeschichten Israel noch Mut machen: Gott ist mit uns unterwegs zu Heil und Frieden. Und er sagt dir: Mittels aller Medikamente, Mediziner und Helfenden – ich bin der Herr, dein Arzt.

 

                                                       *

 

Speisung mit Wachteln und Manna

Und einige Zeit später murrte die ganze Gemeinde wieder gegen Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wären wir doch in Ägypten geblieben und da dann auch gestorben Wir saßen an  den Fleischtöpfen und hatten Brot die Fülle. Was habt  ihr uns herausgeführt in diese Wüste, dass ihr uns hier  an Hunger sterben lasst?

Da sprach der Herr zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und werde euch am Abend Fleisch in Fülle geben. Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag es in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde und Israel fragt: Man ha? (Was ist das?) So nannten sie dann das Wüstenbrot „Manna“, es schmeckte nach Semmeln mit Honig und Koriandersamen.

Und Mose sprach zu ihnen: Sammelt nur, was ihr heute esst. Niemand hebe etwas auf bis zum nächsten Morgen. Aber etliche ließen doch davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend.

Und die Israeliten aßen Manna vierzig Jahre lang, bis sie in bewohntes Land kamen; bis an die Grenze des Landes Kanaan aßen sie Manna.

2.Mose 16

 

 

In diesem Schlusswort ist Wunder und Verzweiflung gebündelt. Die Wüstenzeit war Plackerei- da hat Israel sich zwischendurch oft zurückgesehnt nach dem zwar unfreien aber doch versorgten Alltag in Ägypten.  Und “Ägypten“ schien, je weiter es zurücklag, immer weniger drohend.

Beschwerlich wurde der Weg, der sich über Jahrhunderte hinzog- ganze Generationen hatten  die Verheißung nur noch als dünnes Gerücht bei sich-  aber dann erinnerte man wieder die großen Geschichten von dem rettenden Gott und man rappelte sich auf und zog weiter, ausgeliefert an die Gnade Gottes, wenn sie sich denn zeigte.

Erst im Zusammenleben mit Gott und den Zehn Geboten lernte Israel (und damit die Menschheit) Freiheit und Menschenwürde zu schätzen. Aber der Weg in die Freiheit war und  ist immer noch Mühe und Arbeit.

 

                                                          *

 

Wie Mose stark blieb

Es kam das Volk Amalek und kämpfte gegen Israel in Refidim. Da sprach Mose zu Josua: Erwähle uns Männer, zieh aus und kämpfe gegen Amalek. Morgen will ich oben auf dem Hügel stehen, und euch segnen.

Und Josua tat, wie Mose ihm sagte, und kämpfte gegen Amalek. Mose aber und Aaron und Hur gingen auf die Höhe des Hügels.

Und wenn Mose seine segnenden Arme emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Arme sinken ließ, weil sie ihm schwer wurden, siegte Amalek.

Da  nahmen die beiden einen Stein und legten ihn so, dass Mose sitzen konnte. Aaron aber und Hur stützten ihm die Arme, auf jeder Seite einer. So blieben seine Arme  erhoben, bis die Sonne unterging. Und Mose baute einen Altar und nannte ihn: Der Herr ist mein Siegeszeichen.

2.Mose 17,8-15

 

 

Für uns ist es schwierig, Gott als Kriegsherrn zu denken. Wir haben als Deutsche viel zu viele  Kriege geführt, und die Soldaten „im Namen Gottes“ an die Waffen geschickt. „Mit Gott für Kaiser und Vaterland“ hieß die Parole; eine andere:„Gott strafe England“. Und wir sind umgeben von Fundamentalisten, die im Namen Allahs den Krieg gegen westliche Freizügigkeit ausrufen und bei uns die, die meinen, „das Reich des Bösen„ sei zu bekämpfen.

Israel hat aus kleinsten Anfängen sich sein Gelobtes Land erobern müssen, tut es bis heute noch. Israel sieht sich von seinem Gott angetrieben und befördert. Israel geht davon aus, daß ihm das Land vom Urbesitzer der Erde versprochen ist. Völker, die diesem Vorhaben Gottes im Weg stehen, wurden (und werden?) von Israel beiseite gedrängt. Israel sieht sich kämpfend an der Seite des für Israel kämpfenden Gottes.

An Jesus geschult, sagen Christen heute: Krieg darf nicht sein. Ob wir aber uns selbst daran halten? Essen wir nicht mittels unserer Zahlungskraft die Tische anderer leer? Kaufen wir den Armen nicht ihren Mais weg um Futtermittel für unser Schlachtvieh zu haben oder Benzin?

Doch, es ist ein starkes Bild, wie Mose mit segnenden Armen seine Krieger stärkt, und wie ihm Helfer die Schultern darbieten, dass er gestützt, die Arme weiter zum Himmel heben kann. Der Segen ist eine bittende Gebärde, welche die Kräfte Gottes auf die Mitmenschen herabfleht. Ob tatsächlich gute Kräfte auf uns kommen, das bleibt Gott vorbehalten; uns bleibt nur starkes Bitten und Sehnen und Mitdenken  in Richtung des Erhofften. Klar ist, nicht Menschen segnen sondern bitten um Segen.

 

                                                     *

 

Gott nimmt den Sinai zu seinem Sitz

Sie lagerten in der Wüste am Berg Sinai. Der aber rauchte, der Herr fuhr herab auf den Berg im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr. Und der Ton einer Posaune wurde immer stärker.

Als nun  Gott niedergekommen war auf den Berg Sinai, rief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges und Mose stieg hinauf.

2.Mose 19, 18-20

 

 

Die Geschichte Israels hat hier ihre Mitte. All der Kämpfe hatte es bedurft, all die Mühen und Verzichte waren nötig, auch Gottes Langmut war letztlich nur gewährt für dies eine Ziel: Die Zehn Gebote. Gott schenkt Israel und durch Israel der Menschheit  die Grundlagen der Humanität. Israel sieht sich als Hüter des Willens Gottes. Dieser gipfelt  in den Geboten und dem menschlichen Vermögen, sich für das Gute zu entscheiden.

Noch viele andere Gebotskataloge bewahrt die Bibel, sie bewahrt Reinigungsgebote und Essensgebote und Baugebote und Sabbatgebote die Fülle, daß nur ja nicht die Heiligkeit Gottes beschmutzt werde. Aber die Zehn Gebote, der Dekalog, ist ethischer Sockel für die ganze abendländische Gesetzgebung.

Majestätisch ist diese Szene. Nicht einfach vom Himmel gefallen sind die ehernen Worte. Sondern das Volk lagert sich um den Gottesberg. Mose steigt dem Herrn entgegen, Wolken entziehen ihn dem Blick des Volkes.

 

                                                            *

Die Zehn Gebote

 

Das erste Gebot

Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (Du hast keine andern Götter neben mir)

2.Mose 20, 2.3

 

Wer darf das sagen: „Ich bin dein Gott“? Damit steht und fällt doch unser Selbstbewusstsein, daß kein Mensch sich als unser Herr aufwerfen kann. Und wenn ein Mensch uns zwingt, ihm zu Willen zu sein, dann tut er Unrecht. Und ich tu Unrecht, wenn ich ihm aus der Hand fresse. Ich darf keinen Menschen aufblähen und verzerren zu Gottähnlichem.

Gott definiert sich als der, „der dich aus der Knechtschaft Ägyptens erlöst hat“. Das galt zuerst für Israel, aber meint jeden Menschen, gerettet aus der Nichtigkeit, aus dem Nichtvorhandensein. Gott ist der, der dich aus dem Nichtsein erlöst hat, der dich ins Sein gerufen hat, der dir das Selbstbewusstsein begründet. Nur der ist es wert, seinem Willen zu folgen. Gemessen an ihm, dem Erschaffer aller Dinge, ist alles Andere Nichtgott.

Dies erste Gebot sichert allen Menschen die selbe Würde zu, unabhängig Besitz und Einfluss. Jeder soll sich wichtig nehmen, weil er von Gott gewollt ist. Keiner soll sich kommandieren lassen, nicht sich abfüllen lassen mit Parolen, keiner soll verächtlich denken, von sich nicht, von andern nicht, keiner soll eines andern Herr sein. Wir haben nur einen Herrn, ansonsten  sind wir Brüder und Schwestern. Aus diesem Grundsatz gilt es, auf eine geschwisterliche Menschheit hin zu leben. 

 

 

Das zweite Gebot

Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

2. Mose 20, 4.7

 

Kein Abbild von Gott, kein Imitat, kein Ideal, keine Vision, keine Definition! Wir sollen uns Gott nicht vorstellen, da ja alle Vorstellungen aus dem Irdischen genommen sind und nur ein gesteigertes Irdisches darstellen.  Aber auch im Sandkorn ist die Energie Gottes präsent. Kein Bild kann Gott fassen. Er ist größer als die Welt in ihrem Jetztzustand. Was wir mit Gott meinen ist, „ alles, was nicht in unserer Macht steht“.

Die Ikone Gottes ist Jesus Christus, mit ihm haben wir Gott vor Augen, wie er zu uns ist; Und vielleicht hält sich Gott an Jesus Christus, wenn er mal wieder an den realen Menschen irre zu werden droht.

Keiner darf sich zum Heros oder zur Diva ausrufen lassen, keiner darf Unterwerfung verlangen oder genießen. Im Überschwang kann der Reporter schon mal den Schützen des Siegestores einen Fußballgott nennen- aber schnell werden diese Größen vom Sockel gestoßen- das zeigt den himmelweiten Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Und eben Irdisches nicht vergotten, vor allem nicht das Geld, den Götzen Mammon.

 

                                                       * 

 

Bedrohlich, barmherzig

Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter und Mütter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

2.Mose 20, 5.6

Gott ist Treiber des Werdens, er betreibt die Geschichte als Weg zum Reich Gottes, „wo Fried und Freude lacht“.  Geschichte ist immer noch das Gegeneinander von Skrupellosen und Wehrlosen, aber mit scharfem Drang zur Versöhnung. Denn Gott will uns heil machen.                                              Diesem Ziel dient auch die Bestrafung der Missetaten der Väter und Mütter noch an den nächsten Generationen. So ist die Verachtung Deutschlands in der Welt nach Hitler für, zwei, drei  Generationen verständlich.  Und die Umweltkatastrophe fordert mit Wucherzinsen über die Generationen hin, was unser In- Saus- und Brausleben verdirbt.

Diese Heimsuchungen sind nicht willkürlich prasselnde  Strafen sondern Folgen unseres Tuns. Gott setzt uns den Folgen unseres Tuns aus. Dies jedoch  mit unvergleichlich starker Tendenz zum Retten und Zurechtbringen. Ungeheure Energien von Liebe strahlen in die menschliche Gesellschaft ein; wir werden doch alle mehr geliebt, als wir lieben.

Wir kommen aus dunklen Zeiten. Strafaktionen lagen näher als Lob und Anerkennung. Tief saß der Selbsthass, dass wir böse seien von Jugend auf. Dabei gilt doch Jesu Mitteilung: Gott liebt dich, Kind; dein ist das Himmelreich (Matthäus 19,14).

 

                                                            *

 

Das 3. Gebot

Du sollst den Feiertag heiligen. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Tag des Herrn. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. In sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und ruhte am siebenten Tage und  segnete ihn.

2.Mose 20,8-11

 

Die Woche zu sieben Tagen ist das älteste Zeitschema. Unveräußerliches Kennzeichen des Menschlichen ist, daß er einen Rhythmus für Arbeiten und Ausruhen und gemeinsames Feiern hat. Auch ist es ein Akt des Vertrauens in die Lebensgrundlagen, daß sechs Tage Arbeit genügen für das Auskommen  an sieben Tagen.

Und der Mensch braucht Zeit für die Seele, für Meditation, Gebet, Feier, Freude, zweckfreie Gemeinschaft. Es ist ein hohes Gut, daß in unser aller Kalender der Sonntag (der Sabbat) rot angestrichen und herausgehoben ist. Auch wenn wir nicht zum Gottesdienst gehen, werden wir wollen, daß Gottesdienst gehalten wird und das „Vaterunser“ auch für uns mit gesprochen wird.

Und der Ruhe wird ein Freiraum geschaffen. Diese freie Zeit möglichst mit Vielen teilen, ist ein hohes Gut. Achten wir darauf, mit Dienstlichem nicht in die private Zeit der Mitmenschen vorzudringen. Achten wir auch uns selbst der Ruhe wert. Eine Rundumereichbarkeit bieten oder fordern steht uns nicht zu. Die Tendenz ist stark, die Sonntagsruhe zugunsten von Spaß und einer Allzeit-Bedarfsbefriedigung aufzuheben.  Denen, die wirklich notwendigen Dienstleistungen  am Sonntag erbringen, gebührt großzügige  Honorierung.

 

 

Das 4. Gebot

Du sollst Vater und Mutter ehren

2.Mose 20, 12

 

Eltern achten, schätzen, ehren als die ersten Mitarbeiter Gottes- dies Gebot ist die Brücke vom  Gottwürdigen hin, auch den Nächsten zu achten. Die Eltern haben uns empfangen, haben uns auf die Welt gebracht und großgezogen. Wir waren/sind ihnen anvertraut und zugemutet.

Eigenartig, daß schon vor dreitausend Jahren dies Gebot mit ehernen Lettern den Erwachsenen ins Herz gemeißelt wurde. Anscheinend war es immer nötig, der im Saft stehenden Generation die Alten fürsorglich ans Herz zu legen. Kinder müssen ihre Eltern nicht lieben aber sie ehren; Kinder müssen ihre der Fürsorge bedürftigen Eltern nicht selbst pflegen, aber ihr würdevolles  Behüten sicherstellen, dazu sind sie verpflichtet.

Aber auch die Alten werden noch besser lernen müssen, die Jungen zu ehren.

 Vielleicht stehen die rüstigen Rentner auf und lassen in der Vorortsbahn den Platz der müden Alleinerziehenden oder dem Erschöpften mit dem fahlen Gesicht. Auch erinnere man sich an den Umgang mit den eigenen Eltern; ist es nicht so, dass der Dank nicht zurück sondern nach vorn in die nächste Generation gegeben wird?

Ehren wir die Alten mit ihrer Erfahrung und die Jungen mit dem weiten Raum, den sie noch zu bestellen haben.

 

 

Das 5. Gebot

Du sollst nicht töten.

2.Mose 20,13

 

So klar, so ganz ohne Einschränkungen steht das Tötungsverbot auf den Gesetzestafeln der Menschheit. In Indien heißt das Gebot: Du sollst nichts Lebendigem den Atem nehmen- und meint auch die Tiere. 

Schon aus Eigeninteresse muss ich die Verpflichtung hochhalten, niemandem ans Leben zu gehen. Aber wenn einer sich schon wie tot fühlt, er sich zombiehaft, seelenlos, verachtet vorkommt, dann wiegt ihm des Andern Leben auch nicht schwer. Wir müssen einander zum Leben helfen, schon, weil jedes Leben Gott gehört.

Und der Staat muss darauf  beharren, daß es in jedem Fall böse ist, einen Menschen zu töten; folglich kann der Staat auch keine Menschen töten, um zu lehren, daß es böses ist, Menschen zu töten.

 

 

Das 6. Gebot

Liebe! Und schütze Ehen. -Du sollst nicht ehebrechen.

2.Mose 20 ,15

 

In der frühen Fassung der Gebote ging es nicht um Liebe sondern um Besitz; die Frau galt als Eigentum des Mannes. Inzwischen haben wir von Jesus gelernt und wissen, daß wir einander nicht gehören. Bestenfalls gehören wir zueinander, wissen uns einander anvertraut, wollen uns schützen vor Herzeleid. Die Ehe, hat mal einer gesagt, ist das letzte große Abenteuer: Zwei wollen sich immer wieder einig werden, wollen die Freuden und Mühen des Lebens –inklusiv Kinder, wenn sie gewährt sind- gemeinsam zu tragen, und wünschen, gemeinsam  alt zu werden.                                                                                                                               Die Liebe ist Gottes Atem, und der weht, wo er will. Wir können bestenfalls jetzt (im Trauversprechen) sagen: „Ich will dich lieben und ehren bis daß der Tod uns scheidet.“ Ohne dieses intensive Wollen darf man gar keine Ehe eingehen. Aber wir können nicht sagen: „Ich werde dich lieben,bis…Können nd sollen nicht schwören. Ob wir uns bis zum Tode  lieben können und dürfen, das ist offen.                                                                                                              Wieviel Befreundung neben der Ehe möglich ist, muß jeder Mensch, jedes Paar selbst für sich ausloten. Wichtig ist es, keinen, auch nicht sich selbst, aus seiner Ehe herauszubrechen, sondern gerade auch des Anderen Bindung zu achten und zu schützen.

 

Das siebte bis zehnte Gebot

Du sollst nicht stehlen, lügen, gieren, rauben

2.Mose 20,15- 17

 

Dem Andern das Seine nicht nehmen sondern „ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten“, ist uns aufgegeben; nicht belügen sondern „entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren“ (Martin Luther). Sein Hab und Gut nicht anrühren, auch seine Ehre nicht- aber es ist ein dauerndes Ringen um Mein und Dein. Die Liebe der Eltern,der Gefährten,  die Anerkennung der Freunde, die Zuneigung, die Achtung  steht immer auf dem Spiel. Und ob ich erarbeiten kann, was ich nötig zu haben meine, muss in Konkurrenz zu andern erworben werden. Anerkennung und Zeit und berufliche Chancen sind knappe Güter, da kann man schon in Versuchung sein, mit rauem Ton und harten Bandagen  das Seine zu beschaffen. Am meisten wegnehmen lässt sich mit Sprache: Über den Mund fahren, die Früchte der Arbeit für sich reklamieren,  Beziehungen spielen lassen, anschwärzen, Schuld abschieben, den Vorteil sich zurechtlügen. Wie lassen wir dem Andern Seins, und sind mit dem Eigenen zufrieden?- Was dir genügt, lass dir genug sein. Das ist eine Lebensarbeit.

                                                    

 

Die Gebote zeigen Gottes Handschrift

Und als Gott mit Mose zu Ende geredet hatte auf dem Berge Sinai, gab er ihm die beiden Tafeln des Gesetzes; die waren aus Stein und beschriftet von dem Finger Gottes.

2.Mose 31,18

 

 

Uralt ist die Vorstellung, Gott habe eigenhändig die Gebote in Stein gegraben. Es ist dies ein starkes Bild für die heilige Urheberschaft: Die Gebote haben höchste Autorität.

Staat und Gesellschaft  schätzen die ethischen Gebote auch ohne Gottesbezug hoch. Dabei bilden die theologischen Gebote I-III ja den Sockel für alle übrigen. Aus dem Zugottgehören folgt, daß ich keinen Menschen aus seinem Gotteszusammenhang reißen darf. Eigentum verpflichtet. Besitz, Ehe und Ehre sind Gaben, darum ist Stehlen, aus der Ehe Brechen und Ehrabschneiden auch ein Angriff auf Gott.   

Das Recht auf Mundraub ist schon in der Bibel gewährt. Wer erst stehlen muß um nicht zu verhungern, an dem geschieht Unrecht. Wer lügen muss, um nicht unterzugehen, der ist näher an der  Wahrheit als der, der herrisch auf Ehrlichkeit pocht.

 

                                                           *

 

Anbetung des goldenen Stieres

Als aber das Volk sah, dass Mose lange nicht vom Berg zurückkam, sprachen sie zu Aaron: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.

Und Aaron gebot: Nehmt ab die goldenen Ohrringe eurer Frauen, Söhne, Töchter und bringt sie zu mir. Und er nahm das Gold von ihren Händen und bildete eine  Form und goss ein Goldnes Kalb. Und sie sprachen sich zu: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat! Und sie brachten dazu Dankopfer dar. Dann setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf zu wilden Spielen.

2.Mose 32,1-6

 

 

Auch wieder eine Menschheits-Urgeschichte: Der große Führer scheint verloren gegangen und mit ihm der Garant für die Nähe des Unsichtbaren Gottes. Das Nichtgreifbare, das Unbegreifliche Gottes auszuhalten, braucht einen starken Glauben. Gott ist unsichtbar, aber seine Wohltaten sind erkennbar- vor allem, wenn ein Mittler da ist,  der die Gottesgnade im Konkreten benennen kann. Mose war einer der größten Mittler der Menschheit. In ihm geschah die Heiligkeit anfaßbar, unter seiner Führung wurde aus dem Herumirren ein Weg und aus dem Schreien zu Gott die Ahnung von Rettung.

Aber sobald das Bild Gottes, seine Ikone bei den Menschen, fehlte, wurden sie ungeduldig und unsicher und wollten ein Faustpfand für Gott, wollten einen Gott zum Anfassen. Und so „verwandelten sie die Herrlichkeit Gottes in das Bild eines Ochsen, der Gras frisst“ (Psalm 106,20).

Besitz und Zeugungsfähigkeit sind des Menschen stärkste Mächte. Besitz gibt Herrschaft und Sexualität gibt Leben. Der Stier steht für  Zeugungskraft, die ins Leben zwingen kann.  Gold steht für Macht und Herrlichkeit. Der „Tanz ums Goldne Kalb“ ist sprichwörtlich geworden für Anbetung von nackter Gier.

 

                                                      

Moses Fürbitte

Als Mose vom Berg herabstieg und das infernalische Spektakel sah, wandte er sich an Gott. Der sprach: Das Volk vergisst schnell, was ich ihm Gutes tat, ich zürne über sie.

Mose aber flehte: Ach Gott, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte? Lass dich des Unheils gereuen. Und Gott ließ ab von seinem Zorn.

2.Mose 32,7-14

 

Dies Rettende hat Israel oft erfahren: Der Grund aller Dinge, obwohl oft enttäuscht über seine Menschenbrut,  kann sie nicht von sich stoßen, er hat zuviel Herzblut an sie –besonders an Israel- verwandt. Mose spricht diesen inneren Konflikt in Gott an. Und wahrlich, wir zehren auch von Gottes Großmut. Er darf die Erde nicht verloren geben, darf uns um seiner Liebe willen nicht fallen lassen.  Das dürfen wir aber nicht ausnutzen. Die Liebe leidet, das ist ihre Tragik. Wehe, wir wären nur grinsende Zuschauer des Niedergangs der Erde.

 

 

Gestopfte Mäuler

Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Gold- Kalb und das wüste Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu saufen.

2.Mose 32,19.20

 

 

Auch ein Urbild der Menschheit: Den eigenen Mist fressen müssen, den man angerichtet hat: Das Gold, mit der Asche zu Pulver vermahlen, wird denen, die Gott vergessen haben, eingetrichtert. Sie müssen an dem ersticken, was sie zu ihrer Glorie aufrichteten. Es ist eine andere Art des zerbrochenen Babylonischen Turmes.  Turm und Stier sollten Bauwerke sein, die der Menschen Größe demonstrieren. Aber Größe aus Gottvergessenheit kann nur zu Fall kommen. So müssen wir unsern eigenen Unrat ausfressen.

 

                                                    *

 

 

Gott wissen  aber nicht sehen

Gott  redete mit Mose wie ein Mensch mit seinem Freund redet. Gott sprach zu ihm: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und Gott sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun mein Wesen: Gnade und Erbarmen ist mein Wesen. Aber  mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Irdischer kann mein Antlitz aushalten. Aber meine Nähe sollst du erfahren. Es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dich halten, bis ich vorübergegangen bin.

Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen.

2.Mose 33, 11,17-23

 

 

Wir können nur Gottes Wohltaten sehen, nicht Ihn von außen. Grandios, wie Mose das „gesteckt bekommt“ - für uns mit. Obwohl Mose einer der Nächsten zu Gott ist, zeigt Gott sich ihm nicht. Den Abglanz seines Antlitzes legt er auf die Gesichter der Säuglinge und der Liebenden, aber er will verborgen bleiben in allen Gesichtern und Blumen und allem Sonnenleuchten. Es gibt Ereignisse, da haben wir Gottes Nähe unmittelbar gespürt, da ist uns  die Beglückung der Gegenwart Gottes geschehen- es ist, als wären wir in einem Spalt gesessen, den Gott beim Erscheinen uns verdunkelt hat. Es ist seine Hand, mit der er sich uns verstellt. Wir können Gott hinterher sehen - wie er uns das Kind in den Arm gelegt hat oder uns neu geboren hat nach einem Unfall. Das ist doch viel. Manchmal schon zu viel.

 

                                                      *

 

Nächstenliebe

Und Gott redete mit Mose und sprach: Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin die Quelle  des Lebendigen. Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.

Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Das sage ich euch, euer Gott, der ich euch aus Ägyptenland geführt habe.

3.Mose 19.1.2.18b,33.34

 

 

Viele Gebote und Gesetzessammlungen aus verschiedenen Epochen  werden unter die Autorität des Mose gestellt. Besonders wichtig ist das Gebot der Nächstenliebe und das der Fremdenfreundlichkeit. Den Nächsten lieben wie man sich selbst liebt- das rückt den Andern sehr, sehr nahe. Jedenfalls ist es eine eherne Messlatte: Was wünschst du dir an seiner Stelle? Es bleibt Auftrag, auch die dir Lästigen zu achten und dem Rivalen fair zu begegnen.

Mitgesetzt mit diesem Gebot ist: Du sollst dich selbst lieben. Du sollst dich achten als Gottes geliebte Schöpfung- also meine es gut mit dir und beschädige dich nicht selbst.

Als Testfall für die Nächstenliebe wird uns der Fremde aufgegeben. Sein obdachloses Außenseiterdasein zu wenden, ist Menschenpflicht. Wir waren ja auch  schon Fremde - und wie gut tat da der eine, der uns herwinkte und Platz anbot und einfädelte in Gesprächsrunde oder Nachbarschaft.

 

                                                        *

 

Alle siebenmal sieben Jahre

 ist die Zeit der sieben Sabbatjahre. Im siebten und im fünfzigsten Jahr sollst du die Posaune blasen lassen durch euer ganzes Land und ihr sollt das siebte und das fünfzigste Jahr heiligen. Ihr sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder wieder zu seiner Habe kommen und wenn er sich verkauft hat in Leibeigenschaft, soll er wieder frei sein.

3.Mose 24, 8-10

 

Alle sieben und alle fünfzig Jahre war Israel ein Neuanfang verordnet.- Der Ur-Anfang liegt weit zurück: Als Nachklang der Schöpfung und als kreative Wiederholung ist der Sabbat eingesetzt, Ruhe für alle. Es gelte:„Alles zurück auf Null“. Jeder Neuanfang ist voll besonderer Würde- einer der stärksten Anfänge ist der  Auszug aus Ägypten: Gott nahm für Israel das Gelobte Land ein und teilte es an die  zwölf Stämme Israels und ihre Familien auf.  Aber immer bleibt Jahwe Herr der Schöpfung und der Besitzer des Landes.  Israel und die ganze Menschheit hat alles  nur als Leihgabe, es ist uns anvertraut nur auf Zeit.

 Um dies zu erinnern, rief man in Israel  jedes siebte Jahr zum Sabbatjahr aus- der Acker blieb unbestellt und hatte seine Ruhe. Und jedes fünfzigste Jahr galt als  Erlassjahr: Alle Schulden wurden den Stammesgeschwistern erlassen, alle ursprünglichen Besitzstände wurden wieder hergestellt, alle Ungleichheit durch Verschuldung wurde wieder aufgehoben.  

Wie diese Regelung gelebt wurde in Israel, liegt im Dunklen. Aber Sabbat- und Erlassjahr erinnern, daß uns Zeit, Gesundheit, Kraft, Besitz nur vorübergehend anvertraut sind. Diese  Überzeugung bewirkt im  Gläubigen einen verantwortlichen und großzügigen Umgang mit den Dingen- wenn, ja wenn „der Geist unserer Schwachheit aufhilft“ (Römer 8,26).

Die Schuldenkrise der Gegenwart rückt die Rezepte der Vorfahren wieder in den Blick: Es muss ein Erlass von Schulden eingeräumt werden, sonst sammelt sich bei immer weniger Reichen immer mehr.  Dabei muss immer mehr Menschen das Existenzminimum von der Gemeinschaft eingeräumt werden, ein Grundgehalt unabhängig von der Leistungsfähigkeit- und willigkeit ist nötig-  weil Gott uns das tägliche Brot heute geben will, bedingungslos. Und wir sind alle zuständig, dass Gottes Wille geschehe je im Rahmen unserer Fähigkeiten.

Christen gehen vorweg, auch , auch indem sie  gern Steuern, auch Erbschaftssteuern bezahlen. Durch „Brot für die Welt“ können wir unmittelbar  den Hunger auf der Erde lindern. Verschenken wir doch mehr. 

 

                                                        *

 

Der große  Segen

Gott redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

„Der Herr segne dich und behüte dich;

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

4.Mose 6,22-27

 

Segnen fleht die heilenden Kräfte Gottes auf Menschen und Kreaturen herab. Mit großer Inbrunst spannt der Segenspender die Arme aus, oder berührt mit beiden Händen seitlich den Kopf des zu Segnenden, er spricht intensive Behütungsworte als Widmung, als Weihe, als Gebet, als Gelübde fast. Und Christen schlagen zur Bekräftigung das Kreuz über Gemeinde oder Paar oder dem Einzelnen. Die Bibel sagt es noch genauer: Es gilt, den Namen Gottes aufzulegen, dass Gott segne. Also nicht Priester oder Eltern segnen, sie bitten um den Segen, sie stellen unter Gottes Schutz, unter dem der Betroffene ohnehin steht, aber sie vergewissern, sie benennen noch einmal das Haus aus Segen, das Gott tagtäglich neu errichtet mit seiner Schöpfungsenergie. Gut, wenn wir beim Abschied dem geliebten Menschen mehr zu bieten haben als die Mahnung: “Pass auf dich auf.“ Geben wir ihm mit: „Bleib behütet; Du bist „von guten Mächten wunderbar geborgen.“

 

                                                              *

Sehnsucht nach dem verheißenen Land

Nach vielen Jahren Wüstenzug schickte Mose Kundschafter los in Richtung Gelobtes Land. Und sie kamen bis an den Bach Eschkol und schnitten dort eine Weinrebe ab und trugen sie zu zweit auf einer Stange, so groß war sie; dazu auch Granatäpfel und Feigen. Und nach vierzig Tagen, als sie das Land erkundet hatten, kehrten sie um, und brachten Kunde, wie es stand, und sie zeigten die Früchte des Landes vor und erzählten und sprachen: Wir sind in das Land gekommen, in das Gott uns schickt; es fließt wirklich Milch und Honig darin und dies sind seine Früchte.

 4. Mose 13, 23,25-27

 Durch das Volk Israel hat Gott viel der Menschheit beigebracht: Gott ist ohne Abbild, darum ist auch die Natur nicht als  „Double“ Gottes zu ehren, sondern sie ist dem Menschen zu Nutz freigegeben (und anvertraut). Und die Gebote, das ethische Grundgesetz der Menschheit ist uns ausgegeben.. Und eine Befreiung vom Ring der ewigen Wiederkehr hin zu einer Geschichte mit Ziel; die Menschheit wird ausgerichtet auf die Zukunft und stark mit Hoffnung imprägniert.

Israel verdanken wir starke Bilder zukünftiger Freude: Etwa das Goldene Jerusalem, von dem gutes Recht ausgeht. Und die dem Menschen völlig dienende Natur, abgebildet in der nur von zwei Männern zu tragenden Rebe und dem Land, darin Milch und Honig fließt. So stark die Bilder auch sind- sie werden an die Wand der Zukunft geworfen. Sie wollen eingelöst werden in Befreundung von Gott und Mensch. Sie sind Utopie (ou topos= hat noch kein Ort), die Verheißungen Gottes gelten jeder Generation und brauchen in jeder Generation Annäherung, Wegmarken in Richtung Frieden.

 

                                                      *

Das verheißene Land rückt in weite Ferne

Aber die Männer, die nach Kanaan gezogen waren, sprachen: Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen dies Volk, denn sie sind uns zu stark. Wir sahen dort auch Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen-im Vergleich mit ihnen waren wir klein wie Heuschrecken.

Da fuhr die ganze Gemeinde auf und schrie, und das Volk weinte die ganze Nacht. Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Ach, wären wir doch  in Ägyptenland gestorben oder stürben noch in dieser Wüste!

Warum führt uns Gott in dies Land, damit wir durchs Schwert umkommen? Ist’s nicht besser, wir ziehen wieder nach Ägypten?

Und Gott sprach zu Mose: Wie lange lästert mich dies Volk? Und wie lange wollen sie nicht an mich glauben trotz all der Zeichen, die ich unter ihnen getan habe? Ich will sie mit der Pest schlagen und sie vertilgen und dich zu einem größeren und mächtigeren Volk machen als dieses.

Mose aber sprach zu Gott: Dann werden’s die Ägypter hören und sagen: Ihr Gott vermochte es nicht, dies Volk in das Land zu bringen, das er ihnen zu geben geschworen hatte; darum hat er sie hingeschlachtet in der Wüste. So lass nun deine Kraft, o Herr, groß werden. Und vergib die Missetat dieses Volks nach deiner großen Barmherzigkeit. Und Gott  sprach: Ich habe vergeben, wie du es erbeten hast. Aber so wahr ich lebe und alle Welt der Herrlichkeit Gottes voll werden soll: Keiner von denen, die auszogen, soll einziehen in das gelobte Land. Eure Leiber sollen in dieser Wüste verfallen. Eure Kinder aber, von denen ihr sagtet, sie werden ein Raub sein, die will ich hineinbringen, dass sie das Land kennen lernen, das ihr verwerft.

4.Mose 13, 28.30 ; 14,1–31(in Auswahl)

 

Diese Erzählung  ist sechshundert bis tausend Jahre jünger  als der Wüstenaufenthalt Israels. Die Priester-Schreiber haben ihre Gegenwart im Blick. Im Exil wartet Israel als verlorener Haufen, wieder kommt die Kriegsgeneration nicht heim, aber hoffentlich die Enkel, die Urenkel. Wieder kann es nicht sein, daß Gott sie vergessen hat. Wie würde Er sonst vor den Völkern blamiert dastehen, daß Er sein Volk  an den Wassern Babylons sich totweinen lässt.  Wieder lehren die Propheten wie vorher Mose, daß mangelndes Gottvertrauen das ganze Schlamassel heraufgeführt hat.

Die Wüstenzeit ist für Israel  die Traumzeit, das Ideal der Verlobungszeit des Volkes mit seinem Gott. Dort lernten sie: „Gott wird für euch streiten und ihr werdet stille sein“ (2. Mose 14,14). Aber die ferne Wüstenzeit war auch Vorbild für eine Hoffnung mit bitterem Geschmack. Was  nur Übergang  sein sollte, Wegstück vom Auszug aus dem Knechtshaus Ägypten bis zum Einzug  nach Kanaan- wurde Schmerzenszeit, zerdehnte Zeit, bleierne Zeit- man war des ewigen Anfangs müde geworden (Manes Sperber).

Ganze Generationen lagen wüst, ohne Gottesdienst, ohne Aussicht, Gott und ein gelobtes Land zu schauen, ohne überhaupt Spuren zu hinterlassen. Aber irgendwann schlug eine Generation Feuer aus der Asche, ein Heerführer hörte Gottes Ruf: Jetzt geht’s über den Jordan.

 

                                                     *

 

Ach Gott,

Du bist das Lebendige in allem Fleisch

4.Mose 16,22

Wohl die grandioseste Bestimmung, wer, was Gott sei! Nah dran ist der Hinweis: Gott hauchte dem Adam seine Seele ein, also gab von seinem Atem einen Hauch, gab von seinem Wesen dem Menschen ab (1.Mose2,7). Darum ist Sterben auch das Zurückgeben der Seele in seine Hände (Lukas 23,46).

 

                                                        *

 

Heute gibt Gott uns die Gebote

Der Herr, unser Gott, hat einen Bund mit uns geschlossen am Sinai

und hat nicht mit unsern Eltern diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier sind und jetzt leben. Er hat von Angesicht zu Angesicht mit euch aus dem Feuer auf dem Berge geredet.

5.Mose 5,2-4

 

Schon  früher hatten die Gläubigen das Problem, dass ein „garstig breiter Graben“ (Gotthold E. Lessing)  sich auftut zwischen ursprünglicher Gottesbegegnung und dem heutigen Zehren davon. Die lange Historie hat die Kraft der ersten Liebe ausgedörrt. Da muss eine neue Erweckung geschehen. Und das ist die kühne Weissagung von damals: Die Gegenwärtigen sind gleichgestellt mit den ersten Zeugen. Jetzt hören wir Heutigen Gottes Stimme in den Geboten. Und wir leben in Gottes Gegenwart, vor seinem Angesicht. Die Vorigen waren nicht näher dran. Auch wir sind Kinder Gottes, jetzt.

Den Priestern im 6. Jahrhundert v.Ch. war die aktuelle Gottesbegegnung so wichtig- jetzt geschieht die wahre Verkündung der Gebote.

Das sei uns Beispiel, heute Gott gegenwärtig zu erfahren. Jetzt ist Sinai, und wir gehorchen oder nicht.

 

                                                      *

 

Jetzt mit in Ägypten

Wenn dich nun deine Kinder morgen fragen werden: Was sind das für Mahnungen, Gebote und Rechte, die euch unser Gott geboten hat? Dann sollst du sagen: Ein umherirrender Aramäer war mein Vater, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenigen Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk. Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten uns und legten uns harten Dienst auf.

Da schrien wir zu dem Herrn, dem Gott unserer Väter und Mütter. Und der erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder, und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt.

5.Mose 26,5-9

 

 

Unseren Glauben schütteln wir uns nicht aus dem Ärmel. Wie man die Stadt nicht gebaut hat, in der man wohnt, so ist man auch in den Glauben eingezogen, der einen trägt, an dem man auch weiterbaut, der aber seine Wurzeln, seine Basis  in unsern Vorfahren hat.

Heute mit schnellem Internet und Patchwork- Familien verflüchtigt sich die Tradition. Wer erbt schon noch einen Jahrhunderte alten Bauernhof mit eingeschnitztem Stammbaum der Vorfahren. Allein schon das gedankenlose Aufgeben der Großeltern-Gräber zeigt ein vollkommenes Aufgehen in der Gegenwart. Jetzt gilt es die Chancen zu ergreifen, jetzt muss man überzeugen, jetzt flexibel und gewinnend sein, jetzt glücklich.  Die einzige Tradition, die noch zählt, scheint das Geld zu sein.

Und doch sehnen wir uns, zu einem guten Ganzen zu gehören. Aber die Fußballbegeisterung etwa und Vereinstreue geben nicht genug Halt. Gut, wer seine Familie hat, und weiß, wo er hingehört. Aber auch die Kleinfamilie kann nicht ewig bleiben.

Gibt es was, was immer hält? Was mich hält und trägt?

Als der Rest des zerschlagenen Israels nach Vertreibung und Exil wieder in seine alte Heimat kam, war diese verwüstet und leer.  Was hatte man da an innerem Halt? Was konnte einem Kraft für Zukunft geben? Die Priesterschaft rief den Bau eines neuen Tempels aus und verklärte die Rückkehr aus Babylon  als erneuten Auszug aus Ägypten und  als neue Verkündung des Bundes mit seinem Gott. Dazu half es, daß Israel sich identifiziert mit den Vätern und Müttern des Glaubens und dem Volk Israel, das ins gelobte Land Einzug hielt.

Ähnlich sangen sich die schwarzen Sklaven auf den Tabak-Feldern Virginias ihrer Befreiung entgegen, indem sie sich gleichsetzten mit dem Israel, das vor Pharao auszog.

Wir sind  mit der Kirchengliedschaft auch dieser langen Tradition zugehörig. Darum ist es so wichtig, daß wir Eltern und Großeltern unsere Kinder und Enkel einweihen in das Zusammengehören mit Israel und den frühen Christen und  den Generationen, in denen Kirche die Gesellschaft geprägt hat.

 

                                                        *

 

Der große Mose bleibt zurück

Und Mose stieg aus dem Jordantal auf den Berg Nebo, gegenüber Jericho. Und Gott zeigte ihm das ganze Land Gilead bis hin nach Dan und das ganze Naftali und das ganze Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar.

Und Gott sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. - Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber hinübergehen sollst du nicht.

Mose starb im Land Moab, und Gott begrub seinen Knecht dort. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag.

Mose war hundertundzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden und seine Kraft war nicht verfallen. Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, mit dem Gott sprach von Angesicht zu Angesicht,

5.Mose 34

 

Mit Wehmut schließt die große Geschichte von Mose. Viel Idealisierung ist im Laufe der Jahrhunderte an seine Person angewachsen. Doch schon die Urfigur muss große Kraft gehabt haben. Mose hat Gott mit Geschichte und  Recht  und mit Israel verbunden. Mose ist der Architekt des Bündnisses: „Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein“(2.Mose 19,5.6). Bei allem Ungehorsam gibt er Israel und damit der Menschheit ein Existieren vor Gott „auf Augenhöhe“. Gott muss ihn sehr  geliebt haben. Dabei hat Mose gemordet, hat gezweifelt und gehadert. Dem Volk Israel blieb immer im Gedächtnis, daß dieser Große draußen  vor der Tür bleiben musste. Aber Gott hat ihn von eigener Hand beerdigt- was meinen kann, Gott hat ihn mitgenommen; Mose ist immer bei ihm.

 

                                          *                   *

 

 

Josua

 

Die Landnahme

Nachdem Mose gestorben war, sprach Gott zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener: Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich den Israeliten, zugesagt habe.

Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hethiter, soll euer Gebiet sein.

Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Josua 1,1-6.9

 

Josua („Gott ist Retter“) ist die sagenhafte begnadete Figur, mit der Gott seinem Volk Heimatland beschafft. – Das biblische Buch Josua ist Teil des großen Geschichtswerkes, das die fünf Bücher Mose, die Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige  umfasst- 417 von den 906 Seiten des Alten Testamentes. Es hat die Zeit vom Schöpfungsanfang bis zum Ende des Reiches Israel zum Thema. Es wurde geschrieben in der babylonischen Exilgemeinde-  nach 587  war ja Jerusalem und sein Tempel zerstört und die gesamte Oberschicht war nach Babylon verschleppt worden. Dort hatte die Priesterschaft Zeit, nachzudenken den Weg Gottes mit seinem störrischen Volk. Und sie wagten eine Prophetie auf künftige Heimkehr hin und neues Erstarken unter Gottes Führung.

So nahm man die ferne Erinnerung an die Landnahme als Hoffnungsmaterial für den Blick nach vorn. Man wartete auf einen neuen Führer und einen erneuerten Glauben.

Natürlich haben die Geschichten des Josua einen historischen Kern. Der aber ist nicht mehr isoliert zu finden. Was geblieben ist, ist das starke Gewebe des Glaubens an den geschichtsmächtigen Gott, der mit seinem Volk durch Leid zur Freude geht. Darum sind auch uns die Erfahrungen Israels, sei es aus dem 12. oder 6. Jahrhundert v. Chr., hilfreich. Jeder ist eingeladen,  sich in der wiederholten Geschichte mit eingebettet zu finden. Jeder darf auf sich die wunderbare Zusage Gottes an Josua beziehen. Etwa zur Konfirmation wird dieses starke Segenswort weitergesagt in die nächste Generation: „Gott mit dir!“ Du bist nicht allein. Es ist eine starke Energie bei dir. Du kannst beherzt an deine Sache gehen.

Natürlich ist Gottes Beistand kein Freibrief für Dummheit und Angeberei. „Gott bei dir“ - das  mache dich sanft, klug, barmherzig, es entfeinde dir die Welt; du provozierst nicht. Aber es braucht  eine lange  Zeit in der Schule Gottes, ihn eben nicht als Volks-Gott oder deinen Privat-Gott, als Garant für deine Vorteile zu sehen. „Gott mit dir“ macht dich nicht zum Sieger.- Das  hat Israel in seiner langen Geschichte mühsam gelernt, das hat Deutschland gelernt, dessen Soldaten einst Koppelschlösser mit der Aufschrift „Gott mit uns„ trugen. Und wird jeder lernen, der  meint, auf  Erfolg und Gesundheit ein Recht zu haben.  

 

                                                  *

 

Die Kundschafter in Jericho

Josua sandte zwei Kundschafter aus: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Sie gingen hin und nahmen Herberge im Haus der Hure Rahab. Das wurde dem Fürst von Jericho angezeigt. Der verlangte von  Rahab, die Männer herauszugeben, es seien Spione. Aber die Frau verbarg die beiden; Sie hatte sie aufs Dach steigen lassen und unter Flachsstängeln versteckt.

Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg sie zu ihnen hinauf auf das Dach und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass Gott euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen; wir haben gehört, wie Gott das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat für euch. Seitdem ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn euer Gott ist allmächtig.

So schwört mir nun bei Gott, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an mir Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet.

Die Männer sprachen zu ihr: Belohnen wir dich nicht, wenn uns Gott das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst.

Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hernieder; denn ihr Haus war an der Stadtmauer. Die Männer sagten „Lebewohl“ und vesprachen: Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herniedergelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus.

Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster. Die Männer kamen heil zurück zu  Josua und sprachen: Gott hat uns das ganze Land in unsere Hände gegeben. Das Land steht offen für uns.

Josua 2

 

Rahab, die „Männerfreundin“ hat im Jüdischen Heiligenkalender einen guten Namen. Sie hat Gott geholfen, seinem Volk zur Heimat zu verhelfen. Rahab spiegelt, wie Israel das Heilswerk gerne sieht:  So gewaltig ist Gottes Einsatz für sein Israel, daß die andern Völker nur zittern können, ja, zur Verfügungsmasse  „Heiden“ herabgestuft werden.  Die sehen Israels Gott als allmächtig- im Vergleich zu ihren kleinen Lokalgöttern und sagen: „Unser Herz ist verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn euer Gott ist allmächtig.“-

So darf es Israel wohl sehen, aber der an Jesus geschulte Glaube weiß, daß Gott nicht das Glück der einen Kinder mit dem Unglück seiner anderen Kinder erkauft. Wohl sind die Vorräte an Land, Wasser, Nahrung knapp, und wir Menschen finden uns in  Volks- und Interessenverbänden zusammen –um unseren Anteil uns zu sichern, auch gegen andere. Aber  Gott will nicht Krieg, will auch nicht vereinnahmt werden als „unser“ Gott.

Und doch haben immer Menschen für Siege gedankt und für Niederlagen Buß- und Bettage ausgerufen. Israels Einzug ins gelobte Land war ein Jahrhunderte lang dauerndes langsames Einsickern und Sichfestkrallen. Erst im Rückblick wurde es zum kurzen großen Triumphzug, wobei die Einnahme Jerichos und die Hilfe Rahabs ein Markstein war.

Eine kleine Kostbarkeit am Rande:  Der rote Faden, den wir oft brauchen, hat hier einen frühen Ort.

 

                                                        *

 

Die Einnahme Jerichos

Unter Josua waren sie ins Land Kanaan gezogen. Sie hatten den Jordan durchquert, hatten die Bundeslade mit den Gesetzestafeln mitten im Fluss abgesetzt, und die Fluten stauten sich, dass sie hindurchziehen konnten. Und sie kamen zur großen Stadt Jericho. 

Jericho aber war verbarrikadiert vor den Israeliten.

Aber Gott sprach zu Josua: Sieh, ich gebe Jericho samt seinem Fürsten und seinen Kriegsleuten in deine Hand. Lass eure Kriegsmänner rings um die Stadt herumgehen, einmal sechs Tage lang. Und lass sieben Priester sieben Posaunen tragen vor der Lade her, und am siebenten Tage zieht siebenmal um die Stadt und lass die Priester die Posaunen blasen. Und wenn man die Posaune bläst und es lange tönt, so soll das ganze Kriegsvolk ein großes Kriegsgeschrei erheben, wenn ihr den Schall der Posaune hört. Dann wird die Stadtmauer einfallen und das Kriegsvolk soll hinaufsteigen und die Stadt einnehmen. Und so geschah es.

Josua 6,1-5

 

Die Posaunen, die Jerichos Mauern wanken ließen, sind berühmt. Sie stehen für die Hand Gottes, die auch das Unmöglichscheinende möglich machen kann. Wenn sie will. Dürfen wir Gott bitten, zu unserm Vorteil und anderer Nachteil ins Geschehen einzugreifen? Gottes Wesen ist Kraftvergeudung, ist Verschwenden von Liebe. Gott weiß auch unsere Wünsche zu sortieren. Er tut nichts Unrechtes. Darum erfüllt er unsere Wünsche mehr, indem er es anders macht als wir erhoffen.  Hinterher sehen wir, was richtig war.

Ob die Mauern wankten durch den Hall der Posaunen? Israel erzählt es. Wenn ein hoher Ton Gläser splittern lassen kann, können auch Posaunen Mauern eindrücken, warum nicht? Israel erzählt, daß der Einzug ins gelobte Land eine Kette von Wundern war. Ist mein, dein Leben nicht auch wunderbar?

Die „Posaunen von Jericho“ sind auch ein Bild für Geisteskraft, die siegt. Nicht nur „Heer oder Macht“ sondern Gottvertrauen und Willen  und  geistiges Ringen bewegen die Welt.

Welche Mauern müssen bei dir einstürzen, daß dir neues Leben blüht?

 

                                                            *

 

Entscheidet euch

Josua sprach zum Volk. Achtet Gott, dienet ihm recht und lasst die falschen Götter fahren. Gefällt es euch aber nicht, dem einen Gott zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.

Josua 21, 13.14

 

Es muss entschieden sein. Gott dienen- das ist zuerst ein Nein, dem Geld zu dienen, der Karriere, dem Siegersein, dem kleinen, eigenen Vorteil. Gott dienen heißt, seiner Schöpfung dienen- Mitmensch, Mitkreatur sein- nicht zertreten sondern zum Gedeihen helfen, was mutmaßlich der Herr gedeihen lassen will. Gott dienen- ist auch, sich seiner Wohltaten bedienen, ist Taugen, jenseits von Leistung; ist Sich schwach zeigen dürfen; neu anfangen können. Täglich gibt es vielmals ein Entweder-Oder. Machen wir es richtig.

 

                                                        *

 

Josuas letzte Rede

Und nach langer Zeit, als Gott Israel Ruhe verschafft hatte vor allen seinen Feinden ringsumher und Josua nun alt war, rief er ganz Israel zusammen und redete diese Worte: Ich bin alt, und ihr habt alles gesehen, was euer Gott euch Gutes getan hat gegen  alle diese Völker; euer Gott, hat selber für euch gestritten.

Die  Völker, die noch nicht unterworfen sind ringsum, die teile ich euch durchs Los zu; einem jeden Stamm sein Erbteil.  Und der Herr, euer Gott, wird sie vor euch vertreiben, und ihr werdet ihr Land einnehmen, wie euch euer Gott, zugesagt hat.

So haltet nun ganz fest daran, dass ihr alles tut, was geschrieben steht im Gesetzbuch des Mose, und nicht davon weicht, weder zur Rechten noch zur Linken, damit ihr euch nicht mengt unter diese Völker, die noch übrig sind bei euch, und nicht anruft und schwört bei dem Namen ihrer Götter noch ihnen dient noch sie anbetet, sondern dem Herrn, eurem Gott, sollt ihr anhängen, wie ihr bis auf diesen Tag getan habt.

Der Herr hat vor euch große und mächtige Völker vertrieben, und niemand hat euch widerstanden bis auf diesen Tag. Einer von euch jagt tausend; denn euer Gott, streitet für euch, wie er euch zugesagt hat. Darum achtet ernstlich darauf um euer selbst willen, dass ihr den Herrn, euren Gott, lieb habt.

Josua 23

 

Israel blickt zurück auf seine glücklichste Zeit: Die Zeit der Landnahme – ging aber nicht so ideal und schnell vonstatten.  Als Israel sesshaft geworden ist unter seinen Königen ab 1000 vor Chr., da schuf sich Israel seine Ideale Geschichte- im traumhaften Rückblick war Gott der wunderbare Held gewesen, der den zwölf Stämmen Israels Heimstatt gab.

Unter dem Namen Josua ist die Jahrhunderte dauernde Landnahme zusammengezogen, zusammengeschnurrt. Das Land hat Gott für sein Volk beschafft –ein Leben in Gehorsam wäre die einzige richtige Antwort. Die Priester des 6. Jahrhunderts schreiben das große Geschichtswerk von der Schöpfung bis zum Heimatfinden Israels im Gelobten Land.

Die Gegenwart sieht anders aus, sie ist gezeichnet von Armut, Mutlosigkeit, Ungehorsam und Verweltlichung. Die Propheten müssen Schwerstarbeit leisten, um Gott noch Gehör zu verschaffen. Ein Wiedererrichten des Tempels steht an. Da ist es gut zu erinnern, welchen allmächtigen Gott Israel an seiner Seite hat, auch wenn die goldnen Zeiten innigen Einvernehmens weit zurückliegen. 

 

                                               *                   *

 

Richter

 

Es sollen umkommen, Gott, alle deine Feinde! Die dich aber lieb haben, sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!

Richter 5,31

 

Im Buch Richter sind Geschichten der Eroberung Kanaans durch Israel versammelt. Immer wieder taucht der Satz auf „und sie konnten nicht einnehmen“. Doch auch ermutigende Geschichten sind hier überliefert. Groß ist der Stoßseufzer: „umkommen sollen alle Feinde Gottes!“  Israel sieht sich als Streiter für die Ehre des Allmächtigen. Israel hält es für ausgeschlossen, diesem Gott nicht die Ehre zu geben. Aus Sicht Israels ist es ein Gott zum Lieben, weil er sich für dieses kleine Volk so müht.  Und sie selber sollen strahlen, die Gottes Namen zum Strahlen bringen.  Dass  Gott nicht seine Feinde umbringt sondern sie bekehrt zu sich-  ja, dass Gott keine Feinde hat, schlimmstenfalls  Verblendete- das hat Jesus aufgetan.

 

                               

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Ruth

 

Zu der Zeit, als Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling unterzukommen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.

Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Ruth. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon, sodass die Frau beide Söhne und ihren Mann überlebte.

Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass Gott sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.

Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt.

Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in eines neuen Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten. Ruth aber blieb bei ihr.

Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.

Ruth antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir weggehen soll.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Später fand sie einen guten Mann namens Boas und gebar noch einen Sohn, namens Obed, der wurde Vater des Isai, der aber wurde Vater Davids.

Ruth 1,1- 17; 4,13.22

 

Zu den Helden der Menschheit, die uns das Alte Testament überliefert, gehören auch die großen Frauen: Sara, Rebecca, Lea, Rael, Mirjam, die Schwester des Mose und auch Ruth, die Urgroßmutter des David. Ruth singt ein hohes Lied der Treue, das zwar ihrer Schwiegermutter gilt und doch zum Hochzeitswort erster Klasse geworden ist: Ein Weg, eine Bleibe, ein Volk, ein Glaube, eine Zukunft, (ein Konto) ein Grab- inniger kann sich Liebe nicht ausdrücken- Über Volk und Einzelnem steht das Paar, die intensive Befreundung, die nur der Tod zu scheiden vermag.

 

                                                          *            *

 

 

1.Samuel

 

Ein starkes Lied

Hanna und  Elkana hatten keine Kinder. Aber nach viel Warten und Beten wurde Hanna schwanger und gebar Samuel-„ich habe ihn von Gott erbeten“.

Sie jubelte  und sprach:

Mein Herz ist fröhlich in Gott, er hat gemacht, daß ich wieder erhobenen Hauptes dastehe. Niemand ist heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

1.Samuel 1.20; 2,1.2

 

Eine ganz persönliche Not wird gewendet. Und ein jauchzendes Lied findet ins Freie, ein Triumphlied, in das ein Volk seine Not und Rettung mit einzeichnen kann. Es ist ein Heilsruf voller Kraft bis heute.

Die Geburt eines Kindes wird als Schöpfungswerk erlebt. Hanna sieht ihren persönlichen Mangel gewendet, sieht sich als Mitarbeiterin Gottes, als Mitschöpferin. Hat nicht jede Frau, die ein Kind geboren hat, dieses grandiose Gefühl, den Sohn, die Tochter Gottes zur Welt gebracht zu haben? Hanna jedenfalls sieht sich erhoben. Und erlebt sich als Verkünderin des Glanzes Gottes.

 

                                                    *

 

Der das Wechselbad des Lebens anrichtet

Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr.

Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.

1.Samuel 2,4.5

 

Es ist eine besondere Leidenschaft Gottes, die Erniedrigten aufzuheben. Und die Hungrigen wieder zu sättigen. Starke sollen nicht stark bleiben, schwache nicht schwach. Wandel treibt die Geschichte. Die Mächtigen haben keine Garantien; “ein Wörtlein kann sie fällen“ (Martin Luther). 

Bonhoeffer schreibt, „dass die prinzipielle Aufhebung der göttlichen Gebote im vermeintlichen Interesse der Selbsterhaltung gerade dem Interesse der Selbsterhaltung entgegenwirkt… Es ist so eingerichtet in der Welt, dass die grundsätzliche Achtung der letzten Gesetze und Rechte  des Lebens zugleich der Selbsterhaltung am dienlichsten ist.“ Wird grundsätzlich gesündigt, kommt man zu Fall, unerbittlich, es ist nur eine Frage der Zeit.

 

                                                          *

 

Beides

Der Herr tötet und macht lebendig, er führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

Gott macht arm und macht reich; erniedrigt und erhöht.

Er hebt den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten. Denn die Grundfesten der Welt sind sein.

1.Samuel 2,6-8

 

Alle Macht, alle Energien gehören Gott. Leben anrichten, es erhalten und dann auch ausgehen lassen ist seine Sache. Aber er hat keine Freude an Schmerzen, Jammer, Tränen. Seine Leidenschaft ist Freude, Liebe, Gelingen, Entwickeln. Doch der Lauf der Natur zerstört auch, und seine geliebten Menschen können zu Mördern werden. Und es ist seine Natur und es sind seine Menschen.

Gott übernimmt für alles letztlich die Haftung. Der Fluß des Lebens fließt in ihm, alles Grauen fällt auf Gottes Seele. Darum aber hat aller Jammer Hoffnung am Horizont, alle Tränen der Nacht warten auf den neuen Morgen. Es ist Aussicht auf  Besserung. Schon werden viele Arme gerettet. Schon ist viel mehr Freude als Hass, sonst wären wir längst untergegangen. Das kommt davon, daß Gott eine Tendenz zum Guten ins Werden eingesät hat. Diese aufspüren und sie mehren und sie feiern ist unser Auftrag.

 

                                                     * 

 

König Saul

Der Prophet Samuel sprach zu Saul: Gott hat mich gesandt, dass ich dich zum König salben soll über sein Volk Israel.

Nach Jahren der Herrschaft Sauls geschah ein anderes Wort Gottes zu Samuel:

Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe; denn er hat sich von mir abgewandt und meine Befehle nicht erfüllt.

Darüber wurde Samuel zornig und schrie zu Gott die ganze Nacht. Dann ging er zu Saul und richtete ihm Gottes Wort aus: Du hast Gottes Weisung verworfen. Weil du sein  Wort verworfen hast, hat er dich auch verworfen, dass du nicht mehr König seiest.

Und Samuel wandte sich um zum Weggehen. Da ergriff ihn Saul bei einem Zipfel seines Rocks; aber der riss ab. Da sprach Samuel zu ihm: Gott hat das Königtum Israels heute von dir gerissen und einem anderen gegeben, der besser ist als du. Und Samuel sah Saul fortan nicht mehr bis an den Tag seines Todes. Aber doch trug Samuel Leid um Saul, weil es Gott gereut hatte, dass er Saul zum König über Israel gemacht hatte.

1. Samuel 15,1.11;23,27.28.35

 

Das  Werden des Königtums in Israel liegt im Dunkeln. Aus den Großfamilien mit ihren Patriarchen wurden Volksstämme mit charismatischen Führern. Etwa 1100- 1000 v.Ch. hatten die Stämme Israels soweit zusammengefunden, dass sie wie die Ländern ringsum, einen Bund unter einem König wollten.

Der erste König Saul war glücklos. Der Prophet Samuel, der eigentlich im Königtum einen Abfall vom einzigen König, Gott allein, sah, hatte widerwillig Saul zum König gesalbt. Als er jetzt diesem die Kündigung überbringen sollte, war ihm Saul ans Herz gewachsen und er haderte mit Gott, fügte sich dann aber doch.

Israel hatte ein einzig inniges Verhältnis zu Gott, Israel konnte mit Gott schimpfen und ihm auch unterjubeln, er sei wankelmütig. Wenn Israel annimmt, Gott könne auch Fehler machen, dann ist es nur menschlich von Gott gedacht, dass ihn auch was reuen kann.

Seit Jesus denken wir da anders drüber. Gott weiß, was aus was wird. Und er will sich nie mehr die Schöpfung des Menschen gereuen lassen. Er steht zu seinem Werk und wird es vollenden. Bis dahin leidet er die Grausamkeiten seiner Menschen und das Leid aller Kreatur mit.

 

                                                      *

 

David wird zum König gesalbt

Gott sprach zu Samuel: Fülle dein Horn mit Öl: Ich will dich senden zu dem Bethlehemiter Isai; denn unter seinen Söhnen hab ich mir einen zum König ersehen.

Und Samuel kam nach Bethlehem. Und sprach: Mein Kommen bedeutet Heil. Kommt mit mir zum Opfer. Und er segnete den Isai und seine Söhne.

Als sie nun kamen, sah er zunächst den Eliab an und dachte: Fürwahr, das ist der Gesalbte.

Aber Gott sprach zu Samuel: Schau nicht auf sein Aussehen und seinen hohen Wuchs. Menschen sehen, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.

Da rief Isai den Abinadab und ließ ihn an Samuel vorübergehen, ebenso seine anderen Söhne. Aber Samuel sprach zu Isai: Gott hat keinen von ihnen erwählt. Aber sag: Sind das alle Knaben? Er aber sprach: Es ist noch übrig der jüngste; der hütet die Schafe. Da sprach Samuel zu Isai: Lass ihn holen; Und als er kam, sprach Gott: Auf, salbe ihn, denn der ist’s.

Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist Gottes geriet über David von dem Tag an.

1.Samuel 16, 1-13

Eine Geschichte mit Hintergrund: Schon bald entwickelt sich in Israel ein Königtum der Erbfolge- die Erinnerung entschwand, daß Gott selbst der König Israels sei und sogar als Heerführer dem streitbaren Volk vorausging. Die ersten beiden Könige werden noch erwählt durch den Propheten. Der weiß, wen Gott meint. Doch auch er ist bedroht, durch augenscheinliche Begeisterung. Auch er muss lernen, dass für Gott die inneren Werte zählen.

Hinter der Herde hervorgegriffen wird der später so große David. Es soll eingeschärft bleiben, daß der Mensch zum Helden wird, indem Gott ihn besetzt und begeistert.

„Von Jesse kam die Art“ singt das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“- Die „Wurzel Jesse“ (Isai) aus Bethlehem weist zurück auf Jesu Vorfahren, die glaubensstarke Ruth, Jakob und Abraham- den „Vater des Glaubens“. Durch Jesu Geburt in Bethlehem wird später klargestellt, daß der irdische  Vater Jesu, Josef, „aus dem Hause und Geschlechte Davids“ stammt, also von weit her gewollt ist.

 

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David kommt an Sauls Hof

Der Geist des Herrn aber wich von Saul und ein böser Geist von Gott her ängstete ihn.

Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach Einem, der des Harfenspiels kundig ist, dass er mir spiele, wenn der böse Geist Gottes über mich kommt. Einer der Berater Sauls wusste, daß ein Sohn Isais  Harfe spielen konnte. Man rief ihn und so kam David zu Saul und diente ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb und er wurde sein Waffenträger.

Und  sooft der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.

1. Samuel 16,14-23

 

Bedrückend ist der Verfall, den ein Mensch erleiden muss, sehenden Auges. Saul weiss um sich. Er fühlt seine guten Kräfte schwinden und dass böse Ängste ihn besetzen. Ist Gott Urheber aller Macht, ist auch böser Geist  aus seinem Schatz- und wenn es nur so ist, daß der gute Geist nachlässt und dadurch die dem Menschen eingegebenen dunklen Instinkte durchbrechen. Wenn alle guten Kräfte von Gott kommen, ist der Mangel guter Kräfte auch von Gott – er bleibt zuständig und verantwortlich. Wahrlich schwer ists- Gott zu sein.

Zu den guten Kräften gehört sicher die Musik. Ein guter Gesang wischt die Angst vom Herzen- schon mitsingen, mitklingen dürfen, verschafft Luft gegen die Erstickung an sich selbst. Luther sagte: „Die Musik ist aller Bewegung des Herzens eine Regiererin. Nichts auf Erden ist stärker, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen nachdenklich, die Verzagten mutig zu machen und die Überheblichen zum Maßhalten zu führen- und  Neid und Hass zu lindern als die Musik.“

                                                       *

 

Immer wieder David gegen Goliat

Die Philister sammelten ihr Heer und auch die Männer Israels unter König Saul rüsteten sich zum Kampf. Da trat aus den Reihen der Philister ein Riesenkerl auf mit Namen Goliat.  Der war mit  Helm, Schuppenpanzer und Bein-Schienen geschützt, er trug einen eisernen Wurfspieß auf seiner Schulter, ein Schildträger ging ihm voran.

Der Riese baute sich vor Israels Heer auf und rief: Erwählt einen unter euch, der zu mir herauskommen soll. Kann er mich besiegen, so wollen wir eure Knechte sein; vermag ich aber über ihn zu siegen, so sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen. Als Israel diese Rede des Philisters hörte, fürchteten sie sich sehr.

Es gab da aber einen Jüngling namens David, Sohn des Isai aus Bethlehem Efrata in Juda. Der hütete noch  die Schafe der Eltern. Einmal brachte er wieder seinen Brüdern, die in den Diensten Sauls standen, zu essen. Und als er sich noch mit ihnen unterhielt, da kam der Goliat herauf und redete Hohn und Spott  gegen  Israel.

König Saul  aber lobte hohe Belohnung aus: Wer ihn erschlägt, den will der König reich machen und ihm seine Tochter geben und will ihm seines Vaters Haus frei machen von allen Steuern.

Da sprach David zu den Männern: Bringt mich vor Saul. Und man brachte ihn zum König.

Und David sprach zu Saul: Wegen dem lasse keiner den Mut sinken; dein Knecht wird hingehen und mit diesem Philister kämpfen. Ich habe als Hirte Löwen und Bären erschlagen, und der Gott, der mich von Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister. Und Saul sprach zu David: Geh hin, Gott sei mit dir!

Und David nahm seinen Stab in die Hand und wählte glatte Steine aus dem Bach und tat sie in die Hirtentasche, und nahm die Schleuder in die Hand und ging dem Philister entgegen.

Der sprach zu David: Bin ich denn ein Hund, dass du mit einem Stecken zu mir kommst? Und der Philister fluchte dem David bei seinem Gott. David aber sprach zu dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Spieß, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn der himmlischen Heerscharen, den du verhöhnt hast. Heute wird dich Gott in meine Hand geben.

Und er nahm einen Stein aus der Tasche und schleuderte ihn- er traf den Philister so, dass der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht.

So überwand David den Philister mit Schleuder und Stein und traf und tötete ihn. Als aber die Philister sahen, dass ihr Stärkster tot war, flohen sie alle.

1.Samuel 17 in Auswahl

 

David gegen Goliat –das ist bis heute Muster für das ungleiche, feindliche Paar. Der Riese steht für Macht, der Kleine für Gewitztheit. Der eine für Getöse und große Reden, der andere für Gottvertrauen. David ist auch der Held für steinewerfendes Jungvolk gegen Militär und Panzer; der entgegenstürmende David steht auch  für Partisanen, die große Militärmaschinen überrumpeln. Und David steht für alle, die für eine Überzeugung  streiten; ja, die im Namen ihres Gottes kämpfen.

Fraglich ist, ob David einen oder fünf Steine bei sich hatte- ob er mehrere Versuche veranschlagt oder alles auf eine Karte setzt. Wenn Gott diesen Krieg kämpft, reicht einer, könnte man denken.  Aber auch der zweite oder dritte Versuch kann gesegnet sein.

Diese Geschichte ist auch Modell für das Sich nicht unterkriegenlassen  in aussichtslos scheinenden Lagen. Wenn du glaubst, daß Gott für dich kämpft, dann setz auf Geduld, Vernunft, Entgegenkommen, auf  Argumente statt Waffen. Alle Zukurzgekommenen dürfen immer noch Gott auf ihrer Seite wissen. Da kann ein Wörtlein die Sache wenden. Im Lutherfilm spielte Peter Ustinow den Kurfürsten Friedrich, der  mit Geschick und List und Zeitverzögerung dem großen Kaiser Maximilian  den Mönch abluchste und in die Sicherheit der Wartburg verbrachte. Und so wurde die Reformation.

 

                                                       *            *

 

2.Samuel

 

 

Gottes Verheißung für David und sein Königtum

König Saul  hatte den Krieg gegen die Philister dann aber doch verloren, auch sein Sohn Jonatan war umgekommen. Da wollte Saul nicht mehr leben und stürzte sich in sein eigenes Schwert. David aber hielt Trauer um Saul und Jonatan. Dann wurde er König über Israel und Jerusalem, er wurde groß und mächtig.

Eines Tages, als der König in seinem Hause saß und Gott  ihm Ruhe gegeben hatte vor allen seinen Feinden, sprach er zu dem Propheten Nathan: Das kann doch nicht angehen: Ich wohne in einem Zedernhause , und die Lade Gottes

 steht unter Zeltdecken. Ich will dem Herrn ein Haus bauen.

Aber Gott ließ ihm durch Nathan ausrichten: Wenn deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vorfahren schlafen legst, will ich deinem Nachkommen dein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen. Dein Haus und dein Königtum sollen beständig sein in Ewigkeit vor mir. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein.

Als Nathan dies dem David gesagt hatte, fiel der König nieder und sprach: Wer, Gott, bin ich, dass du mich bis hierher gebracht hast? Und was soll ich dir noch sagen? Du kennst ja deinen Knecht, Herr, mein Gott. Und du hast dir dein Volk Israel zubereitet, dir zum Volk für ewig, und du bist ihr Gott geworden. Mit deinem Segen wird deines Knechtes Haus gesegnet sein ewiglich.

Aus 2.Samuel 7

 

Das ist ein großes Stück Theologie, ein abschließendes Denkstück  von der Vertrautheit Davids mit Gott und dessen weitreichender Verheißung.

Gut möglich, daß David voll überschäumender Dankbarkeit mal Gott ein großes Haus bauen wollte. Der gute Wille aber wird von Gott selbst vertagt auf den Nachfolger. Eine entscheidende Korrektur wird festgeschrieben: Nicht Gott bekommt ein Haus- höchstens der Name bekommt – eine Schatulle? Dies klärt, daß die Gegenwart Gottes nicht hinter Schloss und Riegel festgesetzt sein kann.

Gott legt sich auch fest auf Israel als Sein Volk- und den König als Seinen Sohn. Der König wird zum Sohn Gottes adoptiert- was später ein Denkmuster für die Gottessohnschaft Jesu abgibt.

 

                                                      *

 

Davids große Schuld

Eines Abends erging sich David auf dem Dachgarten des Königshauses; da sah er gegenüber eine Frau sich waschen; und die Frau war von sehr schöner Gestalt. Und David ließ nach der Frau fragen und man sagte: Das ist Batseba, die Frau des Hauptmanns Uria.

David ließ sie holen und schlief mit ihr. Und die Frau wurde schwanger und ließ David das ausrichten. Da schickte David Nachricht an Joab, den Kommandanten der Truppen, die gegen die Ammoniter im Krieg waren: Gib Uria ein paar Tage frei, daß er sich um seine Frau kümmere, gib ihm Geschenke mit.

Uria ging zwar nach Jerusalem, aber er legte sich schlafen vor der Tür des Königshauses, wo andere Kriegsleute seines Herrn auch lagen, und ging nicht hinab in sein Haus.

Als man das dem David ansagte, ließ er Uria kommen und fragte ihn, warum er es sich nicht gut gehen lasse bei dem kurzen Heimaturlaub. Uria aber sprach zu David: Die Kameraden liegen auf freiem Felde, und ich sollte in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meiner Frau zu liegen? So wahr Gott lebt: Ich tue es nicht. David aber lud ihn ein, und machte ihn betrunken. Und  trotzdem ging er nicht hinab in sein Haus.

Am andern Morgen schrieb David einen Brief an Joab und sandte ihn durch Uria. Er schrieb in dem Brief: Stellt Uria an die vorderste Front; dort, wo der Kampf am härtesten ist, und zieht euch hinter ihm zurück, dass er erschlagen werde und sterbe.

Als nun Joab die Stadt belagerte, stellte er Uria dorthin, wo er wusste, dass dort eine Übermacht war. Und Uria starb, wie geplant.

Und als Urias Frau hörte, dass ihr Mann Uria tot war, hielt sie Totenklage um ihren Ehemann. Sobald sie ausgetrauert hatte, sandte David hin und ließ sie in sein Haus holen, und sie wurde seine Frau und gebar einen Sohn. Aber Gott  missfiel die Tat, die David getan hatte.

Aus 2. Samuel 11

 

Auch der von  Gott Erwählte ist nicht vor Sünden geschützt. Ja,  bei den großen Lichtern  des Herrn ist auch viel Schatten. Aber Gott geht mit dem Menschen und seiner Last. Es bleibt die Frage, warum  Gott uns in die Falle von Schuld so tappen lässt. Das ist wohl des Menschen Glanz und Elend- dass ihm vorgelegt wird Gut und Böse und er entscheiden muss. Und er kann sein Leben ändern, kann ein anderes Leben erhalten, wenn er imstande ist, mit seinem ersten Leben gründlich aufzuräumen.  Aber das bekannte Unglück ist einem näher als das unbekannte Glück. Darum bleiben wir meist, die wir sind.

An David zeigt sich die Versuchung der Macht. Er ist gierig, die Frau sich zu Willens zu machen; die Liebesnacht wird vom Schicksal, von Gott zur Zeugung genutzt. Der im Krieg weilende Ehemann wird nach Haus beordert, ein Lieben der Eheleute soll den Seitensprung vertuschen.  Der Mann  will aber keine Vorzugsbehandlung, er geht nicht nach Hause- so wird er leider umgebracht- und transportiert vorher unwissentlich den ihn betreffenden Mordbefehl.

Und der Feldherr kuscht und die Frau kuscht und der König feiert nach der Schamfrist Hochzeit mit der Witwe des Ermordeten.

Gut, dass Gott weiss. Wäre Gott nicht, wäre alles erlaubt, so Dostojewski. Aber Gott missfiel… ist die Rettung.

 

 

Nathans Strafrede.

Und Gott sandte den Propheten Nathan zu David. Der sprach zu ihm: Höre zu:  Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm.

Der Reiche hatte viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein. Das nährte er, auf dass es groß würde zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt’s wie sein Kind.

Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten- sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.

Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr Gott lebt: Der Mann ist des Todes, der das getan hat!

Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!

So spricht Gott: Es soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen und auch dir soll die Frau genommen werden. Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen Gott.

Nathan sprach dann zu David: So hat auch Gott deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Ungläubigen durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.

2.Samuel 12,1-14

 

Grandios ist Nathans Bußpredigt- ein Muster an Entlarvung Der eben noch meinte, Richter zu sein, erkennt sich als Täter. Sein Richtspruch trifft ihn selbst. David bekennt sich schuldig und bereut. Er übernimmt Strafe.

Das Sterben des Kindes als Strafe ist uns nicht nachvollziehbar. Aber die Früheren billigten dem Kind noch keinen Eigenwert zu. Die Frau war noch Besitz des Mannes und das Kind Besitz des Vaters. Erst in längerem Umgang Gottes mit den Menschen wird erkennbar, daß die Würde jedes Menschen unantastbar ist.

 David führte Krieg um Krieg, er gründete das Königreich Israel, mit „seiner“ Stadt Jerusalem als Mittelpunkt und Klammer der beiden Reiche Israel und Juda. Israel hatte eine Ausdehnung die nie mehr überboten wurde, was Grund war für die später immer wieder aufflammende Sehnsucht nach der Wiederkunft eines neuen Davids.

Die Söhne Amnon und Absalom starben. Nach langem Zögern in hohem Alter setzt er seinen Sohn Salomo als Nachfolger ein. Dessen heilsames Singen und Saitenspiel war berühmt, viele Psalmen sollen auf ihn zurückgehen. Von ihm gilt wohl: Glücklich, wer sich Glücken geschehen lässt.  

 

                                           *                 *

 

 

1.Könige

 

Salomo hat Gott lieb

Und Salomo nahm die Tochter des Pharaos von Ägypten zur Frau und brachte sie in die Stadt Jerusalem. Aber es brauchte  noch viel Zeit, bis er sein Haus und Gottes Haus und die Mauer um die Stadt gebaut hatte.

Salomo aber liebte Gott. Und Gott  erschien Salomo im Traum des Nachts und sprach: Bitte, was ich dir geben soll! Salomo sprach: Ich bin noch jung und ahnungslos. Gib du deinem Knecht ein gehorsames Herz, damit er dein Volk lenken könne und verstehe, was gut und böse ist.

Das gefiel dem Herrn gut. Und Gott sprach zu ihm: Du bittest klug. So gebe ich dir ein weises Herz Und dazu gebe ich dir, worum du nicht gebeten hast, nämlich Reichtum und Ehre.

Und wenn du in meinen Wegen wandeln wirst, also  meine Gebote hältst, so werde ich dir ein langes Leben geben.

Und als Salomo erwachte, siehe, da war es ein Traum. Und er kam nach Jerusalem und trat vor die Lade des Bundes des Herrn und opferte Brandopfer und Dankopfer und machte ein großes Festmahl.

1.Könige 3, 1-15

 

König Salomos Regierungszeit von 962-926 war Israels große Zeit. Salomo muß wohl klug und fromm gewesen sein- eine glückhafter Mischung. Klugheit lehrt, die Wirklichkeit zu nutzen in den Grenzen des Erlaubten. Die Gebote sind ihm Leitlinien für gelingendes Leben. Großmut und Dankbarkeit gegen Gott und das Leben zeichnen ihn aus. Er kann Dienen und Genießen zusammenhalten, kann leuchten ohne zuviel Schatten zu werfen. Seine Weisheit ist sprichwörtlich geworden.

 

                                                       *

 

Salomos Urteil

Es kamen zwei Frauen mit einer Klage zu König Salomo. Und die eine sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten in einem Hause und ich gebar dort.

Drei Tage später gebar auch sie. Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, als deine Magd schlief, und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm.

Und als ich des Morgens aufstand, um meinen Sohn zu stillen, siehe, da war er tot. Aber ich  sah ihn genau an, und ich erschrak- es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte.

Die andere Frau sprach: Nein, umgekehrt: mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Und jene: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und so redeten sie vor dem König.

Und der König sprach: Diese spricht: Mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot; Jene spricht: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Holt mir ein Schwert! Und als das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach der König: Teilt das Kind in zwei Teile und gebt dieser die eine Hälfte und jener die andere.

Da sagte die eine Frau: Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind und tötet es nicht!  Da antwortete der König und sprach: Nimm das Kind. Du bist seine Mutter.

Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie achteten mit Ehre den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war.

1.Könige 3,16-28

 

Vernunft und gesunder Menschenverstand, Menschenkenntnis und hellsichtige Wachheit sind Gaben Gottes- König Salomo wurde weise genannt, Seine Sprüche, seine Sentenzen und diese Geschichte machten ihn weltberühmt.

Zwei Frauen streiten um ein Kind, beide geben sich als die Kindsmutter aus.  Im „Kaukasischen Kreidekreis“ (nach Bert Brecht) sollen die Mütter eine Entscheidung herbei führen, indem sie eigenhändig das  Kind zu sich zerren sollen. Ob Schwert oder Reißen- eine Frau gibt nach: Lieber will sie verzichten als dem Kind Leid zufügen.  Und der weise König ernennt sie zur wahren Mutter.

Damit ist ein Grundsatzurteil zugunsten des Kindes gefällt: Mutter ist, wer mütterlich mit dem Kind umgeht, nicht unbedingt die, die geboren hat. Nicht Fleisch und Blut sondern die Liebe macht einander verwandt.

Das ist die zweite Schwächung des Blut- und Bodenrechtes der Urzeit. Vorangegangen war schon das Verbot des Kindesopfers. Abraham darf den Sohn Isaak nicht opfern, selbst wenn er den Befehl dazu von seinem Gott erhalten haben sollte; das ist Gottes Auftrag. Also dürfen die Väter auch nicht mehr die Söhne in ihren Krieg schicken.    

Sowohl bei Abraham als bei Salomo fängt die Erkenntnis an zu keimen: Die Eltern sind für die Kinder da, die Gegenwart soll der Zukunft Chancen einräumen. Ein weites Feld.

 

                                                      *

 

Salomo baut den Tempel

Salomo war Herr über alle Königreiche vom Euphratstrom bis zum Philisterland und bis an die Grenze Ägyptens. Er hatte Frieden mit allen seinen Nachbarn ringsum, Juda und Israel wohnten sicher, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, Und Salomo ging daran, dem Namen des Herrn, seines Gottes, ein Haus zu bauen.

Es wurde sechzig Ellen lang, zwanzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch, dazu eine Vorhalle und Umgang mit  Seitengemächern. Salomo überzog das Haus innen und außen mit reinem  Gold.

Auch ließ Salomo alles Gerät machen, das zum Hause Gottes gehörte: den goldenen Altar, den goldenen Tisch, auf dem die Schaubrote liegen. Zwei goldene Cherubim spannten ihre Flügel aus von einer Wand zur andern.

Dann versammelte der König die Häupter der Stämme und Obersten der Sippen in Israel nach Jerusalem, um die Lade des Bundes einzubringen ins  Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim. Und es war nichts in der Lade als nur die zwei steinernen Tafeln des Mose, die er hineingelegt hatte am Horeb, die Tafeln des Bundes, den Gott mit Israel schloss, als sie aus Ägyptenland gezogen waren.

Aus 1.Könige 5-8

 

Der erste jüdische Tempel war ein Werk edler Baukunst und ehrfurchtgebietender Ausstrahlung. Er löste die vielen kleinen Kultstätten im Land ab und gab den zentralen Ort für den blühenden  jüdischen Glauben. An diesem Zentrum  wuchs in enger Bindung ans Königshaus eine starke Kaste der Priesterschaft. Neben Gottesdiensten und Opferhandlungen war die Rechtsauslegung beim Tempel angesiedelt. Eine  wissenschaftliche Elite erstellte, kopierte, sammelte die Heiligen Schriften und stritt um die Theologie- das rechte Verständnis von Gottes Geschichte mit den Menschen  und um das rechte Menschsein im Alltäglichen. Später ging es immer mehr um die korrekte Anwendung der Gebote. Vor allem durch immer genauere Unterscheidung von rein und unrein hoffte Israel das besondere Rechtsverhältnis mit Gottes sichern zu können. Die Propheten kämpften bald für einen Herzensgehorsam, jenseits von  opernhaft dargebrachten Opfern.

 

                                                        *  

 

Wo wohnt Gott

Bei der Weihe des Tempels erfüllte eine Wolke das Haus des Herrn- die Herrlichkeit Gottes erfüllte das ganze Haus. Aber Salomo sagte: Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt, von sich aber hat er gesagt: (zu Mose im 2. Buch Mose, 20,21): „Ich will im Dunklen wohnen“.

Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können ihn nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe. Und zu Gott sprach er: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Tag und Nacht.

Sei mit uns, wie du mit unsern Vätern und Müttern gewesen bist. Verlass uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns. Neige du unser Herz zu dir, dass wir wandeln in deinen Wegen und halten deine Gebote. Ungeteilt sei unser  Herz bei dem Herrn.

Aus 1. Könige 8

 

Christen gehen von der Anwesenheit Gottes speziell in seiner Gemeinde aus, das Wort Jesu im Sinn: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Matthäus 18,20). Das nimmt aber nichts weg von der Allgegenwart Gottes. Die Herrlichkeit Gottes kann bei uns sein und  kann gleichzeitig woanders auch voll da sein. Salomo wehrt mit seiner Mahnung „alle Himmel können Gott nicht fassen“, die volkstümliche Vorstellung ab, daß der Tempel die ausschließliche Wohnung des Herrn sei. Wir können die Anwesenheit Gottes nicht auf einen Ort festlegen, als  throne  er auf der Bundeslade mit den Zehn Geboten. Er steckt in den Buchstaben der Bibel und in Brot und Wein und im summenden Bienenkorb. Gott ist in seiner Schöpfung; das Himmelszelt und die Schönheit der Rose, auch die vergehende, hat was von Gottes Wesen.  Aber für Israel hat der Tempel eine einzigartige Bedeutung: An der Klagemauer, dem Rest des zweiten zerstörten Tempels, weiß sich jeder Jude, jede Jüdin nah an Gottes Ohr.

 

                                                                     *

 

Elia der Große

Prophet  Elia verkündete dem König Ahab : Wegen eures Götzendienstes entzieht euch der wahre, der einzige Gott den Regen, ein  ganzes Jahr lang. Dann floh Elia. Gott hatte ihm geboten, zum Bache Krit zu gehen, der werde Wasser bereit haben für Elia und Raben würden ihn versorgen.

1.Könige 17,1-3

 

 

Es war 100 Jahre nach dem Tempelbau in Jerusalem: Israel ist groß geworden und hat sich weite Teile von Kanaanäer-Land unterworfen. Dort aber, auf dem Land, glaubte man noch an  Baalsgötter, die in Zeugen und Gebären ihren angestammten Offenbarungsort hatten. Elia aber war berufen, den Glauben an den Gott Israels auszubreiten. Der ist auch Schöpfer, aber vor allem ein Fordernder, ein Erziehender: Die Gebote sollen das Volk zu einem Gottesstaat heranentwickeln.

Elia bleibt Israel im Gedächtnis als rigoroser mächtiger Gottesstreiter. Er muss Gott klar auf seiner Seite gewusst haben, darum hat er für den wahren Glauben so geberserkert. Drei Geschichten zeigen den Weg der Erkenntnis Elias: Es ist der Weg vom herrischen zum behutsamen Gott und vom Gewalt- Propheten zum meditativen Schweiger.   

Elia muss fürchterliche Dürre ansagen vom strafenden Gott,  wird aber selber wunderbar erhalten.

 

                                                        *

 

Dann kam das Wort des Herrn zu ihm:

Mache dich auf und geh nach Zarpat - ich habe dort einer Witwe geboten, dich zu versorgen. Und er machte sich auf und ging hin. Doch die Witwe sagte: Ich habe nur eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich will ein letztes Brot backen, das wir essen - und sterben.

Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! So spricht der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht ausgehen, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr wieder regnen läßt. Und sie buk. Und der Mehlvorrat wurde nicht verzehrt, und dem Krug ging das Öl nicht aus  – wie Elia es gesagt hatte.

1. Könige 17, 10-13

 

Gott kann aus nichts was machen- und seinen Getreuen soll die Hoffnung nicht ausgehen. Es sollen seine Geliebten nicht  hungern.  Die Wehmut ist groß, wenn die Hoffnung doch versiegt. Das mobilisiert in Elia Kräfte; er sagt Nahrung zu, gegen den Augenschein der leeren Töpfe wettet er auf  Rettung. Wir müssen auch bis zum letzten Augenblick auf Rettung setzen und uns in diese Richtung mühen mit allen Kräften.

 

                                                 *

 

Versuchen zu heilen

Und der Sohn der Witwe wurde krank, so sehr, dass kein Atem mehr in ihm blieb. Und sie sprach zu Elia: Was hab ich mit dir zu schaffen, du Mann Gottes?

Er sprach zu ihr: Gib mir deinen Sohn! Und er nahm ihn von ihrem Schoß und ging hinauf ins Obergemach, wo er wohnte, und legte ihn auf sein Bett und rief Gott  an: Mein Gott, was tust du der Witwe, bei der ich ein Gast bin, so Böses an?

Und er legte sich auf das Kind drei Mal und rief Gott  an und sprach: Lass Leben in dies Kind zurückkehren! Und Gott erhörte die Stimme Elias und das Kind  wurde wieder lebendig.

1. Könige 17, 17-21

 

Vom Leid überhäuft werden –das kann gerade auch Menschen treffen, die Gottes nahe Mitarbeiter sind. Und Helfer scheinen ohnmächtig. Elia wird der Witwe unheimlich. Erst beschafft der die Güte Gottes in Gestalt des nicht ausgehenden Brotes. Und dann scheint er nichts mehr zu können, oder schlimmer noch- ist er einer, an dem man sich verbrennt?

Elia verzweifelt über den Tod des Knaben. Er sieht die Willkür eines Gottes, der mit der einen Hand schenkt, mit der anderen nimmt. Und will dies Gottesbild nicht mehr. Will nicht mehr Prophet eines gut-bösen, bös-guten  Weltenherrschers sein, er kämpft mit ihm. Er identifiziert sich mit dem Toten, will ihn wiederbeleben. Tatsächlich kehrt Leben in das Kind zurück. Es ist, als wandele sich  hiermit das Gottesbild: Es kann nicht sein und  wir dürfen es nicht mehr denken, daß Gott mutwillig  ein Kind sterben macht. Gott tut nichts Böses. Gott lässt die in die Schöpfung gelegten Regeln geschehen, schmerzliche Komplikationen eingeschlossen. Aber wir sollen bis zum Erweis des Gegenteils auf Rettung setzen und in diese Richtung wirken.

 

                                                      *   

 

 

Das Gottesurteil auf dem Karmel

Elia erhielt den Auftrag: Versammle zu mir ganz Israel auf den Berg Karmel und auch die heidnischen Propheten. Und als sie versammelt waren, trat Elia vor das Volk und sprach: Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten? Was neigt ihr euch mal Gott zu, mal zu den Götzen. Entscheidet euch. Tut die Götzen und ihre Diener von euch.

Hilfe zur Entscheidung liefere ein Gottesurteil: Wir wollen zwei Stieropfer bereiten  und wollen sehen, welches Feuer fängt vom Himmel. Und die Priester  Baals schrien vom Morgen bis zum Mittag: Baal, erhöre uns! Aber es war da nicht Stimme noch Antwort.

Da sprach Elia zu allem Volk: Kommt her zu mir! Und rief  Gott an: Du, Gott Abrahams, Isaaks und Israels, lass heute kundwerden, dass du Gott bist und ich dein Knecht. Da fiel Feuer des Herrn herab und entzündete das Brandopfer.

Und  alle  fielen auf ihr Angesicht und sprachen: Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott!

Elia aber sprach zu ihnen: Greift die Propheten Baals, dass keiner von ihnen entrinne! Und der Himmel wurde schwarz von Wolken und Wind und es kam ein großer Regen.

Aus 1.Könige 18

 

Aus weiter Ferne gesehen wird Elia zum grandiosen Gottesstreiter. Aber gerade seine Machtdemonstrationen haben das alttestamentliche Gottesbild entstellt. Und haben Zauberei und die heillose Praxis der mittelalterlichen Gottesurteile befördert.  Man sollte diese Geschichte lesen als Museumsstück aus der Frühzeit des Glaubens. Da meinte man, Gott sei versehen mit  Machogehabe wie die anderen Götter im Umfeld Israels. Doch im Laufe der Geschichte Israels stellte Gott sich in anderen Bildern vor.  Und ließ erkennen, daß er seine Sache nicht durch Machtspielchen betreibt.

Das Schlachtfest des Elia am Berg Karmel lebt noch aus dem alten götzenähnlichen Gottesbild. Schon in der nächsten Geschichte gibt es eine völlige Abkehr von den alten göttlichen Gewaltpraktiken.

Vermutlich hat Elia einen Gegenzauber angewandt Er entkräftet die Götzenmacht, er beweist, daß die Macht der Priester hohl ist, beweist, daß er im Dienst des einzig mächtigen Gottes steht.

Die Bekehrung geschieht in zwei Stufen: Erst wird die böse Magie von der guten Magie besiegt, etwa im Urteil am Karmel. Man geht dabei aber nur von einem Raum der Angst in den anderen Raum der Angst, man bleibt magisch gebannt. Dann aber streicht der Glaube die ganze Furcht vor böser oder guter Magie durch: Gott ist das einzige rechtmäßige  „Objekt“ unserer Ehrfurcht, wir verlassen uns darauf daß er uns vor jeder Magie abschirmt. –Diese Klärung musste aber immer neu erkämpft werden. Der Abschied von der (guten) Magie- etwa verkörpert in der geweihten Hostie- gelang erst im Gefolge der Reformation. Und immer noch müssen wir uns magischer Praktiken erwehren, indem wir sie einfach für uns als ungültig und taub erklären, weil wir unter Gottes Schutz uns wissen.

 

                                                          *

 

Elia am Horeb

Königin Isebel sandte einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mich vernichten, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!

Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.

Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr meine Seele; ich bin auch nicht besser als meine Eltern.

Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, da lag ein Laib Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.

Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

1.Könige 19,1-8

 

Elia hat genug von der Spirale der Gewalt. Das soll sicher auch Zeichen sein, daß auch Gott der Gewalt müde ist. (Wir Heutigen müssen ja dran denken, daß das blutrünstige Gottesbild letztlich durch Jesus Christus abgeschafft wurde- und doch meinen heute noch Christen,  Gott zu dienen, wenn sie die Todesstrafe verhängen oder Kreuzzüge für den Sieg des Guten ausrufen). Elia will nicht noch ein Gottesurteil herausfordern. Statt sich mit blanker Brust der Königin ans Messer zu liefern und dann wohl unter Blitz und Donner  Sieger zu bleiben- will er lieber sterben. Er will nicht mehr der Draufhauer eines Oberdraufhauers namens „Gott“ sein. Er will auch nicht mehr der Logik folgen, er versichere sich seiner Reinheit, indem er gegen den Schmutz kämpft; er erschauert vielleicht auch vor seiner eigenen Gewaltlust. Und wird erschrecken beim Gedanken, daß seine Gewalt neue Gewalt sät.

Aber Gott braucht ihn genau für die Verwandlung des Gottesbildes hin zum großherzigen, guten Gott, die in Jesus vollständig wird. Dazu rüstet ihn ein Engel mit Himmelsbrot. Manchmal braucht man einen zweiten Ruck, um wach zu werden. Gott legt uns eine Last auf, aber er  hilft uns auch tragen (Psalm 68,20). Das Mahl, das vierzig Tage Kraft gibt, ist ein Symbol für Gottes Schutz in allem Schweren.

 

                                                       *

 

Gott kommt leise

Elia blieb über Nacht in  einer Höhle. Und Gott sprach ihn an: Was machst du hier, Elia?

Er sprach: Ich habe geeifert für dich, den großen, einzigen Gott. Aber  Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten auch mir nach dem Leben.

Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg. Dort will ich dir erscheinen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam von Gott her. Aber der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

Als das Elia vernahm, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und bedachte das Ganze.

1.Könige 19,9-13

 

Elia hatte Sturm, Feuer, Erdbeben entfacht, hatte Wasserfluten herabgerufen- uns sie waren gekommen als Boten Gottes. Die Naturmächte galten nicht nur als vom Herrn geschickt sondern als Äußerungen Gottes, in denen er sich auf sein Volk stürzte um es zur Vernunft zu bringen. Aber was hat es genützt?

Elia ist der Machtdemonstrationen müde, er hat eigenhändig die Götzendiener umgebracht, aber statt dies als Bevollmächtigung des Propheten zu lesen und als Strafgericht des Herrn hinzunehmen, ist Elia jetzt allein und dem Tod ausgesetzt. Gott hätte dem Müden ein Feuerwerk  der Lebensfreude aufführen können. Oder noch mal seine Mächte tanzen lassen. Aber sie erschienen nur mit Minuszeichen, „hier ist Gott nicht drin“- riefen die Naturgewalten. Gott soll nicht mehr gesucht sein in  Blitz oder Flut oder Freudengeheul. Gott will im Stillen vernommen werden, im  Zarten, im Lächeln des Säuglings, im Streicheln, im Flüstern, im Auf- und Abblühen, in Sprache. Gott will erlauscht sein. Das eröffnet ein neues Wissen vom Göttlichen. Das weist auf die behutsame Klarheit des Jesus hin.

 

                                                   *         

 

Prophetenwechsel

Und Gott gebot ihm: Salbe Elisa aus Abel-Mehola zum Propheten an deiner statt. Und Elia fand Elisa, den Sohn Schafats, als er pflügte. Und Elia ging zu ihm und warf seinen Mantel über ihn. Der ließ die Rinder zurück und folgte Elia nach.

Aus 1.Könige 19, 15- 21

 

Mit uraltem Ritus bestimmt der Prophet seinen Nachfolger: Der derzeitige Prophet hört von seiner Abberufung durch Offenbarung des Namens des neuen. Und da gibt es kein Zaudern: Der Prophetenmantel hat die Macht der Wahrheit an sich- wem er übergeworfen wird, der ist der Würdenträger und Wahrsager, der ist fortan ummantelt von Gottesgeist. Ein Recht auf Widerspruch ist nicht vorgesehen. Der Ritus der Einkleidung versinnbildlicht die Idee des Amtes: Das Amt bekleidet den an sich Unwichtigen mit „Amtsgnade“. Die Volksweisheit  „Kleider machen Leute“ unterstreicht die Verwandelmacht der Erwartung. Zutrauen verschafft Ansehen, Ansehen Macht.

 

                                                     *

 

Nabots Weinberg

Ein Mensch mit Namen Nabot hatte einen Weinberg bei dem Palast Ahabs, des Königs von Samaria. Und Ahab redete mit Nabot und sprach: Gib mir deinen Weinberg; ich will mir einen Garten daraus machen, weil er so nahe an meinem Hause liegt.

Aber Nabot sprach zu Ahab: Ich will nicht  meiner Väter Erbe zu Geld machen.

Da kam Ahab heim voller Unmut und klagte seiner Frau Isebel: Nabot will mir seinen Weinberg nicht verkaufen, er lässt nicht mit sich reden. Da sprach seine Frau Isebel zu ihm: Du bist doch König über Israel! Ich werde dir den Weinberg Nabots verschaffen.

Und sie schrieb Briefe unter Ahabs Namen und versiegelte sie mit seinem Siegel und sandte sie zu den Ältesten und Oberen. Und sie schrieb: Schafft uns Nabot vom Hals. Und sie  taten, wie ihnen Isebel aufgetragen hatte: Sie  verklagten Nabot wegen Königsbeleidigung und steinigten ihn.

Als Ahab hörte, dass Nabot tot war, stand er auf, um hinabzugehen zum Weinberge Nabots, um ihn in Besitz zu nehmen. Da kam das Wort Gottes  zu Elia. Und der tat, wie ihm aufgetragen war: Er ging zum König, sagte ihm auf den Kopf zu: So spricht Gott: Du und deine Frau haben Unrecht getan vor dem Herrn. Du hast gemordet, dazu auch fremdes Erbe geraubt! An der Stätte, wo Hunde das Blut Nabots geleckt haben, sollen Hunde auch euer Blut lecken. Der Herr hats gesagt.

Aus 1. Könige 21

 

Eine frühe Brandrede gegen Tyrannenwillkür und die Droge Macht. Schmerzlich ist die Erfahrung, dass Obrigkeiten immer welche finden, die willfährig sich die Hände für sie schmutzig machen.  Zur Unterwürfigkeit gelockt wird durch die Aussicht  auf Kumpanei und Einfluss. Was retten kann, ist, für Recht und Gerechtigkeit einzutreten, auch  durch Kontrolle von Macht.-  Gottes Gebote sind eine große Heilstat- sie stehen dafür, daß Recht vor Macht geht.

 

                                                           *

 

Elia und der feurige Wagen

Elia ging mit Elisa. Sie wussten, daß die Erdenzeit für Elia zu ihrem Ende kommt.

Und als sie noch miteinander redeten, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander. Und Elia fuhr im Sturm gen Himmel. Elisa aber sah es und schrie: Mein Vater, mein Vater, du Wagen Israels und seine Reiter- und sah ihn nicht mehr.

Aus 2.Könige 2

 

In einer Art Himmelfahrt wird Elia von hier entrafft- eine grandiose Ehrung für diesen Gottesstreiter. Kein Grab, kein Verwesen, sondern von hier nach da in einem Nu, auffahrend  mit Flügeln wie Adler, eingeholt vom Himmel im Sonnenwagen mit feurigen Rossen-  ein leuchtendes Traumbild, wie Gott uns in sein Reich holt.

Ob wir  auch mal so von hier abgeholt werden, so leicht sich unsere Seelen von hier lösen? Auch wenn unser ausgedienter Körper hier bleibt- unser Ich wird emporgehoben und verwandelt. Mögen einige derer, die zurückbleiben, uns eine Träne nachweinen. Es braucht nicht so rauschend sein wie bei Elia, aber einigen sollen wir wichtig gewesen sein, das wäre schön.

 

                                             *                *

 

 

Hiob

Leid ist nicht Strafe, nicht Prüfung. Leid ist Mangel                                                                   Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gelobt sei der Name des Herrn.                                                                                                                 Hiob 1,21                                                                                                                                               Der Dulder Hiob beschließt, sein Leid nicht empört Gott vorzuwerfen, er willfährt seiner Frau nicht. Diese schmeißt den Glauben von sich nach dem Tod der Kinder und dem Verlust aller Habe. Als Hiob dazu noch geschlagen wurde mit Geschwüren von der Fußsohle bis zum Scheitel, da rät sie ihm zu kurzem Prozess: Was hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sag Gott ab und stirb (2,9).                                                                                                                  Hiob aber antwortet: „Haben wir Gutes empfangen von Gott, sollten wir das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,10). Erst als die Freunde dem beladenen Hiob vorrechnen: Wo Leid ist, da ist Strafe, wo Strafe ist, ist Schuld - da bäumt sich Hiob auf: Weh euch, die ihr meint, Gott in eurer Faust zu führen! (12,6) Wohl wahr, in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt (12,10), sein ist die Kraft und die Einsicht, sein ist der irrt und irreführt (12,16). Aber wenn er mich strafte, dann hätte er Unrecht (19,6). Ich rufe Gott als Anwalt gegen einen Strafgott.

Hiob erfährt, dass durch Elend hindurch Gott rettet. Wenn man auch durch finsteres Tal hindurch muss, so ist das Elend nicht verhängt als Strafe. Leid - also Strafe, also Schuld- diese Logik zerbricht an Hiob. Und an Hiob wird hinfällig auch das zweite Argument: Leid käme über uns als Glaubensprüfung. Den Freunden, die meinen, Gott zu verteidigen, schleudert er entgegen: Wollen eure leeren Worte denn kein Ende nehmen? Ihr seid mir allzumal leidige Tröster (Hiob 16,3.2).

Die alte Geschichte geht ja so: Gott testet mittels einer hinterhältigen Figur, ob Hiob nur an guten Tagen an Gott glaube. Aber Hiob hält das für abgetanen Theologenmüll: Es ist doch auf der Hand: Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest, und dich um ihn bekümmerst? (7,17) Habe ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Ich bin mir doch selbst zur Last, lass meine Schuld dahingehen, denn gar bald fahr ich zur Grube (7,20 f).
Ja, wirklich, was gibt es da groß zu testen? Wir sind doch hinfällig, versuchbar bis dort hinaus, wenn Gott uns versuchen wollte, wie sollte einer bestehen? - Wie sollte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? Oder wie könnte sich halten, was du nicht gerufen hättest? (Weisheit 11,25).

Leid auflegen zur Strafe? Mittels Hiob scheitert diese Theorie. Es ist viel Leid in der Welt und ist nicht Strafe - meist sind es die Folgen unseres Tuns. Und das Leid ist nicht Materialprüfung. Gott weiß, was für ein Gebilde wir sind. Er weiß, dass wir vom Staub genommen sind (Psalm 103,14). Aber sein Geist hilft unserer Schwachheit auf (Römer 8,26).

Hiob ist die Kunstfigur eines begnadeten Dichters.  Der von Gott, hilfsweise von einem Chefteufel, bis aufs Blut geprüfte Mensch, wird wegen seiner Glaubenstreue zuletzt hoch erhoben. Das ist starke alttestamentliche Überzeugung.

Tausend Jahre später ereignet sich Jesus Christus. Er sieht sich nicht von Gott geprüft- sondern seine Passion ist ihm der einzig mögliche Weg, gegen die Herren der Welt seine Gottesgewissheit zu leben. Allgemein rät Jesus, im Windschatten von Klugheit und Gnade  zu bleiben. „Ich bin nicht zum Richten sondern zum Retten da“ (Johannes 12,47).  Genau so Gott.

Ihn sich vorstellen als „Riesin“,(wie im Gedicht : Das Riesenspielzeug“ von Adalbert v.Chamisso) die mit den Menschen rumfuhrwerkt, Steine in den Weg legt und schaut, wie sie sich  bewähren- das ist Ausfluss einer verängsteten Seele.  Ja, es kann sein, daß ich mich ans Schicksal so ausgeliefert sehe wie ein Maikäfer, den rohe Jungen zappeln lassen. Es kann sogar sein, daß einen die Angst so schluckt, daß ich mich für einen auf dem Rücken liegenden Käfer halte.

 Hiob ist der heroisch leidende Mensch, der das falsche Gottesbild anklagt- und eigentlich gerechter, liebevoller, treuer scheint als (der alte) Gott selbst, der in seiner  Allmacht wie ein Marionettenspieler die Puppen tanzen lässt. Und von genau diesem Gottesbild hat sich Jesus losgesagt. Für Jesus ist Gott alle Energie und alle Liebe- beides, alle Macht- auch die von Menschen missbrauchte und alle Liebe, auch die von Menschen einander gewährte. Dass letztlich die Liebe die Macht überwindet, und Gott als Erlöser uns aufscheint, hat Jesus uns vorgewusst.

Die Freunde Hiobs sind noch ganz befangen im „iustaljon“-Rechtssatz, „Wie du mir, so ich dir“ – und dem dazu  passenden Gottesbild: Dem Frommen soll seine Güte  belohnt sein; wem es schlecht geht, der büßt sicher eine Strafe ab. Erst Jesus treibt uns in ein Wissen vom liebevollen Gott, der noch leidet an und mit seiner Schöpfung; aber sein Reich lässt er auf alle Fälle kommen. Hiob hat auch schon einen Schimmer dieser Ahnung. Gegen den strafenden und belohnenden Richtergott appelliert er an den großmütigen Gott, der  ihn letztlich aus dem Staub erheben wird. 

 

Etwas von dieser Zuversicht brauchen wir alle: Vor uns Heil und Frieden für unsere wunden Seelen. Und „Licht wird nach und nach über das Ganze aufgehen“ (Ludwig Wittgenstein). Gott wird alle Schuld auf sich nehmen und begleichen- das deutet  doch der Opfertod Jesu an.

Ob das der Fall ist? Jedenfalls kann keiner für sein Lieblossein die Schuld alleine tragen. Und jetzt schon werden wir mehr geliebt als es unsere Gene sich erwerben. 

Bonhoeffer hat gesagt:“ Ich bin lieber in Gottes Hand als in den Händen Hitlers.“ Also letzten Endes ist ihm Hitler nicht so wichtig, der steht nur für das Schwarze der Nazizeit. Bonhoeffer glaubt sich in Gottes Hand, auch wenn die schwarz und gewaltsam zuschlägt. Das heißt nicht, annehmen zu müssen, daß Gott aktiv zerschlägt. Aber es ist Gottes Energie, die auch in Gewalt zur Geltung kommt, Kain  ist Gottes Kain; Hitler ist Gottes Kind, wie kaputt auch immer. Das möge uns ein Zipfel Trost sein in allem Grauen.

Um Gott zu schützen und ihn zu entlasten, haben Menschen die Idee eines Gegengottes gedacht. Der aber war immer zweitrangig. Der  „gefallener Engel“, war im Bild gesprochen, Angestellter Gottes, nur Mitglied des Hofstaates. Es ist wohl so wie Novalis es sagte: „Für Gott gibt es keinen Teufel, aber für uns ist er ein leider sehr wirksames Hirngespinst.“

 

                                                        *

 

Untröstlichkeit hat ihre Würde

Als aber Elifas, Bildad und Zofar, die drei Freunde Hiobs, all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, beschlossen sie, zu ihm hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten.

Und sie erkannten ihn erst nicht und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm in der Asche sieben Tage und sieben Nächte und redeten nicht; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.

Dann tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag.

Und schrie: Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?

Warum nur gibt Gott das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen - die auf den Tod warten, und er kommt nicht, die sich sehr freuten und fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen.

Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!

Hiob 2,11-13;3,1,11,20-22,26

 

 

Stark ist das Geleit der Freunde, bevor sie ein Wort sagen. Sie bleiben bei ihm, sie stehen ihm bei, sitzen bei ihm, verdoppeln seine Untröstlichkeit, fügen ihr Herzensgewicht dem Schmerz des Hiob hinzu. Das ist anders als unser Beispringen und Gutzureden. Wir wollen gern das Leid verdünnen auch aus Angst, wir könnten ebenso getroffen sein. Wir wollen durch unsere Anteilnahme selbst besänftigt werden. Wir ringen nach Worten, daß „der Kältesee im Herzen des Trauernden zum Abfließen kommt“.

Aber erst muss der Leidende seine Sprache finden für das Unermessliche, das ihn getroffen hat. Und wenn er Gott beschimpfte und verfluchte- Gott hält das aus. Nichts ist schlimmer, als sich zum Verteidiger Gottes aufzuschwingen.

 

                                                        *   

 

Skepsis pur

Wir sind von gestern und wissen nichts; unsere Tage sind ein Schatten auf Erden.

Hiob 8,9

 

 

„Von gestern sein“- eine so selbstverständlich gebrauchte Formulierung. Und sie ist wie viele andere aus der Bibel vorgedacht auch für uns, schon Jahrtausende früher. Die Zeitung von gestern ist überholt- heute ist das Leben. Heute müssen wir den Tag bestehen. Es darf nicht sein, daß wir nichts wissen. Wir müssen wissen, was brauchbar ist und was sein Preis ist. Sonst zahlen wir zuviel und schaden uns, oder zuwenig und schaden anderen. Es geht nicht nur um Geld. Es geht um die Folgen unseres Tuns, wir müssen haften für Taten und Untaten. Wir sollen uns für Kinder des Lichts halten, nicht für Schattenexistenzen, Kinder nicht von gestern sondern für morgen.

 

                                             *

 

Ich weiß, daß mein Erlöser lebt

Gott hat meinen Weg vermauert, hat Finsternis auf mein Geschick gelegt. Er hat mir mein Ansehen weggenommen, hat mich zerbrochen, hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum. Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt. Der wird mich zuletzt aus dem Staub erheben. Wenn auch mein Fleisch von mir abfallen wird, werde ich doch Gott sehen. Und er wird mir kein Fremder sein. Danach sehnt sich meine Seele.

Hiob 19, 8-10,25-27

 

Mitreißend, dieses Trompetensignal der Zuversicht, ein stärkeres ist im Alten Testament kaum zu finden- das ist Auferstehungshoffnung pur. Damit lässt sich die Mühsal des Irdischen bestehen. Und ich will mein Maß an Mühen nicht abwälzen. Ich will sie tragen, weil sie getragen werden müssen um verwandelt zu werden.

Der große Gott belädt sich mit der Welt, da kann ich auch mittragen, was sein muss. Hauptsache, ich weiß: Er wird sich als Freund erweisen und mich teilnehmen lassen an seiner geheilten Schöpfung.

 

                                                       *

 

 

Was hat es mit der Weisheit auf sich?

Der Abgrund und der Tod sprechen: »Wir haben mit unsern Ohren nur ein Gerücht von ihr gehört.« Und vor den Augen aller Lebendigen ist sie verhüllt.

Gott allein kennt ihre Stätte. Der die Enden der Erde sieht und weiß, was unter dem Himmel ist, der hat  dem Wind sein Gewicht gegeben und dem Wasser sein Maß gesetzt, hat dem Regen sein Gesetz gegeben hat und dem Blitz und Donner den Weg.

Der spricht zum Menschen: Gott achten ist Weisheit, und  das Böse meiden ist Einsicht.

Hiob 28,20-28

 

 

Im Nichts und im Kern des Nichtigen, dem Tod, steckt die Weisheit nicht. Gegen Gott achtsam sein, macht weise- also bescheiden, dankbar, barmherzig, zuversichtlich, vielleicht auch humorvoll.

 Jedenfalls Irdisches nicht anbeten, das bewahrt schon vor viel Irrsinn. Und nichts umsonst empfinden, das macht helle.

 

                                                   *

 

Er gibt dir Lobgesänge in der Nacht

Siehe, Gott ist mächtig und verwirft niemand; er ist mächtig an Kraft des Herzens. Den Elenden wird er durch sein Elend erretten und ihm das Ohr öffnen durch Trübsal.

Er reißt auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben.

Hiob 35,10; 36,5; 36,15f

 

 

Das Hiobbuch ist ein Schutzschild des Glaubens. Ja, Leiden nutzt die Hoffnung und den Glauben ab. Stille Verzweiflung ist bei vielen. Doch das Leben ist schön. Aus den Abgründen bereitet Gott noch einen Lobgesang. Es gibt Lasten, die tragen denjenigen, der sie trägt.  Leid sei uns Türöffner des Herzens- wir sollen gerettet werden aus dem Rachen der Angst.

Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo  er ist, stets sich lassen schauen. Wollt ihn auch der Tod aufreiben, soll der Mut dennoch gut und fein stille bleiben (Paul Gerhardt).

 

                                                      *              *

 

 

 

 

 

 

 

Die Psalmen

 

 

Wie ein Baum

 

Glücklich dran ist, wer Abstand hält zu denen, die Gott verneinen.

Glücklich, wer vom Sündigen loskommt; und wer Menschen nicht verlacht.

Und nicht abfällig redet vom Leben.

Glücklich dran ist, wer  Lust hat am Willen Gottes

und sinnt nach über das was gut ist, Tag und Nacht!

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,

der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,

und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

Psalm 1 

 

 

Bäume sind uns ein Bild für gelingendes Leben. Bäume sind vielleicht Gottes bestgelungene Schöpfung, da sie nicht schaden, nur nutzen. Nun können die Bäume selbst für sich wenig tun, wohl aber der Mensch; wir können für uns sorgen. So  können wir, erwachsen geworden, unsern Umgang weitgehend selbst bestimmen. Meiden sollte man die, die großmäulig sich für Erfolge auf ihre Schulter klopfen, die ihre Gesundheit für selbstgemacht halten, sich mit harten Bandagen und lästerlicher Zunge durchsetzen, und die zynisch das Gute kleinreden.

Glück aber ist bei dem, der sich um Gott müht. Der sich Arbeit macht mit der Gemeinschaft und das Vorwärtskommen aller mit betreibt.

Der ist gern er selbst. Er steht am richtigen Platz. Und wenn ihm dann noch gutgestimmte Nerven geschenkt sind und er Talent hat, zu nützen und zu erfreuen, dann ist er wie ein Baum, der Frucht bringt. Wenn  ich einigermaßen kann, was ich muß und einigermaßen nur will, was ich darf, dann ist mein Leben im Lot. Dank dir, lieber Gott.

 

                                                      *

 

Fast Gott gleich

Gott- wie herrlich ist dein Name in allen Landen.

Du zeigst deine Größe am Himmel!

Und aus dem Munde der Säuglinge richtest du eine Macht dir zu

 gegen deine Verächter.

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,

den Mond und die Sterne, die du bereitet hast -

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

So hinfällig er ist,  hast du ihn doch kaum niedriger

gemacht als dich selbst.

Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,

alles hast du unter seine Füße getan.

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Wesen allüberall!

Psalm 8 

 

 

Jauchzend ist dieses Lied- aber ist es auch unseres? Auf vielfache Weise wirkt Gottes Wesen, aber wissen wir es noch, wissen wir es schon? 

Doch.

Unter verwirrend  vielen Namen rufen wir das Herz des Lebens an. 

In  farbig vielen Formen zieht Frömmigkeit durch unsere Seelen. 

Was uns glücklich stimmt, ist von dir, Gott, ausgestreut.

Ein freudiges Lachen holt uns Sterne vom Himmel.

Leid hat eine Dimension bis hin zu dir,

Kunst hält die Sehnsucht nach dir wach.

Selbst die Wissenschaft blickt tiefer

und ist dem Geheimnis der Welt mittels Zahlen und Kurven auf der Spur.

Das Staunen über die Schöpfung nimmt zu mit jeder Erkenntnis.

Die Wunderbarkeit der Schöpfung ist unermesslich.

 

 

Im Großen ist Gott wie im Kleinen. Das Wässerchen des Säuglings und die Ozeane erzählen von seiner Grandiosität.

Im Grollen der Bomben und in den Stimmchen der Kinder ist er der Grund.

Wir Menschen sind von ihm ins Gespräch gezogen,

sind in sein Wirken eingearbeitet.

Du tust durch uns Deins, Gott;  herrlich, du Herz und Hirn und Leib der Wirklichkeit.

 

                                                    *

 

Herr, meine Stärke

Herzlich lieb habe ich dich! Mein Fels, meine Burg, mein Erretter;

dem ich traue, mein Schild, mein Heil, mein Schutz!

Der Tod griff nach mir, Fluten des Verderbens erschreckten mich.

Mir war so sehr angst. Da schrie ich zu meinem Gott.

Der erhörte meine Stimme, er streckte seine Hand aus und fasste mich

und zog mich aus großen Wassern.

Er errettete mich von meinen starken Feinden.

Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.

Ich will dir danken und deinem Namen lobsingen.

Aus Psalm 18

 

Es ist was Starkes und Liebevolles, das mich umgibt wie die Luft;

wie Wasser den Fisch.

Unausforschbar, unmessbar bist Du, mein gültiges Gegenüber-

mein großes Du, das mich anspricht und zum Ich macht.

Namenlose Kräfte zerren an mir, sie schütteln mein Selbst,

sie lassen mich erstarren in Unsinn und Banalem.

Da schreie ich zu dir.

Und du nährst mich wieder mit Vertrauen.

Du gibst mir neue Aufgaben und die nötige Kraft dazu.

Du gibst mir wieder Lust zur Gemeinde, und neigst mich wieder Menschen zu. So rettest du mich vor meinen Feinden,

von machst die gehässigen Stimmen in meinem Innern verstummen.

Du führst mich ins Weite, ich denk dich wieder großherzig.

Das spannt auch meine Seele aus und macht sie frei zur Güte.

Von Verbohrtem kann  ich loskommen.

Ich kann Mauern überspringen, die Menschen trennen,

kann Gräben überbrücken, finde zu  Menschen hin, dass wir wieder

Gefühle und Schätze tauschen. 

Und du, Gott, solltest Lust haben zu mir?

Das ist ja eine Liebeserklärung. Ich bin glücklich.

 

                                                   * 

 

Nicht verlassen

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie, aber Hilfe ist fern.

Psalm 22,2

 

Die Berichte von der Kreuzigung des Jesus sind diesem Psalm nacherzählt.  Szenen von Golgatha  sind  hier vorgebildet.

Nicht, daß man sich bei Jesu Kreuzigung an Psalm 22 als Drehbuch hielt.

Aber der „leidende Gerechte“ ist hier (und in Jesaja 53) als  Muster vorgegeben. Und als der rettende Tod dann geschehen war und die herrliche Auferstehung- da fiel es der Urgemeinde, die ja diesen Psalm kannte,

wie Schuppen von den Augen.

Jesus  starb sicher nicht mit dem einen erschütternden Wort:

„Mein Gott, warum hast du mich verlassen“.

Er betete sicher den ganzen Psalm,

der ja eine große Gebets-Leiter ist zu Gott hin.

 

 

Des Tages rufe ich, und des Nachts. Doch du, Gott, antwortest nicht. Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

Unsere Väter und Mütter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

Psalm 22,3-6

 

Der Beter hält an dem Gott fest, der verlassen hat und der nicht antwortet.

Sollte der Leidende gerechter sein, der Verlassene treuer?

Der Beter ruft sich zur Ordnung, verbietet sich den Mund.

Die Lobgesänge der Gemeinde halten die Anfragen des Zweiflers kurz.

Und schon ist der Leidende wieder auf Linie,

ist an die Leine genommen durch Erinnerung.  

Die Gemeinde, die Heiligen Schriften,  das Gelernte von Zuhause

hat den Beter in ein Wissen eingeweiht, das um ein Bündnis kreist.

Gott und Israel, dann auch die Menschheit, sind sich verbunden

in Liebe und Gehorsam.

Im Rückblick, erinnert der Beter, hat Gott immer sich als Retter erwiesen- auch wenn der Weg  durch die Hölle ging.

 

 

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute

und verachtet vom Volke. Alle, die mich sehen, verspotten mich,

sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem Herrn,

 der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;

du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,

du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; es ist hier kein Helfer.

Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.

Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe,

und meine Zunge klebt mir am Gaumen,

und du legst mich in des Todes Staub. Aber, Gott, sei nicht ferne;

meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Ich will deinen Namen kundtun meinen Geschwistern,                                             ich will dich rühmen in der Gemeinde.

Psalm 22, 7-12.15.16.20.23

 

Dem Beter  scheint jetzt Höllenzeit:

 Er sieht sich allein gelassen, ohne Gefährten.

Zum Schaden kommt der Spott. Er hält sich selbst für jämmerlich.

Dann aber findet der Beter in sich einen Schatz:

Er hat sich ja nicht selbst erfunden. Er ist ja Gottes Projekt:

Er erinnert Gott an seine Verantwortung.

Gerade weil der Mensch den Schmerz so erleiden kann und muß,

soll Er zu Hilfe kommen. So denken wir ja auch und bitten

und fordern Hilfe von Oben.

Und fanden wir nicht viel mehr Hilfe, als dass wir hilflos blieben?

Eigenartig: Sind wir gerettet, verflattert das Danken schnell.

Sind wir aber in Not, ist die Klage groß.

Und letztlich halten wir immer Gott für schuldig.

Dabei tut Gott Niemandem Leid an- wir  sind ja Verkörperungen seiner Ideen. Vielleicht geschaffen, daß Gott sich fühlt im Spiegel unserer Gefühle, und er sehnt sich danach, von uns gesegnet zu werden- indem wir ihn rühmen.

 

                                                  * 

 

 

Der Herr ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wander im finsteren Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Hand und Wort trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Heilsöl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen,

ich werde bleiben im Hause Gottes auf immer. 

Psalm 23

 

 

Der Herr ist mein Hirte, mein Pilot, mein bester Freund,

mein Heiler, mein Trainer, mein Vorbild,

mein Leitstern, mein Code, mein Engel. 

Mir wird nichts mangeln,

ich werd nicht verrückt, ich geh nicht verloren,

in allem Mangel wird mir nichts mangeln,

ich bleibe Ich, der Behütete. 

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führt mich zum frischen Wasser.  Er hält mich,

er stärkt mein Bewusstsein, er beschafft mir Anerkennung,

er hilft mir zu nötigem Wissen.

Er erquickt meine Seele.

Er richtet mich auf durch Freude,

er flüstert mir Gebete, die die Welt bedeuten;

er macht mich glücklich, hilft, daß ich glücklich mache.  

Er führet mich auf rechter Straße.

Er lässt mich richtig gehen, er lockt meine Liebe an die Oberfläche,

er hält mich in Balance. Er lehrt mich ausräumen,

was die Freude am Tag behindert,

er beleuchtet mir meinen Zustand, dass,

wenn die  Schatten kommen, sie keine Macht über mich haben.

Um seines Namens willen,

weil er es sich schuldig ist, wird er mich, sein Kind, nicht verkommen lassen.

Er wird die Verderbnis seiner Schöpfung verhindern,

er will mich als Retter mitziehen.

Und sein Name ist Heil und Hilfe, Sonne und Schild,

Vatermutter, Lebensgrund. Sein Name werde geheiligt.

Und muß ich auch durch  Finsternisse,

so fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,

dein Hand und Wort trösten mich.

Du hast Menschen zur Hand für mich,

Rettungsdienste, Ärzte, Anwälte, ADAC, Rotes Kreuz, Nachbarn,

die Kirchengemeinde, Nächste und Allernächste,

in deren Hände streckst du dich zu mir hin.

Die Worte der Mütter, der Liebenden, der Dichter,

die Zeichen der Künstler trösten; du bist in ihnen bei mir.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du nimmst mich aus dem Schussfeld, du lenkst die Angriffe von mir ab,

du schickst die rettende Ausrede,

du lässt mich meinen Teil abbekommen.

Du nimmst mich in Schutz auch gegen die feindlichen Gedanken

aus meinem Inneren, du überlässt mich nicht den nächtlichen Gespenstern,

du lädst mich an den Tisch in der Sonne.  

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

 Du berufst mich zu deinem Kind

und setzt mich in das Amt deines Mitarbeiters ein.

Du gibst mir dein Zeichen an die Stirn,

ich bleibe gesalbt und gezeichnet von dir und für dich.

Du schenkst mir voll ein an Freude, an Ehre, an Gebrauchtwerden.

Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen, man wird nicht hinter mir herfluchen,

nicht mich wie eine Last beseitigen.

Spuren sollen von mir bleiben, die Zeichen aufstellen für guten Lebensweg.

Ob Bäume gepflanzt oder Kinder erzogen, einen Weg gefahrloser gestaltet

oder tröstende Lied angestimmt oder versöhnende Sprache hinterlassen-

es soll gut sein, hier gewesen zu sein. 

Ich werde bleiben im Hause Gottes auf immer.

Ich werde zu Gott gehören, werde ihm nicht entfallen,

werde sein Gefährte sein, wenn die Schöpfung ganz und heil wird

 und die Liebe allen Hass verdaut hat.

Und Friede wird sein im All. Das All wird ganz Haus Gottes sein.

 

 

„Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte,  wie die vier Worte aus dem 23. Psalm: „ Du bist bei mir“ (Immanuel Kant).

 

                                                      *

 

Die Fanfare

Stemmt die Tore hoch

und die Türen in der Welt reißt auf,

dass der König der Ehren einziehe!

Wer ist der König der Ehren?

Es ist der Herr, stark und mächtig.

Sein ist die Erde und was darinnen ist.

Öffnet Tor und Tür, dass der König der Ehren einziehe!

Psalm 24,7.8.1. 9

 

Die einen fordern  freie Bahn für Gott. Die andern zögern:

Gibt es  überhaupt einen König der Ehren?  Hier  die Fanfaren des Willkommens, da die Skeptiker hinter verschlossenen Türen.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ ist das Adventslied.

Herr der Herrlichkeit  ist der, der die Welt will,

dich will, dich aus der Fülle aller Möglichkeiten gehoben hat

und seitdem mächtig für dich streitet.

Du sollst ihm gelingen, durch dich will Gott in die Welt einziehen,

wie er damals in Jesus zur Welt kam.

Wisse dich „im Auftrag des Herrn“ unterwegs. 

Sieh, wo du Bewahrung erlebt hast. Und wofür brauchst du neuen Mut, deine Fenster zur Welt und die Türen innen aufzureißen?

Advent ist Sprung nach vorn, Aufbruch nach Utopia,

„wo noch keiner war, aber alle hin wollen“.

 

                                                          *

 

 

 

Ein Lied zur Rettung aus großer Not

 

Ich preise dich, Herr;

denn du hast mich aus der Tiefe gezogen

und lässt das Feindliche nicht  über mich siegen.

Als ich schrie zu dir, da machtest du mich gesund. 

Du hast mich von den Toten heraufgeholt;

du hast mich am Leben erhalten.

Psalm 30,2-4

 

 

Wir Menschen sind eine Erfahrungsgemeinschaft. 

Es sind in unserm Nervensystem die Schrecknisse und Freuden

all derer vor uns gespeichert und äußern sich als unwillkürliche Reflexe.

Unsere Sprache hat viel vermessene Welt in sich.

Lieder und Gedichte sind Schiffe voll Erlebnisfracht.

So besingt das Liedchen „Hänschen klein“ die Mutter-Kind-Trennungsschmerzen jeder Generation,

das Lied „Die Gedanken sind frei“ sichert trotzig ein Menschenrecht.

Und Psalm 30 besingt wegweisend die Auferstehung aus Abgrundstiefen.

Es ist ein Verantworter aller Realität,

ein Schöpfer des Universums, es ist ein großes Du für alle Ichs dieser Welt.

Der ruft die Ichs in ihr Personsein, der Ganze, du Ganzer, du Ganze,

von der wir die Atome sind; du, die Weltseele, von der wir  die Relais sind,

Du die Zeit und wir die Phasen; du das Meer und wir die Tropfen,

wir die Worte, du das Gedicht.

Du hast mich aus dem Nichtsein gezogen. Du lässt mich vorhanden sein.

Du hältst mich im Sein. Weil  du mich willst, bin ich.

Und weil du mich als genau diesen Menschen willst

mit genau diesen Genen und Wegen, bin ich, der ich bin.

Und werde noch immer mehr deiner, bis ich ganz in dir ruhe.

 Ich preise dich, dich.

Dazu braucht es selten Festgottesdienste,

 im Ein- und Ausatmen, im Schlagen des Pulses,

 im Verwandeln der Nahrung zu Energie, im Spiel der Liebe bist du da,

„das Lebendige in allem Fleisch“ (4. Mose 16,22).

Und doch ist es gut, dich mir zu benennen,

damit Dank und Staunen mich Schwerfälligen leicht machen.

Ich will merken, will wahrnehmen die Wunderbarkeit deiner Wege mit mir. Allein schon das Überwintern der Knospen und mein Auf- die-Beine-kommen am  Morgen, und wie das Grämliche schmilzt unter Einstrahlung von Sympathie- Gott, mein Gott, wie rettest du mich stündlich vor dem Nichtigen.

Du hast mich aus den Tiefen gezogen, fast wäre ich ertrunken, verblutet,

 hätte mich weggeworfen, wäre verstoßen, verarmt, verhärmt.

Doch du hast mich über Wasser gehalten durch einen Menschen,

Du hast Hilfe gebracht, Du hast mich wiederbeatmet mit Lebensmut.

Du hast mich zu dir schreien machen.

Du hast mir schluckweise Zuversicht eingespeist,

du hast mir Erstarrtem Wärme von der Hand eines Andern zukommen lassen.

Ich war mir schon tot, mir war die Welt schon vergangen,

da hast du mich wieder berufen zu noch ganz anderem Leben.

Darum kann ich Goethe nach  sagen: “Und wäre mir auch was verloren, kann immer tun wie neu geboren.“

 

 

Lobsinget dem Herrn,

Ihr seine Heiligen preiset seinen heiligen Namen!

Denn sein Verdunkeltsein währet einen Augenblick,

lebenslang aber  seine Gnade.

Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.

Psalm 30, 5-6

 

Und dann braucht man doch Gemeinde, Freunde, Mitfeiernde,

braucht doch beschwingte Gottesdienste- den Chor, der die eigene Stimme mitträgt. Allein kann man nicht recht haben, nicht auf Dauer.

Darum gib ein Fest zu deiner Rettung, schreib auf  dein Erstarken,

erzähl deine Wiederkehr zu den Lebenden, bekenne deine Dankbarkeit.

 Ruf es hinaus, wie ganz und gar unselbstverständlich dir deine Genesung ist.

Gott wird so viel verklagt,

meist von außen, nicht von denen, die noch mit Gott ringen und ihn als Mitleidenden ahnen. Du hast ihn doch erfahren, dir war er nur eine Strecke verdunkelt, dir war er nur eine Zeit lang abhanden kommen.

Schlimmst genug war das.

Aber gegen deine Rettung und die dann glückliche Zeit

 ist  das Dunkel dir nur einen Schrecken lang gewesen.

Lasse das Zagen, verbanne die Klage, maule, mäkel nicht mehr. Mach es gut.

Und auch - wenn du zur Nacht weinst, morgen ist ein neuer Tag seiner Gnade. Freude wird dir blühen, halt dich bereit.

(Vers 6  heißt im Urtext:“ Sein Zorn währet einen Augenblick“-

 Das kann man so verstehen: Da ist einer überglücklich einem Leid entronnen und fordert seine Sinne und die Menschheit auf, Gott zu loben.

Er hat sein Leid mit eigenem Versagen in Verbindung gebracht,

aber es ist ihm eine Ehre, daß er wahrgenommen ist vom ewiggültigen Gott. Dieser muß ihm zürnen, wie er ja selbst über sich zürnt.

 Zorn ist viel mehr Zuwendung als matte Toleranz; Zorn ist Zeichen des Getroffenseins- wäre Gott der Beter egal, hätte er ihn einfach nur abgetan.

Kann zur Liebe auch Zorn gehören- einen Augenblick lang?

Die vor uns meinten, Zorn sei die Kehrseite der Verunehrung, und muss sein. Jedenfalls sind die Proportionen wunderbar: Ein Nu lang das Dunkel zwischen Gott und uns, aber lebenslang seine Gnade.

Tränen in der Nacht- manchmal müssen sie sein. Aber des Morgens ist Freude, auf Gott ist Verlass.

 

 

Ich aber, als es mir gut ging,

sprach: Ich werde nimmermehr wanken. Denn,

Herr, durch dein Wohlgefallen hattest du mich auf einen hohen Fels gestellt.

Psalm 30,7.8a

 

Vor dem Fall kommt der Hochmut. Geht’s uns schlecht, sind wir mit Klagen schnell dabei. Geht’s uns aber gut, werden wir leicht selbstgefällig und fahrlässig; Meinen sogar, die Gunst des Schicksals gepachtet zu haben. Halten wir uns für Lieblinge des Schicksals, sehen uns erhoben „über denen da unten“? Es gibt eine Arroganz, die Dank benutzt um sich den vermeintlichen Privatgott zu sichern, nach dem Motto: „Ich danke Gott, dass ich nicht so bin, wie die andern“(Lukas 18,11).

 

 

Aber als du dein Antlitz verbargst,

erschrak ich. Dann rief ich wieder zu dir und flehte: Herr, sei du mein Helfer!

Psalm30,8b.9.11

 

Es ist wohl so: „Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil“ (Friedrich Schiller). Weil der Hunger und die Sehnsucht groß, aber die Ressourcen begrenzt sind, und alles seinen Preis hat, und die Welt voll Doppeldeutigem und Doppelbödigem ist. Und wo viel Licht ist, ist viel Schatten.

Ein tiefer Fall wird von uns verstanden als habe Gott nicht genug auf uns aufgepasst. Ja, wir unterstellen, Gott ließe uns mutwillig in Fallen tappen,

hänge uns Krankheiten an. Aber Gott ist gut. Was geschieht, geschieht ihm mit. Es kann sein, dass wir den Blickkontakt zu Gott verlieren,

auch weil wir ihn an falschen Orten, in falschen Kleidern suchen.

Gut, wenn wir dann zurückgehen zu biblischer Erfahrung und etwa an Jesu Geschichten die wahre Spur aufnehmen  zum Gott in den Mühen und im Teilen.

Erstaunlich ist ja immer wieder unsere Selbstgewissheit.

Kaum ist man aus einem Schlamassel raus, da strunzt man wieder: „Mir kann keener“ ,oder „es is noch immer jod jejange“; „Wanken? Nimmermehr!“.

 Hat Gott Wohlgefallen an einem mit so aufgeblasenen Backen,

der sich rühmt, ihn zum Schutzpatron zu haben?

Augenblicklich kann es sein, daß er sein Antlitz verbirgt.

Dann durchflutet  Kälte die Gedanken, die Wärme der Verlässlichkeit ist dahin. Man steht allein. Dann, gut für mich, wenn ich durch die Verzweiflung hindurch flehen kann. Und dann –so bezeugen die Heiligen von alters her- wird er die Klage verwandeln.

 

 

Du hast mir meine Klage verwandelt

in einen Reigen, du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen

und mich mit Freuden gegürtet, dass ich dir lobsinge und nicht verstumme. Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.

Psalm 30,12.13

 

Wenn das doch die Beute meines Erdendaseins wäre:

Das Leben, gekennzeichnet als Auftakt, als Weg zur Heilung, als Heimweg; auch als Erziehung zum Frieden- in den Abschnitten und im Ganzes: Von der Klage zum Reigen, von der Trauer zur Freude.                                           

Die Klage hat ihr Recht- bewahrt sie doch dem Gepeinigten die Würde,

nicht gut finden zu müssen, was ihm abgebrochen und entwunden ist.

Aber Gott als letzte Adresse für Klage und Dank fädelt uns wieder ein in den Reigen der Freude.

Trauerkleider haben ihre Zeit.

Wir Hinterbliebene sind  noch auf der Strecke, die von uns Genommenen dürfen wir wissen wir als zu Gott hingegangen.

Und weil der Reigen, den Gott mit seiner Schöpfung vorhat,

noch in Arbeit ist, darum sind wir auch noch mit beteiligt am Bau des Herrn

und legen die Hände noch nicht in den Schoß beim Loben.

Verheißen ist: Du wirst zurückblicken, deine Seele erstarkt, 

du bist wie zum Tanz geleitet in glücklicher Runde,

Klagelieder ade! Schamzeit, Schuldzeit - abgetan, Du strahlst vor Freude.

Gott will, dass du es so erlebst.

 

                                                        *

 

Gott, auf dich traue ich,

lass mich nimmermehr zuschanden werden,

errette mich durch deine Gerechtigkeit!

Denn du bist mein Fels und meine Burg,

und um deines Namens willen leite und führe mich.

Zieh mich aus dem Netze, Du meine Stärke.

In deine Hände befehle ich meinen Geist.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum,

meine Zeit steht in deinen Händen.

Psalm 31,1,3,4,6,9b, 16

 

In dem Großen Ganzen  will ich mich morgens orten, abends in ihn münden.  Wir brauchen doch Orientierung.

Ein Schiff kann auch nicht Kurs nehmen an seiner Mastleuchte,

es braucht den Leuchtturm, den Peilpunkt von außerhalb.

Auch wir können uns nicht an uns ausrichten.

Mein Gewissen muß sich gebunden wissen an eine letzte Instanz, Verantwortung ist Antwort, mein Vertrauen sucht das Herz aller Dinge.

„Mein Fels“, „meine Burg“, „meine Stärke“

sind Ankerworte der Menschheit für den Ewiggültigen.

Der errettet mich, weil ich sein bin.

Nicht bin ich seiner besonders würdig, nicht gut und gerecht.

Sondern seine Liebe macht mich ihm recht.

Seine Güte deckt meine Schwächen;

Sein Verzeihen zieht mich aus den Verstrickungen,

mein Geist wird neu verständig durch Sprechen mit ihm.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum,

ich kann wieder ausschreiten und sicher gehen.

Meine Zeit nehme ich aus deinen Armen,

meine Wege sind in deine Hände gezeichnet. Ich kann nicht verfallen.

Darum wird der Tag gut, und die Nacht lässt mich sicher ruhen.

 

                                                    * 

 

 

 

Hoffe auf Gott

und tu Gutes, habe deine Lust an Gott;

der wird dir geben, was dein Herz wünscht.

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn,

er wird’s wohl machen.

Von Gott kommt es, wenn des Menschen Schritte fest werden.

Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn Gott hält ihn an der Hand.

Lass ab vom Bösen und tu Gutes.

Bleibe fromm und halte dich recht;

So wird es dir letztlich gut gehen.

Psalm 37,3-5,23,24,27,37

 

 

Vor Gott meinen Weg bedenken, das ist es.-

Natürlich bin ich verpflichtet, Gutes zu tun, redlich zu handeln

und mich nicht blöde anzustellen.

Aber Lust an Gott haben, ist die größte Kunst.

Die Dinge mit ihm in Beziehung sehen,

mit ihm zu tun haben in allem und jedem, ihn mit betroffen sehen

in Katastrophen, ihn sprießen sehen im Glücken - das ist faszinierend.

Warum blühen die Blumen in so prächtigen Farben?

Nicht nur zur besseren Vermehrung sondern weil Gott  Farben liebt.

Warum bist du da? Nicht nur, weil die Eltern ein Kind wollten

sondern weil der Weltwille dich will und mit dir was Besonderes ausrichtet.

Den Zusammenhang glauben von allem und jedem mit Gott, dem Ganzen-

das ist gut. Ihm meine Wege anbefehlen,

das meint, ihm mein Schicksal anzuvertrauen:

Also beten um Geleit und Schutz vor allem vor eigenen Verrücktheiten. 

Es ist soviel Irrung und Wirrung möglich, unter jedem Dach ein „Ach“ –

doch mindestens eine Mühsal, ein Gebrechen, eine Schwäche, eine Unart.

Und wie damit zurechtkommen? Gott, gib mir Hirn und Mut und Einsicht und Chancen. Und Balance, Maß, Freude an Harmonie.

Hinfallen, aber noch aufstehen können, und wenn nicht, daß dann Hilfe komme von  Gott, „Schutz und Schirm vor allem Argen“- so weit wie möglich.

Bleib fromm- also vertrauensvoll in Gott. Wisse, daß du mit allem zurechtkommst, weil und solange du es mit Gott in Beziehung siehst. Gottes Hand kann drücken, aber es ist seine.

                                                         

                                                           *

 

                                                            

 

Was betrübst du dich, meine Seele?

Und bist so unruhig in mir? Verlass dich auf Gott. Du wirst ihm noch danken, daß er dich wieder aufrichtet und dein Gott ist.

Psalm 42,6

 

Darauf setzen- immer wieder wirst du Gutes ernten: Du wirst danken. Lass doch die Wege steinig sein, sie münden im Guten. Lass die Tränen rinnen, sie werden von der Sonne weggeküsst. Wenn auch Menschen dich enttäuschen, du wirst letztlich gerettet und heil werden. Keine Angst. Du wirst hindurchgetragen.

 

                                                         *

 

 

Ich will auf Gott hoffen

und mich nicht fürchten. Was können mir Menschen tun?

Psalm 56,5

 

 

Menschen können Menschen viel  antun, das weißt man von sich selber, man weißt von seinem Fiesseinkönnen, wenn man gekränkt ist.  Doch sag dir das täglich: Ich will mich nicht fürchten, was können mir Menschen tun? Die um dich sieh nicht als gefährlich an, aber suche auch nicht Gefahren. Räum Missverständnisse aus. Sieh dich nicht verfolgt, nicht ausgegrenzt, nicht umzingelt. Es ist keine Verschwörung gegen dich im Gange. Genieße unbefangen deine Welt. Nimm hin, was geschieht, es ist kein Vorwurf an dich, wohl aber Lockruf, mit zu spielen und das Beste für dich daraus zu machen. Denn es ist Gottes Geschichte, in der du mittust. Es soll dir gut gehen, das ist Gottes Projekt.

 

                                                        *

 

 

Gott, du bist mein Gott, den ich suche.

Es dürstet meine Seele nach dir,

mein ganzer Mensch verlangt nach dir.

Ich halte Ausschau nach dir und  deinem Heiligtum,

ich wollte so gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.

Denn deine Güte ist besser als Leben.

Das ist meines Herzens Freude und Wonne,

wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann;

wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich,

wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.

Denn du bist mein Helfer.

und unter dem Schatten deiner Flügel bin ich glücklich.

Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.

Psalm 63, 1-9

 

Daß deine Seele nach Gott dürstet- merkst du an deiner inneren Unducht, deiner Mißgestimmtheit, deiner Lähmung, deinem wunschlosen Unglück; keine Gemeinde, kein Trost, keine Freude, kein Ruf. Du fühlst dich leer, unnötig, verlassen, verarmt, heute jedenfalls.

Aber wenn du noch deinen Mangel merkst, ist Hoffnung. Bitte, entdeck  deine Wünsche wieder. Wenn du dich nach Leuchten und Freude sehnst, hältst du nach Gott Ausschau.

Du hast ja von Gott gehört. Wenn die Welt sein Haus ist, dann hat er viel zu bieten. Seine Güte ist ja, daß er Macht und Herrlichkeit teilen will. Er will auch dich beglücken. Es ist seine Leidenschaft, dich des Lobes voll zu machen.

Darum sinne wieder über ihn nach, sinne dir nach im Gespann mit ihm. Unter dem Schatten seiner Flügel erspüre dir ein neues Lebensgefühl: Du- gehalten, getröstet, gebraucht, geliebt.

Freude und Wonne sollst du ausstrahlen, Gott wird nicht ruhen, bis Du soweit bist. Und wenn er dich erst durchs Sterben fädeln müsste, du wirst ihn finden.

 

                                                          * 

 

 

Singet Gott,

lobsinget seinem Namen! Freuet euch vor ihm!

Er ist Vater der Waisen und Mutter der Witwen; ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen ins  Freie führt.

Als du vor deinem Volk herzogst in der Wüste, da bebte die Erde, und die Himmel troffen vor Gott - am Sinai. Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn, der vom Tode errettet. Immer wieder gibt er den Menschen Macht und Kraft. Gelobt sei er!

Psalm 68, 5-9, 20, 21,36b

 

 

Ein Schatz an Lebenserfahrung in sieben Sätzen: Freude ist unser Auftrag. Darum hängt Gott vor allem an den Beschädigten und Verlassenen. Die am meisten entbehren, haben noch am meisten von ihm zu erwarten, damit auch sie Grund zu Freude und Dank haben.  

In jedem Leben soll es Zeiten geben, die von Gott „triefen“, von Glück, Fülle, Liebe, Verwöhntsein. Jeder Mensch soll zurückblicken können auf Heilszeit. Also denk nach, wie viel dir schon gelang. Gedenke der Bewahrungen, die dir geschahen.

Eine Heilszeit der Menschheit war wohl die Zeit Israels in der Wüste, als sie auf dem Weg waren aus der Knechtschaft Ägyptens ins Gelobte Land.- Da am Sinai troff der Himmel von Gott- Fülle um Fülle fällt uns immer noch zu in den Zehn Geboten- dem Masterplan für gutes Zusammenleben. 

Gott gibt. Er ist der Quell aller Güter, auch der Brunnen aller Güte- Gott betreibt das Lebenkönnen seiner Schöpfung mit dauernder Ausschüttung guter Gaben und Kräfte. –Aber es ist auch viel Mangel, Irrtum, Gier, Schuld, Schaden,Verbrechen. Ich möchte alle Last als von Gott auferlegt sehen können, will sie annehmen als nötig.-

In südlichen Gegenden sieht man die Äcker umfriedet mit Mauern aus Steinen. Diese Steine wurden in Generationen vom Boden gelesen, immer neue schienen von unten ans Tageslicht zu kommen. Sie mussten weggetragen werden, denn wo Steine, da keine Erde zum Wachsen. Und jetzt halten die Steinmauern den Wind auf, dass der die kostbare Ackerkrume nicht wegtrage.-   Nicht als Strafe oder  Prüfung sind die Steine gegeben, sondern als Mühen, die noch  abgetragen sein müssen. So ists auch mit den Strapazen.  Und das mir auferlegte Quantum soll ich übernehmen, weil an diesem Ort zu dieser Zeit ich da bin, und andere für andere Mühen gebraucht werden; ich aber für dieses, mein Leid. 

Schon zu wissen, daß nicht blöder Zufall Spott mit mir treibt, hilft. Und es stärkt, daß mit der geschulterten Mühe ich Gott beistehe. Er wird  mit dem jetzt Anstehenden fertig werden, auch mittels meines Tuns. In den Mühen wisse,  dass  dir  Kraft zuströmt von ihm, dem Liebhaber des Lebens.

 

                                                *  

 

 

Das große Dennoch

Dennoch bleibe ich stets an dir;

denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,

du leitest mich nach deinem Rat

und nimmst mich endlich mit Ehren an.

Psalm 73, 23.24

 

Allen Katastrophen und Schmerzen begegnet der Beter mit seiner Dennoch-Posaune. Was auch an Fürchterlichem auf mich niederprasselt- ach könnt ich doch auch dieses „Dennoch“ anstimmen. Nicht weil ich so stark bin oder stur, so fromm oder beharrlich. Sondern das große Du hält mich. Auf unbeschreibliche Weise bin ich geborgen, gehalten, bin gebunden an dich, weil du, Gott, mich nicht lässt.

Mit dem Rücken zur Wand bleib ich an dich gelehnt, bleib in deine Hände gepresst, auch wenn sie hart sind, jetzt. Du leitest mich, ohne mir meinen Freiraum zu nehmen und ohne die Bosheiten des Lebens vor mir wegzuwischen.

Ich gehe im Gehege deines Willens, das ist mir wichtig, auch wenn die Räder des Schicksals und dein Rat für mich auseinanderdriften. Ich sehe mich auf einem langen Lebensweg, der in dir läuft und bei dir mündet. Tröstlich wunderbar ist: Du nimmst mich endlich mit Ehren an. Wenn dies das Ziel des Lebens mit dem Sterben am Ende ist, ist alles gut. Weil alles gut wird.

    Etty Hillesum, eine Holländerin, die in Auschwitz ermordet wurde, schrieb: “Es gibt in mir einen ganz tiefen Brunnen, und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar, aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen, dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.”

 

 

Wenn ich nur dich habe,

so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

Psalm 73,25

 

So kann ich es nicht sagen, Gott. Zu fest hast du mich an Erde und Stoff und Menschen gebunden. Aber alles, was ich liebe, ist mir doch Pfand geworden für dich. Noch habe ich dich nur in den von dir aufgegebenen Pflichten und Freuden, in den anvertrauten Nächsten, in den Sonnenstrahlen, im Liebesgeflüster. Gerade weil ich dich habe, und du mich hast, frage ich nach deinem Himmel und deiner Erde.  

 

 

Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,

so bist du doch,

Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Psalm 73,26

Noch ist mir nicht Leib und Seele verschmachtet, aber ich war auch schon hart am Rande. Und ich hatte keine Sprache mehr zu dir hin, es wurde leer in mir. Da schenktest du mir Strahlen von Glaube, dämmernde Hoffnung, Rinnsale von Geliebtsein, Gedächtnisworte  der Vorigen mit dir. Du ängstigtest dich um mich. Auch wenn ich an dir zweifelte, du hieltest durch, du hieltest mich. Gott, du meines Herzens Trost, ich bleib mit dir verwickelt, bleibe an dich angedockt, bleib mit dir im Konvoi- wie Michelangelos Adam mit dir Finger an Finger schwebt.

 

 

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte

und meine Zuversicht setze auf Gott,  dass ich verkündige all dein Tun.

Psalm 73,28

 

 

Freude schöpfen aus der Zuversicht auf Gott- sie gibt jedenfalls langen Atem. Und Menschenbefreundung- wir sind doch einander zur Erfreuung gedacht. Was zählt da aller Ärger, was soll alles augenlose Aneinandervorbeihasten.

Ich will von dir aufgeweckt sein, will für dich eine gute Empfehlung sein. Dein Tun verkündigen heißt ja vor allem von deinem Tun eingenommen sein und  dein Tun mittun. Und das ist die reine Freude. Wenn wir das mitdenken, dass wir dein Tun mittun, mitleiden, mitgenießen, sind wir gerettet, sind wichtig, sind der Leere entronnen.

 

                                                     *

 

 

Wie lieblich

sind mir deine Wohnungen, mein Gott

Meine Seele verlangt nach den Vorhöfen des Herrn;

mein Leib und Seele freuen sich

in dem lebendigen Gott.

Der Vogel hat ein Haus gefunden

und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen -

deine Altäre, mein König und mein Gott sind mein Haus und mein Nest.

Psalm 84,2-5

 

Das uns Heimat sein lassen: Wir in Gott. Die Welt sein Haus- wir hier nicht fremd. Aber wir sind auch von Erde, wollen besitzen, wollen zu Einigem sagen können: „Meins“, „Meins und nicht Deins“. Und dann hängen wir an Haus und Grund, an Konten und Sachen, wie festgeklebt.- Würden wir doch uns leichter tun mit dem Irdischen, es nutzen und pflegen, es teilen und dann auch mal lassen können.

Manchmal das Glück, behaust zu sein und Gott Tür an Tür zu wissen. Es gibt Orte die sind gottvoll; Meere, Berge, Ebenen, Wälder, Kirchen - Vorhöfe des Herrn. Und deine Hand, die Brot teilt, baut die Wohnung des Herrn mit. 

Vielleicht sind die Kirchen und Altäre Zwischenräume- Irdisches, mit einigem himmlischen Anstrich; ausgegrenzte Orte, an denen sich Gott und Mensch gut treffen können. Einige Orte geben deiner Seele besonderes Heimatgefühl. Such sie wieder auf.    

 

 

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten

und von Herzen dir nachleben!

Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,

wird es ihnen zum Quellgrund,

und Frühregen hüllt es in Segen.

Sie gehen von einer Kraft zur andern

und schauen den wahren Gott.

Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild.

Psalm 84,6-8,12

 

Gott für meine Stärke halten- das ist die Kunst. Mein zu Gott Gehören  hält mich. Mein Machen und Können sind Kräfte von seinem Energiestrom, noch im Dürren kann ich Brunnen bauen, noch im Dunklen Lichter des Mutes entzünden.

Sieh, wie du Kräfte nimmst, als gingest du von einer Blüte zur nächsten-

du bist ein Segen für dein Umfeld.

Lass dir Gott Sonne und Schild sein, die Kraft zu allem Guten, Schutz in allem Schweren. Er ist Sonne- alle Energie: er ist Schild, Schutz, Hilfe.  Gott –alle Energie, alle Liebe- was müssen wir mehr wissen?

 

                                                       * 

 

Gott, du bist unsre Zuflucht für und für.

Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden,

bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Der du die Menschen lässest leben- und dann auch sterben, sprichst dann: Kommt wieder, Menschenkinder!

Psalm 90,1-3

 

 

Einer der innigsten Namen für Gott ist „ Du Zuflucht“. Du Gott bist mir Zuflucht, Ziel, Halt, Schutz. Wenn es nicht weiter geht, bist du da; du bist die Mündung von allem. Wenn mir die Seele ausfließt, fließt sie in dich. Geh ich mir verloren, rufst du mich heim. Du bist schon immer da, wirst auch nach uns noch kommen. Du bist. Du bist das Meer, das uns wie Strudel bildet, die eine Weile bleiben. Dann rufst du uns aus unserer irdischen Gestalt zurück: kommt wieder, Menschenkinder. Dein Nennen macht uns einmalig; Wir sind deine Kinder. Du rufst uns –also bleiben wir vor Dir. Und bleiben also auch für uns wer. Wer, was bleiben wir? Wir bleiben Deine.

 

 

Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist und wie eine Stunde in der Nacht. Du lässt uns dahinfahren wie einen Strom, wir sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst; das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

Das macht dein Wille, dass wir kommen, ein Stück bleiben und wieder gehen,

Uns ist es ein Schrecken, wenn wir plötzlich dahinmüssen.

Dann stehen wir vor dir- mit  Sünden. Aber stehen im Lichte deines liebenden Angesichtes.

Psalm 90,4-8 

 

Die Zeitmaße sind verschieden.  Schmerz dehnt die Zeit, Glück macht sie pfeilschnell. Unsere Lebenszeit fließt in Kindheit und Jugend erst mal wie  ein breiter Strom. Dann geht es wie im Schlaf- zügig, hindurchpreschend in Arbeit, Liebe, Kinder oder auch nicht, Standgewinnen, Hausbau, oder auch nicht. Im Nu sind wir alt, sind wie ein Gras, das die Kraft verliert. Je älter wir werden, desto schneller fließt die Zeit ab: dann ist es plötzlich zu spät, dann ist hier Schluss mit Wandel.  Doch wir verfallen nicht. Wir haben Aussicht: Du stellst uns vor dich. Das Licht deines Antlitzes wird uns schön machen.

 

 

Alle unsre Tage werden durch dich angetrieben. Dein Unwille gegen das Böse macht dich auch zornig, so müssen wir denken. Wir bringen unsre Jahre meistens zu wie ein Geschwätz.

Unser Leben, wenns gewährt ist, währet siebzig oder achtzig Jahre,

und wenns hoch kommt, noch etwas mehr. Wenn es  köstlich gewesen ist, ist es auch voll Mühe und Arbeit gewesen. Es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.

Psalm 90,9.10

 

Der Treiber des Lebens ist Gott. Mittels der Zeit tätowiert er uns, wir werden geprägt vom Geschehen und gestalten dieses mit. Darum ist unser Gehen in der Zeit so wichtig, der Umgang mit Zeit so dramatisch entscheidend. Ob wir unsere Tage zubringen in freudloser Eile, geschwätzig- leer  oder in hemmungsloser Zärtlichkeit, liegt an uns. Lasst uns doch gern hier sein, auf dieser schönen armen Erde. Zuletzt wird uns alles zu kurz gewesen sein. Und wir wünschen uns davonzufliegen in das ewige Zuhause.

 

 

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Psalm 90,12

Klug werden angesichts des Sterblichseins: Wir sind nur auf Zeit hier. Haben lauter letzte einmalige, wunderbare, teure, schützenswerte, bitte- gut zu nutzende Tage. Und Nächte. Also Lachen, Lieben, Beistehen, Nehmen, Geben, Probleme lösen, Schmerzen und Lasten tragen, Schuldigwerden und Verstehen. Und „Wenn du weißt, was du willst, musst du machen, daß du hinkommst“ (Die Mißfits). Und „Man muß die Notwenigkeiten lieben und pflegen lernen, muß das Starre und Unversöhnliche eben zu erweichen versuchen; und darf sich nie verstoßen vorkommen“(R. Walser). Wir können unsere Zeit nicht vermehren, können uns aber vervielfachen, indem wir uns ins vielfältige Lebendige und in seine Seele, Gott, vertiefen. Und ja, bei den Hinterbliebenen dann mal einen guten Nachgeschmack hinterlassen, das wäre gut.

 

 

Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. Nach Unglück erfreue uns wieder. Zeige uns deine Werke, deine Herrlichkeit deinen Kindern. Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns.

Ja, das Werk unsrer Hände und Gedanken wollest du fördern!

Psalm 90,14-17

 

Was genau für dich Lebensklugheit ist, musst du selbst erfahren auf deinem Weg. Sicher hilft es, sich vor Gott auszusprechen und zu bitten: Fülle uns mit deiner Gnade, also mit Heiligem Geist, mit Begabungen, Menschenfreundlichkeit, Humor, Staunen, Dankbarkeit.

Freude ist sichtbares Zeichen von Gnade und Fröhlichkeit hilft. Eine starke Form göttlicher Freundlichkeit sind Hände und Gedanken, die ein Werk gestalten. Wir alle brauchen die Förderung von oben. Beten wir, daß wir heute brauchbar sind fürs Leben.

 

                                                      *

 

Und die Alten

Die gepflanzt sind im Haus des Herrn, blühen auch im Alter noch und bringen Früchte und sind frisch. Dass sie verkündigen, wie Gott es gut macht.

Psalm 92,15f

 

 

Auch aus den Alten bereitet sich Gott ein Lob. Auch sie können noch blühen und gedeihen, können noch Früchte der Lebensfreude und Schaffenskraft bringen. Manche Alte scheinen spät erst jung zu werden, manches Glück passiert ihnen wie zum ersten Mal. Oft ist Liebe das Geheimnis ihre Frischseins.

Es ist wohl so: „Du bist jung wie deine Zuversicht und so alt wie deine Zweifel; so jung wie dein Selbstvertrauen, so alt wie deine Furcht; so jung wie deine Hoffnung, so alt wie deine Verzagtheit“ (Albert Schweitzer). -Erst wenn die Flügel deiner Seele nach unten hängen und das Innere deines Herzens vom Schnee des Pessimismus und vom Eis des Zynismus bedeckt sind, erst „dann sind die bösen Tage gekommen und die Jahre nahen sich, von denen  du sagen wirst: „Sie gefallen mir nicht“(Prediger 12,1).

 

                                                            *

 

Lobe den Herrn, meine Seele,

und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

Psalm 103,1

 

Es lobt sich also nicht selbstverständlich. Mein nachdenklicher Geist muss mein Ich anfeuern, muss meine Person, meine Seele antreiben, sich aufzuschwingen, Gott zu loben. Vielleicht sind wir ja wie Kinder, die meinen, ein Anrecht zu haben auf  Verwöhntwerden. Sind wir unleidlich, wissen wir schnell uns zu beschweren- und alles sich Beschweren zielt letztlich auf so was wie Gott.  Aber ihn loben? Ihn anerkennen als großen Künstler, ihn bewundern als Freund des Lebens? Ihm Dank sagen? Wir haben kein Recht auf den nächsten Atemzug und bekommen ihn doch eingeschenkt. Wie überirdisch fühlt sich das Lieben an? Wie grandios ist der Herrgott, der macht, daß wir bei der Schöpfung mitmachen. 

Danken und  Loben ist zuerst mal Staunen. Also lasst uns nicht durchs Leben stolpern wie Klötze sondern merken, wie wunderbar ist, was ist.

 

 

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat und tun wird:

Psalm103,2

 

Nimm wahr  und merke, was dir Gutes geschieht. Allein ein schlichter Tag birgt eine Fülle von Glückserlebnissen, von Behagen, Wohlgefallen, Zufriedenheit, Genuss und Bewahrung, Einfällen, Lachen, Gesprächen. Ein einziger Tag ist in seiner Wunderbarkeit unausschöpfbar. Ich will von jedem Tag ein, zwei Eindrücke sichern, am besten schriftlich, auch um das Gute zu behalten. Und der Rückblick bekommt durch mehr Anhaltspunkte auch mehr Tiefe. Und der Dank mehr Gestalt. 

 

 

Der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönen wird mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Psalm103,3-5

 

Sünden vergeben bekommen- das beschafft Zukunft. Schwer lastet Schuld, begangene und erlittene. Begangene Schuld rumort in mir, bis sie beglichen ist. Erlittenes Unrecht  bleibt offene Wunde, bis Gespräch stattfindet, Eingeständnis gelingt und  ein Stück Wiedergutmachung getan ist.

Meine Schuld als von Gott vergeben glauben- das ist dramatisch wichtig. Er ist das Wesentliche aller Wesen. Was jeden trifft, trifft ihn erst recht- er muss alles aufnehmen und verdauen. Vergibt er, muß ich und kann ich auch vergeben und kann mir vergeben sein lassen und gutmachen.

Alle Gebrechen, Mühen, Leiden sind Stationen auf dem Weg zur Heilung, gegen keinen wird er sich entscheiden. Jedes Leben ist auf Fülle, Freude, Erlösung aus. Vor uns immer Krönung, vor uns Teilhabe an seiner Vollkommenheit. Darum sterben wir auch nicht ins Leere sondern werden abgekeimt vom Lebendigen, heimgetragen in Gott. Gegen das allmähliche Einsinken in den Tod will ich dies Lied singen je älter, je lieber: Gekrönt werden steht bevor. Und das macht fröhlich und jung, auch quer zu unsern Erfahrungen.

 

 

Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

Barmherzig und gnädig ist Gott, geduldig und von großer Güte.

Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. So hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über uns. Wie sich Vater, Mutter  über Kinder erbarmen, so erbarmt sich der Herr über die Seinen.

Psalm 103,6.8.10.13

 

Gott schafft Recht. Wir ahnen dies, und wissen auch, was er von uns erwartet. Und seine Barmherzigkeit ist die Energie, die uns anschiebt zu gemeinsamem, heilsamem Tun. Aber er handelt nicht mit uns Auge um Auge, gleich gegen gleich, er ist großmütig, er weiß wie brüchig wir sind.

 

 

 

Er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir von Erdenstaub genommen sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie verweht, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

Die Gnade Gottes aber währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihm gehören. Lobe den Herrn, meine Seele!

Psalm 103,14,15,16,17,22

 

Der wahre Grund für Gottes Güte ist, daß wir ihm gehören und aus seinem Material genommen sind- Erde klingt nach Gegenteil von Himmel, ist sie aber nicht; sie ist Materie- „mater“- Mutter,  Materie, Gottes feines Stöffchen. Wenn trotzdem wir auch egoistische, kleinliche, raffige Menschen sind, ist es unsere einzige Chance, daß Gott zu uns hält. Wir sind vergänglich. Aber unser Loben hat langen Nachhall. Loben wir, so  feiern wir Gottes Großmut. Weil seine Gnade ewig währt, werden wir auch ewig währen; keinen will er missen, jeden wird er heilen.

 

                                                * 

 

Gott, mein Gott, du bist so herrlich.

Du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast.

Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt; du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes. Du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.

Psalm 104,1-4

 

So von Gott schwärmen: Er der wunderbare Liebhaber von Allem, die Schöpfung - sein Schmuck, so auch im griechischen Denken: kosmos =Schmuck Gottes). Licht als sein Kleid ist wohl die hintergründigste Bestimmung vom Wesen des Lichtes. –Eine andere Übersetzung: „Der das Licht sich umschlingt wie ein Tuch“-. Licht ist  Erleuchtung und Wärmung, die Gott in  die Welt setzt mittels all der Gase und Atomsonnen.

Der Himmel als Zelt, Wolken als Wagen, Winde als Flügel des Herrn, als Boten; Feuer als Diener- nichts ist mit seiner physikalischen Machart zufrieden.- Alles  ist sein Stoff, ist ihm untertan, steht ihm zur Verfügung- Alle Sachen haben einen Überschuss, haben Würde und Heiligkeit, nehmen davon ihre Bedeutung. Es gibt eine Verabredung zwischen Gott und seinem Werk: Alles ist zum Dienst für alles da, und in diesem Zusammenhang hat jede Sache ihre Selbstständigkeit.

 

 

Du hast das Erdreich gegründet auf festen Boden, dass es bleibt immer und ewiglich. Mit Fluten decktest du es, die Wasser standen bis über die Berge.

Aber vor deinem Machtwort wichen sie. Die Berge hoben sich, die Täler senkten sich herunter. Du hast den Wassern eine Grenze gesetzt, sie dürfen nicht wieder das Erdreich bedecken.

Aus Quellen lässt  du Bäche fließen, zwischen den Bergen eilen sie dahin,

Sie bieten Trank den Tieren des Feldes und das Lebendige löscht davon seinen Durst.

Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte.

Auf den Bäumen sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen.

Psalm 104,5-13

 

Das Wasser kann Feind des Lebendigen werden. Aber erst recht erleben wir  es als den Urstoff, der Leben erst  möglich macht. Welch ein Glück, dass das Wasser von  Gottes Hand gedämmt ist. Wenn wir uns wissend in den Kenntnissen der Natur bewegen, können wir die Wasser gut nutzen. Aber wie tollkühn befahren wir die Ozeane und siedeln am äußersten Meer. Dann wegen der Orkane und Überschwemmungen Gott zu beschuldigen, ist nur hilflos. Aber Gott kann es verkraften.

 

 

Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen. Brot bringst du aus der Erde hervor, daß es des Menschen Herz stärke und mit Wein erfreust du sein Herz, und  sein Antlitz wird schön vom Öl.

Psalm 104,14.15

 

Wir sind ja geneigt, die Natur zu personifizieren als die Macherin des Natürlichen. Aber die Natur ist das Angerichtete, nicht der Koch; ist Schöpfung und nicht Schöpfer.. So bringt Gott das Brot aus der Erde hervor mittels des Samens, der Feuchte, des Bodens, seiner Bauern und Bäcker. Und  die bekommen Lohn. Dank ist höheren Orts abzustatten; warum ja Erntedankfest als Markierung wichtig ist. Wein zur Freude, Öl und Kosmetik zur Schönheit- herrlich, daß wir einen Gott glauben dürfen, der Lust hat, uns zu erfreuen und schön zu machen.

 

 

Du hast den Mond gemacht, das Jahr danach zu teilen; die Sonne weiß ihren Niedergang. Du machst Finsternis, dass es Nacht wird; da regen sich alle wilden Tiere, die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und suchen ihre Speise auch von dir, Gott. Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen.

Dann  geht der Mensch an seine Arbeit und an sein Werk bis an den Abend.

Ach, wie sind deine Werke so groß und viel!

Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

Da ist das weite Meer, da wimmelt es von  großen und kleinen Tieren.

Dort ziehen Schiffe dahin; da sind große Fische, die du gemacht hast, um mit ihnen zu spielen.

Psalm 104,19-26

 

Die Löwen suchen ihre Speise von Gott- ja jeden Morgen wacht der Löwe auf und macht sich auf die Jagd nach einem Zebra. Jeden morgen wacht das Zebra auf und muss schneller sein als der Löwe. Die meisten Zebras sterben an Altersschwäche und nicht am Löwen. Aber die Löwen  brauchen ihre tägliche Portion Zebra. Und das ist weise von Gott geordnet. Leben heißt auch, sein Leben lassen, ob als Zebra oder als Löwe oder als Mensch. Wir müssen uns ans Leben drangeben, und letztlich den Preis erbringen, müssen von hier gehen und Beute an Erfahrung mitbringen.          

Die Erdenzeit ist lesbar, wir haben einen gemeinsamen Kalender. So können wir uns verabreden. Zeit messen können, ermöglicht, Arbeitzeit gleich lang zu messen, Mühe gleichlang zuweisen zu können, was Voraussetzung ist für Gerechtigkeit.

Große Fische sind da, damit Gott was zum Spielen hat? Wer sie sich vergnügen sieht, die Buckelwale und Delfine, der kann wirklich meinen, daß auch Gott dran seine Freude hat.

 

 

Es warten alle auf dich, Gott,

dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit. Wenn du deine Hand auftust,

so werden sie mit Gutem gesättigt. Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie. Sendest du aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde. Ich will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin.

Psalm 104,27-30,33

 

Letzten Endes ernährt Gott sie alle.  Alle Energie ist sein Atem. Auch unser Atmen ist eine heilige Handlung. Der Kuss der Liebenden und die Atemspende hat was vom Himmel. Irgendwann geht uns hier die Luft aus, weil wir nur auf Zeit hier sind. Aber wir bleiben ausgestreckt, daß die Gestalt der Erde neu geschaffen wird  und wir begeistert bei Gott bleiben. Wir werden es nicht lassen können, ihn zu feiern.

Ich will Gott loben, solange ich bin, weniger mit schönen Worten als mit Lebenslust, und mit Staunen, daß ich den Forderungen einigermaßen gewachsen bin.

 

                                                              *

 

Der treue Menschenhüter

Ich hebe meine Augen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird auch deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.

Gott behütet dich; Er  ist dir  nah wie dein Schatten neben dir.

Gott  behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

Er  behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Psalm 121

 

Der dich behütet, schläft nicht- ein magisches Wort der Treue und des Schutzes. Diese Wachheit und Gegenwärtigkeit, Gottes flirrende geistige Präsenz in Allem ist glückhaft. Ich will mich darin sicher wissen: Gott behütet mich. Auch wenn ich stürze, fängt er mich auf. Auch wenn ich sterbe, geh ich ihm nicht verloren und mir damit auch nicht.

Leid soll vergehen, das ist versprochen.  Ja, wir sind zerbrechlich, verletzbar an Leib und Seele, sind nicht aus Stein, sind aus dem Herzen Gottes entworfen. Auch Gott leidet. Mit dem hungrigen Löwen und dem zum Fraß werdenden Zebra, mit dem roh gemachten Prügler und dem stummen Opfer. Glaub ihm, daß er dich behütet. Setz deine Hoffnung ganz auf Schutz von oben und biete du dem Himmel deine kleine Hand voll Fürsorge an.

 

                                                       *

 

Die mit Tränen säen

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan!

Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Wir gehen hin und weinen und streuen Samen und kommen mit Freuden und bringen unsre Garben.

Psalm 126

 

Dies ist zuerst ein Gebet Israels, dann aber auch eins für uns alle. Israel bildet das Vorbild für alle Sehnsucht, nach Hause zu kommen und für den langen Weg hin zur Erlösung.

Auch wir werden sein wie Träumende, wenn uns der Himmel sich öffnet. Auch wir werden mit Gott die Vollendung seiner Schöpfung feiern.- Da wird alles Weinen in Freude verwandelt und alle Schuld geheilt.

Gefangen sind wir  in vielerlei Schlingen. Jeder weiß seinen Mangel und muss weinen, manchmal auch ohne Tränen. Dies ist schon rettend: Unter Tränen vollzieht sich auch Saat, Anfang, Wende, Rettung. Das dürfen wir erwarten: Wir werden mit Freuden ernten. Wie mühsam wir uns auch plagen mussten, das Ziel unserer Wege wird sein, Gott zu preisen, dass er Großes an uns getan hat. Träumen wir doch schon von unserm geheilten Ich. Sollen Menschen doch jetzt schon mal von uns sagen: Du Glückskind, du Gotteskind.

 

                                                  *  

 

 

An Gottes Segen ist alles gelegen

Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.

Wenn Gott nicht die Gemeinschaft behütet, so wachen die Verantworter  umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esst euer Brot mit Sorgen; denn den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

Vor allem Kinder sind die Gabe Gottes.

Psalm 127

 

Nicht wir machen, daß Gott unserer Dasein segnet. Aber sein Segen will mit uns zusammenwirken, wir müssen die guten Kräfte Gottes wollen, müssen sie heranbitten, sie freundlich aufnehmen, sie nutzen.  Beim Hausbau z.B. ist es hochwichtig, dass gutes Einvernehmen herrscht zwischen allen Gewerken. Und alle müssen wissen, dass sie einem Werk verpflichtet sind und gerechten Lohn erhalten. Die Gesellschaft  braucht Gottes Segen in Gestalt von Friedenswillen. Sähe jeder nur auf Seins, gäbe es nur Unordnung.  

Schon richtig, daß wir uns mühen. Aber Wachstum und Gedeihen sind auch Geschenk, auch Gnade. Geschick ist auch Begabung, Erfolg lässt sich nicht erzwingen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf-  Also nicht sich zersorgen sondern gut schlafen, Gott am Abend das Tagwerk in die Hände geben und Morgens früh aus seinen Händen wieder entgegennehmen, was heute ansteht.  Da findet Segen Gestalt.

Vor allem Kinder sind nur als Gabe Gottes zu denken. Wir „machen“ sie nicht, wir empfangen sie, sie kommen bei uns, mittels unserer zur Welt. Gott erdet sie durch uns mittelmäßige, hinreichend brauchbare Menschen. Kinder gibt’s genug, es gibt nicht genug mütterliche, väterliche Menschen- also, lass Kinder an dich ran, sei ihnen zum Segen. 

Nochmal: Den Seinen gibts der Herr im Schlaf -Kannst du das auf dich beziehen? Weißt du dich geborgen, einfach gut aufgehoben, bist du im Lot mit dir? Schlag einfach eben mal die Augen nieder, leg die Hände in den Schoß, und denk, fühl deinen Gedanken nach- du atmest auf, dann langsam aus. Und auf dem Grund deines Ausgeatmethabens bist du in Ruhe. So kann es bleiben.

Geht es dir so- dann erlebst du, wie Gott dir gibt- einfach so, ohne daß du strampeln musst. Und was du eben noch besorgtest, wen du in Gedanken oder Taten umsorgtest- es geht alles seinen Gang. Unermesslich, dein Beschenktsein, innen alles voll Dank. Und im Schlaf füllt sich dein Kraftreservoir wieder auf. Du bist nur zuständig im Rahmen deiner Kräfte. Vom Rest denke, Gott wird es schon richten.

 

                                                   *

 

 

Aus tiefer Not

Aus der Tiefe rufe ich, Gott, zu dir. Herr, höre meine Stimme!

Merke auf die Stimme meines Flehens!

Wenn du, Gott, Sünden anrechnetest, Herr, wer würde bestehen?

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich liebe.

Ich harre des Herrn, ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn

mehr als die Schlaflosen  auf den Morgen;

Hoffe auf Gott! Denn bei ihm ist die Gnade und viel Erlösung.

Er wird seine Menschheit erlösen aus allen ihren Sünden.

Psalm130

 

 

Manchmal zerreißt es uns aus eigener Schuld. Es zerreißt unsere Seele vor Scham, wie konnten wir so tief sinken? Dann taten wir etwas, das aller Vernunft und unserer Überzeugung Hohn spricht, das die Beziehung und die Ehrbarkeit und das Ansehen auf Jahre zerstört. Und wir schwanken zwischen Todessehnsucht und Lebenswillen, suchen uns vor uns selbst zu entschuldigen, suchen Ausflüchte für unsere Grausamkeit. Wir spüren die Macht des Unergründlichen- und beten, daß kein Satanisches uns vollends verschlinge.

Um der Schwärze zu entkommen müssen wir Gott anrufen. Wir haben  doch diesen  letzten Grund, der uns Halt gibt vor dem Versinken in Wahn. Wer soll die reißende Bestie in mir still bekommen, wenn nicht der Schöpfer des unerschöpfbaren Lichtes.

Also rufe ich, flehe zu ihm, will umkehren, bereuen und Buße tun.  Ich will Gott seine Erlösung glauben und ein besseres Leben erarbeiten.

 

                                                    *

 

 

Gott, du kennst mich

Ich sitze oder stehe- du weißt. Du verstehst meine Gedanken von ferne.

Psalm 139,1.2

 

Das ist das Gegenteil der Drohung: „Der liebe Gott sieht alles“. Gott weiß mich, dich- das ist Trost und Glück. Der Universale kennt mein Innerstes, weil es Teil seines Innersten ist. Ich bin seine Filiale, mein Denken geschieht auf seiner Frequenz. Mein Denken flimmert durch sein Gehirn. Ich habe einen Mitwisser, so bin ich nicht allein. Gott haftet für mich. Wenn auch ich mich nicht verstehe, und meine Mitmenschen nur Kopfschütteln für mich übrig hätten, so erschlägt mich das nicht. Weiß ich, dass Gott weiß, kann ich nicht verloren gehen, auch mir selbst nicht.

 

 

Ich gehe oder liege, so bist du um mich. Du gehst meine Wege mit. Alle Worte, die mir auf die Zunge kommen, weißt du schon vorher.

Psalm 139,3-4

 

Gottes Allgegenwart und Allwissen darf ich auf mich  persönlich beziehen. Sie stärken mein Selbstbewusstsein sehr, wüsste und  behielt ich’s nur. Ich bliebe auf leuchtendem Pfad, käme nicht unter die Räder. Wenn ich’s nur behalte, dass Gott mich behält! Worte des Verrates und der Kränkung müssen im letzten Augenblick sich bekehren, denn Gott weiß.  

 

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

Psalm 139,5.6

 

Das Bild ist genommen vom Kind im Mutterleib, über das die Mutter noch ihre schützenden Hände breitet. Du, ich in Gott. Nicht so sehr ist Gott über uns oder in uns- sondern wir in ihm. Die Welt der Leib des Herrn- die Milchstraßen kreisen in seiner Blutbahn- nicht zu fassen das alles. 

Innig ist die Gebärde des Schutzes: In Gottes Hand sein - bildet auch das älteste christliche Symbol ab: Die rechte Hand Gottes.  Sie ist schöpferisch, schützend, führend- auch strafend? Die bei einer Wahl erhobene rechte Hand ist uns Menschen Kennzeichen unserer demokratischen Macht. 

 

 

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,

und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Führe ich gen Himmel, so bist du da;

bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

Nähme ich Flügel der Morgenröte

und bliebe am äußersten Meer,

so würde auch dort deine Hand mich führen

und deine Rechte mich halten.

Spräche ich sogar: Finsternis möge mich decken

und Nacht statt Licht um mich sein -

so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,

und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist dir wie das Licht.

Psalm 139,7-12

 

Dass ich in Gott bin, kann ich nicht fassen.  Ich kann auch vor ihm nicht fliehen. Er ist immer schon da. Auch meine Fluchten geschehen in ihm: Wenn ich mich von Gott abkehre, kehre ich mich von mir ab- Gott aber bleibt immer vor mir, um mich eben. Selbst Morgenlicht und Todsein geschehen in ihm. Wie tief ich auch falle, ich bin gehalten. Und was für mich schwarze Nacht ist- ich stehe doch im Licht seiner Liebe.

Wenn ein Mensch sich ans Leben geht, will er ja nur die Bedingungen hier verneinen, will aufbrechen, neue Kreatur zu werden in gottnaher Fülle. Und selbst, wenn er alle Vollendung verneinen sollte und sich nur in Finsternis einhüllen will, nur nicht mehr sein will- so ist dieser letzte Wille nur vorläufig. Denn auch das Nichts ist von Gott umhüllt und wird zur leuchtenden Fülle. Nicht, ob ich an Gott glaube, ist das wichtigste, sondern daß Gott an mich glaubt. Das lässt mich immer vor Ihm sein.

 

 

Denn du hast mir Herz und Nieren bereitet

und hast mich gebildet im Mutterleibe.

Ich danke dir dafür,

dass ich wunderbar gemacht bin;

wunderbar sind deine Werke;

das erkennt meine Seele wohl.

Deine Augen sahen mich,

als ich noch nicht bereitet war,

und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,

die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!

Wie ist ihre Summe so groß!

Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:

Am Ende bin ich noch immer bei dir.

Psalm 139,13.14.16.17.18

 

Der Anfang aller Wege zu und mit Gott ist das Staunen, das Einzigartige jeder Erscheinung, das Wunderbare jedes Wesens! Ach merkte ich doch auf! Die Vielfalt des Lebendigen lässt erzittern, wenn man sie nur mit erfrischten Augen wahrnimmt.

Abgründig einzigartig ist man selbst, mittels der Eltern einst ins Sein gehoben; schon die Daumenkuppe des Säuglings zeigt eine unverwechselbare Riffelung. Wie viel einzigartiger noch sind die Antlitze der Menschen und ihre Seelen.

Ich bin gewollt, bin ins Sein gerufen von Gott. Alle Tage, alle Chancen sind schon in Fülle da. Nicht zu fassen, wie viele Gedanken wert wären, bedacht zu werden- in wachsenden Ringen kreisen sie um den Guten Ganzen Einen. 

 

 

(Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!

Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!

Denn sie reden von dir lästerlich,

und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.

Sollte ich nicht hassen, Gott, die dich hassen,

und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?

Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.)

Psalm 139,19-22

Gewaltdarstellungen und blutrünstigen Gebete im Alten Testament sind allermeist Wunschvorstellungen Ohnmächtiger. Verbale Härte und Grausamkeit waren die geballte Faust in der Tasche der politisch Überrollten. Sie war Aufschrei der Machtlosen, die durch Wort und Wunsch ihre Machtlosigkeit ausgleichen, und überdecken wollten. Um so ihre Gläubigkeit zu bewahren und ihre Machtlosigkeit zumindest gedanklich zu überwinden und so durchstehen zu können (Michael Wolffsohn).  

 

 

Gott, du kennst mich ja, du weißt, wie ich’s meine.

Achte darauf,  ob ich auf  bösem Wege bin,

und leite mich auf ewigem Wege.

Psalm 139,23f

 

 

Hier ist Gott ganz nah dem schwierigen Menschen, der von seiner Kompliziertheit weiß und sich in die Arme des Allwissenden und Allweisen wirft. Im Kern darf ich mich als Gottes Eigenes glauben und  mir sagen, daß er mich besser kennt, als ich mich selbst. Das ist Schutz und Schirm für mich. Bin ich auf bösem Weg, kann es nur Verirrung sein, Schlamassel, Jammer. „Hol mich da raus“ ist mein Ruf. 

 

Nochmal Psalm 139

Gott, du kennst mich. Ich sitze oder stehe- du weißt. Du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich gehe oder liege, so bist du um mich. Du gehst meine Wege mit. Alle Worte, die mir auf die Zunge kommen, weißt du schon vorher.

 

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist?

 

Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Führe ich gen Himmel, so bist du da;

bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

Nähme ich Flügel der Morgenröte

und bliebe am äußersten Meer,

so würde auch dort deine Hand mich führen

und deine Rechte mich halten.

Spräche ich sogar: Finsternis möge mich decken

und Nacht statt Licht um mich sein -

so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,

und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist dir wie das Licht.

 

Denn du hast mir Herz und Nieren bereitet,

Du hast mich gebildet im Mutterleibe.

Ich danke dir dafür,

dass ich wunderbar gemacht bin;

wunderbar sind deine Werke;

das erkennt meine Seele.

Deine Augen sahen mich,

als ich noch nicht bereitet war,

und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,

die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!

Wie ist ihre Summe so groß!

Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:

Am Ende bin ich noch immer bei dir.

Gott, du kennst mich ja, du weißt, wie ich’s meine.

Achte,  ob ich auf  bösem Wege bin, und leite mich richtig.

 

 

                                          *                   *

 

 

 

Sprüche Salomos

 

 

 

Die Achtung gegen Gott ist der Anfang der Erkenntnis.

Sprüche 1,7

 

Keinesfalls sollen wir uns vor Gott ängsten. Er schüchtert nicht ein, straft auch nicht, er ist nur Segen und Liebe. Früher hieß es: „Die Furcht vor Gott ist der Anfang der Weisheit“. Gemeint ist Ehrfurcht- sagen wir lieber:  Gott will Achtung, will geliebt werden. Mit Freuden Ihm entsprechen, das schafft eine leuchtende Existenz.

Der Anfang von Gottes- und Welterkenntnis ist das Staunen, wie wunderbar die Welt ist. Schon das Kind fühlt sich erhoben- es kann schreien und Mutter naht, es weint und schon kommt Hilfe. Dieses Geliebtsein ist der Anfang der Erkenntnis, und darin ist der Grund gelegt fürs Gewolltsein und fürs Gehaltensein vom Herzen der Welt.

 

                                                    *

 

Geh hin zur Ameise,

du Fauler, sieh an ihr Tun und lern von ihr. Obwohl  sie keinen Herrn über sich weiss, bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte. Wie lange liegst du, Fauler! Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf? Steh auf, sonst wird dich die Armut übereilen.

Sieben Dinge sind Gott ein Gräuel:

Stolze Augen, falsche Zunge, Hände, die unschuldiges Blut vergießen;

ein Herz, das Ränke schmiedet; Füße, die behände sind, Schaden zu tun;

ein falscher Zeuge, der freche Lügen redet und Hader anrichten zwischen Geschwistern.

Sprüche Salomo 6

 

 

Dauernde Faulheit ist unter unserer Würde. Es gehört zu unserm Wesen, unser Leben durch eigener Hände und Kopfes Arbeit zu  ernähren. Wir missbrauchen die Gaben des Schöpfers, wenn wir Sünde produzieren; Und damit Gott selbst reinreißen. Wären wir ameisenmäßig verfasst, täten wir automatisch das Richtige. Aber wir Menschen haben Spielraum für Wille und Erkenntnis und ja- für Faulheit. Gott leistet sich den hochriskanten, heiklen Menschen.

 

                                                     * 

 

 

Liebe deckt Übertretungen zu.

Sprüche Salomo 10,12

 

Liebe hält den geliebten Menschen hoch, traut ihm Besserung und Heilwerden zu. Liebe sucht zu verstehen, zu entschuldigen. Liebe tritt stellvertretend ein. Liebe zieht zunächst nicht zur Rechenschaft sondern geht erst mal von einem Irrtum aus, von „über die Stränge schlagen“. Liebe macht ernst mit Jesu Wort: „Sie wissen nicht was sie tun“( Lukas 23,34). Liebe ist geduldig, lässt sich nicht erbittern, deckt auch mal zu. Allerdings sollte Güte auch eine scharfe Kante haben, damit sie nicht mit Dummheit verwechselt wird.

 

                                                       *

 

Die bessere Rechenart

Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr; ein andrer kargt, und wird doch ärmer. Und wer Korn zurückhält, dem fluchen die Leute; aber Segen kommt über den, der es verkauft. Wer reichlich gibt, wird in der Not gelabt.

Sprüche Salomo 11

 

Geschäfte muss man so machen, daß andere auch gut davon haben. Nützen wir einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! Und wer reichlich empfangen hat, der hat auch reichlich zu verteilen. Wehe, bei ihm stockt der Wohlstand und die Güter häufen sich bei ihm. Er droht an ihnen zu ersticken; Letztlich wird er Diebe als Befreier feiern.

Es geht darum, die Begabungen und Waren wechselseitig zu nutzen. So gesehen ist übermäßiges Sparen Entzug von Energie und der wahre Luxus.  Besser ist, was man nicht selber braucht, loszugeben, dass andere damit was anfangen können. Andern fürs Überleben durch eigener Hände und Kopfarbeit das Startkapital geben, ist groß. Wer grünen lässt, gedeiht mit.

 

                                                         *

 

Kostbar das richtige Wort

Trage deine Sache mit deinem Nächsten aus, aber verrate nicht eines andern Geheimnis.

Ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen. Ein Weiser, der mahnt, und ein Ohr, das auf ihn hört, das ist wie ein goldener Ring und ein goldenes Halsband.

Sprüche Salomo 25

 

 

Wunderbar, daß wir Menschen Sprache haben, um uns differenziert verständigen zu können. Es können Worte gelingen, „erhaben wie eine Offenbarung, mächtig wie Donner, warm wie die Liebe, gnädig wie der Himmel, weit wie die Erde, fruchtbar wie der Acker, süß wie eine süße Frucht“ (Joseph Roth). Manchmal reden wir rau und abfertigend oder hängen fest in dumpfer Sprachlosigkeit. Aber wie herrlich, wenn Menschen ihren schmerzerfüllten Seelen Ausdruck verleihen und sie einander freisprechen.

Anderer Menschen Geheimnis verraten, das macht mitverantwortlich für die Folgen. „Alles zum besten kehren“- rät Martin Luther. Schweigen kann behüten. Lassen wir einander  Privatsphäre, auch durch Wegschauen. Prahlen wir vor allem nicht mit Wissen, das auszubreiten, andere schmerzt. Nehmen wir unsere Sensationslust in Zaum.

 

                                                  *

 

 

Armut und Reichtum gib mir nicht; Aber mein Teil Speise, das du mir beschieden hast, lass mir zukommen.

Sprüche Salomo 30,8

 

Reichtum kann mich des Mitleids entwöhnen, einfach dadurch, daß ich mich vor Begegnung mit Armut und ihren Forderungen schütze. Ich kann mir Privilegien beschaffen an Heilmitteln, an Rechtsbeistand, an besseren Konditionen bei der Bank. Aber auch Armut hat es schwer. Sie kann auf Hunger reduzieren, kann alle Kräfte binden für ein Dach überm Kopf, kann alle sonstige Phantasie austreiben.

Eine Mitte aus Zuviel und Zuwenig wäre gut. Aber mit welcher Mitte wäre ich zufrieden?

 

                                                       * 

 

 

Tu deinen Mund auf

für die Stummen und führe die Sache der Verlassenen.    

Sprüche 31,8

 

Die Gefahr ist groß, abfällig von Menschen zu denken und zu sprechen. Doch das Lied ist ja bekannt: “Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich. Nur ich denk an mich.“ Was wir an anderen nicht leiden können, ist auch in uns.  Darum ist  Mitgefühl und Hilfsbereitschaft so wichtig. wir waren auch schon drauf angewiesen und werden es wieder sein.  „Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das hin anzusehen, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden“ Dietrich Bonhoeffer).

 

                                                

                                                    *                 *

 

 

Der Prediger Salomo

 

Alles Irdische sucht nach Sinn

Alles ist auf der Kippe zum Sinnlosen. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Generationen vergehen, Generationen kommen. Ja, die Erde ist standhaft. Die Sonne geht auf und geht unter und geht wieder auf. Der Wind dreht sich. Die  Wasser laufen ins Meer, eigenartig- das Meer wird nicht voller.

Reden ist so mühsam, es  kommt nicht zu Ende. Das Auge sieht sich nicht satt, das Ohr hört sich nicht voll. Was man getan hat, das tut man wieder. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Prediger Salomo 1,1-9

 

 

Einer der großen Klagetexte der Menschheit. Sanft klingt die Melancholie, bitter klagt die Depression. Doch dazwischen leuchten Sätze tiefer Poesie, ähnlich dem Trostwort der Mascha Kalèko „Die Nacht, in der der Kummer wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“

Viel ist die Mühe und klein die Beute. Aber die Freude am Gelingen könnte uns retten, bei aller Wiederholung. Und geschieht wirklich nichts Neues unter der Sonne? Ist nicht jedes Neugeborene, jeder Tag eine neue Schöpfung?

 

                                                *

 

 

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen-  ihrer wird man auch nicht gedenken.

Prediger Salomo 1,11

 

 

Ist das so? In den Versen kommt der Prediger doch wieder. In den Genen aufgehoben sind die Vorfahren, in jedem verfertigten Gegenstand steckt das Wissen der Generationen seit den ersten Werkzeugen. Sicher vergessen wir die Vorfahren. Die nach uns kommen, werden uns auch der Zeit überlassen. Aber ist das schlimm? Wenn wir nur als von Nachkommen Erinnerte Zukunft hätten, stände es schlecht um uns-  da hat der Prediger recht. Aber wir hoffen doch weit hinaus. Gott wird uns denken, also sind wir, immer.

 

                                                     *

 

 

Auch das Streben nach Weisheit ist eitel

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und alles ist doch fragwürdig, ist Haschen nach Wind. Ich richtete mein Herz darauf, dass ich Weisheit lerne und Torheit erkenne. Aber auch das sichert kein Glück. Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden.

Aus Prediger Salomo 1,14 –20

 

 

Der tiefen Niedergeschlagenheit der Wissenden hält Gottfried Benn entgegen: „Dumm sein und Arbeit haben- das ist Glück.“ Aber das ist doch auch zynisch. Muss denn Weisheit und Gram zusammen fallen?  Weisheit sollte doch auch Mitleid bei sich haben, und Geschicktheit. Weisheit hilft, vor Schlimmerem bewahrt zu werden- das ist doch schon was.

 

                                                            * 

 

Sei lieber guter Dinge

Ist’s nun nicht besser für den Menschen, dass er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei bei seinem Mühen? Auch das kommt doch von Gottes Hand.

Denn wer kann fröhlich essen und genießen ohne ihn?

Prediger Salomo 2,24.25

 

Fröhlich sein und genießen können – nimm als Geschenk des Himmels- sieh doch, was Er dir Gutes getan hat. Dankbarkeit ist der Kern des Glaubens. Merk dein Überraschtsein, ja, staune immer neu über das, was dir glückt und dir beschert ist. Das in sich Reinstopfen von Essen und Eindrücken, das hirnlose Verbrauchen macht unzufrieden. Aber mit Bewusstheit die schönen Augenblicke und die Begünstigungen sich gefallen lassen als Geschenk, das erhebt dich.  Und: Wer genießt, ist schon mit ihm per Du. Die sich freuen sind nicht weit weg vom Himmel.

 

                                                   *

 

Gottes Zeit, alles

Alles hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde:

    geboren werden und sterben; pflanzen und ernten, töten und  heilen; abbrechen und aufbauen; weinen und lachen; klagen und  tanzen; Steine sammeln und Steine zerstreuen; herzen und ferne sein dem Herzen; suchen und verlieren; behalten und wegwerfen; zerreißen und  zunähen, schweigen und  reden;    lieben und  hassen; Streit und  Friede hat seine Zeit. Und  Gott gehört die Zeit.

Prediger Salomo 3,1-8

Das Leben besteht aus Auf und Ab, Ja und Nein, Voll und Leer, Kommen und Gehen. Und irgendwas ist immer. Es ist kein Stillstand, auch nicht ein Kreisen. Leben ist Geschichte mit Rhythmus. Der Rhythmus, die Zeit, ist Gottes Puls. Alles hat seine Zeit- das ist ein Trost. Leid bleibt nicht Leid, Glück aber auch nicht das Glück von gestern. Wir gehen. Und der Weg ist voller Möglichkeiten- Du Glücklicher mit deiner Fülle von Leben!

Ob die Phasen uns portionsweise zugeteilt sind, ist offen.- Eher nicht, denn Gott macht, daß sich die Dinge selber machen. Doch Hast ist eine geistige Störung.

 

                                                          *

 

Was uns antreibt

Gott hat alles schön gemacht. Auch hat er die Ewigkeit uns ins Herz gelegt; so ist es aushaltbar, dass wir nicht ergründen können das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Merk dir das: Es  gibt nichts Besseres als fröhlich sein und sichs gut sein lassen. Ein Mensch, der isst und trinkt und ist guten Mutes bei all seinem Mühen- das ist eine Gabe Gottes. Nichts ist besser, als dass ein Mensch fröhlich ist in seiner Arbeit.

Prediger Salomo 3,11-13,22

 

 

Es ist wohl so, daß uns zwei Kräfte antreiben: Das Schöne und das Ewige. Beides  soll mir  Wahrheit sein, beides will ich  mir wichtige Wirklichkeit sein lassen: Ich will das Schöne merken, schützen, freilegen. Und will die Sehnsucht, ewig zu lieben und geliebt zu sein, hegen.

Gut ist es, einen guten Mut zu haben bei aller Mühe ums Tagtägliche. Das Schöne und das Ewige erden sich in Kunst und in der Liebesumarmung. Und guten Mut, Essen und Trinken sich Gottesgeschenk sein lassen- auch das ist Vorgeschmack aufs Ewige. Und ins Gelingen verliebt sein, macht zufrieden in der Arbeit.

 

                                                 *

 

 

Schwarz sehen

Ich hab vor Augen alles Unrecht, das unter der Sonne geschieht, und die Tränen derer, die Unrecht leiden und keinen Tröster haben. Die ihnen Gewalt antun, sind zu mächtig.

Ich bin nah dran, die Toten zu preisen, mehr als die Lebendigen; Und noch besser dran ist, wer überhaupt nicht geboren ist. So braucht er des Bösen nicht inne zu werden, das unter der Sonne geschieht: Es ist doch nur Eifersucht des einen auf den andern. Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.

Prediger Salomo 4, 1-6

Dieser schwarze Pessimismus grenzt an Gottesleugnung. Ja, es ist viel Leid.  Um so wichtiger, geboren zu sein zum Helfen und  Hinausschreien in die Welt, daß Rettung organisiert werde. Und es ist nicht nur Eifersucht da, nicht nur Nickeligkeit. Es ist auch Güte da und die Größe des Kleinen, Sinn für Gerechtigkeit und Courage und Freudefähigkeit.

                                                 

                                                          * 

 

Lob der Zweisamkeit

Zu zweit ists besser als allein; zwei teilen sich den Lohn für ihre Mühe. Wenn sie fallen, können sie sich aneinander aufrichten; liegen sie beieinander, wärmen sie sich. Einer allein wird überwältigt, aber zwei können widerstehen und eine dreifach geflochtene Schnur reißt nicht leicht entzwei.

Prediger 4,9-12

 

 

Ein herrlich nüchterner Lobgesang auf das Paar. Wir sind auf Ich-Du angelegt.  Einen nahbei haben, mit dem man eine Weltsicht erarbeitet, einen Lebensgesprächspartner, eine Schicksalspartnerin- es muss nicht Ehe sein- dieses einzigartige Bündnis, sich anzunehmen als Gabe und Aufgabe für immer- wenn es denn gelingt. Zu zweit sein- heißt sich immer wieder einig werden wollenn- also allein nicht Recht haben können. Aber es ist Gnade, Geschenk, Wunder, den, die Richtige zu finden. Erreichbar sollte man sich machen, wir müssen uns auf den Markt begeben, uns anbieten. Wer allein ist, lässt auch allein. 

 

                                                           *                 *

 

 

 

Aus dem HOHELIED SALOMOS

 

Meine Freundin, du bist schön; schön bist du. Deine Augen sind wie Taubenaugen. Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen.

Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen, begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. Krank bin ich vor Liebe. Ich beschwöre euch, Töchter von Jerusalem, daß ihr die Liebe nicht aufweckt, bis es ihr selber gefällt.

Mein Freund ist mein und ich bin sein.

 

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.

Hohelied  1,15;2,2.3.5.7; 8,6.7

 

Acht Kapitel singt dies Liebeslied- eines der schönsten, die es gibt. Weil dies Gedicht als schwärmender Lobgesang der liebenden Seele  an Gott verstanden wurde, fand es in die Bibel. Ihm gebührt ein Ehrenplatz in der Schrift, denn es birgt die wohl gewaltigste Bestimmung dessen, was die Liebe ist. Sie ist nicht gemächliche Zuneigung, nicht wohliges Fühlen. Sie ist „Flamme  des Herrn“, also Gottes Lohe, Feuer, das uns verschmilzt. Die Liebe mit ihren rätselhaften Ansprüchen baut mit Religion, Geld/Arbeit und Tod das Haus des Lebens. Die Bibel hält das Versprechen Gottes fest: Der Sinn für einander soll den Liebenden nicht ausgelöscht werden. Den Druck des abwesenden  Körpers gegen den eigenen sollen wir spüren. Anverwandelt werden wir einander ewig. Wenn es sich fügt. 

 

                                                         *               *

 

Jesaja

Schwerter zu Pflugscharen

Dies ists, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem:

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da Gottes Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns gehen zum Hause Gottes, dass er uns lehre seine Wege. Von Zion wird Weisung ausgehen und er wird richten die Völker.

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Kommt nun, lasst uns wandeln im Licht Gottes!

Jesaja 2,1-5

 

 

Es ist wohl die gewaltigste Prophezeiung, die sich der Menschheit durch den sonst unbekannten „Jesaja“ auftun. Von Jerusalem aus wird Gott die Völker zurecht richten und sie leiten. Auch Die Vereinten Nationen beziehen aus dieser Vorschau ihre Versöhnungskraft. Vor dem UN-Gebäude in New York steht  die Skulptur „ Pflugscharen aus Schwerter“ mit der verknoteten Pistole. Der Auftrag bleibt, im Licht Gottes friedensstiftend den Lebensweg zu gehen.

 

                                                       * 

 

Der Tag der Tage

Der Tag des Herrn wird kommen über alles Hochmütige und Prominent-sich- wähnen und über alles Elitäre. Es soll erniedrigt werden. Beugen muss sich alle Großmannssucht, demütigen müssen sich die stolzen Menschen. Wir erkennen, daß allein einer groß ist, Gott allein. Darum muss der Tag aller Tage kommen.

Jesaja 2,12.17

 

 

Vielleicht könnten wir auch ohne Himmel und Jüngsten Tag auskommen, einfach unser kleines Leben fristen und dann geräuschlos von dieser Erde gehen. Allein schon hier gewesen sein und einmal ich gewesen sein ist in seiner Wunderbarkeit  grandios. Aber Gott hat Vollkommenheit vor und dazu gehören auch wir, seine Kinder- darum verfallen wir nicht sondern werden vollendet. Das wagt Jesaja so noch nicht zu glauben. Aber klargestellt werden muss, wer Gott ist.  Alles sich Aufwerfen der Menschen zu Diktatoren kann nur kurz sein. Hochmut wird zu Fall kommen. Sünde wird als Sünde und Heilstat als Heilstat vor Gottes Antlitz klargestellt.

Am  Tag der Tage wird klar: „Daß er uns sündigen ließ, war schon Strafe“ (Gotthold E. Lessing/ Erhard Kestner). Dass soll uns aufgehen in der Fülle der Freude vor Gott. Jedenfalls erwartet uns im eigenen Tod und in der Weltzukunft die Vollendung der Schöpfung, wie sie von immer her gemeint ist.

 

                                                   *

 

Jesajas Berufung zum Propheten

Ich sah Gott sitzen auf einem hohen, leuchtenden Thron und der Saum seines Mantels füllte den Tempel. Engel standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Gott der himmlischen Heere, alle Lande sind seiner Ehre voll!

Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens.

Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen. Da flog einer der Engel auf mich zu und hatte eine glühende Kohle mit der Zange vom Altar genommen, und rührte meinen Mund an und sprach: Deine Schuld ist von dir genommen, deine Sünde gesühnt, dein Mund ist rein,  

Und ich hörte die Stimme Gottes: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

Jesaja 6,1-8

 

 

Dies ist eine der großen Visionen der Bibel: Der Prophet schaut Gott- aber die Augen sind gebannt vom Dekor: Allein der Saum des Gewandes füllt den Tempel; Engel, dreifach paarig mit Flügeln versehen, umwehen Gott und schützten den Schauenden, dass der Anblick ihn nicht versenge.

Was haben diese Engel mitzuteilen? Heilig, also doppelt heil ist Gott. Alle Lande seiner Ehre voll- meint: Die Wirklichkeit ist voll Gott, seine Schöpfung strahlt seine Würde, seine Liebe, seine Energie aus.         

Mit glühender Kohle vom Altar wird dem Menschen der Mund gereinigt- ein starkes Bild dafür, dass der Prophet sich nicht mehr selbst zur Geltung bringt sondern fortan Gottes Wort aus ihm spricht. Und doch ist er nicht willenloses Sprachrohr. Er wird gefragt, ob er der Berufung Folge leisten will. Und entscheidet sich für seine Sendung.

Gott kann uns aufleuchten von Innen her. Wir können aber auch belichtet werden von außen- so was wie Gott begegnet uns. Kennzeichen, dass wir es nicht uns einbilden sondern bekehrt werden, ist Beauftragung mit Befragung unseres Willens. Wenn Gott uns anspricht, ruft er uns an die Arbeit, die Welt mit heil zu machen.

Wir erleben es immer wieder, dass Ereignisse an uns appellieren. Wir müssen Stellung nehmen, retten, verteidigen, einstehen. Und all unser verkehrtes Wesen  fliegt dann fort- wir tun , was wir  müssen, wir stehen in der Pflicht, und sagen hinterher: Wir hatten keine Wahl. Gut so.

 

                                                  *

 

Der Friedefürst

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Knüppel ihres Treibers zerbrochen. Jeder Stiefel, der mit Gedröhn daherkommt, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Seine Herrschaft soll groß werden und der Frieden soll kein Ende nehmen.

Jesaja 9, 1-6

 

Der Messias, der Sohn Gottes, wird auf Erden ein heiles Reich, eine vollkommene Gesellschaft errichten. Dann ist kein Diktator mehr da, kein Treiber, keine Stiefel dröhnen mehr, keine Schergen schießen mehr. Im Öffentlichen wie im Privaten sind wir geschwisterlich gleichwertig miteinander. – Ob diese Verheißung unter den Bedingungen knapper Mittel und gierigbleibender Menschen  von Gott verwirklicht werden kann? Es gab optimistische Zeiten, und Inseln des Glücks gibt es immer wieder. Aber das Gemenge aus Klimakatastrophe und Hungerelend und vielfältigem Egoismus  schreit nach ungeheurer Fülle von Heiligem Geist. Wo und wie das Reich Gottes kommt- lassen wir es offen und tun wir hier kleine Schritte zu geteilter Freude und mehr Gerechtigkeit.

Die Verheißung des Messias setzt einen starke Erwartung in Gang, die in der Wiederkunft des Christus Erfüllung findet, so sehen wir Christen es und bleiben mit den Jüdischen Brüdern und Schwestern in Erwartung des Messianischen Reiches.

 

                                                  * 

 

Der Messias und sein Friedensreich

Und es wird ein Zweig hervorgehen aus dem Stamm Isais. Auf ihm wird ruhen der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und Treue der Gurt seiner Hüften.

Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.

Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.

Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis Gottes sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Aus Jesaja 11,1-9

 

 

Groß ist dies Gemälde einer befriedeten Natur. Die Wölfe wohnen bei den Lämmern - das meint auch eine geschwisterliche Welt, in der die Gegensätze freundschaftlich zueinander passen. Und wir Menschen Frieden machen miteinander- auch wenn die fleischfressenden Tiere nie zu Grasgenießern werden. Erkenntnis Gottes, viel wie das Meer, ist uns versprochen.

 

                                                   *

 

Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Gerechtigkeit Nutzen wird

ewige Stille und Sicherheit sein.

Jesaja 32,17.

 

Dass wir Ungerechtigkeit jedenfalls mildern, also wir die Spanne zwischen arm und reich verringern - wir also per Gesetz Chancengleichheit beschaffen und inzwischen schon persönlich Not lindern und Lücken füllen- das muss sein.  Dem Nächsten gerecht werden, jedenfalls sein Anliegen versuchsweise aus seiner Sicht verstehen und ihm helfen, zu seinem Anteil zu kommen, das beschafft Frieden. Wenn wir den Hunger nach Gerechtigkeit stillen und gestillt bekommen, dann sind wir voreinander in Sicherheit; aller Jammer und Schlachtenlärm, alle Schnäppchenjagd ist abgeebbt; Stille- glückliches Ruhen herrscht.  

 

 

 

 

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht Gott.

Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet Gott den Weg, macht in der Steppe ebene Bahn! Täler sollen erhöht werden, Berge erniedrigt. Was uneben ist, soll gerade werden. Die Herrlichkeit Gottes soll aufgehen allen  Menschen.

Jesaja 40, 1-5

 

Israel war in Babylon im Exil, wurde aber durch Propheten und Priester, Gottesdienste und Verheißungen zusammengehalten. Nach drei, vier Generationen zeichnete sich die Aussicht auf Heimkehr ab. Ein uns nicht namentlich bekannter Prophet trat auf. (In der theologischen Fachsprache spricht man von Deutero- (Zweiter)-Jesaja.) Er ist der intensive Tröster der Bibel. Er stellt Gott dar als den großen Heiland, dessen Beruf es ist, zu heilen und zurechtzubringen. Er nimmt teil an den Leiden seiner Menschen, sucht mit ihnen und für sie Auswege.

Wenn ein ganzes Volk betroffen ist, muss  ein politischer Umbruch von langer Hand vorbereitet werden. Irgendwann hört ein Mensch einen Ruf vom Himmel her. Und er spricht den Menschen so ins Herz und unter die Haut, dass Fanfaren des Aufbruchs die Menschen aufschnellen lassen. Lassen wir uns treffen? Merken wir, daß auch wir gemeint sind?

Die Geschichte hat zwei Seiten. Einmal ist sie Zusammenwirken der Menschen, gesteuert durch ihre Interessen und Möglichkeiten. Sie ist aber auch geleitet durch Heiligen Geist, durch einen Sog in die Zukunft, durch Hoffnungen und Wunschpotenzial aus Träumen und Visionen. 

Das ist stärkster Antrieb überhaupt: Aus der Verzweiflung herausgerufen werden nach vorn. Die Zukunft erscheint als neuer Wurf. Jerusalem damals und wir alle werden freundlich von Gott angesprochen: Die Knechtschaft geht zu Ende.

Auch unsere Knechtung? Wissen wir überhaupt von ihr? Welchen  Zwang haben wir uns auferlegt, mit welcher Gier sind wir bestraft? Welches Mäuserad  aus Pflichten und Vergünstigungen treten wir immer schneller. Wieviel belanglose „News“ checken wir täglich, stündlich? Wie erfahren wir den Freispruch, auch enttäuschen zu dürfen und nein sagen zu können?

Der Prophet forderte das Volk auf, sich zu bekehren und den Weg für Gott freizumachen. Der wird dann Israel die freie Bahn der Rückkehr beschaffen.

In der Steppe schwieriger Verhältnisse den Weg frei machen für Gott- das ist unser Auftrag. Was an uns ist- die Ungerechtigkeiten einzuebnen; das brächte Gott mit uns und zu uns vorwärts.

 

                                                       *

 

Er gibt dem Müden Kraft

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, gibt dem Müden Kraft, und Stärke dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, Junge straucheln und fallen; Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie schreiten und nicht müde werden.

Jesaja 40,27-31

 

 

Dir gibt Gott Kraft. Aus Sonnenlicht und Schlaf, aus Liebe von einander, aus Zugehörwissen, aus Leistungsfähigkeit und Freude, aus Anerkennung und Dank, aus Überstehen von Mühe und Krankheit, aus jedem Bissen, jedem Trank, jedem Atemzug gibt er dir Kraft. Kraft kommt aus dem Harren auf Gott,  was geduldiges und sehnendes zu Gott Gehören ist. Ja, wisse, daß Gott mit dir beschäftigt ist, dir Lebensmut zuteilt, dich mit Heiligem Geist anhaucht- auf dass wir uns nicht aufgeben. Neue Kraft ist dir oft geschenkt worden, unverhofft und unerklärlich.

 

                                                     *   

 

Beim Namen gerufen

Gott, der dich Israel geschaffen hat, spricht: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen; und wenn du durch Feuer gehst, sollst du nicht verbrennen.

Denn ich bin dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Du bist in meinen Augen wert geachtet und auch herrlich. Ich habe dich lieb.

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück!  Und alle Heiden sollen zusammenkommen und die Völker sich versammeln. Vor ihnen seid ihr meine Zeugen, spricht der Herr, und mein Knecht, den ich erwählt habe.

Jesaja 43,1-10

 

 

Das ist zunächst Israel gesagt, den Verstreuten und Verschleppten  im Exil in Babylon. Teils hatten die sich in der dritten Generation schon an die Fremde gewöhnt; andere glühten vor Rückkehrsehnsucht. Ihnen sagt der Prophet als Gotteswort: Fürchte dich nicht! Ich bin dein Gott, da kannst mir nicht verloren gehen. Gott verspricht den aus der Heimat Weggesprengten die Rückkehr. Und noch mehr: Die Völker wird Gott sammeln um den Tempel in Jerusalem.

Von dem wird das Recht ausgehen für die Völkergemeinschaft. Und später wird dort Gott sich herablassen zu seinen Menschen für  die messianische Zeit.

Israel soll vor der Völkergemeinde Zeuge sein für die Bündnistreue Gottes. Und die Menschheit wird das Erstgeburtsrecht Israels anerkennen und Israel die Gleichwertigkeit der Menschengeschwister und ihrer Frömmigkeit.

Aber zunächst brauchen die im Exil den Hirten, der den Weg zur Heimkehr weiss. Gott verspricht sich ihnen. Die Schwachen wird er im Bausch seines Mantels tragen.

Unabhängig von der ersten Widmung an Israel in Babylon sind wir mit gemeint. Zu Recht ist das „Fürchte dich nicht“ beliebtester Taufspruch der Christenheit: „Fürchte dich nicht, Menschenkind: Gott hat dich erlöst, hat dich aus dem Nichtsein erlöst und dich ins Sein gezogen, hat dich bei deinem Namen genannt. Du bist vor ihm vorhanden und gemeint, einzigartig persönlich bist du Gottes. Und Gott ist der Deine.

 

                                                           *

 

Pass auf, vorn passiert es

So spricht Gott: Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?

Jesaja 43,18.19

 

 

Wir hängen am Gewordenen. Mühe, Schweiß und  Tränen stecken im Errungenen. Auch Gott - könnte er nicht schon stolz sein aufs Erreichte, die Weltwunder, die Weiterentwicklung der Schöpfung, und ließe die Welt langsam ausklingen? Aber Gott drängt nach vorn, ist mit Werden und Wachsen und neuen Ideen beschäftigt. Und will uns als Copartner, will uns als Projektentwickler- es ist noch so Vieles im Argen.

Du dachtest, du könntest dich zurücklehnen? Nichts damit. Der Hunger nach Gerechtigkeit werde dir drängender, die Lust auf Kunst und Schönheit wachse in dir. Genau dir ist schon Neues passiert. Warst du nicht fast neugeboren, als die Liebe dich traf oder du wieder gehen konntest? Oder als ein Mensch dich für eine Freude umarmte? Erkennst du es denn nicht, wie Gott mit dir gut zugange ist und noch so viel vorhat? Wach doch auf, Mensch.

Wir hängen schon arg am Hergebrachten, sichern uns, hüten Vorhandenes und wollen es mehren, freuen uns an Besitz. Da ist Gottes Verheißung, Neues zu schaffen, auch brenzlig. Doch wir sehnen uns auch nach mehr Liebe, mehr Frieden, mehr glückender Gemeinschaft, mehr Reich Gottes eben.

Ob Gott das Neue hinbekommt, mit uns  und auch gegen uns, jedenfalls auch für uns? Erkenne, daß Gottes Schatz in dir aufwächst. Achte darauf, daß dein Lieben großzügiger wird,  du durch Teilen mehr Frieden beschaffst. Glückt durch dich mehr Gemeinschaft?

Sieh hin, will merken, will es wissen.

 

                                                   *

 

Arbeit gemacht

Mit deinen Sünden hast du mir Mühe gemacht. Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht, spricht Gott.

Jesaja 43,24.25

Vergeben- das macht Gott nicht mit links, als wäre es  sein Metier. Wir sind so arrogant und so verzweifelt, daß wir ihn anschwärzen, mit dem, was wir verderben. „Wie kann Gott das zulassen?“ –so kreiden wir ihm unsere Untaten an. Die Grausamkeiten, die wir andern tun, die muss Gott mitleiden und muss noch letztlich für sie haften- es ist ja aus seinem Energieschatz genommen; wir  sind seine mörderischen Kinder.

Gott vergibt- er lässt uns nicht stecken im Pech unserer Schuld. Er bekehrt unser Gewissen, das wir um Vergebung bitten und wieder gut machen wollen, irgendwie. Er gibt neue Chancen, neue Begegnungen, neue Einsichten. Er hilft uns, neu anzufangen. Und das um seinetwillen. Nicht weil wir so fromm wären sondern weil Gott für seine Kinder einsteht.

 

                                                      * 

 

Licht und Finsternis ist des Herrn

Gott spricht- sagt der Prophet- Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr; außer mir ist nichts. Ich mache das Licht und die Finsternis, ich gebe Frieden und Unheil. Ich bin der Gott, der dies alles tut.

Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: Was machst du?, und wirft sein Werk ihm vor: Du hast keine Hände!

Aus Jesaja 45,6-9

 

 

Alle Handlungen in der Welt denken als Handlungen des eines Gottes- was kann das bedeuten? Ich eine Filiale (filia, lat.=Tochter) des Einen, ein Glied an seinem Leib, ein Sensor seinerselbst. Er gibt mir keine Zahnschmerzen, aber die von ihm geschenkten  Zähne  sind nur begrenzt haltbar. Letztlich hat er uns sterblich gemacht; nein, er hat uns lebendig gemacht, aber diese Art von Menschenlebendigkeit „geht nur sterblich“.

Das Licht des Lebens geht uns auf. Das ist das Wunder.  Und wenn uns das Licht verlöscht, ist Finsternis da, sie ist Gottes Dunkel- das ist Tiefen-Glück in allem Unglück. Gut, daß keinem anderen als Gott das Leben und die Liebe und die Zeit gehören- und der Tod und der Hass und das Verfliegen der Zeit eben auch.

Gottes Sein besteht in Seingeben. Wir, die Kreatur, wir sind nichts anderes als Seinnehmende (Tauler). Darum - Gott zu verklagen ist nicht angemessen. Aber manchmal brauchen wir es, mit ihm zu hadern. Er hält das aus.  Er ist ja die letzte Adresse für Dank und Klage, wer sonst.

Gott ist das dynamische Zentrum des Universums. Gott ist sowohl im Unendlichen wie im Einzelnen. Er ist der eine Künstler, verteilt auf tausend Millionen Inkarnationen, „die leise knisternde Macht“ (Hanns.H.Jahnn).

 

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Der Gottesknecht

Er hatte keine Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er schien uns der Allerverachtetste und Unwerteste, war voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; wir haben ihn verachtet.

Die Wahrheit aber ist: Er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Er ist um unsrer Missetat willen gequält und um unsrer Sünde willen zerschlagen worden. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Aus Jesaja 53,2-5 

 

 

Hier steht in Reinkultur die Theorie des Sühnopfers: Gott will ein Opfer haben. Stellvertretend fürs Volk muss sich einer hinhalten und zur Buße für die Sünden aller sein Leben geben.

Ja, das stellvertretende Leiden gehört zum Leben. Wie viel Mühen werden übernommen, wie oft wird für Kollegen eingesprungen, wie viel Gewalt wird geschluckt, wie viel Unrecht verschmerzt. Wie viel Hunger wird gelitten, wie viele Leben gehen verloren durch Not, die nicht geteilt wird und durch Hass, den niemand aufsaugt.

Aber muss Gott ein Opfer haben? Im griechischen Denken stand die Moira (Schicksal) noch über den Göttern, ein ehernes Gesetz, dem mit Gerechtigkeit genüge getan sein musste.  Aber Liebe ist höher als alle Vernunft und  Gerechtigkeit.

Es ist in die Natur eine Tendenz eingebaut, dass viel mehr Gutes als Schlechtes geschieht. Die Natur verdaut Schaden,  sie vergilt nicht Böses mit Bösem. Würde Mord -Auge für Auge, Zahn für Zahn- mit Mord bezahlt, wären wir an Blutrache längst ausgestorben. Güte hat Kraft zu heilen, und Liebe deckt der Sünden Menge- das  gehört zu den Energien, mit denen Gott die Schöpfung hoch hält.

In Israel kam der Gedanke auf, daß Gott sich selbst drangibt für seine Schöpfung, in Gestalt seines Knechtes. Paulus erkannte dann, daß in Jesus Gott selbst als Sohn (noch einmal) zur Welt kam. Und was der Sohn erleidet, trifft den Vater. So bürgt Gott für seine Menschen, wie Eltern für ihre Kinder einstehen.

Wir allerdings fragen strotzend vor Blödigkeit: das Leid, das wir produzieren- wie kann Gott es zulassen. Statt zu helfen und zu lindern, meinen wir, der Leidende werde bestraft. Und wenden uns ab. Dabei ist alles Leiden und auch stellvertretend getragen. Keiner ist allein an was  schuld.

Wir alle drücken uns gern und lassen gern andere die Lasten tragen. Aber der Gottesknecht, den Gott in Aussicht stellt durch den Propheten, der nimmt das Leid auf sich. Die ersten Christen sahen in Jesus den Verheißenen. Und ja,  Jesus nimmt die Last des schwachen Gottesbildes auf sich. Ein schwacher Gott, der nur vergibt nach Maß der guten Taten- das wäre ein Richter nur, kein Retter. Jesus aber steht für Gott ein, dass seine Liebe unendlich ist. Und darum schluckt sie auch unsere Sünden. Gott verdaut unsere Schuld- dafür steht Jesus gerade, dafür gibt er sich hin, um das uns zu  zeigen.

Mit der Auferstehung siegelt Gott diesen Jesus als seinen Gottesknecht- unbeschadet der anderen Erwartungen, die Israel noch hegt. Und wir wissen dem Jesus nach: Übernommenes Leid räumt den Weg frei für Heilung und Frieden.

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Gib frei, die du bedrückst

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend, die ohne Obdach, führe ins Haus! Wenn du einen ohne Kleidung siehst, so gib ihm anzuziehen, und entzieh dich nicht deinem Fleisch!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit Gottes hinter dir her. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten: Siehe, hier bin ich.

Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der helle Mittag.

Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und du sollst heißen: „Du, der die Lücken füllt und die Wege ebnet.“

Aus Jesaja 58

 

 

Gott lieben heißt, den Nächsten lieben; das ist hier klargestellt. Der Bedürftige ist nicht irgendwer sondern ist Gottes Fleisch also auch „mein Fleisch“.

Weil wir mit der Nächstenliebe uns so schwer tun, haben all unsere Seelen einen Grauschleier. Wir in unserm Wohlstand haben alle ein schlechtes Gewissen- oder sind von Sinnen. Wir haben von Natur aus die Anlage mitbekommen, einander zu ergänzen und zusammenzuwirken. Darum können wir auch Nächste werden dem, der nicht in barer Münze uns bezahlen kann. Es gibt auch Herzenswährung, „compassion“, Mitfühlen.  Es tut gut, gut zu tun. 

Wir werden dann Leuchtende, es wird uns hell im Inneren. Wir könnten dann und wann überirdische Freude ausstrahlen.

Wir können lernen, dem in Not gut zu sein- ein Stück weit. Es heilt uns, es macht mich mit mir einverstanden. Beim Geben entspringen für mich selbst Kräfte. Ich lebe lieber, wenn ich einem helfe, zu überleben. Mein Titel dann: Überbrücker oder Retter.- Mehr geht nicht, mehr kann man nicht werden.

 

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Sein Suchen findet uns

Gott spricht: Ich lasse mich suchen von denen, die nicht nach mir fragen, ich lasse mich finden von denen, die mich nicht suchen. Zu einem Volk, das meinen Namen nicht anruft, sage ich: Hier bin ich, dein bin ich!

Jesaja 65,1

 

 

Viele  religiöse Übungen leiten an, Gott zu finden. Askese und gute Werke sollen auf den richtigen Weg bringen, Kaskaden von Gebeten unsere Seele erweichen. Aber Gott kennt uns, seine Brut. Er hütet uns zusammen, er geht uns mütterlich, väterlich nach, er zeigt sich uns. Wenn wir gegen ihn verrammelt sind, tut er die Schritte auf uns zu. Und manchmal leidet er still mit uns und an uns. Dann fragen wir: Wo ist Gott? Und er fragt: Mensch, wo bist du?

Gott ist mit uns in einer lieben Berührung, einer unerwarteten Hilfe. Ein stärkendes Wort kommt angeflogen, ein wahrnehmender Blick, und schon öffnet sich heiliger Raum vor uns. Wir sind ausgerichtet auf Empfang der schönsten Würden: Wir taugen doch, sind  Gottes Kinder. Und werden ohne unser Zutun geheilt. Wie von selbst tun wir Gutes, wenn wir uns von Gott geliebt wissen. Nur, die Reihenfolge ist klar: In allem bleiben wir Empfangende.

 

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Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde

Gott spricht, sagt der Prophet: Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen - als jung  werden Hundertjährige gelten.

 

(Denn von Zion wird Weisung ausgehen. Und er wird richten die Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird mehr gegen ein anderes das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu machen (Jesaja 2, 3.4)).

Wenn der Messias kommt, dann werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen, ein Kind wird Vieh und Bären miteinander  weiden. Und Löwen werden Stroh fressen, ein Säugling wird unbeschadet spielen am Loch der Otter. Man wird keine Sünde mehr tun, denn das ganze Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein (aus Jesaja 11,1-9)). Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn.

(Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen (Micha 4,3).

Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Die Menschen werden nicht mehr  Bosheit noch Schaden tun auf meiner ganzen heiligen Erde, spricht Gott.  

Aus Jesaja 65, 17-25

 

 

Hier steht die Utopie einer friedlichen Welt geschrieben. Gott will aus der alten Menschheit eine neue entwickeln. Auch in der Natur soll nicht mehr Fressen und Gefressen gelten. Die Menschen werden nicht mehr sündigen. Ja, dann ist der Himmel auf die Erde gekommen oder die Erde ist im Himmel. Wenn das Reich Gottes vollkommen bei uns ist, dann ist Friede. 

Bis dahin möge der Traum von der Verwandlung uns wenigstens einige Schritte auf einander hin  beibringen. „Dein Reich komme“ zu beten, das bleibt uns immer noch aufgetragen. Gott ist noch auf dem Weg, seine Schöpfung heil zu machen. In der Zwischenzeit haben wir viel zu tun, mit Abrüsten und  Befreunden. Schwerter umschmieden zu Pflugscharen- statt Militärhaushalte: Brot für die Welt. Aus dem Glauben an Gottes Friedensarbeit lasst uns  immer neue Kräfte der Versöhnung schöpfen.

 

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Jeremia

 

Jeremias Berufung

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ich aber sprach: Ach, Gott, ich tauge nicht zu predigen; ich bin zu jung.

Gott  aber sagte zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dir gebiete.“

Und Gott streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Und fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir.

Jeremia 1,4-9

 

 

Erleben wir auch Berufung? Zu einem Auftrag, zur Ehe, zu Kindern, zu einem Beruf, zu einer bestimmten Verantwortung? Sicher ist der Auftrag zum Prophetenamt ein besonderer: Er soll Gottes Wort ausrichten. Aber jede Sache, wenn sie gut werden soll, muss von uns mit Leidenschaft getan werden- in  Begeisterung- aus einer Berufung: Ich bin dazu bestimmt, ich soll das bringen, ich, genau ich.

Kein Pastor, keine Pastorin, ist immer auf der Höhe ihres Auftrages.  Gottes Wort muss ja durch unsere wenig hellhörigen Ohren, durch die Begriffsmuster unseres Geistes, muss von mir verstanden und angenommen sein als (auch) mich betreffend. Und dann muss es noch in die Sprache von heute finden, muss so klingen, als wäre es genau richtig für dich und dich und dich.

Manches, was von den Kanzeln kommt, ist Wortspreu. Dann hat kein Engel den Mund des Predigers mit glühender Kohle gereinigt (Jesaja 6,7). Und die Predigt war keine Brücke vom alten Wort zum neuen Leben. Aber nächsten Sonntag kann ein Wunder geschehen, und du wirst sein Wort hören und du weißt deine Berufung wieder.

 

                                                     * 

 

 

Werben um Glaube

Jeremia, sprich zu ihnen: So spricht Gott: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?

Und warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen wieder und wieder? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.

Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemanden, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein fliehendes Pferd.

Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht Gottes nicht wissen.

Jeremia 8, 4-7

 

 

Jeremia ist ein begnadeter Gottesflüsterer- aus ihm spricht der liebende und der um die Zuneigung der Menschen kämpfende Gott. Jeremia predigt denen in Jerusalem, daß es widernatürlich wäre, von Gott Abstand zu nehmen; es wäre ein Unding, wie wenn einer gern liegen bliebe nach einem Sturz. Nur Pferde, wenn sie durchgehen, sind nicht zur Vernunft zu bringen- die andern Tiere halten ihre Zeiten ein.

Also  selbstverständlich muss es sein, daß wir an Gott hängen und unser Leben geistvoll erleuchtet  ist. Aber der Ewige hat uns Raum gelassen, meinen zu können, auch ohne ihn auszukommen. Doch er lässt uns nicht laufen. Er wirbt um uns, redet auf uns ein wie auf ein störrisches Kind.

Bitte, Gott behalte dein Interesse an uns, rühre unsere Seele, fülle uns wieder mit Ahnung von dir. Dass wir uns nicht verloren vorkommen und leer. Fülle uns wieder mit Geist und Lust am Guten.

Ob dem Jeremia diese Predigt eingegeben war? Wenn Jeremias Predigt uns anspricht; wenn wir uns von ihr rufen lassen, dann ist sie uns Gottes Wort geworden.

 

                                                  *

 

Gedanken des Friedens

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe, was ihr braucht.

Jeremia 29, 11

 

 

Bei allen Schwierigkeiten, allem Unrecht und Unglück sollen wir doch wissen, dass Gott gut zu uns hindenkt. Und welches Leid uns auch trifft, Gott erleidet es eher mit, als daß er es schickt. Geben will er uns, was wir brauchen. Brauchen wir, was wir jetzt haben? Statt zu klagen will ich nachdenken, wie ich zum Besten nutzen kann, was ist.- Es soll doch Friede draus werden.

 

                                                        * 

 

Gott kann nicht nicht lieben

Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch meiner Zusage an ihn gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht Gott.

Jeremia 31,20

Ephraim – ein Stamm Israels, hier für Israel überhaupt - Gottes geliebtes Kind. Und es bringt Schmerzen, Kinder zu haben: sie bocken und sind undankbar, sie lügen auch und nutzen die Eltern aus. Ähnliches erfährt Gott mit seinen Menschen. Er zürnt und kann doch nicht strafen. Zu sehr sind sie ihm ans Herz gewachsen. Er entzieht sich ihren Blicken nicht, kündigt nicht die Nähe auf.  Aber Hochmut oder Gier verdunkeln uns Gott, wir verdecken ihn uns mit unserem kleinen Geist.

 

                                                  *                   *

 

 

 

Hesekiel

 

Zukunft auch für Bedrohliche

Gott spricht: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern will, dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen.

Hesekiel 33,11

Wir begrübeln doch, welchen Stand die Gottlosen bei Gott haben, schon weil wir selbst nicht wissen, wie weit unsere Gotteshaftung hält. Jedenfalls gibt es keine Verdammten, keine, die Gott von sich abschüttelt und zu Nichts auflöst.

Gott hat Interesse an jedem. Wer ihm am fernsten steht, den sehnt er  am meisten heran. Das verpflichtet dazu, keinen aufzugeben. Auch die in Irrsinn Verstrickten bleiben Menschenbrüder, Menschenschwestern.

Uns gemeinsam auf guten Weg bringen, daran arbeitet Gott. Am heutigen Tag will er mit mir, mit dir weiterkommen.

 

                                                  * 

 

Ich selbst will meine Schafe weiden. spricht Gott.

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden und das Schwache aufrichten.  Und was stark ist, will ich behüten, indem ich es in die Pflicht nehme. Ich will sie alle weiden, wie es recht ist. 

Hesekiel 34,15.16

 

 

Die sich verloren vorkommen, sie werden gefunden. Die sich im Irrgarten der Moderne verstricken, erfahren Entwirrung; denen dies Wirtschaftsgefüge Wunden schlug, die sollen wieder kreditwürdig sein. Die nicht mehr können, denen soll ein neuer Stand beschafft werden. Dazu braucht und nutzt Gott die Starken.

Geradezu behütet vor Absturz wirst du, indem du auf Notleidende gestoßen wirst. Wenn du hilfst, tust du es auch dir zur Rettung. Du siehst dich eingespannt in Gottes Team. Hochmut und Leere weichen von dir. Du wirst glücklich, du wirst es sehen.

 

                                                   *

 

Wandel

Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben und will das steinerne Herz aus euch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.

(Hesekiel 36,26)

 

 

Müssen wir so radikal verwandelt werden? Immerhin sind wir schon seine Geschöpfe und werden es nicht erst. In welcher Schicht meines Ichs will ich denn gefühlvoller werden, empfindsamer, hilfsbereiter, angerührter vom Lebendigen? Will ich denn bereiter für die Anliegen Bedrängter werden? Will ich denn breitere Schultern für Verantwortung? Ich spüre doch meine Abwehr wachsen gegen Forderungen. Auch mein Kraftverschleiß nimmt zu. Gottes Geist, heißt es, ist in den Schwachen mächtig: Also nicht triumphieren, nicht zwingen und bedrängen- weniger fordernd auftreten. Aber beherzt das Dringende, das dich Drängende auch tun. Gott verspricht, daß er dich hinkriegt wie er will. Das lass dein Glück sein.

 

                                                        *

 

Eine gewaltig schreckliche, schöne Vision.

Der Geist Gottes stellte mich auf ein weites Feld. Das lag voller Totengebeine. Sie waren ganz verdorrt. Und er führte mich hindurch und sprach zu mir: Du Menschenkind! Weissage über sie: Ihr vertrocknetes Gebein, höret des Herrn Wort! Ich Schöpfer, will euch beatmen mit meinem Atem, auf dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr aufersteht zu neuem Lebendigsein. Ihr sollt Zeuge sein, daß ich Gott bin.

Und ich weissagte, wie mir befohlen war.

 Da rauschte es, und  die Gebeine rückten zusammen und fügten sich zueinander. Und Lebensatem kam herzu von den vier Winden und die Körper  wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

Und Gott sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine stehen für das ganze Haus Israel. Noch sprecht ihr: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns. Aber, spricht Gott: Ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israel. Ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin. Ich rede es und tue es.

Hesekiel 37,1-15

 

 

Was erst gesagt ist dem zerstreuten Israel, ist eine der grandiosen Visionen für die ganze Menschheit. Der Prophet sieht sein Volk so tot wie  ein Feld, bedeckt mit Skeletten. Der Prophet sieht Israel  nur noch als Ansammlung von Knochen- ausgelaugt, ohne Körper, ohne Seele. Doch dies Verlorensein ist eine Schmach für Gott. Er darf sich mit der Vernichtung Israels nicht abfinden, “um seines Namens willen“.   Was sollte sonst  die Menschheit sagen?

Die Christen haben mit diesem Bild den Tod neu qualifiziert - letztlich durch das Sterben Jesu. Wäre dieser wunderbare Mensch, dieser liebevolle, gottvolle Zeuge für Gott einfach gestorben und begraben und aus und vorbei- hätte Gott sich doch letztlich als Lebensverächter erwiesen und der Tod wäre Sieger, das Leben wäre immer noch nur Weg zum Tod.

Nach Jesu Auferstehung aber ist der Tod als ganzer entmachtet, er ist nur noch Heimbringer zu Gott. Diese neue Qualität des Todes – nicht mehr Strafe sondern Heimbringung- wird einzigartig vorausgemalt in der Wiederherstellung der Leiber, wie sie der Prophet Hesekiel schaut.

Lange hat man eine Auferstehung des Fleisches erwartet, entsprechend der Vision des Propheten. Darum galt auch die Feuerbestattung lange als unchristlich. Aber nicht die Wiederherstellung des alten Körpers brauchen wir für ein zukünftiges Leben, sondern den Glauben an den Gott, der ewig unser Gott sein will. Und der uns jetzt schon lebendigst macht in der Liebe.

 

                                                           *                  *

 

 

Daniel

 

Der Traum von den vier Reichen

König Nebukadnezar hatte einen  Traum: Der beunruhigte ihn sehr und er bot alle seine Gelehrten auf- doch keiner konnte den Traum deuten. Daniel, ein frommer jüdischer Mann am Hof stellte dem König die Deutung seines Traumes in Aussicht. Und dieser erzählte den Traum. Da sagte Daniel:

Ein großes, hell glänzendes Bild stand vor dir, das war schrecklich anzusehen.

Das Haupt dieses Bildes war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Kupfer, seine Schenkel waren von Eisen, seine Füße waren teils von Eisen und teils von Ton.

Das sahst du, bis ein Stein herunterkam, ohne Zutun von Menschenhänden; der traf das Bild an seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren, und zermalmte sie.

Da wurden miteinander zermalmt Eisen, Ton, Kupfer, Silber und Gold und wurden wie Spreu die  der Wind verweht. Der Stein aber, der das Bild zerschlug, wurde zu einem großen Berg, sodass er die ganze Welt füllte.

Das ist der Traum.

Nun wollen wir die Deutung vor dem König sagen.

Dir  König, hat  der Gott des Himmels Königreich, Macht, Stärke und Ehre gegeben. Und über alles hat er dir Gewalt verliehen. Du bist das goldene Haupt.

Nach dir wird ein anderes Königreich aufkommen, geringer als deines, danach das dritte Königreich, das aus Kupfer ist. Und das vierte wird hart sein wie Eisen; ja, wie Eisen alles zerbricht, so wird es auch alles zermalmen und zerbrechen. Das Reich aber, dessen  Füße teils von Eisen und teils von Ton sind, bedeutet: Zum Teil wird’s ein starkes und zum Teil ein schwaches Reich sein. Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird -es wird ewig bleiben,

So hat der große Gott dem König kundgetan, was dereinst geschehen wird.

Und der König erhöhte Daniel und gab ihm große und viele Geschenke und machte ihn zum Fürsten über das ganze Land Babel und setzte ihn zum Obersten über alle Weisen.

Daniel 2

 

 

Ursprünglich ist die Geschichte erzählt zum Trost der jüdischen Gemeinde (im 2. Jahrhundert vor Ch.): Wenn auch jetzt alles durcheinander ist- es ist der Anfang des Reiches Gottes. Die ganze Weltgeschichte läuft auf diesen Punkt zu: Erst war es ein goldenes Zeitalter, dann folgte ein silbernes, dann im kupfernen und eisernen Zeitalter nahm die Gewalt überhand, dann kommt das Reich, das nur noch „auf tönernen Füßen“ steht- damit kommt der große Fall der Weltgeschichte. Und dann richtet Gott mit seinem Messias die neue Welt auf. –

Gewaltig war die Wirkung dieser Vision: Bis heute gibt es Denkschulen, die den Niedergang der Geschichte bis hin zur  Verbrennung des Erdballs vorherbestimmt sehen. Und dann sei Schluss, aus, vorbei.  Christen glauben, daß Gott sein Reich kommen lässt. Die Geschichte wird sich wohl nicht gradlinig zu einer Vollendung entwickeln- dieser Optimismus ist durch Auschwitz und Pol Pot und Hiroshima vergangen. Aber unsere Zeit ist Gottes Zeit und es wird einmal sehr gut. Das hoffen wir.

Die Geschichte des Daniel soll zunächst nur den bedrängten Gemeinden damals Mut machen, den Glauben an die Heilung der Welt durch Gott durchzuhalten.  Doch mit Jesu Auferweckung ist der Geschichte eine Tendenz zur Heilung eingeimpft.  „Und wenn die Welt voll Teufel wär“.. so singt es auch Luther: Was kommt ist der Herr. Darum ist vor uns immer seine Zukunft!

                                                  

                                                  *

 

Belsazars Mahl

König Belsazar machte ein Festmahl für seine tausend Mächtigen, seine Frauen und Nebenfrauen und soff sich voll mit ihnen. Und als er betrunken war, ließ er die goldenen und silbernen Gefäße herbringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem geraubt hatte, und sie tranken daraus und  ließen hochleben die goldenen und  steinernen Götter.

Da gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal. Und der König erblickte die Hand, die da schrieb. Da wurde sein Gesicht aschfahl und er erschrak wie von Sinnen. Und er rief nach den Wahrsagern aber die konnten die Schrift nicht lesen.

Da erinnerte man sich an Daniel. Er konnte die Schrift lesen und deuten und sprach: Du, Belsazar, obwohl du den Niedergang deines hochmütig gewordenen Vaters mit ansahst, hast du dein Herz nicht gedemütigt. Du  hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben. Den Gott, der deinen Odem und alle deine Wege in seiner Hand hat, den hast du verspottet.

Darum wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift geschrieben.

Sie lautet: Mene, tekel, u-parsin: Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt; tekel, das ist: man hat dich gewogen und als zu leicht befunden; u-parsin: das ist: Dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.

Noch  in derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet.

Daniel 5

 

Belsazars Nachtmahl ist eins der großen Bilder der Menschheit von Größenwahn und Scheitern. Der König lässt sich feiern von seinen Günstlingen. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“- ist die  Regel, nach der Warner und Infragesteller des schändlichen Treibens ausgeschaltet sind. Die Bosheit des einen wird verstärkt und erst möglich gemacht durch Mitläufer und Nutznießer.

Missbrauch des Heiligen ist ein Mittel, sich aufzublasen. Die Kelche und Leuchter sind vom Altar gerissen und  schmücken das Sauffest des Königs. Was dem Lobe Gottes galt, muss herhalten zum Dekor für einen Bösewicht.

Aber Hochmut und Vermessenheit bringen zu Fall. „Gemessen, gewogen, für zu leicht befunden“ ist das „Menetekel“, das Alarmzeichen für  eine Großmannssucht, die dem Untergang entgegengeht.

 

                                                         *

 

 

Daniel in der Löwengrube

 

Daniel übertraf alle Fürsten und Statthalter an Geisteskraft. Der König erwog, ihn zum Kanzler seines Königreiches zu machen. Das wollten die andern  Statthalter nicht und suchten an Daniel etwas zu finden, was gegen das Königreich gerichtet wäre. Aber sie fanden nichts. Da sprachen die Männer: Es bleibt nur, ihm aus seinem Gottesglauben einen Strick zu drehen.

Sie veranlassten den König, ein Gebot zu erlassen, dass jeder, der etwas bitten wird von irgendeinem Gott oder Menschen außer vom  König allein, zu den Löwen in die Grube geworfen werden soll.

Daniel aber betete im Obergemach seines Hauses am offene Fenster in Richtung Jerusalem; dreimal am Tag fiel er auf seine Knie, lobte und dankte seinem Gott; wie er es immer zu tun pflegte, so tat er es weiter.

Da zeigten die Männer ihn an und der König bedauerte: Das Gesetz der Meder und Perser kann niemand aufheben. Und er ließ Daniel vor die  Löwen in der Grube zu werfen, sandte  ihm aber den Wunsch nach: Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, er helfe dir!

Früh am Morgen des nächsten Tages stand der König auf und ging eilends zur Löwen-Grube. Und er sah Daniel, lebend und betend. Und Daniel gab Zeugnis:

Gott hat seine Engel gesandt, die den Löwen den Rachen zugehalten haben, sodass sie mir kein Leid antun konnten; denn vor ihm bin ich unschuldig, und auch gegen dich, mein König, habe ich nichts Böses getan.

Da wurde der König sehr froh und ließ Daniel aus der Grube herausziehen. Und gab den Befehl: Künftig ist der Gott Daniels zu ehren, er ist der lebendige Gott.

Daniel 6

 

 

Die Erzählung von Daniel in der Löwengrube ist eine der großen Rettungsgeschichten der Menschheit. Gott kann Bestien den Rachen verschließen. Wenn auch Menschen einen umbringen wollen, können sie noch bekehrt werden vom Heiligen Geist. Und es kann auch anders kommen als es in der Natur der Sache liegt. Gewehrkugeln können stecken bleiben in Schutzwesten, Mutige können vor Schlägern schützen. Unfälle können gelindert werden mittels Sicherheitsgurten, Löwen können abgelenkt werden durch   interessantere Gaben.

Eigentlich steht hinter der Geschichte viel Verfolgungs- Erfahrung Israels. Schon damals wurden sie um ihres Glaubens willens vertrieben und oftmals umgebracht. Da lag die Versuchung nahe, vom Gauben abzufallen. Doch diese und ähnliche Geschichten erzählen, daß Gott seine Frommen bewahrt.

Aber bete und fahre fort, ans andere Ufer zu rudern!  Das heißt: Hilf Gott, daß er mit dem Bösen fertig wird, bete um Gottes Beistand, aber steh Gott bei mit deiner Kraft.

Dietrich Bonhoeffer hat uns neu gelehrt, daß wir auch in den Händen von Schergen und Mördern in Gottes Hand bleiben. Auch Jesus hat sich auf dem Weg mit Gott gewusst, auch wenn er durch die Hölle musste.

Die zugehaltenen  Löwenmäuler sind auch ein  Bild dafür, daß die Ängste uns nicht verschlingen werden.

 

                                                    *                *

 

 

Joel

 

Ausgießung des Heiligen Geistes

Gott spricht: Nach diesen Tagen will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Jünglinge sollen Gesichte sehen und eure Alten sollen Träume haben. Und es soll geschehen: Wer des Herrn Namen anrufen wird, der soll errettet werden.

Aus Joel 3

 

Die Ausgießung des Heiligen Geistes über alles Fleisch soll geschehen. Also ist die natürliche Beschaffenheit alles Lebendigen noch nicht so geistvoll, wie Gott es vorhat. Die Jungen, die doch so beschäftigt sind mit der Gegenwart, sie sollen auch weise reden vom Zukünftigen. Und die Alten, die so gern dem hinterher sinnen, was war, die sollen Träume haben und von ihnen mit auf große Fahrt genommen werden. Nach vorn reißt der Heilige Geist mit: Vor uns Entwicklung, Wandel, Reife, Frieden, spannende Zeit mit Gott.

 

                                                       *              *

 

 

Amos

Hunger nach dem Herzenswort

Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn, es zu hören.

Amos 8,11

 

Ist das nicht jetzt? Hungern wir nicht nach haltbaren Worten, nach klarer Widmung, nach Weisung wie Hammerschläge eines Zimmermannes- jeder trifft den Nagel präzise?

Der Hunger nach klarer Predigt ist da. Abschälen die falschen Versprechungen und mit kräftigen, unverzierten Sätzen Leben eröffnen, Gott in heutigem Deutsch zur Sprache bringen, kurz, direkt und  wahr- es muss immer neu versucht werden. Und Gemeinde berät, ergänzt, widerspricht. Das Wort Gottes für heute erschließt sich der Gemeinde, es fällt nicht einem einzelnen ein.   

Jetzt ist die Zeit da. Wir lauschen doch hinter die Gespräche, die wir so mitmachen, ob da ein Hauch Trost und Erkenntnis, Freude und Ermutigung steckt. Wir schauen die Strecke der Filme ab nach einem heiligen Bild, das uns erreicht. Wir suchen doch in uns Merkstoff für Heil.

Einen ganzen Tag hast du durchfahren und war da ein Krümel Heiliger Geist drin gewesen? Hast du heute geliebt? Befriedet? Beschenkt? Gott wollte dich heute treffen. Hast du ihm beigestanden? Hast du sein  Wort gehört in der Bitte eines Nächsten, hast Du sein Wort weitergesagt im freisprechenden Gedanken?  Hast du dich mit einem angelegt für das Wort Gottes, das heute dran ist?

 

                                            *                  *

 

 

Jona

 

Gott nicht entkommen  - Eine große kurze Geschichte

Gott sprach zu Jona: Geh nach  Ninive und predige ihr zugut gegen sie: Ihre Bosheit ist vor mich gekommen.

Aber Jona floh; er nahm  ein Schiff, das in entgegengesetzter  Richtung- nach Tarsis fahren wollte, und hoffte so, dem Herrn aus den Augen zu kommen. Da ließ Gott einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter dass sie meinten, ihr Schiff zerbräche.

Die Schiffsleute fürchteten sich und schrien ein jeder zu seinem Gott. Ladung warfen sie über Bord, damit das Schiff leichter würde. Jona war derweil hinunter in das Schiff gestiegen und schlief.

Da trat der Schiffsherr zu ihm und brüllte ihn wach: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Ob vielleicht dieser Gott unser gedenken will, dass wir nicht verderben.

Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf es Jona.

Un der Und der  Und der sprach er zu den andern im Schiff: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.

Jona 1,1-12

 

Warum Jona sich so sträubte, Ninive die Bußpredigt zu halten, wird nicht gesagt. Jeder Zuhörer und Leser dieser Geschichte soll sich selbst eintragen und sich befragen. Warum weiche ich dem Auftrag des Herrn aus, ich weiß doch was ich aufhabe.

Es ist schon eine ausgefallene Berufung, einer Stadt den Untergang anzusagen. Müssen wir auch unserer Zivilisation den Untergang ansagen? Jedenfalls „die Augen zu“ und die Zeit verschlafen geht nicht. 

Eindrücklich ist, wie die Vorfahren ihr Wohlergehen und ihre Not mit Gott verbunden sahen. Wir sehen den Zusammenhang von Sturm und persönlicher Schuld nicht mehr- aber in  der Umweltkatastrophe schwant uns doch  neu der Zusammenhang von Lebensart und (Klima-) Schicksal.

Das Los zu werfen, war früher die Methode, den Willen der Götter zu erforschen. Es war der erste Menschheits-Versuch, nicht blind dem Schicksal ausgeliefert zu sein. Man hoffte, durch Loswurf  die Untat des Einen zu ermitteln, so konnte man die Strafe auf ihn ableiten. Und hoffte so, die Schicksalsmächte gnädig zu stimmen. Jona gab sich zu erkennen als der, der Zorn auf sie alle geladen hat. Er war bereit, die Strafe an sich vollziehen zu lassen.

 

Jona weiß

Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. Da riefen sie zu dem Herrn und sprachen: Ach, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten.

Jona 1,13-20

 

 

Bis jetzt ist es eine ganz altertümliche Geschichte: Der Mensch kann Gott, kann seinem Schicksal nicht entrinnen. Und: Gott lässt sich nicht spotten; man darf ihn nicht behandeln als sei er gütig- vergesslich. Dann lässt er das Meer toben. Und uns bleibt nur der Untergang- oder  Vollzug der verdienten Strafe.

Doch diese Ausgangslage ist ja nur der erste Akt. Gott zeigt sich von seiner schönsten Seite, wie sie eigentlich erst von Jesus ganz dargestellt wird.

Das Jona- Büchlein ist voll Evangelium. Es fängt an mit einem Wal.

 

                                                     

Im Schlund der Verlassenheit

Als sie ihn über Bord geworfen hatten, ließ Gott einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu Gott, im Leibe des Fisches. Und Gott sprach zu dem Fisch und der spie Jona an Land.

Jona 1,15; 2,1.11

Jona hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Vielleicht war er auch all des Treibens müde, und ihm schien der Geldschein des Lebens zu groß, er hat ihn nicht wechseln können; vielleicht ging er jetzt gern in den Tod, zumal er damit andern das Leben retten konnte; wenigstens eine gute Tat zum Schluss- so mag er gedacht haben.

Aber so leicht kommt Jona nicht von hier weg. Ein Wal verschluckt ihn und spuckt ihn an Land. Jesus hat später diese Unterweltsfahrt als Bild genommen für seine drei Tage Todeserfahrung bis zur Auferstehung (Matthäus 12,39). Der Tod, das ist wie von einem Untier verschluckt zu sein- aber es geschieht, um hinübergerettet zu werden ins neue Leben.

 

                                                   

Gott setzt nach

Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr. Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive und verkündete: In vierzig Tagen wird Ninive untergehen.

Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack der Buße an. Und der König gebot: Ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiß? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen, dass wir nicht verderben.

Jona 3,1-6.9

 

 

Ob Jona die „Vernichtung ohne wenn und aber“ als Wort des Herrn gehört hat? Es ist nicht die Art Gottes, keinen Ausweg zu lassen. Sollte Jona das „Wenn ihr euch nicht bekehrt“ einfach weggelassen haben? Weil er die Stadt für so verdorben hält, daß sie Gott ein Gräuel sein muß?- So dachte ja El-Kaida beim Angriff auf die Twin-Towers von New-York auch. Und viele andere Fundamentalisten bieten sich dem Höchsten als scharfe Gerichtsvollzieher an.

Doch Ninive  besinnt sich und stellt sich um auf  bescheidene und gerechtere Lebensart; sicher auch, um das angesagte Unheil abzuwenden.

Wir haben Schwierigkeiten mit der Vorstellung, Gott könne etwas gereuen. Es ist eine menschliche und menschenfreundliche Idee. Sie meint: Im Gespräch mit seinen Menschen bewegt sich auch innerhalb von Gott etwas. Sicher ist nicht auszuschließen, daß in Gott auch noch „unerwachte Träume“ (Rainer M. Rilke) sind. Aber Gott weiß, was wir für eine Mischpoke, was für ein Verein wir sind. Wir überraschen ihn wohl nicht, Er aber uns.

 

                                               

Jonas Unmut und Gottes Antwort

Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Gottes Güte aber verdross Jona sehr und er wurde zornig und sprach zu Gott: Das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und stehst nicht zu deinem Strafwort. So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Aber Gott sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst?

Jona 3,10; 4,1-4

Wie kann einen die Güte Gottes sauer machen? Es ist eine unserer Unarten, daß wir den Anderen gern seiner gerechten Strafe überlassen. Wir aber sind dankbar für Verzeihen. Ja, wir meinen, ein Stück Großmut stehe uns schon zu. Es ist dies oft eine Untugend der Frommen-  sie sind „päpstlicher als der Papst“, wollen Gott nicht gütig sondern streng. Weil sie ja meinen, wegen ihrer Verzichte gut bei ihm angesehen zu sein. Ja, sie denken oft, daß sich Gehorsam nicht lohne, wenn er sich nicht im Himmel auszahle. Wenn dann das Strafgericht ausbleibt, finden sie Gott und das Leben so unfair, daß sie lieber sterben. Ist der prophezeite Weltuntergangstermin verstrichen, haben so manche glühend Gläubige sich das Leben genommen.

Die Rettung kommt von Gott, der mit uns das Gespräch fortsetzt.

 

                                                        

Jona lernt die Güte

Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, dass er sähe, was der Stadt widerfahren würde.

Gott aber ließ eine Staude wachsen; die wuchs über Jona, dass sie Schatten gäbe seinem Haupt und ihm seinem Unmut vertreibe. Und Jona freute sich sehr über die Staude.

Aber am Morgen, als die Morgenröte anbrach, ließ Gott einen Wurm kommen; der stach die Staude, dass sie verdorrte. Dann  ließ Gott einen heißen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde.

Da wünschte er sich erst recht den Tod. Doch Gott sprach zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst um der Staude willen? Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch nicht aufgezogen, die in einer Nacht wurde und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?

Jona 4, 5-11

 

 

Gott erteilt dem Jona eine Lektion: Er beschenkt ihn, dann entzieht er das Geschenk. Und was ist Jona darüber fuchsig! Dann führt ihn Gott zur Einsicht: Jona hing an der Staude, weil sie ihm wohl tat. Gott hängt an Ninive, weil er ihr wohl tat. Jona hat nichts dafür getan, daß die Staude heranwuchs. Aber Ninive ist Gottes Schöpfung.

Wenn Jona schon um die Pflanze greint, für die er nichts getan hat, um wieviel mehr hat Gott ein Recht, sich Ninives zu erbarmen, die voll ist von seinen Menschen und  Tieren- jedes  eine Gestalt seiner Mühe.

Und die, die nicht wissen, was recht und unrecht ist, die tun recht, nämlich Buße und bitten um Erbarmen- aber der Prophet pocht auf  Recht und Gesetz, als brauche er keine Gnade, es ist lächerlich

Dies köstlich kleine Büchlein ist ein Schatz  der Menschheit.

 

                                                                     *            *

 

 

Micha

 

Es ist dir gesagt Mensch,

was gut ist und was der Herr von dir will: Halt dich an sein Wort, liebe und sei einfach vor deinem Gott.

Micha 6,8

 

Was ist gut? Große ethische Programme erstrahlen, riesige Paragraphenwerke grenzen das Gute, das Gebotene vom Schlechten ab. Eigentlich reicht: Vertraue Gott, liebe, sei schlicht.

 

                                           *           *            *

 

 

Weisheit

 

Die Weisheit ist strahlend

und unvergänglich und lässt sich gern erkennen von denen, die sie lieb haben, und lässt sich von denen finden, die sie suchen. Sie kommt denen entgegen, die sie begehren, und gibt sich ihnen zu erkennen.

Wer sich früh zu ihr aufmacht, braucht nicht viel Mühe; denn er findet sie vor seiner Tür sitzen. Über sie nachdenken, ist vollkommene Klugheit, und wer ihretwegen sich wach hält, wird bald ohne Sorge sein. Denn sie geht umher und sucht, wer ihrer wert ist, und erscheint ihm freundlich auf seinen Wegen.

Die Weisheit hat alles kunstvoll gebildet.  Sie ist ein Hauch der göttlichen Kraft und ein Bild seiner Güte. Sie geht in heilige Seelen ein und macht zu Gottes Freunden.

Weisheit 6, 13-17, 21.25.27

 

 

Nichts  macht uns menschlicher, nichts brauchen wir dringender als Weisheit. Sie macht zu Freunden Gottes. Sie ist die Klugheit des Herzens und der Mut des Glaubens. Sie liegt bereit. Sie lässt sich finden von denen, die sie suchen. Sie ist in der Gegenwart da, sie zieht auch der Liebe Grenzen, sie ist kristallisierter Schmerz, schützt vor Hochmut. „Klugheit ist der Jäger der Probleme, Weisheit der Hirte der Geheimnisse“ (Jörg Zink).  Wage, weise zu werden.  Und Weisheit ist kein Kristall, den man in die Tasche steckt, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hineinfällt (nach Robert Musil).

 

                                                              *

 

 

Die Weisheit ist  herrlicher als die Sonne

Und sie übertrifft alle Sternbilder. Verglichen mit dem Licht hat sie den Vorrang. Denn das Licht muss der Nacht weichen, aber die Bosheit kann die Weisheit nicht überwältigen. Kraftvoll erstreckt sie sich von einem Ende zum andern und regiert das All vortrefflich.

Gott, gib mir ab von der Weisheit, die bei dir auf deinem Thron sitzt. Schick sie herab von deinem heiligen Himmel, damit sie mir tätig zur Seite stehe, sodass ich erkenne, was dir wohlgefällt. Denn die Gedanken der sterblichen Menschen sind armselig und unsre Vorsätze sind hinfällig.

Weisheit 7,29. 30; 8,1; 9,4.10. 14

 

An den Rändern des alten Testamentes tut sich eine Kraft auf, die im Neuen Testament „Heiliger Geist“ heißt. Auch die Weisheit ist eine Erscheinung Gottes selbst. Sie bescheint die Schöpfung. Sie hilft uns Menschen, das Leben zu bestehen. Sie lässt  sich von unserer Bosheit nicht zermalmen- das ist unsere Hoffnung. Die Weisheit regiert das All- daran kann unsere Dummheit höchstens kratzen. Das ist unsere Rettung.

 

                                                          *  

 

Ist es das?

Womit jemand sündigt, damit wird er auch bestraft.

Weisheit 11,16

 

Wer lügt, muss damit rechnen, selber oft belogen zu werden. Wer seine Eltern nicht achtet, wird sich hüten, Eltern zu werden. Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Wer allein lässt, bleibt allein. Wer geizt, hat furchtbare Angst, zu verarmen. Wer nichts abgibt, verstopft und erstickt. Das Leben ist so eingerichtet, über kurz oder lang schallt es aus dem Wald heraus, wie man reingerufen hat.

Und was heißt da Vergebung?  Es ist eine ungeheure Liebesenergie in der Welt- die wird ausgeschüttet über Böse und Gute. Allein, wie viel Fahrfelher wurden “vergeben“ durch Achtsamkeit anderer, durch Plastik-Knautschzonen, Leitplanken, fehlerfreundliche Technik. Viel Güte ist unter den Menschen, wenn man nur artig bittet. Gott ist ein Liebhaber des Lebens, wohl wahr.   

Das Jüngste Gericht wird noch mal zur Sprache bringen, was wir angerichtet haben. Ob dann unser Verschulden, Versagen, Versäumen, unser Weggeschauthaben überwiegt? Das letzte Wort hat nicht unser Tun sondern Gott, das ist unsere einzige Chance.

 

                                                                 *

 

 

Gott liebt alles, was ist

Gott, Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. Deine Kraft gewaltig zu erweisen ist dir allezeit möglich. Die ganze Welt ist vor dir wie ein Stäublein an der Waage und wie ein Tropfen des Morgentaus, der auf die Erde fällt.

Aber du erbarmst dich über alle; Du kannst alles. Und du übersiehst die Sünden der Menschen, damit sie sich bessern sollen. Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, gegen das du Hass gehabt hättest. Wie könnte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? Oder wie könnte erhalten werden, was du nicht gerufen hättest?

Du schonst aber alles; denn es gehört dir, Gott, du Liebhaber des Lebens. Dein unvergänglicher Geist ist in allem.

Weisheit 11, 21-26; 12,1

 

Hier unter den „Apokryphen“, dem Anhang des Alten Testamentes, der traurigerweise in den meisten Bibeln fehlt, hier ist dies Goldstück des Glaubens versteckt. Kein Text preist den Großmut Gottes schöner. Alle Energie ist Gottes Energie. Was sind wir dagegen? Ein Hauch, ein Stäublein. Aber groß gemacht sind wir durch sein Lieben.

Sein Erbarmen lässt uns blühen. Und soviel Heilkraft ist uns mitgegeben, dass unsere Sünden mit der Zeit schon sich bessern. Sünden also Kinderkrankheiten, die sich verwachsen? Zu schön denkt Gott von uns. Mancher hat seine Zeit nur zur „Verbösung“ genutzt. Und dann leidet Gott mit, er saugt den Hass auf in all den Abeln dieser Erde. Jesus ist wohl der deutlichste Leidträger und Freudenbote der Menschheit. Von ihm handelt das Neue Testament.

 

                        

                                              *                    *                  *

 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neues Testament

 

Die Texte des Neuen Testamentes sind gruppiert um

A  Jesus Christus

1 Jesu Geburt und Taufe

2 Jesu Worte und Taten

3 Jesu Passion – Kreuzigung – Auferstehung- Pfingsten

 

B  Apostelgeschichte, Briefe, Offenbarung

 

                                                               *

 

 

A  Jesus Christus 

 

 

Vorspann:

 

 

In allen vier Evangelien nehmen die Passionsgeschichten breiten Raum ein, das älteste Evangelium nach Markus nannte man sogar „eine Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ (Martin Kähler). Im Sterben kommt Jesu Leben als Opfergang zum Ziel. Er stand für Gott, den gnädigen Gott ein, bis zum letzten Atemzug.

Diesen Zeugen und Propheten bestätigte Gott als seinen liebsten Menschen. In ihm sah sich Gott am besten geerdet, Jesus hatte ihn am echtesten verkörpert- in ihm glaubten viele Gott persönlich am Werk. Mit der Auferstehung, glauben Christen, ist die Gottesqualität des Jesus besiegelt. Seitdem ist er der „Christus“, der zum ersten Sohn Gottes Gesalbte und hat teil an Gottes Allmacht.
         

Die Gottessohnschaft -Energie des Jesus war schon zu Lebzeiten des irdischen Jesus  kraftvoll. Nach überwundenem Tod bekam das Zurückliegende noch mehr Heiligenschein, der Auferstandene leuchtete im Gedächtnis, die Taten und Worte glühten auf.   Die schlichten  historischen Ereignisse wurden in ihrem Zeichencharakter erkannt und geschmückt und auch ergänzt.

Klar ist, daß die Erfahrung mit dem historischen Jesus schnell verloren zu gehen drohte, als die Jünger und Nächsten sich alle vor Todesschreck zerstreuten. Hätte der auferstandene Christus sie nicht gesammelt, erleuchtet, geheiligt und losgeschickt, das Leben gottvoll zu bestehen, so wären Jesu Spuren schnell vom Winde verweht.

Am Anfang der Berichterstattung über Jesus stand die mündliche Überlieferung. Man erwartete in allernächster Zeit den Weltuntergang mit Aufgang des Reiches Gottes.  Eine Spruchsammlung kann schon  kurz nach Jesu Tod und Auferstehen angefangen worden sein, die später den ersten drei Evangelisten zur Verfügung stand. Erst als die ersten Zeugen des historischen Jesus starben, wuchs die Angst,  das Gedächtnis an Jesu Leben könne verblassen. Markus schrieb die Passionsgeschichte mit kurzer Auferstehungsfanfare, dazu die wichtigsten Taten und Worte des Jesus. Die nächsten Evangelisten hatten Sondergut einzubringen und eigene Theologien, je für ihre Leserschaft.  Markus weiß nur von der  Taufe, Lukas und Matthäus dann auch von Geburt und Stammbaum.  Wohl 100 Jahre nach Jesu Geburt, wagte man  Christus als aus Gottes Ratschluß vor aller Zeit gezeugt zu denken- so der Evangelist Johannes. 

 

 

Aus allen vier Evangelien werden hier die Sternstunden und die Goldworte des Jesus Christus aufgeführt.


 

 

 

 

 

A 1 Jesu Geburt und Taufe

 

 

Die Prophezeiungen

Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Gott selbst wird euch ein Zeichen geben: Eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie „Immanuel“ nennen- „Gott mit uns“.

Das Volk, das in Finsternis lebt, sieht ein großes Licht, und über denen im Dunklen scheint es hell.

Du weckst Jubel, du bereitest große Freude, wie man fröhlich ist, wenn man die Ernte teilt.

Denn du hast die Jochstange auf ihrer Schulter und den Knüppel ihres Treibers zerbrochen. Jeder Stiefel, der noch mit Gedröhn auftritt, und jeder durch Blut geschleifte Mantel wird verbrannt.

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, er ist der Weltenherrscher; und er heißt Wunder, Großer Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.

Groß soll seine Herrschaft werden auf Davids Thron und der Frieden soll nicht enden in seinem Königreich. Er stärke es durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Jesaja 8,23; 7,14; 9,1-6

 

 

Die Zeitenwende, die Christus mit sich bringt, ist lange schon erahnt, erhofft und prophezeit. Zur Zeit des Propheten Jesaja um 730 v. Chr. ging es Israel schlecht- es war kurz vor dem Ende des Reiches Israel. Da, mitten im tiefsten Elend, sagt der Prophet Heilung und Frieden an. Kommen soll der Messias- der Erwählte, der das Reich Gottes auf Erden aufrichtet. Glück und Gerechtigkeit werden herrschen für immer. 

Als beglaubigendes Zeichen hat Jesaja allerdings nur ein Allerweltsereignis: Eine junge Frau wird ein Kind gebären und es „Gott mit uns„ nennen.

Erst die junge Christengemeinde las das hebräische Wort für „junge Frau“ als „Jungfrau“- vorgeformt war das im griechischen „partenon“ – was beide Bedeutungen hatte. Damit war die Sensation des auferstanden Christus gedoppelt: nicht nur geht er in den Himmel sondern ist auch vom Himmel her. Der Siegeszug des Jesus Christus im griechisch-römischen Denkraum war mit jungfräulich-göttlicher Herkunft gebahnt.

Uns Heutigen bleibt die ehrwürdige Verheißung ein Hinweis, dass die Heilsgeschichte Gottes von langer Hand geplant ihren Lauf nimmt.

 

                                                           *

 

 (Siehe auch Psalm 24 - ein anderer wunderbarer Adventstext )

 

                                                         *                                                                          

 

Auch ein Adventstext

Halten wir fest am Bekenntnis der Hoffnung und wanken nicht; denn Er ist treu, der sie verheißen hat. Lasst uns aufeinander Acht geben; locken wir einander zur Liebe und zu guten Taten. An den Gottesdiensten lasst uns Freude haben. 

Wir leben in der letzten Zeit; es ist höchste Zeit. „Der Tag“  naht.

Hebräer 10, 23-25

 

Advent  heißt: Der Sonnenkönig unserer Seele kommt. In uns ist das Leuchtbild „Krippenkind“. Das erweckt dich, dass du aufblühst  in Liebe zu Allem. Advent  ist Ruf zu neuen Ufern der Hoffnung. „Leinen los!“ aus allem Festgefahrenen, hin zu Mut und Energie und Gemeinschaft. Die Gemeinde hat viel Kraft. Sie bewahrt das Grundvertrauen der Christenheit. Wir sollten uns an ihr stärken und wir sollten sie stärken.

„Advent“  hilft auch der Zeit auf die Sprünge- Die Zeit ist kein Brei, keine ewige Wiederkehr des Gleichen. Sondern die Zeit ist zielgerichtet. Wie unsere Lebenszeit aufs Sterben zueilt, so eilt die Weltzeit, zum Ziel zu kommen. Der letzte Tag mündet in Gottes Fülle- „wovon die Sonne nur ein Schatten ist“ (Arthur Schopenhauer). 

 

                                                      *

 

Engel sind nötig

Der Engel Gabriel wurde von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer jungen Frau, die verlobt war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel sprach zu ihr: Heil dir, Begnadete! Gott ist mit dir!

Maria erschrak über die Maßen und dachte: Was ist das für ein Gruß!

Der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, Gott liebt dich und braucht dich. Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen „Jesus“ (Gott rettet) geben. Der wird Sohn des Höchsten genannt werden  und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das angehen, kein Mann ist mir nah gekommen. Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Maria sagte: Ich bin Gottes Dienerin; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Lukas 1,26-38

 

 

Lukas verkündigt die Geburt Jesu als das größte Wunder nach der Schöpfung; ja, die Geburt Christi  ist Vervollkommnung der Schöpfung. Gott erdet sich in diesem Jesus, nimmt irdische Geschichte als eigene Biographie an. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen Sohn sandte“ (Johannes 3,16), letztlich, damit wir uns als Mitkinder Gottes wissen können.

Die Auferstehung wurde als Gütesiegel auf das Wesen des Jesus verstanden. Seitdem ist er für den Glauben als Sohn Gottes qualifiziert. Seine vorher getanen Wunder hatten diese Beweiskraft noch nicht.

Die Umstände von Jesu Geburt liegen vollständig im Dunklen. Erst lange nach Tod und Auferstehen Jesu fragte man nach der Herkunft- und klar: Es müssen wirklich Engel, also außerordentliche Boten Gottes, überirdische Fanfaren angesetzt haben. Die aber hörten nur die kleinen Leute. Zum Kommen Gottes in niedrigen Hüllen würde passen, daß er normal gezeugt und geboren ist.

Aber wenn Jesus durch  die Auferstehung als Sohn Gottes erwiesen ist, dann- sagt die gläubige Logik- ist er es auch schon bei der Geburt, wenn bei der Geburt, dann auch bei der Zeugung. Johannes steigert das dann bis an den Anfang der Schöpfung: „Am Anfang war das Wort. Und das Wort wurde Fleisch  und wohnte unter uns“ (Johannes 1,1.14).

Natürlich sind Maria und Josef die irdischen Eltern des Jesus, mit noch weiteren Kindern. Aber es gibt eine Zeugung im höheren Sinn. Wenn schon der Kaiser von Rom seinen leiblichen Erzeuger verbannte und den Gott Jupiter als seinen Vater ausgab, dann war es nach Meinung des Missionars Lukas klar, daß dem Jesus das Jungfrauengeburts-Muster auch zustand.

Lukas, der für Römer schreibt, hat dieses Symbol auf Jesus übertragen- Und sagt damit:  Die Wahrheit der Jungfrauengeburt ist im Kern: In Jesus kommt Gott selbst - eben in Gestalt des Sohnes.  

 Natürlich muss diese Sensation von Engeln verkündet werden:  Das Wort Heiligen Geistes zeugt  den Sohn mittels Maria und  Josef. Diese sind Dienerin und Diener Gottes.

Aber sind Eltern je in anderer Rolle gewesen? Unsere Eltern liebten sich, aber daß wir daraus wurden, ist doch Wille Gottes.

Darum nimm doch das Bild von der Jungfrau Maria  nicht als biologische Anormalität sondern als Zeichen für Erschaffung durch den Willen Gottes. Und nimm diese Abstammung auch für dich in Anspruch.

 

                                                  *

 

Die schönste Geschichte der Menschheit

Es begab sich aber zu der Zeit des Kaisers Augustus, dass er ein Gebot erließ, alle Menschen im Land zu registrieren. Und diese Erhebung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und alle gingen, sich zählen zu lassen, ein jeder in seine Geburtsstadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem- er stammte ja aus dem Hause und Geschlechte Davids- und ließ sich erfassen mit Maria, seiner Verlobten, die war schwanger.

Lukas 2,1-5 

 

 

So beginnt die Weihnachtsgeschichte- wohl die am innigsten zu Herzen gehende Erzählung der Menschheit. Aus der Tiefe des Geschichtsraumes stürzt die Zeit  auf die Geburt Gottes bei den Menschen zu. Es ist wie eine Zoomaufnahme- erst unendlich langsam, dann immer schneller, dann in einem Nu auf uns Menschen zu.

Spätere Jahrhunderte wurden im christlichen Raum nicht mehr nach den Römischen Kaisern gezählt sondern die Geburt Christi nahm man zur  Wendemarke von vorher und nachher. 

Es war unter Kaiser Augustus, daß die Menschen im jüdischen Land wegen einer Volkszählung an ihren Geburtsort mussten. Das brachte Josef mit der schwangeren Maria in seinen Geburtsort Bethlehem, der auch Geburtsort des Königs Davids war, seines fernen Vorfahren.

Es ist ja auch von langer Hand vorbereitet, daß Gott in einen Menschen besonders sich einläßt, um die Erde sich noch mehr anzueignen und sich seiner Schöpfung anzuverwandeln.

Das Schicksal der Schöpfung ist Gottes Schicksal. Das hat die Menschheit mittels verschiedener Religionen geahnt, aber dem Volk Israel wurde zuerst der eine Gute Ganze entdeckt, aufgetan durch Träume und Seher und Propheten. In Israel war klar, daß der endgültige Retter, der Messias, der Gesalbte als neuer König in Jerusalem einziehen wird, und dann bricht der Himmel auf die Erde, und es wird ewige Freude sein. Und die Völker kommen, anzubeten in Jerusalem. –

Das fängt für die Christen mit Jesus Kommen an- nur, daß das „Reich Gottes  mitten unter uns (erst) im Anbruch ist“ (Lukas 17,21). Wie fängt das Reich Gottes unter uns an?  Ein Paar macht sich auf den Weg, den Heiland zu gebären am richtigen Ort. 

 

Obdachlos

Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe in einem Stall; Raum hatten sie nicht in der Herberge.

Lukas 2,6

 

 

Stall und Trog - ein karger Anfang für den Herrn über und in Himmel und Erde. Aber das hat Offenbarungsqualität: Unser Gott kommt zu Fuß, ist Diener aller. Er nimmt das Mühselige auf sich, er leidet mit das Leid der Welt und heiligt das Normale. Kein Raum in der Herberge- die  Flüchtlinge dieser Erde bitten um Essen und Dach und Arbeit.  

 

Am Anfang der Stall

In der Nähe waren Hirten auf dem Felde bei ihrer Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn erleuchtete sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen Menschen widerfahren wird; euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr in der Stadt Davids.

Und das nehmt zum Zeichen: Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Lukas 2,8-12 

 

 

Die Hirten, arme Leute merken auf: Ein Kind ist geboren. Das ist Engelmusik: Es geht weiter, Zukunft liegt vor aller Augen. Die Welt geht noch nicht unter. Jedes Kind garantiert: Gott ist noch am Schaffen. Jedes Kind  ist Bürge: Vor uns: Nennenswertes. Aber dass dort „das Herz aller Dinge ins Fleisch kriecht“, muß einem gesagt werden, da müssen uns schon die Ohren des Herzens aufgetan werden. Nehmt das als Zeichen: im Kleinen das Große, Im Stroh das Gold. Im Jesus-Menschen Gott greifbar. 

 

Frieden

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und ein Wohlgefallen den Menschen aneinander.

Lukas 2, 13.14 

 

 

Das ist die Mitteilung des Jesus Christus: Gott legt seine Ehre ein in den Frieden auf Erden. Der beginnt damit, daß wir Wohlgefallen aneinander hegen, uns leiden mögen, auch wenn wir aneinander oftmals leiden. Es ist eine Friedenenergie in der Welt, die kehrt uns zueinander. Allein schon die Liebesfreude, die uns Menschen eins werden lässt, strahlt  Befreundekraft weit in die Gesellschaft aus. Elternliebe und Kollegialität und Kameradschaft und Fairness und die Tauschlust machen, daß Schranken und Grenzen schrumpfen - Gott lässt auf viele Arten Sympathie in das Geschehen strömen. Er wir uns zum Frieden bringen.

 

Zeuge sein wollen

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns jetzt gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die uns der Herr mitgeteilt hat.

Lukas 2,15    

 

 

In den Krippenspielen und Weihnachtsoratorien kommt an dieser Stelle Aufbruch und die Lust zu sehen ins Spiel. Auch will man was mitbringen, wenn ein Kind begrüßt wird; will dem neuen Erdenbürger ein Herzlich Willkommen sagen.  Eigentlich ist jedes Neugeborene ja Kind Gottes, in dem der Himmel alle Gaben noch mal neu und einmalig mischt.  Jedes Kind ist ein neuer Versuch Gottes, sich selbst hier unterzubringen.

 

Nur wer aufbricht, kann finden.

Und sie eilten und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe. Dann breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, die das hörten, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

Lukas 2, 16-18

 

 

Gut, über einem Neugeborenen ein Wort zu sagen, das man vom Himmel her gehört hat. Dem Jesus ist bestimmt, die Liebe Gottes zu leben, allen Widersprüchen zum trotz. Und letztlich ist es das, was genau  jedes  Menschenkind realisieren soll: In den Mühen doch die Perlen des Reiches Gottes finden,  Freundlichkeit  leben mit der eigenen kleinen Kraft, unermüdlich.

Ob uns auch der Heiland geboren ist? Ob wir uns auch aufmachen, die Welt zu sehen, wie er es tat? Ob uns die Welt als christuserfüllt aufgeht?  Weihnachten ist immer, wenn uns der Jesus Christ aufgeht als Pfand für die Liebe Gottes. 

 

Wir sind, was uns bewegt

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie es zu ihnen gesagt war.

Lukas 2, 19. 20 

 

 

Die Widmung  behalten, die Worte der Zuversicht im Herzen bewegen, das ist die Weihnachtskunst. Sich selbst als lichten Menschen glauben, die Mitmenschen zum Leuchten bringen, einen Schimmer Gottes auf die Stirnen legen denen, die dir begegnen. Und wieder an die Arbeit gehen, preisend, dankbar, mutig, tatkräftig.

 

                                            *

 

Die Weisen aus dem Morgenland

Es kamen weise Männer aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Osten und sind gekommen, ihn anzubeten.

Als das der König Herodes hörte, erschrak er und er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten zusammenkommen und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.

Und sie sagten ihm: In Bethlehem - so steht es geschrieben beim  Propheten (Micha 5,1):

»Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«

Da rief Herodes die Weisen zu sich und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kind; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.

Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und fanden das Kind mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg in ihr Land.

Matthäus 2,1-12

 

 

Bei Markus, dem ältesten Evangelisten, taucht Jesus wie aus dem Nichts auf  bei Johannes dem Täufer. Matthäus und Lukas schrieben eine Generation später. Ihre Gemeinden wollten wissen, „wie sich das alles begab“. Beide Evangelisten setzten Stammbäume vor die Geburt, Matthäus lässt ihn beginnen bei Abraham, Lukas lässt ihn entspringen bei Gott und Adam. Jedenfalls wurzelt Jesus tief in der Geschichte der Menschheit und des Volkes Israel.

Lukas erzählt die Geburt, wie sie idealerweise hat geschehen können, und  müssen. Matthäus widmet sich der Bedeutung des Neugeborenen: Der ist ein König -wenn auch der Herzen, nicht des irdischen Regimentes. Repräsentanten der Völker kommen, die mit Hingabe und Gaben dem künftigen Weltenretter huldigten.

Im Kontrast zur Weisheit der Heidenwelt steht die Infamie des jüdischen Königs, der gar nicht anbeten sondern vernichten will. Dem Herodes werden Züge des Pharaos von einst angedichtet- wie damals in Ägypten die jüdischen Neugeborenen umgebracht wurden, so ruft jetzt Herodes den Kindermord von Bethlehem aus. Matthäus unterstreicht so, daß Jesus der neue, der wahre Mose ist. Auch die Flucht nach Ägypten (Matthäus 2,13-23) ist ein Bild für  die heilsgeschichtliche Doppelung: Wie Mose kommt der Retter aus Ägypten.

Diese Parallelen wurden von den Zeitgenossen sofort verstanden. Matthäus und Lukas predigen die große Bedeutung des Jesus  mit

Bildern der alttestamentlichen Verheißungen.

Die Anbetung der drei Weisen, Magier oder Könige aus dem sagenhaften “Osten“ ist eines der meistdargestellten Motive der Malerei. In den Krippenspielen unserer Kindheit waren die Rollen der festlich gekleideten Männer sehr begehrt.  Die Gaben boten Anlass zu tiefgründiger Auslegung: Was dem Christus dargebracht war, gebührt ihm: Unser Gold, also Geld ist nur anvertrautes Gut. Weihrauch steht für Anbetung, Myrrhe – das wohlriechende Öl deutet auf Tod und Auferstehen hin.

 

                                                              *

   

Das Wort wurde Fleisch

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

Johannes 1,1-3

 

 

Das Johannesevangelium bietet keine Geburtsgeschichte des Jesus sondern hoch konzentrierte Theologie. - Der Ursprung, der Samen von allem, der Keim der auch im Wachsenden bleibt- ja, das alles Betreibende war und ist „logos“: Das Wort, der Wille, der Geist, die Weisheit- alle diese Energieformen  schwingen mit im griechischen Wort dieser Stelle. „Logos“,  „das Wort“  am Anfang ist so dramatisch stark, weil damit klargestellt ist:  Am Anfang von Allem steht der Wille Gottes, sich zu äußern und verstanden zu werden.

Der Wille, sich zu äußern und verstanden zu werden, ist Gottes inneres Wesen. Das „Alles auf Einmal, aus dem wir kommen“ (B. Strauß), die Seinskraft äußert sich, teilt sich mit in empfänglichem Anderen, erfindet überhaupt erst Leben, und davor die Materie als Träger. Sein Wille, sich zu äußern, schafft die Welt und  ist der Grund aus dem ein Jeder entsteht.

Alles, was ist, ist Mitteilung von Gott. Darum ruhte Gott auch nicht, bis er ein Wesen entwickelt hat, das auf Wort, Geist, Verstehen anspricht.

Auch die Natur hört Gott, sie gehorcht ihm, indem sie alles als Material für weitere Entfaltung zu nutzen sucht. Und Gott  ist damit beschäftigt, die Verständigung zwischen ihm und seiner Schöpfung und seinem Spitzenprojekt Mensch noch zu verbessern.

 

In ihm ist das Leben, und das Leben ist das Licht der Menschen.

Johannes 1,4

 

Gottes Wort und Wille, sich mitzuteilen, ist das Innerste des Lebens. Im Lebendigen  mit Schmerz und Abbrüchen gibt sich Gott aus (Gott ist das Lebendige in allem Fleisch- 4. Mose 16,22). Alles Lebendige ist provisorisch, ist Ausriß und auf den Tod zu, aber Gottes Geisteinhauchung macht alles Bruchstückhafte geistvoll und zueinandergehörig. Die Lebenswollust ist Gottes Begeisterung, mit Lebenswillen steckt er uns an.

Die Freude zu leben ist das Licht der Menschen. Darum nimm keinem die Freude an sich und schau mit Freuden, wie auch Natur ihr Wachstum zeigen will. 

 

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis begreifts nicht.

Johannes 1,5

 

 

Das Licht der Liebe scheint. Das macht, dass wir uns als Teile eines Puzzles erkennen. Wir sind geneigt, zu ergänzen, uns ergänzen zu lassen. Im Licht der Erkenntnis dämmert uns: Unser Lebenswerk ist  Arbeit der Liebe. Gottes Sein besteht in Seingeben; wir, die aufs Licht der Liebe Angewiesenen, wir sind ganz Seinnehmen (Johannes Tauler).

Der Herd des Seins befeuert uns, lieben und handeln zu wollen.

Aber es bleibt oftmals finster in unsern Seelen. Zwar strahlt uns die Liebe an, aber wir leuchten nicht oder nur matt von innen. Da muss ein Offenbarer kommen, der uns innen ganz neu tapeziert. Uns gefrorene Seelen wird der Leuchtfeuermensch Christus noch einheizen und zum Lieben überreden.

 

 

Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes.

Der kam als Fackelträger, um Licht auf den zu werfen, der der Glaubwürdige ist. Johannes war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht, das alle Menschen erleuchtet.

Johannes 1, 6-9

 

 

Johannes, der Täufer war wohl der letzte Prophet der Zeit des Alten Testamentes. Er entlarvte  den Menschen ihr  Sündersein, ängstete vor dem kommenden Gericht; aber er konnte selbst nicht retten. Er machte hungrig auf den Erlöser der Gewissen. Der erleuchtet alle, erinnert an die ewige Zugehörigkeit zum GutenGanzen.

 

 

Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Johannes 1,10.11

 

 

Jesus Christus ist die Hauptgestalt des Wortes und Willens Gottes. – Er war hier als historischer Mensch, als wahrer Mensch und insgeheim wahrer Gott. Dass durch ihn die Welt geschaffen ist, kann heißen: Jesus ist Auftischer und Vorkoster und Kundschafter und Heilender.  Die Welt erkannte ihn nicht, merkte auch  nicht seine Besonderheit neben Gott.  Dass er damals anfassbar irdisch als Sohn Gottes hier war, erkannte man erst im nachhinein.

Aber das Grundstürzende ist: Weil er „von Gottes Art“ ist, ist die Welt auch seine Schöpfung, sein Eigentum. Er ist in der Welt  als Geistkraft, als Denklust, als Verbündefreude, als  Liebe. Wenn  wir meinen, Liebe sei chemische Reaktion, sozialer Klebstoff, irgendetwas Machbares, dann  nehmen wir das geistige Abenteuer „Christus“ nicht auf.

 

Die  ihn aber aufnehmen, die an seinen Namen glauben, denen gibt er Macht, sich als Gottes Kinder zu erkennen. Die wissen, sie sind nicht von Menschenwillen  sondern von Gott gewollt; und darum sind wir hier.

Johannes 1,12,13

 

 

Jesus Christus annehmen, heißt, sich selbst als Kind Gottes annehmen. Das schiebt die Macht  irdische Elternschaft nach hinten. Wichtiger ist, daß wir von Gott gewollt, entworfen, geschaffen sind mittels der Eltern. Auch und erst recht ist die Zeugung des Jesus  gottgewollt, mittels seiner irdischen Eltern. Eltern sind die Instrumente, die Helfer; Gott ist der Grund eines jeden von uns.

Es ist eine ungeheure Macht, sich als Kind Gottes zu erkennen. Es rüstet uns mit Unverletzbarkeit aus, mit einem Selbstbewusstsein, das nicht von schlechten Eltern ist.

 

Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit des einziggeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Johannes 1,14

 

 

Die Materie hat große Würde. Sie ist nicht nur Pflanzboden für die Himmelsfrucht. Sondern Gott, Geist, Schöpferwillen. Lebenswort verwandeln sich in Natur, Leib, Erde. Gott schafft nicht nur und hält dann die Schöpfung weit von sich. Sondern er zieht sich die Schöpfung an, macht das Leben zu Seinem. Nicht nur ein schöner Gedanke Gottes blüht auf als Mensch. Sondern im Bild von VaterMutter und Sohn kommt Gott zur Welt und unterzieht sich einem Lebenslauf- letztlich um uns wissen zu lassen, daß er unser aller Leben mitlebt.

 

Johannes gibt Zeugnis von ihm und sagt: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der Erstgeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, hat ihn uns verkündigt.

Johannes 1,15.17.18

 

 

Grandios verkündet Johannes die Einzigartigkeit des Christus. Er bezeugt seine Herkunft aus der Ewigkeit und sein zukünftiges Sein in Ewigkeit. Von Gott, zu Gott, bei Gott. Weit greifen die Erinnerungen zurück an diesen leuchtenden irdischen Jesus.

Der Evangelist schreibt aus einem Abstand von mehreren Generationen.  Er gibt sich aus als Lieblingsjünger Johannes, er schreibt unter dem Namen des berühmten Zeugen des historischen Jesus, wahrt literarisch den Schein, dass er noch immer außer Atem sei.

Als Prediger seiner alexandrinischen Gemeinde weiß er den Christus des Glaubens gegenwärtig. Er sieht sich nehmen Gnade um Gnade, damals wie heute: Durch Moses lernen wir das richtige Tun, aber  Jesus Christus bringt uns in das wahre Sein: Wir sind Kinder Gottes, dem Jesus Christus nach, der Erstgeborener ist. Er ist Gott so nah, daß er Gott selber ist, sitzt aber auch in seinem (oder ihrem)  Schoß, was das Zusammensein Gottes und Christus abbildet.  Es bleibt Geheimnis, wie er  Gott selbst ist  und gleichzeitig ihm auch gegenüber ist, so daß er ihn gesehen hat und ihn uns darbietet in Reden und Tun.

 

 

Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.

 Johannes 1,16

Das kann nicht jeder sagen und nicht zu jederzeit. Aber du, ich? Im Lied „Lobe den Herrn„ heißt es: „Der dich erhält, wie es dir selber gefällt, hast du nicht dieses verspüret“? Doch; immer wieder und letztlich- du hast erlebt:

Viel Bewahrung, Wunder, Güte, Vergebung, heilsame Fügung; Gut gegangen- so viele Male. Ja, Gnade um Gnade, „ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß“ (Lukas 6,38). Nur, unsere kleine Denkkraft kann all die Fülle von Beschenktsein nicht fassen. Leicht werden wir mürrisch, wir nörgeln, sind verstimmt. Oft hilft dann schon ein Gang im Freien oder ein Gespräch oder eine Freundlichkeit; schon ein tiefes, bewusstes Atmen kann einem den Staub von der Seele nehmen. 

 

 

 

 

 

                                                       *                                          

Simeon und Hanna

Sie brachten den Säugling Jesus nach Jerusalem in den Tempel. Ein Mann mit Namen Simeon, der auf den Messias wartete, hatte die Weisung  vom Heiligen Geist empfangen, er werde erst sterben, wenn er den Herrn Christus gesehen habe.

Als nun die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern- ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie. Es war da auch eine Prophetin Hanna, die war hochbetagt, die segnete sie auch. Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.

Aus Lukas 2, 22-40                                                                                

 

 

Jesus war dem jüdischen Gebot zufolge im Tempel beschnitten worden am siebten Tage; war damit gekennzeichnet als Nachkomme Abrahams und Glied der Gemeinde. -Wie befreiend wirkt später die Ablösung der Beschneidung durch die Taufe, die ja endlich für beide Geschlechter gleichwertige Gotteskindschaft besiegelt.

Verheißungen begleiten jedes Neugeborene. Jesus empfängt von den Repräsentanten der Vergangenheit, Simeon und Hanna Segen und Widmung: Er werde „Licht, zu erleuchten die Heiden“. Eindrucksvoll die Szene, wie der Alte meint, nun sterben zu können, da seine Mission erfüllt ist.

 

                                              *

 

Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Jesu Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.

Und als er zwölf Jahre alt war, ging er mit.

 Als dann die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten es nicht.

Sie meinten, er wäre mit den Gefährten vorausgegangen. Am Abend aber suchten sie ihn unter den Verwandten und Bekannten.

Und da sie ihn nicht fanden, kehrten sie wieder um nach Jerusalem und suchten ihn dort.

Und sie fanden ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Schriftgelehrten, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihn hörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

Seine Mutter aber sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in meines Vaters Haus?

Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

Er aber ging mit ihnen  nach Hause und war ihnen untertan. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Lukas 2, 41-52

 

Eine Legende vom jungen Jesus: Ideal und wahr, wenn auch nicht historisch.

Jesus geht mit den Eltern zum Tempel- ein Tage langer Weg von Nazareth. Auf dem Rückweg bemerken die Eltern: Ihr Sohn ist im Gotteshaus zurückgeblieben. Es ist so, als wenn ein Kind, überfließend vor Musikalität, zum ersten Mal ein Orchester hört. Und wer religiös so erfüllt ist, der kommt zum ersten Mal nach Hause, wenn er im Tempel ist. Jesus entdeckt im Lauschen auf die Schrift seine Muttersprache, Gottes Wort. Jesus ist hingerissen dorthin, wo der Wille Gottes ausgelegt wird: Vielleicht erlauscht Jesus schon die Stimme, die nicht in Stein und Papier geschrieben ist, sondern die in ihm Person wird. –Aber er bleibt den Eltern untertan, bis seine Zeit gekommen war.

Auch Jesus muss die Reise durch Kindheit und Jugend gehen, die Lehrjahre in Gesetz und Ordnung, bis dann die richtigen Worte zu ihm kamen. Auch Jesus brauchte Zeit, zu wachsen in Gottes- und Menschenweisheit.

Mit Mit Mit etwa dreißig ist er dann in die Öffentlichkeit getreten. Ein oder drei Jahre hat er gewirkt und den Himmel uns auf die Erde geholt.  

 

                                                          *

 

Die Taufe Jesu

Jesus kam zu Johannes dem Täufer. Der predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Bereitet dem Herrn den Weg (Jesaja 40,3),

tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Johannes hatte ein Kamelfell um, zusammengehalten von einem ledernen Gürtel; er nährte sich von Früchten des Feldes. Die Menschen strömten zu ihm, bekannten ihre Sünden und ließen sich taufen im Jordan. Und er herrschte sie an: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?

Matthäus 3,1-7

 

Johannes war wohl eine verwegene Erscheinung in dramatischer Zeit: Einer der vielen Bußprediger, die das Jüngste Gericht als unmittelbar bevorstehend ansagten. Er zog die Menschen an, weil er das Heilmittel zu haben schien: Er zerknirschte die Seelen mit Donnerworten, als „ Otterngezücht“ beschimpfte er sie, zwang sie auf die Knie, daß sie sich als schäbig erkannten unter ihrer Sündenlast. Durch Untertauchen im Jordan  sollten sie ihre Sünden abgewaschen bekommen und das Auftauchen als Augenblick der neuen Geburt nehmen. Aber die Vergebung des Johannes  fordert ein andauerndes in die Buße Kriechen. Richtig froh werden wir erst, wenn wir uns als Sünder und Gerettete zugleich wissen, dem Jesus nach.

 

                                                             * 

 

Tut Buße

Und weiter predigte Johannes: Denkt nur nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.

Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich- ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu schnüren; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

Matthäus 3, 9-11

 

 

Der Täufer Johannes schlug den Zeitgenossen ihre frommen Gewissheiten aus dem Kopf: Es nützt keine Tradition, die ihren blassen Heiligenschein über die Gegenwart verströmt; Keine Verwandtschaft mit dem Vater Abraham adelt, keine Volkszugehörigkeit zu Israel oder heute keine Kirchzugehörigkeit macht uns Liebkind bei Gott. Die Axt am Baum ist ein starkes Bild, dass alles zu einem Ende kommt und dann gewichtet wird im Gericht.

Johannes ist der letzte Bote des Alten Testamentes. Der Bund, der die Menschen für das vor Gott Bestehen selbst verantwortlich macht, ist kraftlos geworden. Letztlich vergeblich sind all die Appelle zu Gehorsam und Buße- jedenfalls darf man davon nicht das Seelenheil abhängig machen, das ahnt auch schon Johannes; Er wartet auf den Messias.

Aber welche neue Qualität bringt Christus? Wird seine Taufe mit feurigem Geist die Menschheit zu neuen Ufern leiten? Wischt  er unser schwaches Tun hinweg und schmückt uns als die leuchtenden Kinder Gottes?

 

                                                   *

 

Jesu Berufung zum Sohn

Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes sagte: Ich brauche es, von dir getauft zu werden. Jesus antwortete: Lass es jetzt geschehen! Es ist gerecht. Da ließ er’s geschehen.

Und als Jesus getauft wird, da tut sich ihm der Himmel auf, und er sieht den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und eine Stimme vom Himmel herab spricht: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Freude habe.                                              Matthäus 3,13-16

 

Jesus unterzieht sich der Taufe zur Buße durch Johannes. Der zögert erst: Der Sohn Gottes braucht keine Vergebung und Buße. Aber Jesus will die Taufe, die alle nötig haben. Er weiß sich als Kind Gottes, weiß sich erwählt zum Amt des ersten Sohn Gottes unter vielen Brüdern und Schwerstern. Sein Auftrag wird sein, uns das Gottgehören beizubringen.

Die Taufe ist uraltes heiliges Symbol - Untertauchen als alter Mensch, einen Augenblick wie tot sein, dann auferweckt, ja, neu geboren werden zum Kind Gottes. Jesus hört über sich die Widmung, in der die  Adoptionsformel für  die Könige Israels mitklingt: „Gott spricht: Du bist mein lieber Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Psalm 2,7).

Gut, auch heute unsere Kinder zu taufen, zum Zeichen: Du gehörst nicht nur zu Vater und Mutter. Sondern du wirst –nimm die Taufe als symbolischen Geburtsvorgang- von Gott aus dem Nichtsein ins Leben gerufen. Du gehörst zu christlicher Gemeinde, und sie zu dir.

 

                                                    *

 

Jesu Versuchung

Nach der Taufe wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Nach Tagen und Nächsten  des Fastens hungerte ihn. Da trat der Versucher zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so mach aus diesen Steinen Brot. Da sagte er: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von Worten von Gott lebt der Mensch.«

Matthäus 4,1-4

 

 

Was bedeutet für Jesus die Gottessohnschaft? Mit dieser Geschichte erklärt sich die urchristliche Gemeinde, daß Jesus sich über seine Bestimmung erst selbst klar werden musste. Der Sohn Gottes, der Messias, war ja eine klar fixierte Figur im großen Welttheater der jüdischen Erwartung. Im Volksglauben erwartete man den wiederkommenden, endgültigen König David. Der wird die Besatzung aus dem Land werfen und Jerusalem zum  Nabel  der Welt machen. Dorthin sollen die Völker ziehen, um ewiges Gebot und Rechtsprechung Gottes zu empfangen.

Es war anzunehmen, daß der Auserwählte Gottes nicht hungern muss. Doch Jesus leidet Hunger. Da scheint er angegangen zu sein von einer Idee: Ist das vielleicht der rechte Messias- Weg, den Hunger der ganzen Welt und auch den eigenen zu beseitigen durch einfachen Gebetsbefehl?

Aber Jesus  ist sich klar, wird sich klar: Ich darf nicht Gottes Kräfte hinter Gottes Rücken einspannen, darf nicht wider die Natur handeln. Was wären gewonnene Kalorien bei  verlorener Bindung an Gott und Sinn? „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“- weist uns auf Kultur, Freude, Sehnsucht, Liebe hin- vor allem aufs Wort Gottes, das mich über den Wassern der Angst hält. 

Für abwegige Gedanken bietet sich  im Bilderbuch unserer Seele der Teufel, der Versucher an. Der ist kein Gegengott. Der Geist ist es ja, der Jesus in die Wüste führt. Der Diabolos, der „Durcheinanderwerfer“ ist  ein Souffleur fürs Böse, das an den Rändern unserer Seele immer mitschwingt, uns aber nicht überschwemmen möge. 

Beschaffte Jesus Brot aus dem Nichts, würde er geradezu die Menschen verführen, ihn  anzubeten. Er würde den Menschen ihre Freiheit, an Gott zu glauben, nehmen. - Jesus hätte uns böse gemacht, das hätte dem Teufel- im Bild gesprochen- gut gefallen.

Immer wieder lassen wir uns unsere Seele abkaufen für Essen, Wohlstand, Sicherheit. Jesus blieb stark. Seien wir nicht allzu schwach. 

 

 

Dann führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so spring hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln befehlen,  dich auf Händen zu tragen- dein Fuß wird an keinen Stein stoßen.“

Da entgegnete Jesus ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Matthäus 4,5-7

 

 

Dem Volk Wunder vorspielen- kann das einen Augenblick reale Versuchung für Jesus gewesen sein?  Die Menschen wären gezwungen, ihm zu glauben; sie wären ihm hörig geworden. Auch kann ein Gotteswort missbraucht werden. Im falschen Geist gebraucht, kann der Beter Gott benutzen und meinen, er  verfüge über göttliche Kräfte. Aber Jesus weist diese Idee ab. Ein einfaches „nein“ genügt in den meisten Fällen gegen Teufelei. Du sollst Gott nicht einspannen zu deinen Gunsten; fertig.

 

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg. Er zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben. Fall nieder und bete mich an. Da sprach Jesus zu ihm: Fort mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da ließ der Teufel von ihm. Und die Engel dienten ihm.  

Matthäus 4,8-11

 

 

Jesus könnte auch  versucht gewesen sein, das Böse einzuspannen für gute Zwecke. Das Böse ausrotten, indem man sich des Bösen bedient? Aber so dient man doch dem Bösen Versucherisch sind alle Einflüsterungen, daß der Zweck die Mittel heilige. Da sind wir oft auf der Kippe: Mit einem Machtwort den Familienfrieden erzwingen; mit kleinem Ideendiebstahl die Stellung festigen; mit dem Teufel Beelzebub austreiben (Matthäus 12,24)- Doch Jesus bleibt stark. Er beugt sich nur Gott. Hat sich Jesus einmal durchgerungen, den mühsamen Weg der ehrlichen Normalität zu gehen, dienen ihm die Engel. Ihm gelingt es, Gott und die Menschen und die Normalität nicht zu verraten.

Daß ihm die Engel dienten, sieht man an den guten Kräften, die ihm zu Gebote stehen. Auch wir verfügen über heilendes Können, Engel sind bei uns- wir werden uns keiner Teufelei bedienen.

 

                                                             *