Keitumer Predigten   Traugott Giesen   24.10.1999

Gott ruft nach dir. Das bürgt für dein Wertsein und dein Heimfinden ins Paradies.

Die Geschichte von Adam und Eva im Paradies ist wohl die bekannteste Geschichte der Bibel überhaupt. Sie sagt uns was von uns. Erzählt, was typisch Mensch ist – was immer schon und immer wieder, also vom Ursprung her, zu uns gehört.
Vielleicht hieß einst die Geschichte: Wie die Sünde in die Welt kam, oder: Wie der Mensch das Paradies verlor. – Aber was dem ersten Menschenpaar in die Schuhe geschoben war, das widerfährt uns genauso.
Wir hören Einflüsterung von Bösem, wir verlieren das Paradies, wir sehnen uns zurück. Wir hören: Mensch, wo bist du? Wir ahnen, Gott redet noch mit uns. Das hält uns in Richtung Paradies, schafft uns Lichtblicke und Trost, wie wenn man Felle mitkriegt gegen die Kälte draußen.
Wir, jenseits von Eden, sind vertrieben aus dem Paradies der Kindheit – des ewigen Spiels, der schnellen Sättigung. – Nur an den Rändern drohte auch da schon Vertreibung, wenn Mutter nicht kam oder Vater sich immer schnell wegriß.
Aber in der Kindheit waren wir mal unschuldig und völlig im Reinen mit dem Drumrum. Erwachsen geworden, sehnen wir uns, wieder unschuldig zu sein, unverstrickt in Irrungen, innig mit der Umgebung, geschmiegt im Guten. Ohne einen, dem man was weggenommen hat oder schuldig geblieben ist, ohne schlechtes Gewissen vor den Verhungernden. Unsere Sehnsucht heißt d’accord zu sein, ein Herzschlag mit der Welt.
Aber ein Blick: Du siehst, begehrst, willst haben, „soll mein sein“, eine Lust für die Augen. – Und die Warntafel: Nicht für dich. – Warum nicht? Sollte Gott dies Glück andern vorbehalten haben? Und ich bin nicht sein geliebtes Kind. Ich verstoßen vom Schicksal – das wollen wir doch mal sehen. Wie man Vater den Autoschlüssel entwendet, den er dem älteren Bruder gerne läßt; wollen doch mal sehen – ob das Schicksal sich nicht zwingen läßt, ob es nicht verborgen bleibe, Gott mitspiele, wie Vater es dann doch durchgehen läßt – und der Argwohn ist diesmal beseitigt oder man ist ertappt.
Wir werden schuldig, der andere macht mit, statt zu warnen, ist er noch dösig dazu. Da gehen ihnen die Augen voreinander auf und jeder wendet sich vom andern ab – sie gehen sich aus den Augen. Wir fallen aus dem Paradies, da wo Frieden war. Und schämen uns für unsere Habgier, die alles kaputt macht.
Aber Gott ruft: Mensch, wo bist du? Da ist einer, der will mich, ruft mich, erhebt mich durch sein Interesse: Mensch, wo bist du? Wir werden getroffen von Erkenntnis: Ich bin nicht nur eine Pleite, sondern ich bin von Gott gewollt, gemeint, gemerkt. – In uns ruft Gott uns vor sich. In uns wissen wir, vor wem wir wer sind. Gott ruft sich uns in Erinnerung. Gerade, wenn wir verstoßen sind und uns schlecht vorkommen. Da ruft Gott nach uns – will uns nicht am Schuldsein verkommen lassen – Mensch, wo bist du?
Darin höre ich erst mal: Mensch bist du. Du kannst nicht nur gut sein. Gut ist nur Gott. Du, Mensch, mußt zurechtkommen in deinen Grenzen, du mußt immer weiter lernen was gut und böse ist. Und die Zumutungen sind nicht Strafen. Ja, unsere Sehnsucht nach Paradies erzählt uns, daß wir schon mal da waren, bei Gott, mit allem im Reinen – und dann wurde das Glück verdorben, so daß Erdenleben eine Strafe scheint. Aber ich glaube eher, das Reich Gottes kommt noch erst. – Wir sind noch auf dem Weg ins Paradies.
Und die Mühen sind nicht Strafen sondern die Umstände auf dem Weg, das Unwegsame, das noch gebahnt sein will durch dich und mich. Die Mühen sind die Bedingungen des Lebendigen.
Menschen haben Krankheit, Arbeit macht Mühe, Kinderkriegen, Kinderhaben tut auch weh. Das Sterben ist auch Jammer. Die erste Menschen-Religion duckte sich unter einem Tyrannen, wie es die allermeisten Väter damals waren, die tatsächlich imstande waren, den Acker zu verfluchen. Und die herrisch zu Frauen waren, sie für Besitz hielten und tatsächlich meinten, der Patriarchen-Gott habe den Mann zum Herrn der Frau bestimmt.
Adam, Mensch, wo bist du, wer bist du? – Mensch bist du!
Menschlein, mein Mensch – diese Widmung ist die Muttersprache Gottes in uns. Du bist wer. Das bewähre an Gut und Böse. Du mußt an Gut und Böse dir klar werden, wer du bist – ob durch dich die Liebe wächst oder die Verrohung.
Und du mußt dich mühen, daß dir das Leben das Deine abwirft. Oft wirst du fragen: Wer hat mir den Acker vertrocknen lassen, wer ihn überschwemmt? Welcher Virus hat sich meines Computers bemächtigt? Wer will mein Glück verhindern? Da ist doch der Wurm drin im Leben.
Und es ist wahrlich ein mächtiges Bild vom Drachen, vom Wurm, von der Schlange, vom Teufel – der die guten Vorsätze und Mühen löchert. – Aber Gott sagt: Du Mensch bist Mensch, das ist dein Los: Müh dich, du bist nicht im Paradies, ich übrigens, sagt Gott, auch nicht. – Wir sind noch dabei, das Reich Gottes, das Paradies zu bauen.
Und der Wurm ist eben noch drin – aber halte ihn in Schach, mäste ihn nicht und meine nicht, ihn aushungern zu können. Du bist Mensch, steh zu deinem Quantum Schuld; Gott weiß, daß du sie brauchst. Staubgeborene, aber „wenig niedriger denn Gott, mit Ehre und Herrlichkeit bist du von ihm gekrönt“ (Psalm 8, 6). Aber mach dich nicht besser. Trag deinen Teil Mist und schieb ihn nicht ab wie Adam auf Eva. Mach dich nicht besser. Mit Worten von Siegmund Freud: „Alle, die edler sein wollen als ihre Konstitution es ihnen gestattet, verfallen der Neurose; sie hätten sich wohler befunden, wenn es ihnen möglich geblieben wäre, schlechter zu sein.“
Vor Neurosen und noch Schlimmerem rettet, wenn du Gott hörst, Ihn sagen hörst: Mensch, wo bist du? Komm an meine Seite, wisse mich an deiner Seite – und steck deine Kraft, die ja von mir ist, in den Acker namens Leben.
Eine besondere Lebens-Arbeit ist, Kinder zu gebären, sie groß zu kriegen und sie mal so erzogen zu haben, daß sie förderlich fürs Leben sind. Aber das ist nicht Strafe, obwohl manche Eltern, manche Kinder einander als Mühsal erleben. Keine intensivere Teilnahme am Schöpferischen, als einem neuen Menschen zur Erde zu helfen und – die Kehrseite dieser Medaille: einem Altgewordenen Geleit zu geben, daß er mit Ehren bestehen kann.
Und Mensch, du bist Mensch, von Erde genommen. Also irdisch, zeitlich ist dein Sein hier – die Form wird wieder zerbrechen und zurück zur Erde sinken. Aber du selbst, das in die Form Gerufene, du Mensch bleibst – weil Gott dich ruft. Wir sind Ausgesprochene, ins Gegenüber zu Gott gerufen, Aufgerufene. „Du, bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ spricht Gott (Jesaja 43, 1). Das ist dein Wesen.
Jenseits von Eden spricht doch Gott uns an: Mensch bist du, du gehörst Gott. Das macht dein Heimweh zum Paradies vielversprechend. Und, sagt der Rabbi, ein Schimmer von Paradies ist schon dein – in Sonne, Sabbat, Liebesumarmung. Also dann. Amen.

Schlußgebet

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