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Traugott Giesen Kolumne 25.09.1999 aus Hamburger Morgenpost

Kinder loslassen für ihr Eigenes

„Der Mensch muß Vater und Mutter verlassen und an seinem Gefährten hängen; sie sollen ein Ganzes werden“ – schärft die Bibel ein. Ist es denn so verlockend, zu Hause zu bleiben an Mutters Rockzipfel, an Vaters Tränke? Können Eltern nicht loslassen?
Früher vertrieb der Hunger die Kinder. Sie wurden weggeschickt. „Besseres als den Tod finden wir allemal“ sangen nicht nur die Bremer Stadtmusikanten sich Mut zu. Man mußte schon ziemlich geschickt, fleißig und ansehnlich sein, um in der Ferne sein Glück zu besorgen. Mancher kam als gemachter Mensch zurück und erbarmte sich auch der altgewordenen Eltern.
Heute währt die beschützte, versorgte Jugend lang. Wenn’s gefällig ist, darf man bis dreißig auf Eltern- und Staatskosten studieren. Eltern sind früh schon kein Vorbild an Wissen mehr; aber sorgepflichtig bleiben sie lange. Und gut zum Schuldabladen.
Erstaunlich, wie lange längst erwachsene Menschen ihre Eltern schuldig sprechen für angeblich mißlungene Erziehung, verdorbenen Charakter, für Traumata und Depression. Die Eltern fühlten sich lange überfordert. Sie verboten sich das Ohrfeigen, was in ihrem Elternhaus noch völlig üblich war. Sie verkniffen sich Stubenarrest, sie redeten mit den Kindern stunden- und tagelang. Sie gingen in Urlaub, wo die Kleinen am liebsten hin wollten. So manche Überstunde wurde geschoben, damit es an nichts mangele. Und jetzt beschweren sie sich, nicht genug oder zuviel geliebt worden zu sein. Da geht manchen Eltern der Hut hoch, zu Recht. Ja, vielleicht gaben sie zuwenig, und die altgewordenen Kinder bleiben auf der Suche, endlich die Anerkennung zu erlangen, die sie früh nicht fanden. Oder sie gaben zu viel Aufmerksamkeit, verherrlichten die Kleinen als Prinzen, und die mußten viel Schläge von ihresgleichen einstecken, um aufs Normalmaß gestutzt zu werden.
Ist es nicht so? Nahezu alle Kinder hatten durchschnittlich gute Eltern, die selber auch wieder (nur) durchschnittlich gute Eltern hatten. Immer wird das Zuhause zu wünschen übrig gelassen haben. Und doch leuchtete Paradies in (fast) unser aller Kindheit.
In nahezu allen Fällen sind Kinder stark genug, um ihren Weg zu gehen. Sie haben einen unverderblichen Eigenwillen. Es wäre nicht das Schlimmste, wenn sie für eine Zeit mal Funkstille wollen. Keine Briefe, keine Anrufe; wenn Geld, dann keine Dankerwartung. Einfach mal ohne Blickkontakt und Rechenschaftspflicht leben dürfen. Eltern können als so gewichtig empfunden werden, daß die Jungen sich losreißen müssen. Und dann, Vater, Mutter, laß das auch gut sein. Weiß sie in Gottes Hand. Und achte ihre Würde. Sie wollen sich finden als eigener Mensch. Nimm es etwas als Freispruch. Verhalt dich still. Irgendwann feiert ihr wieder.
 


 



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